Cover
Titel
Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung - heute


Herausgeber
Porombka, Stephan; Schmundt, Hilmar
Erschienen
Berlin 2005: Claassen Verlag
Anzahl Seiten
223 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian P. Gudehus, Center for Interdisciplinary Memory Research, Kulturwissenschaftlichen Institut Essen

Das Buch versammelt zehn fußnotenfreie Texte zu Überresten „nationalsozialistischer Selbstdarstellung“. Es geht um Orte, die anders als KZ-Gedenkstätten oder so genannte Täterorte (wie etwa die Topografie des Terrors in Berlin oder die Villa ten Hompel in Münster) nicht unmittelbar und sofort ersichtlich mit Verbrechen verbunden sind. Umso mehr haben sie mit Herrschaft und der Inszenierung der Herrschenden zu tun. Sie verweisen auf Seiten des Nationalsozialismus, die – anders als der Buchtitel vermuten lässt – eben nicht unmittelbar Chiffren des Bösen sind. Vielmehr handelt es sich um Stätten, die den Aufbruch, die Dynamik und in Teilen durchaus auch das Projekt eines nationalen Sozialismus (Götz Aly) verkörperten. Die Idee, sich solcher Orte anzunehmen, ist gut. Dass die Texte nicht bei einer Beschreibung der jeweiligen Ortsgeschichte und des Sichtbaren stehen bleiben, sondern auch gegenwärtigen Aneignungen, Funktionalisierungen und Nutzungen nachgehen, ist ein Gewinn.

Die Autoren sind mit einer Ausnahme Journalisten bzw. Schriftsteller. Bei den Texten handelt es sich folglich nicht um wissenschaftliche Annäherungen an das Thema, sondern um Reportagen und kleine Erzählungen – manche literarisch ambitioniert, andere humorig gehalten oder gar polemisch. Das ist wichtig anzumerken, weil aus wissenschaftlicher Sicht sonst einige Kritikpunkte anzubringen wären – etwa, dass sich die Orte in ihrer zeitgenössischen und ihrer aktuellen Funktion unterscheiden und daher nur bedingt vergleichbar sind; es sind nicht einmal allesamt Orte der nationalsozialistischen Selbstdarstellung. Oder dass die Beiträge keine gemeinsamen Kategorien, kein gemeinsames Erkenntnisinteresse aufweisen und nicht an Literatur etwa zum kollektiven Gedächtnis anknüpfen. Das Buch liefert insofern auch keine neuen Thesen oder Forschungsergebnisse; es bereichert die Diskussion um den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit weder begrifflich noch in empirischer Hinsicht. Dies ist aber auch nicht der Anspruch der Herausgeber und Autoren; es handelt sich eher um ein Lesebuch für ein breiteres Publikum.

Henryk M. Broders Artikel zum Führerbunker, mit dem das Buch beginnt, thematisiert primär das Holocaust-Mahnmal, also einen Gedenkort der Gegenwart statt eines Orts nationalsozialistischer Herrschaft. Wahrscheinlich hatte Broder einfach Lust, einmal mehr über das Mahnmal zu schreiben, das ihm nicht gefällt, weil es ein Ort aktueller Selbstdarstellung ist. Bei genauerem Hinsehen richtet sich die Kritik weniger gegen ein Mahnmal an sich als vielmehr gegen dessen Funktionalisierungen. Ein Beispiel, auf das Broder auch an anderen Stellen zurückgreift, ist die Aussage eines deutschen Diplomaten: „Wir brauchen das Mahnmal für unsere Selbstdarstellung in der Welt.“ (S. 26)[1] Damit spricht Broder einen Punkt an, der letztlich für alle Orte gilt: Neben der Frage, ob das, was jeweils zu sehen ist und kommentiert wird, so oder anders gezeigt und kommentiert werden sollte, sind die Beobachtungen und Überlegungen dazu, wie das Dargebotene genutzt wird, welche Funktionen es hat, das eigentlich Interessante. Dazu liefern die Texte ganz unterschiedliche Beispiele.

Konsequent der Gegenwart nimmt sich Jana Simon in ihrem Beitrag zur „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ im Musterdorf Alt Rehse an. Sie beschreibt einen bizarr anmutenden Streit, bei dem es nur scheinbar darum geht, wie mit den Resten der Vergangenheit auch angesichts der trüben finanziellen Situation des Ortes umzugehen ist. Mir gefällt, wie Simon sich den Akteuren zuwendet – wie sie ihr Aussehen, ihre Wohnzimmer, ihre Art zu rauchen und vor allem ihr Sprechen beobachtet und so zumindest mich in ihre Erzählung hineinzieht: „Köpps Frau kehrt von der Jagd zurück, die Haare kleben nass an ihrem Kopf. Sie habe ein Reh angeschossen, presst sie hervor. Es sei aber nicht ganz tot. ‚Nimm den Hund und ruf den Förster an’, sagt Köpp. Sie nickt und verschwindet.“ (S. 169)[2] Der Text macht deutlich, dass es weniger die Vergangenheit ist, die in eine Gegenwart hineinwirkt – vielmehr bedienen sich gegenwärtige Bedürfnisse und Interessen der NS-Vergangenheit. Gerade auf der individuellen Ebene bieten die Diskurse über den Nationalsozialismus und vor allem über den Umgang damit Möglichkeiten der Sinngebung. „[Z]uerst [nach der Vereinigung] wurde Köpp arbeitslos, saß die meiste Zeit vor seinem Haus auf der Bank und war schlecht gelaunt. Jeder Tag erschien wie eine unendlich lange Abfolge von Mahlzeiten. Bis die Vergangenheit Köpp rettete.“ (S. 167)

