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Titel
Der 20. Juli 1944. Eine Replik


Autor(en)
Zeidler, Manfred
Reihe
Berichte und Studien 48, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.
Erschienen
Göttingen 2005: V&R unipress
Anzahl Seiten
106 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Kißener, Historisches Seminar, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 hat es jenseits geglätteter Filmproduktionen und Feiertagsreden seit rund 60 Jahren schwer, in der deutschen Historiografie einen angemessenen Platz zu behaupten.[1] Im bequemen Schreibtischstuhl hält mancher auf dünnster Quellengrundlage urteilende Kritiker von heute vieles für unzulänglich, was die mitten im Kriegsgeschehen agierenden Verschwörer unter Einsatz ihres Lebens taten. Kein Handlungsmotiv scheint rein genug, kein Zukunftsentwurf demokratisch genug, um einer nüchternen Erinnerung fern von politischen Voreingenommenheiten wert zu sein. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu begrüßen, dass Manfred Zeidler dem 20. Juli 1944, wie es im Untertitel seines Bandes heißt, eine „Replik“ gewidmet hat. Wer dahinter allerdings eine gründliche, quellengesättigte Auseinandersetzung mit den vielfältigen (Fehl-)Interpretationen und Entstellungen erwartet, die über den Attentatsversuch produziert worden sind, wird schnell enttäuscht. Zeidler will „lediglich zu einigen ausgesuchten Fragen im Kontext des Themas Stellung nehmen“ (S. 8), und so gerät der ganze, nur 75 Seiten umfassende Text auch mehr zu einem Essay als zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit Forschungspositionen.

Für Zeidler verkörpert der 20. Juli 1944 „den einzig ernsthaften Versuch, das Regime Adolf Hitlers durch Deutsche selber zu beseitigen“ (S. 7). Auf dieser durchaus anfechtbaren Prämisse – wo wäre zum Beispiel der offenbar einmal mehr vergessene Hitlerattentäter Georg Elser dann einzuordnen? – basieren seine Betrachtungen. Dabei wendet er sich zunächst und sehr generell gegen einige gelegentlich geäußerte Ansichten über den 20. Juli, die ihm ganz falsch erscheinen. So verwirft er den Gedanken, das Attentat hätte im Falle des Gelingens ein sofortiges Kriegsende herbeiführen und Millionen von Menschenleben retten können (S. 15). Er spekuliert vielmehr, dass man lange um einen Waffenstillstand hätte verhandeln müssen, wobei die innenpolitische Lage kaum absehbar gewesen wäre. Auch das Verhalten der Angeklagten in der Gestapohaft erscheint ihm kritikwürdig. Was „trieb etwa einen Carl Goerdeler dazu, sich nach seiner Verhaftung [...] der Gestapo gegenüber so auskunftsfreudig zu geben und ihr durch seine detaillierten Aussagen erst den ganzen Umfang des zivilen Teils der Verschwörung zu offenbaren?“, fragt Zeidler (S. 20), ohne die von ihm reichlich zitierten Kaltenbrunner-Berichte quellenkritisch zu werten oder die Möglichkeit von Folter, Drogeneinsatz oder angesichts der Todesdrohung nachvollziehbarem Selbstschutz zu diskutieren.

Während über solche Fragen insgesamt recht ausführlich räsoniert wird, stehen die jüngsten Einwendungen gegen den 20. Juli (Christian Gerlach, Johannes Hürter), die eine äußerst verspätet einsetzende Moral bei zentral wichtigen Personen wie Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff oder Henning von Tresckow nach langer Beteiligung an Kriegsverbrechen an der Ostfront kritisieren, zunächst eher im Hintergrund und werden ohne konkrete Auseinandersetzung mit den vorgebrachten Argumenten und Quellen nur indirekt aufgenommen. Vor allem weist Zeidler in diesem Zusammenhang bedenkenswerterweise darauf hin, dass solche Einwendungen weder neu sind (vgl. die Arbeiten von Manfred Messerschmidt zur Wehrmacht im NS-Staat), noch dass von den Attentätern selbst je bestritten worden wäre, für das Geschehen mitverantwortlich oder gar mitschuldig geworden zu sein: „Doch verliert jemand die Tauglichkeit zum ‚Vorbild’, wenn er schuldhafte Erfahrungen mit dem Unrecht macht, um schließlich daraus den Anstoß zum Handeln zu gewinnen, zur radikalen Wendung gegen diejenigen, von denen dieses Unrecht ausgeht und die mit immer neuen Zumutungen andere zur Komplizenschaft nötigen?“ (S. 29), fragt Zeidler wohl zu Recht.

Den meisten Raum nimmt vor diesem Hintergrund dann die Auseinandersetzung mit der Kritik an den politischen Zielvorstellungen und dem nach Zeidler letztlich zentralen moralischen Grundantrieb der Verschwörer ein. Hier wird insbesondere auf die in ihrer Endphase diskreditierte Weimarer Republik abgehoben, die in den Augen der Verschwörer nicht Opfer, sondern Ursache Hitlers gewesen war. Auch die Schwierigkeit, für eine ungewisse Zukunft zu planen, betont Zeidler nachdrücklich. So sei es am Ende vor allem ein moralischer Konsens gewesen, der Antrieb des Attentats war, da ein politischer Konsens, wie er sich im Angesicht der totalen Niederlage erst nach 1945 eingestellt habe, 1944 noch nicht erreichbar gewesen sei. Daher erscheint Zeidler der 20. Juli vor allem als „moralisches Fanal“, das sich in dieser Funktion auch genügte (S. 59).

Zeidlers Betrachtungen über den 20. Juli 1944 bieten also einige erwägenswerte Anhaltspunkte für eine Auseinandersetzung mit der Kritik am 20. Juli 1944; eine hinlängliche „Replik“ darauf stellen sie aber nicht dar. Die Ausarbeitung schließt mit einem sechsseitigen Literaturverzeichnis und dem Abdruck von fünf Quellenstücken, die den Band auf einen Umfang von 106 Druckseiten bringen.

Anmerkung:
[1] Siehe etwa den Themenschwerpunkt „Der 20. Juli 1944. Beiträge und Materialien zum 60. Jahrestag des Umsturzversuches“: <http://www.zeitgeschichte-online.de/md=20Juli1944-Inhalt>.

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Veröffentlicht am
13.07.2005
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