S. Kurtenbachn u.a. (Hgg): Kriege als (Über)Lebenswelten

Cover
Titel
Kriege als (Über)Lebenswelten. Schattenglobalisierung, Kriegsökonomien und Inseln der Zivilität


Herausgeber
Kurtenbach, Sabine; Lock, Peter
Reihe
EINE WELT - Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden 16
Erschienen
Anzahl Seiten
327 S.
Preis
€ 12,70
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Günther Auth, Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität München

Für Sabine Kurtenbach und Peter Lock greift die Diskussion über neue Kriege viel zu kurz. Ihrer Meinung nach geht es nicht so sehr um temporäre Manifestationen entstaatlichter und kommerzialisierter bzw. verselbstständigter militärischer Gewalt in Krisenregionen, sondern um die charakteristischen Vermischungen von bewaffneter Kriegsgewalt und krimineller Gewalt im Kontext der Globalisierung. Eine wesentliche Stärke des Bandes liegt in diesem Problemaufriss sowie dem kritischen Anspruch der Herausgeber, nämlich Krieg/Gewalt zu entbagatellisieren und als ein sozioökonomisch bedingtes Phänomen zu begreifen.

Der erste Teil des Buches steht unter dem Titel ‚Schattenglobalisierung, Weltwirtschaft und Staatlichkeit’. Lock beschreibt eindrücklich, warum sich die im Namen der neoliberalen Ideologie freigesetzten Arbeitslosen in informellen Überlebenswelten einfinden und dynamische Netzwerke im Schatten der staatlich regulierten Wirtschaftsräume bilden (S. 42). Ausgeschlossen von öffentlichen Gütern wie Wohlstand und Sicherheit, tragen diese Netzwerke mit ihren teilweise illegalen Dienstleistungen zum Wohlstand in der offiziellen Ökonomie bei, liefern dabei jedoch Angriffspunkte für kriminelle Aktivitäten, die nicht selten von parastaatlichen Netzwerken der Staatsklasse unterstützt werden und den informellen Sektor durch kriminelle Machenschaften und Gewalt kontrollieren. In der global operierenden Drogenökonomie dient diese Form der Gewalt ‚regulativen’ Zwecken und ist auf Dauer gestellt (S. 53f.), da sich Gewalt zum Schutz der illegalen Wertschöpfung institutionalisiert und selbst reproduziert. Besonders die Differenzierung zwischen regulären, informellen und kriminellen Gesellschaftssphären ist heuristisch wertvoll.

Dadurch wird begreiflich, wie der Globalisierungsprozess Kräfte freisetzt, die zur Bedrohung für Gesellschaft als solche werden. Die Ausleuchtung dieses Themenkomplexes wird leider nicht forciert. Joxe thematisiert unter dem Begriff der ‚Libanisierung’ den Sachverhalt, dass der Libanon aus einem unübersichtlichen Krieg zwischen Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen hervorging. Inwiefern dabei die neoliberale Globalisierung als ein formativer Kontext fungiert, bleibt unerwähnt. Begrifflich fällt Joxe auf die Vorstellung von Gewalt als Krieg und Instrument einzelner [!] amerikanischer Präsidenten zurück. Thematisch sinnvoller wäre es gewesen, Verbindungen zwischen dem neokonservativen Netzwerk im US-Establishment einerseits und kriminellen parastaatlichen Netzwerken in Palästina und Lateinamerika andererseits herzustellen. Ramonet [1] hat an anderer Stelle bereits gezeigt, dass die Infiltration durch US-amerikanische Regierungsnetzwerke in vielen Staaten zu einem Scheitern dortiger Friedensprozesse führte. Ironisch mutet in diesem Zusammenhang Duffields Versuch an, der zunehmenden Gewaltbereitschaft nicht-westlicher privater Akteure westliche Pazifizierungsbemühungen gegenüberzustellen.

Duffield lässt nicht nur außer Acht, dass der von den westlichen Industriestaaten angeheizte Globalisierungsprozess die Grundversorgung vieler Menschen gefährdet und sie dadurch gewaltbereit macht. Duffield behauptet auch, dass das expandierende System des liberalen Regierens angesichts der neuen Kriege legitim ist, obwohl das diesem Regieren zugrunde liegende westliche Verständnis von Sicherheit gegenwärtige Unsicherheiten eher verstärken wird. Joas [2] hat längst die Gefahren einer Verteidigung alter Ordnung(en) durch moderne Mittel skizziert. Näher am Thema ist erst wieder der Aufsatz von Christophe, die am Beispiel Georgiens zeigt, wie sich Globalisierung, Staatszerfall und Parastaatlichkeit gegenseitig bedingen. Die Auflösung von Staatlichkeit in Georgien wird von transnational operierenden Konzernen wie BP gewinnbringend ausgenutzt, während gleichzeitig öffentliche und private Entwicklungshilfeorganisationen des Westens durch gebundene Geld- und Sachmittel dafür sorgen, dass der Staatszerfall nicht im Kollaps endet sondern einem Siechtum gleicht, solange es für interne und externe Nutzenmaximierer noch etwas zu holen gibt.