David Pfeifer setzt in seinem Text zum Marine-Ehrenmal in Laboe auf Humor: „Um Laboe zu besuchen, muss man erst mal nach Kiel. Das unterstreicht den Charakter des Opfergangs [...]. Denn Kiel ist keine Reise wert. Nicht einmal eine kurze.“ (S. 72) In diesem launigen Ton beschreibt Pfeifer, was er sieht, und stellt Vermutungen über die Gefühle und Motive anderer Besucher an: „Die Jüngeren kommen her, weil ihre Lehrer sonst keine bessere Idee hatten, was sie im Geschichtsunterricht machen sollten.“ (S. 75) Zu den Älteren schreibt er: „Sie sind hier, um zu trauern. Sie trauern um gefallene Kameraden und manchmal auch um das eigene Leben, das vom Krieg nicht beendet, aber doch überschattet wurde.“ (ebd.) Das mag sein – vielleicht aber auch nicht. Am Ende erzählt Pfeifer von einem Jungen, den er anhand eines Simpsons-T-Shirts als Nicht-Neonazi identifiziert. Der Junge bietet einem Klassenkameraden fünf Euro, wenn dieser sich in eine Reichkriegsflagge (die es am Marine-Ehrenmal zu kaufen gibt) einwickelt und dann auf dem Schulhof „Deutschland, Deutschland über alles“ singt. Pfeifer glaubt, dass die etwa zwölfjährigen Jungen da etwas falsch verstanden hätten. Man kann das Verhalten auch anders deuten – die Kinder wissen ja durchaus, dass sie einen Tabubruch begehen.

Jürgen Trimborn hat an einer Führung durch das Olympiastadion in Berlin teilgenommen. Hierbei handelt es sich tatsächlich um einen Ort nationalsozialistischer Selbstdarstellung. Doch über die NS-Geschichte des Bauwerks wird in der Führung kaum gesprochen. Dass „Hitler nicht stattfindet“, ist laut Trimborn möglicherweise Absicht. Die Frau, die die Führung gemacht hat, gibt ihrer Unsicherheit Ausdruck: „Ich weiß gar nicht, was die Leute dazu hören wollen und ob sie das überhaupt interessiert.“ (zit. auf S. 131) Der Beitrag endet mit dem Bericht aus einer nahen Zukunft, dem Juli 2006. Kurz vor dem Endspiel der Fußball-WM, so Trimborns Vision, eröffnet der Bundespräsident eine neue Dauerausstellung: „Hier will man künftige Generationen über den historischen Kontext der Nazi-Olympiade informieren und ein kritisches Gedenken fördern. Ziel der Dauerausstellung sei es, auch dann noch die Erinnerung an das Gewesene aufrechtzuerhalten, wenn das Stadion durch eine weitere Olympiade endgültig aus dem langen Schatten des ‚Dritten Reichs’ heraustreten wird.“ (S. 151) Trimborn hat eine Leitvorstellung, wie mit der Vergangenheit richtig umzugehen sei. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen, doch verstellt es ihm den Blick. Statt zu beobachten, zu beschreiben und vielleicht auch zu verstehen, überprüft er, ob die Vergangenheit ausreichend und angemessen thematisiert wird.

Lohnt es sich, knapp 20 Euro für das Buch auszugeben? Ich finde nicht. Letztlich handelt es sich um eine Artikelsammlung, die unter einem peppigen Titel einige zum Teil unterhaltende Texte zu bieten hat. Die gut 200 Seiten kommen durch ein offenbar für schwachsichtige Leser gewähltes Layout zustande. Fotos gibt es keine, sondern lediglich eine Karte, die erahnen lässt, wo die Orte zu finden sind. Trotz dieses insgesamt eher unbefriedigenden Versuchs geben Porombka und Schmundt mit ihrem Sammelband einen berechtigten Impuls: Eine breiter angelegte Bestandsaufnahme von Orten nationalsozialistischer Selbstdarstellung und ihrer heutigen Rezeption liegt bisher nicht vor. Eine solche Topographie und Ethnographie müsste sowohl lokale Besonderheiten als auch die an vielen Orten ähnlichen Struktur- und Konfliktmuster herausarbeiten.

Anmerkungen:
[1] Es wäre übrigens eine lohnende Forschungsaufgabe, das deutsche Argumentieren mit „dem Ausland“, tatsächliche ausländische Bewertungen des deutschen Umgangs mit dem Nationalsozialismus und das Wechselverhältnis beider Ebenen genauer nachzuzeichnen.
[2] Wolfgang Köpp war bis 2001 Bürgermeister von Alt Rehse; er betätigt sich als Ortschronist und Hobbyhistoriker.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.07.2005
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