J. Hürter u.a. (Hgg.): Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte

Cover
Titel
Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte.


Herausgeber
Hürter, Johannes; Woller, Hans
Reihe
Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 90
Erschienen
München 2005: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
209 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Blume, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Schon seit mehreren Jahren wird über Hans Rothfels gestritten. Er, der Remigrant und die Symbolfigur für eine vermeintlich unbelastete Geschichtswissenschaft in der Nachkriegszeit, ist durch die Frage nach der Rolle von Historikern im Nationalsozialismus in den Fokus einer gereizten Diskussion geraten. Aufsehen erregte besonders die Auseinandersetzung zwischen Ingo Haar und Heinrich August Winkler.[1] Haar rückte Rothfels’ Neuordnungsvorstellungen für Ostmitteleuropa in die Nähe der völkischen Rechten; die antisemitischen Inhalte der NS-Rassenideologie habe Rothfels aber nicht geteilt. Rothfels habe, so Haar, der nationalsozialistischen Aggressionspolitik Vorschub geleistet. Winkler verteidigte Rothfels hingegen als „konservativen Vernunftrepublikaner“. Zugleich konnte er Rothfels’ Nähe zu den Vertretern der „Konservativen Revolution“ jedoch nicht ausschließen.[2]

Jetzt liegt eine neue Publikation des Instituts für Zeitgeschichte vor, die die verschiedenen Positionen der Diskussion um Rothfels zu bündeln versucht.[3] Die Herausgeber wollen alle Facetten von Rothfels’ Leben als Wissenschaftler und Persönlichkeit repräsentiert sehen – der „ganze Rothfels“ soll endlich in den Blick geraten: Rothfels’ wissenschaftliche Karriere vor der Zwangsemeritierung im Jahr 1934, seine bisher fast unbekannten Exiljahre in den USA und sein Leben als Remigrant, wissenschaftlicher Beirat des Instituts für Zeitgeschichte und Hauptherausgeber der Vierteljahrshefte sowie Professor an der Universität Tübingen. Das erklärte Ziel der Herausgeber Johannes Hürter und Hans Woller lautet zudem, zu „kontextualisieren, statt [zu] skandalisieren“.

Jan Eckel untersucht Rothfels’ wissenschaftliche Arbeit anhand der Abfolge der Geschichtsbilder, die seine Texte erzeugen, und der Deutungsoperationen, mit denen diese Geschichtsbilder den veränderten Umständen angeglichen wurden.[4] Ein bestimmtes gleichbleibendes Denkschema habe Rothfels die Anschlussfähigkeit garantiert: Er sei von einer Bedrohung des Staates ausgegangen, aus der für ihn stets die Notwendigkeit eines Ordnungs- und Stabilisierungskonzepts folgte. Wolfgang Neugebauer erläutert, dass sich Rothfels auf die Arbeiten des Verfassungshistorikers Otto Hintze gestützt habe. Dabei sei er innerhalb der traditionellen Grenzen politischer Programme und ständischer Korporationen verblieben. Ingo Haar hebt Rothfels’ Unterstützung der Ringbewegung [5] und der Bildung einer überparteilichen nationalen Bewegung hervor. Rothfels habe nicht erkannt, dass der Kampf der bürgerlichen radikalen Rechten gegen den Parlamentarismus und die Versailler Nachkriegsordnung – also auch sein Kampf – den Aufstieg der NSDAP begünstigte.

Peter Th. Walther nimmt Rothfels’ Zeit in den USA in den Blick. Dabei entzaubert er sowohl die wundersame Berufung des Emigranten an die University of Chicago als auch seine erneute Aufnahme in Westdeutschland. In Chicago sei Rothfels doch eher dritte Wahl gewesen; und die Entscheidung, ihn auf den Lehrstuhl in Tübingen zu berufen, sei mehr aus finanziellen Erwägungen als aus dem Willen zur Reetablierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft erfolgt. Auch sei die Rückkehr und die Integration in die Zunft ernüchternd gewesen. Rothfels habe das Comeback der Alt-Nazis bei seiner Reise durch Westdeutschland 1949 unterschätzt.

Christoph Cornelißen vergleicht die Arbeiten Gerhard Ritters und Hans Rothfels’ über den deutschen Widerstand. Einerseits hätten die Historiker trotz der Verengung auf die konservative Opposition einen wichtigen Beitrag gegen ausländische Vorstellungen einer Kollektivschuld der Deutschen geleistet. Andererseits habe Rothfels diese Linie mit der Aussage überdehnt, breite Bevölkerungsschichten hätten sich gegenüber dem Nationalsozialismus immun gezeigt. Thomas Etzemüller sieht Rothfels als Teil eines Denkkollektivs, das auf wissenschaftspolitischer Ebene wie ein Kartell funktioniert habe. Darüber hinaus habe ein gemeinsamer Denkstil das Netzwerk von Rothfels, Werner Conze, Theodor Schieder, Gunther Ipsen, Otto Brunner und einigen anderen geprägt. Dieser Denkstil der Gruppe und ihre Wahrnehmung der Geschichte als Dichotomie von Ordnung und Chaos überdauerte nach Etzemüller auch die Zäsur des 8. Mai 1945. Er bettet Rothfels in das Umfeld einer konservativen Elite ein, die zunächst der Diktatur in die Hände gearbeitet und dann zur Stabilisierung der zweiten Republik beigetragen habe.

