F.-J. Brüggemeier u.a. (Hgg.): Natur- und Umweltschutz nach 1945

Cover
Titel
Natur- und Umweltschutz nach 1945. Konzepte, Konflikte, Kompetenzen


Herausgeber
Brüggemeier, Franz-Josef; Engels, Jens Ivo
Reihe
Geschichte des Natur- und Umweltschutzes 4
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: Campus Verlag
Anzahl Seiten
379 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christof Mauch, Deutsches Historisches Institut, Washington

Umweltgeschichte hat Konjunktur – das zeigt auch der hier zu besprechende Sammelband. Franz-Josef Brüggemeier und Jens Ivo Engels haben ein interessantes Ensemble von Beiträgen zusammengestellt, das neben der Dichte der zeithistorischen Forschung zur Umweltgeschichte vor allem die Diversität von methodischen Zugriffen aus verschiedenen Disziplinen präsentiert. Ausdrücklich wird „Umweltgeschichte“ nicht mit einer bestimmten „Methode“ in Verbindung gebracht, sondern als „Gegenstandsbereich“ verstanden. Die 19 Spezialbeiträge des Sammelbandes stammen von Sozialhistorikern/innen und Soziologen/innen, Wissenschafts- und Technikhistorikern/innen, Landschaftsplanern/innen und Landschaftsarchitekten/innen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten von Naturschutz, Landschaftsgestaltung und Umweltpolitik nach 1945 auseinandersetzen.

Die umwelthistorische Forschung zur neueren deutschen Geschichte hat in den letzten Jahren vorzugsweise zwei Epochen und Themenkomplexe ins Visier genommen: erstens das Kaiserreich und die Anfänge von Natur- und Heimatschutz[1] sowie zweitens die Zeit des Nationalsozialismus und die damit verbundene Frage, „wie grün die Nazis waren“.[2] Eine Reihe exzellenter Studien widmet sich darüber hinaus dem Verhältnis von Mensch und Natur über längere Zeiträume hinweg.[3] Die meisten enden um 1970; eine kritische zeitgeschichtliche Darstellung, die sowohl die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als auch das „ökologische Zeitalter“ in den Blick nehmen würde, existiert bislang noch nicht[4], und genau darin liegt der Reiz des vorliegenden Sammelbandes.

In seiner Studie zur Geschichte des Naturschutzes in Deutschland hatte Raymond H. Dominick III im Jahr 1992 konstatiert, dass nur „wenige Aspekte der Naturschutz- und Umweltschutzkampagnen [der Nachkriegszeit] vollständige Originalität für sich in Anspruch nehmen“ könnten. Die wichtigsten Ideen und Argumente seien schon vor dem Ersten Weltkrieg aufgekommen.[5] Von Rolf Peter Sieferle stammt andererseits der Vorschlag, im Jahr 1973 ein „Startsignal“ dafür zu sehen, dass die „schon länger vorhergesagte Umweltkrise zu einem manifesten Gegenstand des politischen und öffentlichen Bewusstseins wurde“.[6] Brachten die 1970er-Jahre – ausgelöst etwa durch die Veröffentlichung des Club-of-Rome-Berichts „Die Grenzen des Wachstums“ – einen grundlegenden Wandel im Verhältnis der Deutschen zur Natur? Oder ist die Hauptzäsur in den 1980er-Jahren zu sehen, als Tschernobyl und Waldsterben die Umweltdiskussion ankurbelten und die Grünen sich von einer Bewegung zu einer Partei formierten?

Fast alle Aufsätze des Bandes stellen, explizit oder implizit, die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität, nach gesellschaftlichen Brüchen und Transformationen. Auffällig ist, dass sich die einzelnen Beiträge in ihrer Empirie einer übergreifenden These widersetzen, dass der Band unterschiedliche, zum Teil sogar einander entgegengesetzte Antworten auf die Frage nach politischen und mentalen Wendepunkten im Umweltschutz liefert. Willi Oberkrome, der die Sammlung mit einem „thought piece“ eröffnet, vertritt die Auffassung, dass sich der Naturschutzgedanke in Deutschland gleichsam in Schüben fortentwickelt habe. In der NS-Zeit habe er eine „aktivistische Kurskorrektur“ erfahren (S. 29), nach 1945 seine „deutschtümelnden Bezüge“ verloren (S. 36), und mit der „ökologischen Wende“ kam es nach Ansicht von Oberkrome zu einer „Globalisierung der zuvor national verengten Naturschutzperspektiven“ (S. 37). Wie grundlegend anders die Entwicklung in der DDR verlief, zeigt Hermann Behrens, der die „Landschaftstage“ in Neubrandenburg von 1966 bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung thematisiert. Nach Behrens waren die 1960er- und 1970er-Jahre noch von der „Hoffnung auf die progressiven Wirkungen der neuen Staats- und Gesellschaftsordnung“ geprägt (S. 85). Spätestens in den 1980er-Jahren folgte jedoch – ausgelöst durch politische Veränderungen und Ressourcenknappheit – eine Periode der „Ohnmacht und Resignation“ (ebd.). Dass das Umweltengagement der DDR-Kirchen „in der betonierten Gesellschaft“ von dieser Tendenz auszunehmen sei, hebt wiederum der Theologe Hans-Peter Gensichen hervor (S. 287).

