S. Kinnebrock: Anita Augspurg (1857-1943)

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Titel
Anita Augspurg (1857-1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik. Eine kommunikationshistorische Biographie


Autor(en)
Kinnebrock, Susanne
Reihe
Frauen in Geschichte und Gesellschaft 39
Erschienen
Herbolzheim 2005: Centaurus Verlag
Anzahl Seiten
683 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kerstin R. Wolff, Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung

1976 begann mit den Monografien von Richard J. Evans und Barbara Greven-Aschoff [1] die Beschäftigung mit der Geschichte der organisierten Frauenbewegung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in Deutschland. Seit dem sind einige wichtige Werke nachgefolgt. Die verschiedenen Flügel der Frauenbewegungen sind untersucht worden – bürgerlich, sozialistisch, radikal, konfessionell, konservativ usw. – und die Protagonistinnen dieser Bewegungen sind mit Biografien bzw. biografischen Artikeln gewürdigt worden.[2] Dabei haben sich innerhalb der Forschung Trends und Vorlieben herauskristallisiert. So gibt es Persönlichkeiten der Frauenbewegung die eher im Zentrum der Beschäftigung stehen als andere.

Eine besondere Vorliebe entdeckten die WissenschaftlerInnen dabei für das Frauenpaar Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann. Beide schienen sich als perfektes historisches Identifikationsmuster geradezu anzubieten. Beide standen sie der ‘radikalen Richtung’ der bürgerlichen Frauenbewegung vor, kämpften unerschrocken mit mutigen und publikumswirksamen Aktionen für die Gleichberechtigung der Frau [3], für das Wahlrecht und gegen die ‘Männerjustiz’. Sie organisierten den internationalen (Friedens-) Frauenkongress 1915 in Den Haag mit, gründeten die IFFF (Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit), agitierten gegen Hitler und gehörten so mit zu den ersten, die bereits 1933 in die Schweiz ins Exil gehen mussten. Beide starben 1943 in Abstand von wenigen Monaten, nachdem Lida Gustava Heymann noch die gemeinsamen Lebenserinnerungen verfasst hatte.[4] Zu diesen beiden Persönlichkeiten und vor allem zu Anita Augspurg scheint es nichts Neues mehr geben zu können und trotzdem war es höchste Zeit, dass Anita Augspurg endlich wissenschaftlich fundiert betrachtet wurde. Die Lobeshymnen und die Begeisterung ob dieser Vormütter hatten nämlich dazu geführt, dass die Biografien zu wahren Verehrungsschriften gerieten. Vor allem Autorinnen der Neuen Frauenbewegung okkupierten Anita Augspurg und machten aus ihr eine Art feministische Kultfigur.[5] Vor diesem Hintergrund ist es mehr als erfreulich, dass nun endlich ein Werk zu Anita Augspurg vorliegt, welches mit historischer Genauigkeit das Leben der Journalistin rekonstruiert, dabei aber die Brüche und Eigenarten, das Versäumte und das falsch Eingeschätzte nicht glättet, sondern stehen lassen und damit die Persönlichkeit von Anita Augspurg nicht ideologisch besetzt, sondern sie historisch gelten lassen kann.

Die Arbeit will vor allem das journalistische und politische Leben von Anita Augspurg in seiner Gesamtheit aufzeigen. Dafür sollen auch die „damaligen Zeitgespräche der Gesellschaft bzw. Diskurse im Rahmen von Teilöffentlichkeiten rekonstruiert [werden], mit dem Ziel, einen bisher vernachlässigten Beitrag zum Zeitgespräch sowie dessen Urheberin wieder zu entdecken und zugänglich zu machen“ (S. 22). Dafür müssen sowohl historische Fakten ergänzt, als auch gängige Einschätzungen innerhalb der Frauenbewegungsgeschichte korrigiert werden. Dass Susanne Kinnebrock Kommunikationswissenschaftlerin ist, spiegelt auch die Arbeit wider. Das journalistische Werk, seine Resonanz, Aufbau und ‘Herstellung’ werden als zentraler Aspekt des rekonstruierten Lebens verstanden und entsprechend gewichtet. Die Arbeit ist chronologisch aufgebaut, die Oberkapitel entsprechen den zentralen Lebens- und Schaffensphasen von Anita Augspurg. In 8 biografischen Kapiteln stellt sie das Leben Anita Augspurgs von ihrer Geburt am 22.9.1857 in Verden bis zu ihrem Tod 1943 in Zürich vor. Von der Fokussierung der Frauenfrage als Rechtsfrage (1894-1901) über Oppositions- und Isolationserfahrungen innerhalb der Frauenbewegung (1907-1914) dem Ersten Weltkrieg und dem Engagement für den Pazifismus bis zum Lebensabend im Exil (1933-1943) reichen dabei die Themen. Durch das Rekonstruieren des Lebens von Anita Augspurg erzählt Kinnebrock aber gleichzeitig auch die Geschichte der bürgerlich-radikalen Frauenbewegung im deutschen Kaiserreich bzw. in der Weimarer Republik.

