R. Nisbet, N. Rudd: A commentary on Horace, Odes III

Cover
Titel
A commentary on Horace, Odes. Bd. 3: Book 3


Autor(en)
Nisbet, Robin G. M.; Rudd, Niall
Erschienen
Anzahl Seiten
XXX, 389 S.
Preis
£74.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Habermehl, Die griechischen christlichen Schriftsteller, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Es gibt eine Fülle solider Kommentare. Es gibt eine überschaubare Zahl vorzüglicher Kommentare. Und es gibt eine verschworene Handvoll von Kommentaren, die Legende sind - wegen ihrer stupenden Gelehrsamkeit (so Nordens "Aeneis VI"), wegen ihrer erschlagenden Materialfülle (so Fränkels "Agamemnon"), wegen ihrer gedanklichen Tiefe (so Waszinks "De anima"). Zu diesen Legenden zählt an vorderster Stelle der 'Nisbet-Hubbard', jene zwei Bände zu den Oden des Horaz (Buch I 1970, Buch II 1978), die - und das unterscheidet sie erheblich von anderen hehren Namen - jedem Lateinstudenten ein Begriff sind und die wohl jeder, der ernstlich Latein betreibt, im Laufe seiner Lehrjahre einmal in Händen hatte. Ungewöhnlich war die Zusammenarbeit zweier prominenter britischer Latinisten, R. G. M. Nisbet und Margaret Hubbard, noch ungewöhnlicher das harmonische Ergebnis des langen gemeinsamen Weges. Denn entstanden ist ein Kompendium zu einem der komplexesten Dichter der Antike, das ehrfurchtheischende Belesenheit in den antiken (und nachantiken) Literaturen, ein helles Ohr für die Raffinessen der lateinischen Sprache und Metrik, unbestechlichen common sense und kritisches Urteilsvermögen mit seltener Eleganz in der pointierten Präsentation der Ergebnisse vereint. Der 'Nisbet-Hubbard' ist ein eminent benutzerfreundliches Werk, was sich gerade von den großen Kommentaren selten genug guten Gewissens behaupten lässt.

So war es ein Quell steten Bedauerns, dass just auf halber Strecke das Werk zum Stillstand kam. Fama streute manches Gerücht; und immer wieder war einmal zu hören, zumindest Nisbet habe den Plan zu einem dritten Band nie ganz aus den Augen verloren. Doch die Jahre gingen ins Land, das Vorhaben schien in aller Stille begraben. Umso größer die Freude, dass wir ein rundes Vierteljahrhundert später aus heiterem Himmel das kaum noch erwartete opus tertium in Händen halten.

Nicht ohne Scheu schlägt man den Band auf, aus Furcht, das gedruckte Ergebnis könne den hochgespannten Erwartungen kaum genügen, der alte Mythos verblasse. Doch schon die ersten Seiten belehren eines Besseren. Die Kontinuität des 'Nisbet-Rudd' zu den Tugenden von 'Nisbet-Hubbard' ist groß (dies gilt leider nur bedingt für das äußere Gewand des Bandes - OUP stattet seit längerem selbst hochwertige Publikationen mit blassem Papier und erbärmlichen Bindungen aus).

Die 'General Introduction' komprimiert auf zwölf Seiten Essentielles zu Horaz und den Oden. Schwer zu sagen, was mehr Bewunderung verdient, die konzise Dichte der Informationen, oder die kühle Sicherheit des Urteils.[1] Das Vorbild E. A. Housmans prägt bis heute. Die Behandlung der einzelnen Gedichte orientiert sich ganz am bewährten Muster. Der Band bietet keinen Text (Klingner, Borzsák oder Sh. Bailey liegen natürlich neben 'Nisbet-Hubbard' bzw. 'Nisbet- Rudd'); dafür zu jeder Ode eine Forschungsbibliografie, in der man schwerlich eine Lücke entdecken dürfte, eine Gliederung der Ode, ein Essay, der maßgebliche inhaltliche Punkte geschlossen abhandelt (die eigentliche Deutung der Texte bleibt dem Leser vorbehalten), zuletzt der Zeilenkommentar.

Die Qualität der Ausführungen ist den beiden großen Vorbildern ebenbürtig; keine Seite, die man nicht mit Entzücken liest, zum Weiterdenken angeregt, und oft ist man ein Stück weiser geworden. Eine der wenigen Passagen, die m.E. der Ergänzung bedürfen, findet sich zu c. 3,21,11-12: narratur et prisci Catonis / saepe mero caluisse virtus; hier fehlt ein Hinweis auf das eingesetzte Stilmittel, die personifizierende Metonymie (andere sprechen von 'abstractum pro concreto') virtus; Catonis virtus steht also sinngemäß für e.g. fortis Cato.

Stellvertretend ein Blick auf Ode 3,13: O fons Bandusiae: Auf gut vier Seiten evoziert die Einleitung die besondere Rolle des Wassers in der Antike, gerade der Quellen, auch als locus amoenus oder im Kult; es folgen Betrachtungen zum historischen Ort der besungenen Quelle, eine subtile Diskussion des 'Sitzes im Leben' der Ode (nach Abwägung aller Informationen, bei der gerade die Arcana antiker Ziegenzucht eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, plädieren 'Nisbet- Rudd' für das Fest der Neptunalia Ende Juli), eine Erörterung von Gestalt und Gehalt der Ode und zuletzt eine amüsante Absage an einige ins Kraut schießende Interpretationen der Ode, die 'Nisbet- Rudd' frei nach Martial (parcere personis, dicere de vitiis) freundlicherweise ohne Namensnennung referieren. Auf knapp vier Seiten schließt sich dann der Zeilenkommentar zu den 16 Versen an. Eine kleine Ergänzung zu den Versen 6-7 (gelidos inficiet tibi / rubro sanguine rivos): Der irritierende Kontrast zwischen (warmem und weinrotem) Blut und (eisigem und farblosem) Wasser lässt an ein Epigramm Martials denken, vom Tod eines Knaben, den ein herabstürzender Eiszapfen erschlägt (4,18). Dort heisst es in Vers 6 tabuit in calido vulnere mucro tener - und unweigerlich stellt sich beim Betrachter das gleiche Bild ein wie bei Horaz.

Fast spröde streift das Vorwort (S. vi) die Kooperation der beiden Exegeten: kein Wort, wie es zu ihr kam; kein Wort, wie lange die Arbeit währte; vor allem kein Wort, ob man auf eine Fortsetzung hoffen darf, die Horazens Tetralogie glücklich zu Ende führte. Doch verbeißen wir uns alle biografisch-bibliografische Neugier, und sagen 'Nisbet- Rudd' Dank für eine der wunderbarsten Neuerscheinungen der letzten Jahre.

Anmerkung:
[1] Nur eine kleine Kostprobe, S. xxix: "Well-attested readings presumably go back to the ancient world and so are seldom complete nonsense [...]; this may be a snare for those whose only method is to follow the manuscripts through thick and thin."

Redaktion
Veröffentlicht am
11.07.2005
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