H. Görtemaker: Die Geschichte der Margret Boveri 1900-1975

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Titel
Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri 1900-1975


Autor(en)
Görtemaker, Heike B.
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
416 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus M. Payk, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Promotionsschriften sind kleinteilige Fleißarbeiten, und nur wenige bringen es soweit, im – gerade bei Nachwuchswissenschaftlern doch ungemein renommierten [1] – Verlag C. H. Beck in München zu erscheinen, dessen Programm meist den großen Bilanzen aus dem letzten Drittel eines Forscherlebens vorbehalten bleibt. Die Arbeit von Heike Görtemaker, eine an der Freien Universität Berlin eingereichte Dissertation über Leben, Wirken und Denken der Journalistin Margret Boveri (1900-1975), ist eine solche rare Ausnahme. Und in der Tat: Die Lektüre des sehr gut geschriebenen, gediegen ausgestatteten und vorzüglich lektorierten Buches bereitet gerade auch deshalb Vergnügen, weil es sich vorteilhaft von dem oft mühseligen Sprachduktus anderer Promotionsschriften abhebt. Auf der anderen Seite mag mancher akademische Leser bereits auf den ersten Seiten kurzfristig dadurch irritiert werden, dass – und hier hat der Verlag womöglich an die allgemeine Marktgängigkeit von Biografien gedacht – die für eine Qualifikationsschrift eigentlich unabdingbaren Präliminarien entfallen sind: Lediglich in einigen einführenden Hinweisen deutet Görtemaker an, dass es ihr vornehmlich darum geht, anhand von Boveri die Einschnitte und Kontinuitäten der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert exemplarisch zu erörtern (S. 8f.); eine differenziertere Aufschlüsselung dieser Fragestellung bleibt der Leserschaft indes ebenso verborgen wie der Forschungsstand, methodische Vorüberlegungen oder theoretische Ansätze. Das ist bedauerlich, mit Blick auf die Vorzüge des Buches jedoch zu verschmerzen.

Zum Thema selbst: Görtemaker erzählt den Lebensweg von Margret Boveri in drei chronologisch angeordneten Abschnitten. Der erste Hauptteil widmet sich auf rund 45 Seiten sachkundig und anschaulich dem familiären Hintergrund und der Jugendzeit, dem Studium und den beruflichen Anfängen der Publizistin. Im Jahr 1900 in einen Würzburger Professorenhaushalt klassisch bildungsbürgerlicher Provenienz hineingeboren, wuchs Boveri als Tochter eines deutsch-amerikanischen Ehepaares auf. Doch trotz – oder gerade wegen – ihrer binationalen Erziehung und einer ursprünglich eher kosmopolitischen Prägung galt Boveris Bekenntnis einzig ihrem „Vaterland“. Bestärkt durch bündisch-konservative Einflüsse, entschied sie sich im Jahr 1933 und „aus Loyalität“ für einen Verbleib in Deutschland und damit für eine – von Skepsis wie Naivität begleitete – Einordnung in die NS-Diktatur.