Der zweite Teil des Buches dreht sich um das Thema ‚Ursachen, materielle Grundlagen und Transnationalisierung gegenwärtiger Kriege’. Ehrke schildert am Beispiel des Konflikts in und um Palästina sehr anschaulich, warum die Aufrechterhaltung von kriegsähnlichen Zuständen eine eigene Wertigkeit für die jeweiligen Teilnehmer bekommt. Palästinensische Milizen profitieren von Renten und ihrer Stellung in Organisationen, die sie ohne den Krieg gegen Israel und die Herausbildung eines eigenen Kriegerkults nie für sich gewonnen hätten. Israelis profitieren von der Unterstützungsbereitschaft durch viele Geber, die gekoppelt ist an das Ausmaß der Bedrohung durch die Palästinenser. Angesichts dieser Zustände, das zeigt Ehrke hervorragend auf, wirkt die neoliberale Lesart des Gewaltproblems etwa durch die Weltbank, die den Konfliktparteien nicht politische sondern rein kriminelle Motive zuschreibt, selbst als Teil des Problems. Enttäuschend ist der Beitrag von Steward, da sie lediglich verschiedene – und sehr banale – Möglichkeiten der Kategorisierung von Akteuren und Ursachen für Gewalt durchspielt. Über realpolitische Zusammenhänge erfährt man fast nichts. Mohr zeigt dann wieder recht gut, wie und warum Kidnapping zu einem boomenden Industriezweig geworden ist. Reduzierungen der Streitkräfte, Staatszerfall und ein Ende der Alimentierung paramilitärischer Gruppen durch die Supermächte zwangen eine Vielzahl von Menschen nach dem Ende des Ost-West Konflikts, sich neue Einnahmequellen für die Fortführung ihrer militärdienstlichen Tätigkeiten zu suchen. Lateinamerika, Gebiete der ehemaligen Sowjetunion und Asien sind deswegen die gefährlichsten Regionen für westliche Touristen und Arbeitnehmer geworden. Kartha schafft es, die Gewaltstrukturen in und um Indien zu skizzieren. Wie und warum die dortige Gewaltökonomie auf die hochindustrialisierten Länder ausgerichtet und damit Teil eines globaleren Phänomens sein soll, wird allerdings nicht wirklich klar. Monsutti erzählt, wie auf der Basis alter netzwerkartiger Solidarbeziehungen neue Formen sozialer Kooperation entstehen, die sich über Afghanistan, Pakistan und Iran erstrecken. Hier fällt leider unter den Tisch, was das alles mit neuen Formen von Gewalt zu tun hat.

Im dritten Teil widmen sich die Beiträge dem ‚Blickwinkel der Gewaltakteure und ihrer Opfer’. Mit Blick auf die Brennpunkte in Algerien, Rio de Janeiro bzw. dem brasilianischen Amazonasgebiet wird gut herausgearbeitet, dass die jeweiligen Guerilla-Verbände, die oft genug aus Jugendlichen und sogar Kindern bestehen, in organisierter Gewalt ihre einzige sinnvolle Beschäftigung sehen – sei es, um im Namen der islamischen Religion für eine weniger repressive Ordnung in Algerien zu sorgen; sei es, um mit dem Geld aus Drogengeschäften eine größere Chance zum Überleben zu bekommen, wie in Brasilien. Die Lebenswelt der Gewaltakteure wird insgesamt gut nachvollziehbar.

Im vierten und letzten Teil geht es um ‚Bausteine der Stabilisierung’. Moltmann beschreibt eine eigentümliche Friedensindustrie als Stabilisator des Bürgerkriegs in Nordirland, Lilly sieht eine stabilisierende Funktion in der Kooperation zwischen humanitären und militärischen Akteuren in Krisenregionen wie dem Irak, Mair beschäftigt sich eingehend mit Wesen, Rolle und Leistungen von Private Military Companies (PMC’s) in Kriegsgebieten allgemein. In allen diesen Beiträgen bleibt etwas undeutlich, wie die Stabilisation ‚neuer’ Gewaltökonomien vor sich geht. Spelten beleuchtet in dem Zusammenhang einen wichtigen Sachverhalt, nämlich dass Frieden nur mit den jeweiligen Gewaltakteuren herzustellen ist, nicht gegen sie. Es besteht der Zwang, diese einzubinden, was die Gefahr erhöht, dass sich Gewalt in anderer Form reproduziert. Völlig deplaziert wirkt der Beitrag von Oeter. Es ist nicht nachvollziehbar, worin die Stabilisierungsfunktion von westlichem Juristenrecht besteht, das in der Form von Loseblattsammlungen außerhalb des welthistorischen Zusammenhangs steht. Entscheidend ist nicht, ob es aus formaljuristischer Sicht gültige und bindende Regeln gibt, unter die Sachverhalte ‚neuer Gewalt’ subsumierbar werden. Die rechtliche Stabilisierung von Gewaltökonomien funktioniert vielleicht auf der Basis eines Rechtsbewusstseins unter den handelnden (Gewalt-)Akteuren. Diese müssen freilich nicht die moralischen Weltanschauungen westlicher Juristen teilen. Kurtenbach versucht abschließend, Strategien zur Zivilisierung der Gewaltökonomien anzudenken – ein durchaus sympathischer Ansatz. Nur ist er zu voreilig. Es ist beileibe noch nicht klar geworden, wie vielschichtig neue Formen von Gewalt sind. Jeder vorschnelle Pragmatismus wird zwangsläufig zu einem Kurieren an Symptomen.

Die Stärke des Buches geht einher mit einer großen Schwäche: Der hohe sozialwissenschaftliche Anspruch, den der/ie Herausgeber/in verfolgen, wird von wenigen Autoren/innen erfüllt. Die meisten Autoren/innen bleiben entweder von der übergreifenden Thematik entfernt, oder konzentrieren sich auf Details lokaler Konstellationen. Die ‚neuen’ sozioökonomisch bedingten Formen von Gewalt im ‚globalen Dorf’ kommen selten klar in den Blick. Das ist nicht unbedingt die Schuld des/er Herausgebers/in, dennoch stört dieser Umstand den Gesamteindruck.

Anmerkungen:
[1] Ramonet, Ignacio, Kriege des 21. Jahrhunderts. Die Welt vor neuen Bedrohungen, Zürich 2002.
[2] Joas, Hans, Kriege und Werte. Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Weilerswist 2000.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.04.2006
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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