Das Buch ist in einem gut zu lesenden Stil verfasst, die Kapitel gleichen sich im Aufbau, so dass man die Arbeit auch ‘in Ausschnitten’ lesen kann. Zu Beginn jedes Kapitels wird der historische Hintergrund ausgeleuchtet um dann das Leben von Anita Augspurg in dieses hinein zu betten. Für ExpertInnen der Geschichte der Frauenbewegung sind die langen Herleitungen eigentlich unnötig, für LeserInnen, die sich noch nie mit der Geschichte der Frauenbewegung beschäftigt haben, allerdings notwendig; denn nur so kann sich das Agieren und Reagieren von Anita Augspurg erschließen. In jedem Kapitel wird die journalistische Arbeit von Anita Augspurg analysiert und damit auch eine Geschichte der journalistischen Methoden vorgelegt. Es wird deutlich, dass die ‘Propagandaarbeit’ [6] EIN, wenn nicht sogar DAS Mittel zur Durchsetzung von Forderungen der Frauenbewegung war. Denn, Frauen waren von der Möglichkeit der Einflussnahme durch das Parlament ausgeschlossen, sie besaßen bis 1918/19 weder das aktive noch das passive Wahlrecht. Vielmehr ist es die journalistische Arbeit, die es den aktiven Frauenrechtlerinnen ermöglicht, ihre Forderungen bekannt zu machen, gesellschaftliche Diskussionen anzuregen, Druck auf zu bauen und schließlich auch Erfolg haben zu können. Dabei publizierten die Frauenrechtlerinnen nicht nur in eigenen Zeitungen bzw. Zeitschriften, sondern sie veröffentlichten auch in anderen Foren. Anita Augspurg entfaltete – wie andere Frauenrechtlerinnen auch – eine ausgesprochen rege journalistische Arbeit, die sogar zu langjährigen Zusammenarbeiten führte, wie zum Beispiel mit der Berliner Tageszeitung Der Tag. (S. 232ff.)

Die Wellen eines politischen Lebens werden deutlich. War die Phase vor dem Ersten Weltkrieg – die Jahre zwischen 1902 und 1906 – eine sehr produktive Schaffensphase für Anita Augspurg, in der sie die deutsche und die internationale Stimmrechtsbewegung organisierte und für die Frauenbewegung als Rednerin und als Schreiberin agitierte, waren die Jahre ab 1907 bis zum Ausbrechen des Ersten Weltkrieges eher Jahre der Opposition und Isolation innerhalb der Frauenbewegung. An dieser Isolation scheint auch die langjährige Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann nicht unschuldig gewesen zu sein. Die beiden – aber vor allem Anita Augspurg – scherten aus den persönlichen Beziehungen der Frauenrechtlerinnen langsam aus und verließ damit das Netzwerk, welches die Frauenbewegung zusammen hielt.[7] Die Isolierung, die viele Biografinnen auf die konservative Wendung innerhalb der Frauenbewegung (vor allem innerhalb des BDF) zurückführten, war also auch das Produkt einer sich verdichtenden Lebensbeziehung.

Ein so komplexes Buch auf beschränktem Platz zu besprechen ist ausgesprochen undankbar. Die ganzen anregenden und weiterbringenden Einzelheiten, die Details, die Susanne Kinnebrock über die Entwicklung der Frauenbewegungen und die Verbindungen der Protagonistinnen recherchiert hat, können hier nicht gewürdigt werden. Auch ein Abriss des Lebens von Anita Augspurg kann hier nicht gegeben werden. Was bleibt, ist das Buch zu empfehlen. Allen denjenigen, die eine profunde und sehr sehr detailreiche Einführung in die Geschichte der Frauenbewegung anhand einer Person (und damit anhand einer Ausrichtung der Frauenbewegung) lesen wollen und allen denen, die sich in der Materie schon auskennen und sich an den neuen Details und Zusammenstellungen sicher freuen werden.

Anmerkungen:
[1] Evans, Richard J., The Feminist Movement in Germany 1894-1933, London 1976; Greven-Aschoff, Barbara, Die Bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland 1894-1933, Göttingen 1981.
[2] Ein umfassender Literaturüberblick würde den knappen Platz sprengen, vgl. als erste grobe Übersicht: Gerhard, Ute, Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Hamburg 1990.
[3] Dies wird häufig als Zeichen für die Radikalität gewertet, denn die gemäßigte bürgerliche Richtung der Frauenbewegung diskutierte über einen grundsätzlichen Wesensunterschied der Frau.
[4] Heymann, Lida Gustava, Erlebtes – Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940, hrsg. von Margit Twellmann, Meisenheim am Glan 1977.
[5] Vgl. hierzu besonders: Dünnebier, Anna, Scheu, Ursula, Die Rebellion ist eine Frau. Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann. Das schillernste Paar der Frauenbewegung, München 2002. Besonders ärgerlich an diesem Werk ist der Umstand, dass die Autorinnen ohne Quellenhinweise auszukommen meinen. Vgl. dazu die Kritik von Wenzel, Cornelia, Die Guten und die Bösen, in: Ariadne – Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte 42 (2002), S. 76f.
[6] So bezeichnete auch Minna Cauer 1913 die journalistische Arbeit der Frauenbewegung.
[7] Zur Freundschaft als Bindung des Frauennetzwerkes siehe auch: Klausmann, Christina, Vordenkerinnen, Organisatorinnen, Freundinnen, Gegnerinnen. Beziehungen und Netzwerke in der Frauenbewegung, in: Ariadne – Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung 37/38 (2000), S. 36-41.

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Veröffentlicht am
13.06.2005
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