Die Jahre des „Dritten Reiches“ behandelt Görtemaker in einem detaillierten zweiten Hauptteil. Auf rund 150 Seiten folgt sie den beruflichen Stationen Boveris, die ihre journalistischen „Lehrjahre“ von 1934 bis 1937 beim „Berliner Tageblatt“ verbrachte und 1939 schließlich – ein mit Beharrlichkeit und Ausdauer verfolgtes Ziel – in die Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ eintreten konnte, indem sie einen Korrespondentenposten in Stockholm übernahm. Es gelingt der Autorin eindrucksvoll, ihre Protagonistin inmitten eines detaillierten Panoramas der ebenso rigiden wie chaotischen NS-Pressepolitik zu zeigen. Einzig das Problemfeld des „Schreibens zwischen den Zeilen“, also der verklausulierten Andeutungen und camouflierten Kritik, bleibt etwas farblos; hier hätte ein Seitenblick auf neuere Fachkontroversen weitergehende Anregungen vermitteln können.[2] Wichtiger aber ist, dass Görtemaker in diesen Passagen nachweisen kann, wie sehr Boveris Karriere auf einer vorsätzlichen Ausblendung der Diktatur basierte und wie verschwommen die Trennlinie zwischen innerem Vorbehalt und äußerem Arrangement tatsächlich war. Private, zuweilen auch „unvorsichtige“ Unmutsäußerungen über das NS-Regime verbanden sich mit einer nationalkonservativ grundierten Selbsttäuschung und einem beruflichen Aufstieg, der unverhohlen von der forcierten Personalfluktuation in der ersten Phase der Diktatur profitierte. Trotz ihrer zahlreichen Auslandsreisen und Auslandskontakte lehnte Boveri jeden Gedanken an eine Emigration kategorisch ab und beharrte auf einer eigensinnigen Loyalität zur deutschen Nation; schon dass sie etwa 1944 von Madrid in das kriegsbeschädigte Berlin zurückkehrte, war eine symbolische Handlung. Und damit mag Boveri durchaus als repräsentativ für jene Teile einer konservativen „inneren Emigration“ stehen, die trotz ihrer mehr oder minder ausgeprägten Skepsis gegenüber dem Regime noch bis 1945 mit der Frage haderten, wie „statthaft“ es sei, dem eigenen Land in Kriegszeiten die Treue aufzukündigen.

Für dieses nationale Bewusstsein stellte freilich auch das Kriegsende keinen Bruch dar, sondern es führte nahtlos zu einer Wahrnehmung, welche die eine „Fremdherrschaft“ von einer anderen abgelöst sah. Folgerichtig leitet Görtemaker ihren dritten, gut 100 Seiten umfassenden Hauptteil über die Nachkriegszeit mit Boveris ausgeprägten Ressentiments gegenüber den alliierten Besatzungsmächten ein, wobei besonders die notorische „Amerika-Fiebel“ herausgehoben wird, eine bald bittere, bald arrogante Abrechnung mit der amerikanischen Politik der „Umerziehung“. Und wo der Kalte Krieg rasch beträchtliche Bekenntnis- und Entscheidungszwänge in Gang setzte, reagierte die Publizistin mit einer trotzigen Verweigerungshaltung; vor allem die außenpolitische Westorientierung Konrad Adenauers lehnte sie schroff ab. Selbst um den Preis ihrer zunehmenden Marginalisierung in der westdeutschen Presse setzte Boveri schon früh auf eine – zunächst nationalneutralistisch unterlegte – Verständigungspolitik mit der DDR und der Sowjetunion, wobei Görtemaker die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu der wenig später von Bahr und Brandt formulierten Ostpolitik umsichtig herausarbeitet.

Im Verlauf der 1950er-Jahre stieg zudem Boveris Interesse an einer „publizistischen Vergangenheitsbewältigung“ (S. 274) deutlich an, wenngleich unverkennbar ist, dass ihre Auseinandersetzungen mit dem NS-System zunächst darauf abzielten, die eigenen Verhaltensweisen zu rechtfertigen. Das änderte sich partiell erst durch die Begegnungen mit Uwe Johnson ab dem Jahr 1968, denen Görtemaker breiten Raum einräumt. Diese, von tiefen Ambivalenzen durchzogene Bekanntschaft mit dem um 34 Jahre jüngeren Schriftsteller führte bei der Journalistin zu einem erneuten Nachdenken über den eigenen Anteil am „Dritten Reich“. Leider erwähnt Görtemaker die grundsätzliche Faszination und Sympathie Boveris für den kritischen Habitus jüngerer Intellektueller nur am Rande, so dass nicht recht deutlich wird, ob sich hinter der gemeinsamen Unzufriedenheit an einer als abgelebt, saturiert und „restaurativ“ empfunden Bundesrepublik tieferliegende Berührungspunkte verbergen (S. 296). Das Verhältnis zwischen Boveri und Johnson wird zwar als exemplarischer Generationenkonflikt gedeutet (S. 307), doch die eigentlich spannende Frage nach Boveris Wahrnehmung der allgemeinen Veränderungsdynamik in dieser Dekade wird damit mehr verdeckt als beantwortet. Eine erweiterte Perspektive, die gleichzeitig Boveris lang anhaltende Affinität für „jungkonservative“ Ideen, die Kritik an den antikommunistischen Obsessionen des Kalten Krieges sowie die Protesthaltung der jüngeren Generation in einem Zusammenhang betrachtet hätte, könnte möglicherweise Hinweise geben, wo das Bild einer schroffen Frontstellung zwischen den Generationen noch zu nuancieren wäre. Bedauerlich ist zudem, dass über die letzten Lebensjahre der Publizistin bis 1975 schließlich nur noch wenige Sätze verloren werden; es bleibt unklar, ob dies einer 1971 abreißenden Überlieferung von Boveris Briefwechseln geschuldet ist (S. 315, 317).

