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Titel
The German Revolution. 1917-1923


Autor(en)
Broué, Pierre
Erschienen
Chicago 2006: Haymarket Books
Anzahl Seiten
980 S.
Preis
$ 50.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reiner Tosstorff, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der vor einiger Zeit verstorbene französische Historiker Pierre Broué[1] ist hier vor allem durch sein zusammen mit Émile Temime verfasstes Standardwerk über den spanischen Bürgerkrieg bekannt geworden.[2] In jüngster Zeit ist dann noch seine Trotzki-Biographie[3] hinzugekommen, deren Wert vor allem auf der detaillierten Auswertung des erst seit 1980 zugänglichen Exil-Nachlasses an der Harvard-Universität beruht. Merkwürdigerweise hat sich hier aber nie ein Verlag für seine umfangreiche Geschichte der deutschen Revolution von 1917 bis 1923 finden lassen. Das Buch beruhte auf seiner „thèse“, die ihm den Weg zur Professur am Institut d'Études Politiques der Universität Grenoble eröffnete. Sie erschien 1971 in der prestigereichen Reihe Arguments im Verlag Minuit, wurde hier aber kaum zur Kenntnis genommen, wie das leider oft mit französischsprachigen Arbeiten zur allgemeinen deutschen Geschichte passiert.

Vielleicht lag das aber auch an der prononcierten politischen Haltung seines Autors. Sein biographischer Eintrag in der französischen Wikipedia spricht von der "hostilité politique", auf die die Arbeit im Promotionsausschuss von seiten Annie Kriegels, der bekannten französischen Kommunismushistorikerin, gestoßen sei. Leider erwähnt sie in ihrer Autobiographie[4] Broué, der doch ebenfalls auf so vielen ähnlichen Gebieten wie sie arbeitete, überhaupt nicht, und die von Broué bereits begonnenen Erinnerungen, die das vielleicht hätten erklären können, wurden durch seinen Tod nicht mehr abgeschlossen, auch wenn sie schon von Fayard, wo zuletzt seine Arbeiten erschienen, unter dem Titel "politische Memoiren" angekündigt waren. Jedenfalls wurde die französische Ausgabe weder von der Historischen Zeitschrift noch vom "Fachorgan" zur Geschichte der Arbeiterbewegung, der Internationalen Wissenschaftlichen Korrespondenz zur Geschichte der Arbeiterbewegung (IWK), rezensiert. Während bereits 1977 eine italienische Ausgabe nachfolgte, liegt nun eine Übersetzung ins Englische vor, von der man sicher ausgehen kann, dass sie, zumal in der erschwinglicheren Paperbackausgabe, auch einen breiteren Zugang zu diesem Werk hier eröffnen wird. Der Text dieser Ausgabe ist gegenüber dem französischen Original unverändert. Sie enthält jedoch zusätzlich ein kurzes Vorwort von Eric D. Weitz, einem amerikanischen Historiker des deutschen Kommunismus, sowie eine knappe Bibliographie seit den 1970er-Jahren erschienener Arbeiten zum Thema.

