J. Heinzen: Inventing a Soviet Countryside

Titel
Inventing a Soviet Countryside. State Power and the Transformation of Rural Russia,1917-1929


Autor(en)
Heinzen, James W.
Reihe
Pitt Series in Russian and East European Studies
Erschienen
Anzahl Seiten
304 S.
Preis
€ 40,67
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Teichmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt Universität zu Berlin

Als im Januar 1922 der sibirische Bauer Wassili Jakowenko zum Volkskommissar für Landwirtschaft ernannt wurde, schien sich das Emanzipationsversprechen der Bolschewiki an die unterprivilegierten Gesellschaftsschichten Russlands erfüllt zu haben. Doch schon wenige Monate später trat der Bauernminister wieder zurück. Er sah sich nicht in der Lage, das Ministerium zu leiten und seine Interessen im institutionellen Chaos der expandierenden Sowjetbürokratie der zwanziger Jahre durchzusetzen. In dieser Begebenheit sieht James Heinzen einen Grundwiderspruch der sowjetischen Politik in den zwanziger Jahren: Die Neue Ökonomische Politik zielte auf die wirtschaftliche Modernisierung Russlands nach westeuropäischem Vorbild ab. Dieses Ziel aber sollte mithilfe einer Personalpolitik erreicht werden, die politische Loyalität mit Klassenzugehörigkeit gleichsetzte. Die „bürgerlichen Spezialisten“ in den Ministerien sollten durch Aufsteiger aus den Unterschichten ersetzt werden, die oft keine Vorstellung darüber hatten, wie eine spezialisierte Bürokratie funktionierte.

James Heizens Studie setzt sich zum Ziel, die Entstehung, Implementierung und das Scheitern der Neuen Ökonomischen Politik zu erklären. Als Beispiel für seine Untersuchung wählt er das Volkskommissariat für Landwirtschaft (Narkomzem) der RSFSR, das zwischen 1917 und 1929 bestand. Ab 1923 kann es als die wichtigste Koordinierungsstelle für die Landwirtschaftspolitik in der Sowjetunion gelten. Die These Heinzens ist, dass am Beispiel dieser Behörde das „Schicksal“ der gesamten Neuen Ökonomischen Politik „als politisches System sowie als Strategie zum Aufbau des Sozialismus“ (S. 158) abgelesen werden könne. Anders als es der Buchtitel vermuten ließe, ist das Thema der Studie das Konkurrenzverhältnis zwischen den Spezialisten des Narkomzem und der ihnen gegenüber feindselig eingestellten Parteibürokratie während der zwanziger Jahre. Mit dem Ausgang dieser Auseinandersetzung war James Heinzen zufolge der katastrophale Verlauf der agrarischen Modernisierung in der Sowjetunion aufs Engste verbunden.

Unter Volkskommissar Alexander Smirnow, der von 1923 bis 1928 amtierte, entwickelte die Leitung des Narkomzem ein Konzept zur Modernisierung der Landwirtschaft, das der Stalinschen Kollektivierungspolitik diametral entgegengesetzt war. Die von Smirnow und seinen Mitarbeitern vertretene Politik zielte auf den organischen und rationalen Wiederaufbau der Landwirtschaft nach dem Bürgerkrieg und der Hungerkatastrophe in der Wolga-Ural-Region von 1921/22.1 Die Spezialisten des Narkomzem setzten dazu einerseits auf die Begünstigung der leistungsfähigen und innovativen dörflichen „Oberschicht“ und andererseits auf die Stärkung der traditionellen bäuerlichen Landgemeinde. Diese beiden Reformeckpunkte konnten sich jedoch weder auf dem Land noch in der städtischen Parteiöffentlichkeit durchsetzen. Bauern, die Überschüsse erwirtschafteten und damit in den Dörfern auch die öffentliche Meinung stärker beeinflussen konnten, galten den lokalen Funktionären schnell als „Kulaken“. In der Partei wurde die Landgemeinde als Hort sowjetfeindlicher „dunkler Bauernmassen“ gesehen, die sich im Zuge ihrer wirtschaftlichen Erholung politisch formieren und zum Sturz des Sowjetsystems verbünden könnten (S. 61).

Auf institutioneller Ebene wurde der Konflikt zwischen Parteibürokratie und Landwirtschaftskommissariat in Form der periodisch wiederkehrenden „Säuberungen“ des Narkomzem 1924, 1928 und 1929 ausgetragen. Dabei verfolgten die Kontrolleure der eng an die Partei gebundenen „Arbeiter und Bauern-Inspektion“ sowohl die „bürgerlichen Spezialisten“ (wegen der vermeintlichen, aus ihrer sozialen Herkunft abgeleiteten, ideologischen Unzuverlässigkeit) als auch die wenigen bäuerlichen Aufsteiger in der Ministerialbürokratie (wegen Unfähigkeit und Korruption). Die Führung des Narkomzem entwickelte während der „Säuberungen“ vielfältige Gegenstrategien, um ihren Kernkader fähiger Spezialisten im Ministerium zu halten. Die integrierende Figur des Ministeriums war sein Leiter Smirnow. Mit dessen Absetzung als Landwirtschaftskommissar im Februar 1928 begann auch die Demontage der „bürgerlichen Spezialisten“, die Smirnow protegiert hatte. Heinzens These ist, dass mit dem institutionellen Ende des Volkskommissariats für Landwirtschaft der RSFSR auch das Ende einer rationalen Modernisierung der Sowjetunion gekommen sei. Die Möglichkeit einer evolutionären Reformierung des Systems mithilfe einer gut ausgebildeten technischen Elite war verspielt.