Abgesehen davon ist der umfangreiche Nachlass der Journalistin in der Staatsbibliothek Berlin das unstreitige Kraftzentrum von Görtemakers Untersuchung. Die ausdauernde Durchsicht der ungezählten Korrespondenzmappen und Einzelschriftstücke kann kaum hoch genug veranschlagt werden. Ergänzend werden zahlreiche weitere Nachlässe hinzugezogen, so dass die Arbeit das engmaschige Kommunikationsgeflecht der eifrigen Briefschreiberin Boveri nahezu vollständig abbilden kann. Dieses quellengesättigte Fundament – welches Görtemakers Studie nicht zuletzt zu einer Fundgrube für Personeninformationen aller Art macht – schlägt sich in einem umfangreichen Anmerkungsteil von nahezu 1.500 Fußnoten nieder. Im Vergleich dazu nimmt sich das Literaturverzeichnis mit nur mehr vier Seiten nachgerade bescheiden aus. Allerdings steht die Rezeption des aktuellen Forschungsstandes dann doch nicht auf so wackligen Beinen, wie es ein erster Blick vermuten lassen könnte; zahlreiche hilfreiche und weiterführende Literaturangaben verstecken sich im Anmerkungsapparat, was die – mutmaßlich vom Verlag angesetzten – Auswahlkriterien für die Bibliografie aber nicht eben durchschaubarer macht.

Im Ganzen dominiert in Görtemakers Biografie eine starke, mitunter alles überlagernde Konzentration auf die berufliche Entwicklung und die politischen Ansichten ihrer Protagonistin. Das ist nachvollziehbar und gerechtfertigt, macht die Studie – trotz ihres Detailreichtums – aber dort unscharf, wo es um die Wechselwirkung zwischen individuellen Verhaltensoptionen und breiteren kulturellen und mentalen Strömungen geht. Ergänzend zu dem chronologischen Rapport über Boveris Werdegang oder ihre aus den Quellen rekonstruierte Meinung zu den „großen“ politischen Themen hätte es sich daher angeboten, das Lebensbildnis stärker als kulturhistorisch inspirierte Intellektuellengeschichte anzulegen. Aus diesem Blickwinkel wären dann auch jene, in der Studie zuweilen nur schemenhaft konturierte Aspekte wie die Multiplikatorfunktion Boveris oder die Einbettung ihrer journalistischen Praxen und publizistischen Strategien im jeweiligen Diskursspektrum in den Blick geraten.

Doch ungeachtet dieser Einschränkungen hat Görtemaker insgesamt eine beeindruckende Studie vorlegt. Als überaus lesbare und für die deutsche Journalismusgeschichte des 20. Jahrhunderts fortan wohl unverzichtbare Arbeit, gibt sie künftigen Forschungen zahlreiche Anregungen, die weiter zu erkunden sich lohnen dürfte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Blaschke, Olaf, Reputation durch Publikation. Wie finden deutsche Historiker ihre Verlage? Eine Umfrage, in: GWU 55 (2004), S. 598-620.
[2] Vgl. etwa Michalske, Hainer, Öffentliche Stimme der ‚Inneren Emigration’? Über die Funktion der Frankfurter Zeitung im System nationalsozialistischer Propaganda, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 3 (2001), S. 170-193; Gillessen, Günther, Die Frankfurter Zeitung im ‚Dritten Reich’. Zu einer Kontroverse, in: ebenda 4 (2002), S. 246-250; Michalske, Hainer, Plädoyer für den Potenzialis. Antwort auf die Replik von Günther Gillessen, ebenda, S. 251-253.

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Veröffentlicht am
31.05.2005
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