In einem gleichermaßen intelligenten wie absichtsvoll „revisionistischen“ Beitrag warnt Frank Uekötter grundsätzlich vor teleologischen Interpretationen der Umweltgeschichte der Nachkriegszeit. An fünf Fallbeispielen demonstriert er, dass es spätestens seit den 1940er-Jahren erfolgreiche (wenn auch lokal begrenzte) Resistenz gegen Eingriffe in die natürliche Umwelt gab; die 1950er-Jahre dürfe man deshalb keinesfalls nur als „Latenz-Phase“ für eine darauf folgende „Emanzipations-Phase“ (Wolfgang Erz) begreifen (S. 106). Für Christopher Kopper, der die 1950er- und 1960er-Jahre aus ihrem Selbstverständnis heraus begreift, fällt der Kontrast der 1950er-Jahre zur Zeit nach der umweltpolitischen Wende wesentlich stärker ins Gewicht als für Uekötter. In seiner überzeugend argumentierenden Darstellung zur Bundesbahn entlarvt er die Umweltfreundlichkeit der westdeutschen Eisenbahnpolitik als einen unbeabsichtigten Nebeneffekt, der erst ex eventu vermarktet worden sei. In Wirklichkeit, so Kopper, sei die Umstellung der Bahn auf umweltfreundliche Schienenfahrzeuge kein Indiz für einen aufgeklärten Ökologismus, sondern „Ergebnis eines langfristig angelegten Elektrifizierungskonzepts“ gewesen (S. 324). Dass Kopper zuweilen auch den Blick auf Entwicklungen in den Nachbarländern wirft, fällt positiv auf.

Mit dem europäischen Ausland beschäftigen sich ansonsten dezidiert die Aufsätze von Karl Ditt (zur Evolution und Europäisierung der britischen Umweltpolitik), Florence Rudolf (zum politischen Weltbild in Frankreichs Soziologie und Gesellschaft) und Norman Pohl (zur Umweltpolitik der Europäischen Gemeinschaften um 1970). Transnationale, transatlantische oder komparative Ansätze, denen gerade im Bereich der Umweltgeschichte große Relevanz zukommt (Umweltphänomene kennen schließlich keine nationalen Grenzen), bleiben weitgehend ausgeblendet. Die Fokussierung auf Deutschland hat indes auch Vorteile, weil sie zur Geschlossenheit eines Bandes beiträgt, dessen Artikel zum Teil sehr spezialisiert sind. Die Beiträge sind komplementär, weisen aber auch wiederkehrende Motive auf. Dass es (in thematischer Hinsicht) andererseits Lücken gibt, ist augenfällig. Phänomene wie Waldsterben und Verschmutzung der Flüsse, Zersiedelung und Automobilismus, Energiepolitik und Grüne finden allenfalls am Rande Erwähnung. Der vorliegenden Darstellung geht es, anders als es der Covertext suggeriert, nicht um einen „umfassenden Überblick“, sondern um exemplarische (zum Teil auch experimentelle) Ansätze.

Bemerkenswert sind die neuen Blickrichtungen, aus denen spezifische Umweltphänomene gesehen und thematisiert werden. So untersucht etwa Anna-Katharina Wöbse die visuellen Aspekte der Umweltbewegung und demonstriert, dass Umwelt- und Kampagnengeschichte eng zusammengehören. Albrecht Weisker greift in seinem auch sprachlich hervorragenden Beitrag über die Antiatomkraftbewegung auf emotionsgeschichtliche Ansätze zurück. Andrea Westermann entdeckt und analysiert die Verwandlung eines ursprünglich arbeitsmedizinischen Problems (PVC als Auslöser von Krebserkankungen) in ein Umweltproblem. Die Liste ließe sich fortsetzen. Kein Zweifel: Der Band bietet wichtige Orientierungen und wird auf die umweltgeschichtliche Forschung in hohem Maße inspirierend wirken.

Anmerkungen:
[1] Büschenfeld, Jürgen, Flüsse und Kloaken. Umweltfragen im Zeitalter der Industrialisierung, 1870-1918, Stuttgart 1997; Rollins, William, A Greener Vision of Home. Cultural Politics and Environmental Reform in the German Heimatschutz Movement, 1904-1918, Ann Arbor 1997; Schmoll, Friedemann, Erinnerung an die Natur. Die Geschichte des Naturschutzes im deutschen Kaiserreich, Frankfurt am Main 2004.
[2] Brüggemeier, Franz-Josef; Cioc, Marc; Zeller, Thomas (Hgg.), How Green Were the Nazis? Nature, Environment, and Nation in the Third Reich, Athens 2005; Radkau, Joachim; Uekötter, Frank (Hgg.), Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2003.
[3] Blackbourn, David, The Conquest of Nature. Water, Landscape, and the Making of Modern Germany, New York 2006; Chaney, Sandra, Visions and Revisions of Nature. From the Protection of Nature to the Invention of the Environment in the Federal Republic of Germany, 1945-1975, Dissertation University of North Carolina, Chapel Hill 1997; Cioc, Marc, The Rhine. An Eco-Biography, 1815–2000, Seattle 2002; Dominick III, Raymond H., The Environmental Movement in Germany. Prophets and Pioneers, 1871-1971, Bloomington 1992; Uekötter, Frank, Von der Rauchplage zur ökologischen Revolution. Eine Geschichte der Luftverschmutzung in Deutschland und den USA, 1880-1970, Essen 2003.
[4] Angekündigt ist die Monografie von: Engels, Jens Ivo, Naturpolitik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Umweltschutz und Naturschutzbewegung, Paderborn 2006.
[5] Dominick (wie Anm. 3), S. 227.
[6] Sieferle, Rolf Peter, Epochenwechsel. Die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, Berlin 1994, S. 248.

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Veröffentlicht am
27.06.2006
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