Aufgrund seiner Quellen hätte James Heinzen auch eine ganz andere Geschichte der Agrarpolitik in der frühen Sowjetunion schreiben können, die nicht lediglich die Konfrontation zwischen Institutionen und Parteicliquen thematisiert. Eine Studie über die Modernisierung einer agrarischen Gesellschaft müsste vor allem beschreiben, in welchem Verhältnis Stadt und Land zueinander standen. In den zwanziger Jahren war die Partei der Bolschewiki eine Bewegung städtischer Arbeiter, Aufsteiger und Intellektueller, die sich auf dem Land nicht behaupten konnte, wo alle wichtigen Entscheidungen von der Dorfversammlung getroffen wurden.2 Mangelnde Akzeptanz bei den Bauern war auch das Hauptproblem der Spezialisten vom Narkomzem, als sie versuchten, ihre Vorstellungen von einer modernen Landwirtschaft umzusetzen. Die Rationalisierung der Produktion sollte aufgrund idealisierter, auf westlichen Vorbildern beruhender Pläne vorangetrieben werden. Hingegen hatten die Bauern ihre eigenen Gründe, warum sie beispielsweise auf der Dreifelderwirtschaft beharrten und nicht zum Fruchtwechsel übergingen (geringe Marktanbindung, das Fehlen einer Nahrungsmittelindustrie, Arbeitskräfte- und Futtermangel). Auch die Kolchosen, die das Zukunftsmodell der sozialistischen Landwirtschaft sein sollten, wurden von den Bauern abgelehnt.

Gleichfalls stießen die 20.000 Agrarspezialisten, die am Ende der zwanziger Jahre im Auftrag des Narkomzem auf dem Land arbeiteten, schnell an die Grenzen des Möglichen. Ihre Aufgabe sollte es sein, die Bauern über neue Anbaumethoden zu informieren und ihnen technische Unterstützung zu geben. In den Dörfern trafen sie auf Arbeitsbedingungen, die der Umsetzung ihres Auftrags zuwiderliefen. Es mangelte an Pferden, beheizbaren und beleuchteten Wohnungen und an Arbeitsräumen. „Wir arbeiten mehr mit den Füßen als mit dem Kopf“, hieß es im Beschwerdebrief eines Agronomen (S. 175). Auch die Bezahlung war alles andere als befriedigend. Daher zeigten die an Universitäten ausgebildeten Spezialisten eine starke Abneigung gegen die Arbeit auf dem Land und versuchten, nach Möglichkeit in den Städten zu bleiben. Auch seitens der Bauern war die Antipathie gegenüber den Spezialisten beträchtlich. Sie beschwerten sich über korrupte und kriminelle Schützlinge des Narkomzem, die wenig über die Landwirtschaft wüssten und lieber „den Mädchen nachsteigen“ (S. 145, 155, 174ff.). Im angespannten Verhältnis von Bauern und Spezialisten spiegelte sich der Stadt-Land-Konflikt, der die russische Gesellschaft der zwanziger Jahre strukturierte und zum Ansatzpunkt der bauernfeindlichen Kollektivierungspolitik der Stalinära wurde.

James Heinzens Buch erzählt die Geschichte des Volkskommissariats für Landwirtschaft der RSFSR vom Beginn seines Bestehens bis zu seinem Ende in chronologischer Reihenfolge. Ein Vorteil dieser Art von Institutionsgeschichte ist es, dass Leserinnen und Lesern ein quellengesättigter Einblick in die Funktionsweise der sowjetischen Bürokratie und die Konflikte innerhalb des Staatsapparats gegeben wird. Heinzen macht klar, wie wichtig die Rolle der Spezialisten, die ihre berufliche Sozialisation vor der Revolution 1917 abgeschlossen hatten und die bis 1929 die Parteimitgliedschaft in der Regel ablehnten, für den Verlauf und das Scheitern der Neuen Ökonomischen Politik war. Ein Nachteil seines Ansatzes ist, dass die Komplexität des politischen, institutionellen und lebensweltlichen Umfelds des Narkomzem unterbelichtet bleibt. Dies gilt sowohl für das bäuerliche Leben auf dem Land als auch für das politische Handeln der Parteiführung um Stalin, ohne die das Ende der Neuen Ökonomischen Politik und der Entschluss zur Zwangskollektivierung nicht erklärt werden kann.3 Damit aber bleiben die wirklichen „Erfinder“ der sowjetischen Landwirtschaft in Heinzens Studie außen vor.

Anmerkungen:
1 Vgl. Chmelevskaja, Julia, Kampf gegen den Hunger in der Ural-Region 1921-1923. Amerikanischer Angriff, lokaler Widerstand und wechselseitige Anpassung, in: Frings, Andreas (Hg.), Neuordnungen von Lebenswelten? Studien zur Gestaltung muslimischer Lebenswelten in der frühen Sowjetunion und in ihren Nachfolgestaaten, Münster 2006, S. 25-61.
2 Grundlegend dazu: Altrichter, Helmut, Die Bauern von Tver. Vom Leben auf dem russischen Dorfe zwischen Revolution und Kollektivierung, München 1984.
3 Eine Darstellung des Gesamtzusammenhangs ist zu finden bei: Wehner, Markus, Bauernpolitik im proletarischen Staat. Die Bauernfrage als zentrales Problem der sowjetischen Innenpolitik 1921-1928, Köln 1998.

Redaktion
Veröffentlicht am
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension