Cover
Titel
Schwarz, Rot, Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945


Autor(en)
Reichel, Peter
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
€ 17,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Buchner, Katholische Nachrichten-Agentur, Hamburg

Peter Reichels Buch berührt ein Thema, das in Deutschland nach der Erfahrung des propagandistischen Missbrauchs von Symbolen im "Dritten Reich" lange mit einem gewissen Tabu behaftet war. Durch den zeitlichen Abstand und die Herausbildung neuer Formen und Schwerpunkte staatlicher Versinnbildlichung, bedingt nicht zuletzt durch die Gründung eines neuen Nationalstaats, hat sich die deutsche "Symbolmüdigkeit" [1], die zuweilen mit mangelndem Patriotismus verwechselt wurde, weitgehend gelegt. Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, gehen die Deutschen inzwischen fast ebenso unbefangen mit ihren nationalen Farben, Gesängen und Feiertagen um wie Franzosen, Briten und Italiener. Symbole sind deutsche Normalität. Schwarz-rot-gold hat längst in den Kleingärten Einzug gehalten, die Debatten um die Schultauglichkeit von "Einigkeit und Recht und Freiheit" wirken ebenso akademisch wie erheiternd. Der 3. Oktober wird von der Bevölkerung gut angenommen und trotzt sowohl regierungsamtlichen Anfechtungen als auch regelmäßigen publizistischen Schmähungen. In diesen Tenor stimmt leider auch Reichel ein, der den herbstlichen Feiertag pauschal als "blass und unpopulär" (S. 11) abqualifiziert. Zudem irrt er, wenn er die Wahl des Tages auf "Terminnöte" (S. 95) zurückführt. Der 3. Oktober wurde gewählt, weil man die New Yorker KSZE-Sitzung am 1. und 2. Oktober 1990 abwarten wollte, bei der Außenminister Genscher über die Modalitäten des Zusammenschlusses von Bundesrepublik und DDR informierte. Deutschland tat gut daran, seine Vereinigung international einzubetten.

Dies allerdings ist eine der nur wenigen Unzulänglichkeiten in dem meinungsstark und sprachmächtig verfassten Buch des Hamburger Historikers, der in Sachen Erinnerungskultur bereits durch eine Reihe einschlägiger Veröffentlichungen hervorgetreten ist.[2] Das Feld der klassischen nationalen Symbolik ist zudem in der Wissenschaft und auf dem Buchmarkt schon lange nicht mehr bestellt worden; die "Erinnerungsorte" haben einen anderen Ansatz.[3] "Schwarz-Rot-Gold" gibt einen Überblick über den deutschen Symbolbestand der beiden vergangenen Jahrhunderte und beschränkt sich keineswegs auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die der Untertitel nahe legt. Der erste Teil des Buches behandelt Farben, Hymnen und Jahrestage. Die bekanntesten deutschen Nationalsymbole, die schwarz-rot-goldene Fahne und das Deutschlandlied, deren dritte Strophe "Einigkeit und Recht und Freiheit" heute Staatshymne ist, stammen aus der national-freiheitlichen Tradition von 1848. Die Farben entstanden schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts im berühmten Freikorps Lützow, allerdings eher aus praktischen Erwägungen als unter Bezug auf eine angebliche Reichstradition. Am Flaggenkompromiss von 1919, mit dem die Weimarer Republik schwarz-rot-gold mit dem kaiserlichen schwarz-weiß-rot gleichstellte, lässt Reichel kein gutes Haar; Alternativen hingegen zeigt er nicht auf. Vielmehr gab es in der Weimarer SPD sogar Überlegungen, schwarz-weiß-rot unter Hinweis auf die Verbindung der preußischen Farben mit dem sozialistischen Rot durchzusetzen. Noch in der entstehenden DDR wurde schwarz-weiß-rot als Nationalflagge erwogen (S. 28).

Beim Haydn/Hoffmannschen Deutschlandlied verweist Reichel zu Recht auf die Ambivalenz von kaiserlich-österreichischer Melodie und national-freiheitlichem Text, der später unter der Prämisse des "über alles" zu Missverständnissen einlud. Erst der sozialdemokratische Reichspräsident Ebert machte das Lied 1922 unter Betonung von "Einigkeit und Recht und Freiheit" zur Nationalhymne, Heuss und Adenauer bestätigten dies in den 1950er-Jahren, Weizsäcker und Kohl legten nach der Vereinigung die dritte Strophe als alleinige Hymne fest. Auch das DDR-Staatslied "Auferstanden aus Ruinen" von Hanns Eisler und Johannes R. Becher kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Seit den 1970er-Jahren war der Text wegen der Zeile "Deutschland einig Vaterland" nicht mehr gesungen worden.[4] Im Prozess der Vereinigung verweist Reichel sowohl auf Bemühungen, beide Lieder zu verschmelzen, als auch auf Initiativen, die Bertolt Brechts anrührende "Kinderhymne" von 1950 zum deutschen Nationallied machen wollten (S. 47). Als wichtigste Jahrestage nimmt er den 17. Juni der aufständischen DDR in den Blick, zudem den 20. Juli, der sich im Westen erst mit Gustav Heinemanns Rede von 1969 durchsetzte, den 8. Mai in der Ambivalenz von Befreiung und Niederlage sowie den deutschen Tag schlechthin, den 9. November zwischen "Triumph und Trauer" (S. 89). Reichel räumt indirekt ein, dass er als nationaler Feiertag nicht in Frage kommt.

Denkmäler und Staatsbauten stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils des Buches, der sich stark auf die Gegenwart und Berlin konzentriert. Das Brandenburger Tor nennt Reichel nicht zu Unrecht ein "nationales Logo" und schildert souverän die Geschichte des 1789 begonnenen Bauwerks. Über die Frankfurter Paulskirche, den Urgrund der deutschen Demokratie, geht der Autor etwas zu schnell hinweg. Auch die Bonner Staatsbauten, die Reichel für ihre Sachlichkeit und Zurückhaltung lobt, tauchen nur am Rande auf (S. 141f.); vielleicht hätten sie ein eigenes Kapitel verdient gehabt. In Berlin wird dagegen die bis heute nachwirkende symbolische Konkurrenz von Reichstag und Stadtschloss deutlich, die beim geplanten Wiederaufbau des barocken Hohenzollern-Palastes zu bedenken ist (S. 129). Die Neue Wache führt der Autor als Beispiel vor, wie man staatliche Symbolpolitik nach der Wiedervereinigung nicht inszenieren sollte. Gegen das Holocaust-Mahnmal [5] zieht er unter Eberhard Diepgens bösem Diktum von der "Hauptstadt der Reue" mit altbekannten künstlerischen und erinnerungskulturellen Argumenten zu Felde und bezeichnet Stelenfeld und "Ort der Information", der seit Eröffnung im Mai 2005 bereits von 300.000 Menschen besucht wurde, als "weitgehend entbehrlich" (S. 165). Reichel fürchtet, die nahe gelegene "Topographie des Terrors" könne geschichtspolitisch ins Abseits geraten (S. 166). Viel Lob findet er hingegen für das neue Kanzleramt, auch wenn er sich eine Spur Ironie nicht verkneifen kann und von einer "effektvollen Show-Architektur der Mediendemokratie" spricht (S. 175f.). Er erkennt an, dass die Symbolik der Berliner Republik nicht in die Wilhelmstraße zurückstrebt, sondern dem Parlament und der Ost-West-Linie Reverenz erweist.

Erschreckend deutlich wird in dem essayistisch verfassten, aber wissenschaftlich fundierten Buch, wie stark antifranzösisch viele deutsche Nationalsymbole waren, nicht nur der "Dreifarb" schwarz-rot-gold, Gegenpol zur Trikolore, und das Deutschlandlied. Der Reichstag wurde zum Teil aus französischen Reparationen finanziert, das Brandenburger Tor wurde erst mit der Rückkehr der von Napoleon geraubten Quadriga zum nationalen Symbol, auch die Neue Wache entstand in Abkehr vom vermeintlichen westlichen Erbfeind. Reichel bietet weitere überraschende Einsichten, die über manche Ungenauigkeiten hinwegsehen lassen, so bereits in der Einleitung, wo er eine Bemerkung eines zeitgenössischen Journalisten über Brandts Kniefall 1970 in Warschau nicht kennzeichnet (S. 13), oder die falsche Schreibweise Johann Joachim Winckelmanns. Wenn sich aber deutsche Historiker lange genug haben anhören müssen, zu sehr fachimmanent und zu wenig für das breite Publikum zu schreiben, so liefert Reichel eines von vielen Beispielen, die diesen Vorwurf entkräften. Das Buch geizt nicht mit Meinung, was bei Symbolen sein muss, denn sie unterliegen ja dem täglichen Meinungsstreit und der Neubewertung. Zugleich ist es interessant und bedenkenswert auch noch dort, wo Reichel in die Irre geht. Dem Band ist eine breite Leserschaft zu wünschen. Reichel schreibt ganz im aufklärerischen Geiste von George Bernard Shaw, der einst schrieb: "Eine gesunde Nation ist sich ihrer Nationalität so wenig bewusst wie ein gesunder Mensch seiner Knochen."[6]

Anmerkungen:
[1] Rabbow, Arnold, Symbole der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Niedersachsen, hg. von der [niedersächsischen] Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1980, S. 7.
[2] Reichel, Peter, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München 1995, siehe die Rezension in <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=332>; Ders., Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001; Ders., Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater, München 2004, siehe die Rezension in <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-3-093>.
[3] Die letzten Gesamtdarstellungen sind lange vergriffen: Hattenhauer, Hans, Geschichte der deutschen Nationalsymbole. Zeichen und Bedeutung (Geschichte und Staat 285), München 1984; Kuhn, Ekkehard, Einigkeit und Recht und Freiheit. Die nationalen Symbole der Deutschen, Berlin am Main 1991; vgl. Francois, Etienne; Schulze, Hagen (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bände, München 2001; Nora, Pierre (Hg.), Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005.
[4] Zu den deutschen Hymnen siehe: Knopp, Guido; Kuhn, Ekkehard, Das Lied der Deutschen. Schicksal einer Hymne, Berlin 1988; Amos, Heike, Auferstanden aus Ruinen... Die Nationalhymne der DDR 1949 bis 1990, Berlin 1997.
[5] Leggewie, Claus; Meyer, Erik, "Ein Ort, an den man gerne geht". Das Holocaust-Mahnmal und die Geschichtspolitik nach 1945, München 2005; siehe die Sammelrezension in <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-218>.
[6] Zit. nach Knopp; Kuhn (wie Anm. 4), S. 16.

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Veröffentlicht am
09.02.2006
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