Hermann Graml fragt, wie Rothfels die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte geprägt und verwaltet hat. Als „Erfinder“ der Zeitgeschichtsforschung in der frühen Bundesrepublik habe er die Stoßrichtung vorgegeben. Die Krise des Nationalstaats, der bürgerlichen Gesellschaft und des eurozentrischen Staatensystems waren für ihn Kernfragen. Den Autoren habe er jedoch immer die Freiheit gelassen, die Themen selber zu setzen. Darüber hinaus habe er der Zeitschrift eine Mission gegeben: die Heranführung der deutschen Geschichtswissenschaft an die Forschungsergebnisse aus den USA und aus England. Mathias Beer dagegen bezweifelt, ob die Zeitgeschichte nach 1945 entdeckt wurde. Schließlich habe schon Justus Hashagen Geschichte als Zeitgeschichte entschieden in den Blick genommen (Das Studium der Zeitgeschichte, Bonn 1915). Eher habe sich der Mythos von der Erfindung der Zeitgeschichte in das Denkmuster der „Stunde Null“ in der Bundesrepublik eingefügt.

Heinrich August Winkler will Rothfels’ Sonderstellung relativieren. Dies sei eine Stimme unter vielen gewesen, die einen Weg aus Krise und Scheitern des Weimarer Parlamentarismus gesucht hätten. Dabei habe es eine Menge Übereinstimmungen zwischen linken, liberalen und rechten Beiträgen gegeben. Die Debatte um die Einzelperson Rothfels diene schlicht der Selbstlegitimierung der jüngeren Generation von Historikern. Horst Möller schließt mit dem Versuch, eine neue Fragestellung zu entwickeln. Statt nach persönlicher Belastung zu fragen, solle man sich dafür interessieren, welchen Einfluss die Lehre aus der kompromittierenden Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie auf die Geschichtswissenschaft in der Bundesrepublik gehabt habe.

Das Gros der Autoren bemüht sich, das Beispielhafte an Rothfels zu entdecken. Nichtsdestotrotz sind die Nachwehen der hitzigen Diskussion zu spüren, wenn sich Hermann Graml heftig gegen das „Rothfelsdebunking“ wehrt (S. 149) sowie Karl Heinz Roth und Nicolas Berg „Feindseligkeit“, „Geschichtsklitterung“ und unsauberes Quellenstudium vorwirft (S. 147, S. 150). Niemand behauptet, wie von Graml unterstellt, Rothfels habe das Thema Nationalsozialismus in den Vierteljahrsheften komplett sanktioniert. Dass er aber andererseits – wie Berg, Cornelißen und Beer argumentieren – einen apologetischen Reflex in den 1950er und 1960er-Jahren mit geformt hat, wird wohl ebenfalls niemand ernsthaft anzweifeln können.

Es ist zu begrüßen, dass in dem Band wichtige Positionen der Diskussion noch einmal gebündelt werden. Leider wurde aber Karl Heinz Roth, der an der Münchener Tagung im Juli 2003 nicht teilgenommen hatte, nicht nachträglich eingeladen, seine Sicht vorzutragen.[6] Den Anspruch einer vollständigen Abbildung der Debatte kann dieser Sammelband damit nicht erheben. Neue Erkenntnisse über den Königsberger Rothfels kann die Veröffentlichung auch nicht bieten; hierüber ist bereits viel und ausführlich geschrieben worden. Umso positiver ist es, dass Rothfels’ lange vernachlässigter Emigrationszeit und seiner Tätigkeit in der Bundesrepublik endlich Beachtung geschenkt wird.

Anmerkungen:
[1] Winkler, Heinrich August, Hans Rothfels – ein Lobredner Hitlers? Quellenkritische Bemerkungen zu Ingo Haars Buch „Historiker im Nationalsozialismus“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 643-652; Haar, Ingo, Quellenkritik oder Kritik der Quellen? Replik auf Heinrich August Winkler, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 497-505; Winkler, Heinrich August, Geschichtswissenschaft oder Geschichtsklitterung? Ingo Haar und Hans Rothfels: Eine Erwiderung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 635-652.
[2] Siehe auch das Historische Forum „Hans Rothfels und die Zeitgeschichte“: <http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/1/>.
[3] Hervorgegangen ist der Sammelband aus erweiterten und überarbeiteten Referaten einer Tagung des Instituts für Zeitgeschichte in München im Juli 2003.
[4] Siehe demnächst auch Eckel, Jan, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2005 (angekündigt für Oktober).
[5] Die Ringbewegung war ein lockerer Zusammenschluss neokonservativer Gruppierungen, die sich als Sprachrohr der bürgerlichen radikalen Rechten verstanden.
[6] Roth war noch über Haar hinausgegangen: Mit seiner Nähe zum Neo-Konservatismus habe Rothfels einer spezifischen Strömung des deutschen Faschismus angehört. Roth, Karl Heinz, „Richtung halten“: Hans Rothfels und die neo-konservative Geschichtsschreibung diesseits und jenseits des Atlantik, in: Sozial.Geschichte 18,1 (2003), S. 41-71, hier S. 50.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.07.2005
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension