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Titel
Die Antike und das Meer.


Autor(en)
Schulz, Raimund
Erschienen
Darmstadt 2005: Primus Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Linz, Historisches Institut, Universität Potsdam

Das Mittelmeer und die angrenzenden Regionen bilden den geografischen Mittelpunkt der antiken Welt. Ohne den Austausch von Waren, Ideen und Technologien über das Mittelmeer und ohne seine Nutzung als militärische und politische Projektionsfläche erscheint die antike Kultur undenkbar. Sie unterscheidet sich darin von den kontinental geprägten Kulturen des alten Chinas wie des alten Indiens. Es ist verblüffend, dass es bisher nur eine unübersehbare Fülle von Spezialuntersuchungen zu - fast - allen Aspekten der maritimen Geschichte der Antike gab, jedoch noch keine "Gesamtdarstellung über die Bedeutung der Meere für die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Antike existiert".1 Raimund Schulz, der diesen Mangel noch zu Beginn des Jahres attestierte, hat sich dieses Desiderats angenommen.

Er legt eine Darstellung vor, die grundsätzliche Fragen zum Verhältnis zwischen den antiken Menschen und dem Meer beantworten will. Schulz ist dafür prädestiniert, bildet dieses Thema doch seit 1998 einen Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit. Die vorliegende Monografie ist ein (erstes?) Fazit seiner wissenschaftlichen Forschung und macht einige seiner Arbeiten, die bisher meist als Artikel in Fachveröffentlichungen vorliegen, einem breiten Publikum zugänglich. Schulz geht es um das "Verständnis des Gesamtphänomens" der engen Verbindung des antiken Menschen mit dem Meer und ihre Bedeutung für die Entwicklung von Politik, Kultur und Mentalitätsstrukturen antiker Gesellschaften (S. 7). Er will einem breiten Publikum die vielen Facetten und Einflüsse aufzeigen, die sich bieten, wenn die Alte Geschichte quasi vom Meer aus gesehen wird. Oftmals bürstet er bisherige Forschungsergebnisse und lieb gewonnene Vorurteile gegen den Strich. Der Rahmen der Untersuchung ist thematisch und zeitlich - von der Welt des Homer bis zur Hohen Kaiserzeit - weit gefasst, doch Ziel ist es, die "ununterbrochene Vernetzung mediterraner Kulturen" mit dem gemeinsamen Fixpunkt Meer aufzuzeigen (S. 14). Da das Mittelmeer den antiken Entdeckern schnell zu klein wurde, ist es gerade die Eroberung der Randmeere - Rotes Meer und Atlantik -, die eine prominente Rolle in der Darstellung spielt.

In fünfzehn Kapiteln wird die Gesamtgeschichte der griechisch-römischen Antike chronologisch wiedergegeben. Schulz' Konzentration auf Interdependenzen zwischen der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der griechisch-römischen Kultur und der zunehmenden maritimen Nutzung des Meeres lässt Strukturmuster hervortreten, die sich in verschiedenen Zeitabschnitten der antiken Geschichte wiederholen. Er zeigt, wie sehr die Seefahrt maßgeblich die wirtschaftliche Ordnung und die politische Struktur antiker Gemeinwesen bestimmte. Die wichtigsten politischen Ereignisse und wirtschaftlichen Entwicklungen der Phasen antiker Geschichte - homerische Welt, Polisgesellschaft, athenische Thalassokratie, römische Republik, Prinzipat, um nur einige zu nennen - werden in enger Verbindung mit der See erzählt und interpretiert. Bei reicher Nutzung antiker literarischer und bildlicher Quellen schreibt Schulz die Geschichte nicht neu, er unterlegt sie mit anderen Verflechtungen, Strukturen und Kausalitäten. Gerade die Querverbindungen auf die Entwicklung der Mentalitäten erweisen sich dabei als sehr fruchtbar.

Für Schulz ergibt sich ein Grundmuster antiker Seegeschichte: Die wirtschaftliche Notwendigkeit und Attraktivität von maritimen Fernhandel, die sowohl für eine Vielzahl der griechischen Poleis wie auch für Rom bestanden, lösten die Schaffung von schlagkräftigen Marineverbänden aus, die diesen Handel schützen sollten. Schnell entwickelte sich eine Eigendynamik, die den Wunsch nach maritimer Sicherheit zu einer Expansionspolitik werden ließ. Das Konzept der Seemacht, das sich daraus entwickelt, wird für die führenden Staaten der Antike zum politischen Hauptcredo. Innenpolitisch sorgte die Konzentration auf die Seefahrt für eine Ausdifferenzierung der Gesellschaft und nahm maßgeblichen Einfluss auf die Verfassungsentwicklungen - Tyrannis, Demokratie und die Entstehung des Prinzipats sind für Schulz primär Folge der Seefahrt und ihrer Anforderungen an das Gemeinwesen. Als Ort der ungebändigten Natur und der Gefahren hatte die See einen entscheidenden Einfluss auf die Mentalitäten. Sie war Stimulus für die Entwicklung der Kultur und der Wissenschaft. Das Vordringen der Seefahrer in immer weitere Gefilde und das zunehmende Selbstvertrauen in die Navigationskünste sorgten für eine Horizonterweiterung im Denken der Menschen, die sich auch auf andere Lebenslagen niederschlug. Die Sicht, die der antike Mensch auf das Meer gewann, sollte rund ein Jahrtausend Bestand haben, bis die große Welle der Entdeckungen in der Frühen Neuzeit Veränderungen bewirkte. Hier ergibt sich ein sehr viel versprechender Ansatz zu epochenübergreifenden Betrachtungen, wie Schulz sie immer wieder vornimmt.2

Zwei Grundthemen, die die Aufmerksamkeit des Lesers erregen, durchziehen die Darstellung: Zum einen wird die Rolle der Aristokratie bei den maritimen wirtschaftlichen und militärischen Unternehmungen von Schulz herausgearbeitet. In der homerischen Welt versuchen junge Adlige, durch Piratenzüge zu Ruhm und Reichtum zu kommen; später, im klassischen Griechenland, sind es gerade Politiker aus der Aristokratie wie Themistokles (S. 85ff.) und Alkibiades (S. 121), die in Athen ihr politisches Schicksal mit maritimer Rüstung und Flottenunternehmungen verbinden. In Rom ist es die Senatsaristokratie, die im Überseehandel reich wird und sich wie Cato der Ältere (S. 172ff.) dieses Geschäft auch nach der Lex Claudia nicht nehmen lässt. Für den politischen Aufstieg eines römischen Senatspolitikers ist es schließlich verlockend, einen maritimen Triumph zu erringen, denn das Prestige ist um ein vielfaches höher als der Gewinn einer Landschlacht oder einer Belagerung. Dies untermauert Schulz mit der Feststellung, dass es erbeutete Schiffsschnäbel sind, die die zentrale Rednertribüne Roms schmücken und damit erst zur Rostra machen (S. 153). Die Rivalität zwischen Caesar und Pompeius ist daher auch in erster Linie ein Wettkampf zur See. Schulz fasst zusammen, dass es das Meer ist, das "dem Adligen oft die einzige Möglichkeit [bot], der Enge der heimatlichen Welt zu entfliehen und unbedrängt von innenpolitischem Hader, adliger Gruppenkontrolle oder staatlichen Institutionen seinen Traum von Freiheit, Ruhm und Ehre zu verwirklichen" (S. 26).

Das andere Grundthema der Darstellung ist das Anliegen von Schulz, Vorurteile und Legenden in der Geschichte der Antike aus dem Weg zu räumen oder zumindest dazu anzuregen, über sie nachzudenken. So etwa die Darstellung der Karriere Caesars:3 Caesar ist für Schulz in erster Linie ein versierter Seestratege, der von seiner ersten Quaestur in Hispanien bis zu seinem Gallienfeldzug plant, eine prestigeträchtige Seeexpedition nach Britannien zu unternehmen und damit nicht untypisch ist für ambitionierte Aristokraten (S. 184ff.). Dieser Blickwinkel provoziert, regt aber zum erneuten Selbststudium an. Ebenso verhält es sich bei einigen anderen Beispielen, die Schulz aus der Forschung aufgreift, wie der Charakterisierung des Orakels von Delphi als ein "Informationszentrum" für die griechische Kolonisationsbewegung (S. 40) - für Schulz liegt der Ursprung der Strategie des Themistokles bei Salamis in Delphi (S. 88) - und die Neuinterpretation der römischen Wunderwaffe des 1. Römisch-Karthagischen Krieges, des Corvus, der wohl eher ein Enterhaken als eine Enterbrücke war (S. 159). Dass der Bürgerkrieg zwischen Oktavian, Sextus Pompeius und Antonius primär in Form von Seegefechten stattfand, erklärt sich für Schulz nicht nur aus strategischen Gründen. Vielmehr war es das politische Prestige und der Ruhm, den ein Triumph zur See mit sich brachte, der die Protagonisten immer wieder zur See die Schlacht suchen ließ (S. 192f.). Solche Beispiele gibt es viele, und sie machen die Lektüre anregend.