Im Großen und Ganzen folgt Broués Buch der Chronologie. Ein erster Abschnitt entfaltet die Vorgeschichte, die Gründung der SPD, ihre Spaltung im Ersten Weltkrieg mit der Bildung zuerst der USPD und dann der KPD vor dem Hintergrund der Novemberrevolution und der Kämpfe im Januar 1919. Der zweite Teil behandelt die Herausbildung einer kommunistischen Massenpartei unter der Führung Paul Levis, zuerst durch die Trennung von der ‚Ultralinken‘, und dann, nach den Erfahrungen im Abwehrkampf gegen den Kapp-Putsch, durch die Fusion mit der linken USPD. Doch bereits die erste Bewährungsprobe im März 1921, als sich die Partei, befördert durch Abgesandte aus Moskau, zu einem Abenteuer hinreißen ließ, führte zu Rückschlägen und zu Veränderungen in der Parteiführung, vor allem zum Ausscheiden Levis und seinem letztendlichen Bruch mit der Partei. Der dritte Teil umfasst mit der Zeit von Mitte 1921 bis Ende 1923 den Zeitraum, in dem die KPD durch konsequente "Einheitsfrontpolitik" den größten Rückhalt gewinnen konnte, um im Oktober 1923 vor dem Hintergrund der Ruhrkrise einen Aufstandsversuch zu unternehmen, der diesmal, zumindest dem Anspruch nach, auf einer Massenmobilisierung beruhen sollte.
Schließlich versucht ein vierter Teil unter der Überschrift "Ein von der Geschichte verurteiltes Unternehmen?" so etwas wie ein Resümee. Darin werden auch die Entstehungszeit dieser Arbeit und die in ihr bestimmenden Fragestellungen deutlich, wenn er sich sehr ausführlich mit den stalinistischen Geschichtsfälschungen, wie sie z.B. von Stalin oder Ulbricht entwickelt worden waren, auseinandersetzt. Sie hatten nicht nur zur Entfernung ‚unliebsamer‘ Protagonisten und damit zum Umschreiben der endemischen Fraktionskämpfe innerhalb der Partei geführt, sondern die Novemberrevolution selbst zu einer bürgerlichen Revolution – mit Arbeiterräten – umgedeutet.

Broué diskutiert das komplizierte Wechselverhältnis zwischen der KPD und der bolschewistischen Führung und stellt mit Paul Levi und Karl Radek die zwei Persönlichkeiten in den Vordergrund, die für ihn die weitestgehenden Bemühungen um die Schlüsselprobleme des deutschen Kommunismus verkörperten: Beide waren in den innerparteilichen Debatten am engsten mit den Versuchen zur Herstellung einer "Einheitsfront" verbunden, die der Revolution überhaupt erst die notwendige Massenbasis verschaffen sollte. Damit war aber auch die Frage nach der Herausbildung einer Parteiführung aufgeworfen, die der bolschewistischen Parteiführung "auf gleicher Augenhöhe" begegnen konnte. Doch letztlich füllten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, weder Levi noch Radek bei aller intellektuellen Brillanz diese Rolle aus.

In einem abschließenden Kapitel versucht Broué eine Bilanz durch eine Gegenüberstellung der Deutungen, die Trotzki und Levi vom Scheitern der Revolutionsbemühungen der KPD im Oktober 1923 gaben und die bei allen politischen Divergenzen, die sie inzwischen entwickelt hatten, in der Diagnose durchaus ähnlich waren. Danach war die Krise im Sommer 1923 viel tiefer, als die KPD selbst sie wahrnahm. Die KPD habe sich dabei treiben lassen, und als sie auf Moskaus Drängen hin ab Ende August schließlich den Weg des Aufstands zu gehen versuchte, konnte sie den in den Monaten zuvor gewonnenen Einfluss nicht weiter steigern. Von ihrem Scheitern im Oktober 1923 erholte sich die KPD als politischer Körper nicht mehr. Selbst inzwischen stark fraktioniert, geriet sie in den Strudel der sowjetischen Machtkämpfe. Die ihr aufoktroyierten Führungen waren immer weniger in der Lage, die politische Situation eigenständig zu analysieren, was schließlich eine entscheidende Voraussetzung für den weitgehend kampflosen Sieg des Nationalsozialismus im Jahre 1933 werden sollte.

Broué hat damit eine ambitionierte politische Geschichte der Bemühungen um die "deutsche Revolution" vorgelegt, die für ihn im wesentlichen eine Geschichte der "revolutionären Avantgarde" ist, der Herausbildung einer kommunistischen Massenpartei und der Auseinandersetzung innerhalb ihrer Führungsgruppen. Die sozialen Kämpfe und Massenbewegungen bilden dabei nur die Folie, vor der sich dies abspielt. Aufgrund der Bedingungen der Zeit, in der das Buch verfasst wurde, beruht es im wesentlichen auf einer minutiösen Auswertung der zeitgenössischen Publikationen, vor allem der verschiedenen Parteiorgane, ergänzt um die kritische Lektüre der damals noch verhältnismäßig spärlichen und noch zu einem wesentlichen Teil aus der DDR kommenden Forschungsliteratur. Archivmaterial konnte nur in geringem Umfang (z.B. aus dem Nachlass Paul Levis) herangezogen werden. Angesichts dieser Voraussetzung kann man mit Blick auf das materialreiche Ergebnis Eric Weitz beipflichten: "Pierre Broué's study remains a highly valuable contribution to the literature and a testament to what a creative scholar can produce even without the free run of the archives." (S. XVI)