Erläuterungen zur Geografie des Mittelmeers und grundsätzliche Fragen zur antiken Schiffbautechnologie werden dagegen nur am Rande erwähnt. Wünschenswert wäre ein allgemein gehaltenes Kapitel zur historischen Geografie der See in der Antike und zu den technischen Möglichkeiten im maritimen Verkehr gewesen. Dies hätte die Darstellung ergänzt und Hintergrundwissen zur Einordnung vieler Fakten gegeben.4 Unverständlich ist in diesem Zusammenhang das Fehlen einer Karte, auf der die wichtigsten im Text genannten Städte und Regionen verzeichnet sind. Einer breiten Leserschaft, die das Buch ansprechen will, würde es sehr helfen. Die einzige verwendete Karte ist eine Rekonstruktion der Erdkarte des Hekataios (S. 75) - ein Hinweis auf die Problematik antiker Karten fehlt aber.5

Raimund Schulz bringt mit der vorliegenden Darstellung einem breiten Publikum erstmals ein ungemein interessantes und wichtiges Thema nahe. Die Bedeutung des Meeres für die Entwicklung der antiken Politik, Wirtschaft, Kultur und Mentalität erfährt hier die notwendige Aufmerksamkeit. Der neue Blickwinkel auf die antike Geschichte, den man bei der Lektüre einnimmt, gibt viele Anregungen. Die flüssig geschriebene, sehr detailreiche Darstellung wird jeden Leser erfreuen. Dass man sich an einigen Stellen dann doch noch mehr Details wünscht, zeigt, wie sehr es Schulz gelingt, das Interesse des Lesers zu wecken. Es steht zu hoffen, dass diese Arbeit die Antike und das Meer in den Fokus eines weitergehenden Interesses der Wissenschaftsgemeinschaft bringen wird.

Anmerkungen:
1 Schulz, Raimund, Die Antike und das Meer. Forschungsstand, offene Probleme und neue Perspektiven, in: Gymnasium 112 (2005), S. 133-158, hier S. 134.
2 Vgl. dazu Schulz, Raimund (Hg.), Aufbruch in neue Welten und neue Zeiten. Die großen maritimen Expansionsbewegungen der Antike und Frühen Neuzeit im Vergleich (HZ-Beiheft N. F. 34), München 2003.
3 Ein früherer Aufsatz von Schulz findet hier eine pointierte Zusammenfassung, vgl. Schulz, Raimund, Caesar und das Meer, in: HZ 271 (2000), S. 281-309.
4 Wie kurz und bündig und doch informativ eine solche Einführung sein kann, beweist Starr in seiner kurzen Abhandlung zur Seemacht in der Antike, vgl. Starr, Chester G., The Influence of Sea Power on Ancient History, New York 1989, S. 7f.; außerordentlich gut sind die diesbezüglichen Artikel von Heinz Warnecke in: Sonnabend, Holger (Hg.), Mensch und Landschaft in der Antike. Lexikon der Historischen Geographie, Stuttgart 1999.
5 Die Frage, ob es in der Antike Karten im heutigen Verständnis gegeben hat, wird sehr kontrovers debattiert. Vgl. dazu: Brodersen, Kai, The Presentation of Geographical Knowledge for Travel and Transport in the Roman World. Itineraria non tantum adnotata sed etiam picta, in: Adams, Colin; Laurence, Ray (Hgg.), Travel and Geography in the Roman Empire, London 2001, S. 7-21.

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