Natürlich kann heutzutage eine solche Arbeit nicht einfach ohne Blick auf die umfangreiche neuere Literatur zur Kenntnis genommen werden. Bereits seit 1986 liegt von Sigrid Koch-Baumgarten eine grundlegende Studie zur "Märzaktion" vor.[5] Jens Becker und der Genfer Historiker Jean-François Fayet verfassten zwei wesentliche Biographien unter Ausnützung der Archivöffnungen in Ost-Berlin und Moskau.[6] Insbesondere bei Fayet kann man nur hoffen, dass seine auf französisch geschriebene Arbeit nicht dasselbe Schicksal wie Broués Originalausgabe erfahren und hier kaum Beachtung finden wird. Nicht zuletzt gibt es zum entscheidenden Jahr 1923 eine Dokumentation[7] und eine Darstellung[8]. Vor allem aber hatte Broué selbst noch eine eigene Geschichte der Kommunistischen Internationale, basierend auf den ersten Forschungen seit der Archivöffnung, vorgelegt, in der die KPD natürlich eine herausragende Rolle spielt und für die er z.B. die damals nur als Manuskript vorliegende Dokumentation zum Jahre 1923 hatte verwenden können.[9]

Zudem haben sich die Fragestellungen verändert, die einer Geschichte der KPD ganz neue Akzente verleihen würden. Weitz deutet das in seinem Vorwort an, wenn er davon spricht, dass bei Broué die Arbeiterklasse in der Einzahl auftritt, d.h. ohne ihre Schichtungen und inneren Differenzierungen und nicht zuletzt ohne Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses. Mit diesen Einschränkungen liefert Broué's Buch eine auch heute noch mit Gewinn zu lesende detailreiche Geschichte der revolutionären Linken in Deutschland von der Novemberrevolution bis Ende 1923. Ärgerlich sind an dieser englischsprachigen Ausgabe die einfach nur aus der Ausgabe von 1971 ohne jede Änderungen übernommenen Kurzbiographien, obwohl inzwischen genügend biographische Hilfsmittel vorliegen, und das im Unterschied zur Originalausgabe fehlende Personenregister.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. den Nachruf in Le Monde v. 28. 7. 2005.
[2] Pierre Broué, La révolution et la guerre d’Espagne, Paris 1961, bzw. Revolution und Krieg in Spanien, Frankfurt/M. 1968. Die deutsche Ausgabe hatte zudem durch den deutschen Übersetzer Arkadij Gurland eine ausgezeichnete Bearbeitung erfahren.
[3] Ders., Trotzki: eine politische Biographie, 2 Teile, Köln 2003, Original: Trotsky, Paris 1988.
[4] Annie Kriegel, Ce que j'ai pu comprendre, Paris 1991.
[5] Sigrid Koch-Baumgarten, Aufstand der Avantgarde. Die Märzaktion der KPD 1921, Köln 1986.
[6] Jens Becker, Heinrich Brandler. Eine politische Biographie, Hamburg 2001; Jean-François Fayet, Karl Radek. Biographie politique, Bern 2004.
[7] Bernhard B. Bayerlein u.a. (Hrsg.), Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003.
[8] Harald Jentsch, Die KPD und der "Deutsche Oktober" 1923, Rostock 2005.
[9] Pierre Broué, Histoire de l'Internationale Communiste 1919 – 1943, Paris 1997.

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Veröffentlicht am
13.10.2008
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