D. Sedlaczek u.a. (Hrsg.): "Minderwertig" und "asozial"

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Titel
"Minderwertig" und "asozial". Stationen der Verfolgung gesellschaftlicher Aussenseiter


Herausgeber
Sedlaczek, Dietmar; Lutz, Thomas; Puvogel, Ulrike; Tomkowiak, Ingrid
Erschienen
Zürich 2005: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
198 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Faludi, Historisches Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Nachdem sich die Zeitgeschichtsforschung seit nunmehr über sechzig Jahren mit den zwölf Jahren des „Dritten Reiches“ auseinandersetzt, scheint es kaum noch relevante Themenbereiche zu geben, die noch nicht erfasst wurden. Und doch gibt es noch jene weißen Flecken, ohne die ein kontextualisiertes Bild der Verfolgung und Ausgrenzung im Nationalsozialismus unmöglich erscheint. So bot etwa 2003 die Geschichte einer Gruppe „vergessener Opfer“(S. 185) in den Konzentrationslagern Anlass zu einem bundesweiten Gedenkstättenseminar in Northeim und Moringen. Aus ihm ging der vorliegende Sammelband über die „Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter“ hervor. Die Herausgeber und Autoren machen es sich darin zur Aufgabe, die Vorgeschichte nationalsozialistischer Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter genauso ins Blickfeld zu nehmen wie den Vorgang der Ausgrenzung aus der „Volksgemeinschaft“ selbst. Darüber hinaus spannen sie den Bogen zur Gegenwart, indem sie neben der Frage der Wiedergutmachung für „Asoziale“ auch jene nach dem gesellschaftlichen Umgang mit Randgruppen heute stellen.

Andrea Woeldike setzt sich in kulturhistorischer Perspektive mit dem spezifischen Begriff der „deutschen Arbeit“ auseinander, der zur Abgrenzung gegenüber anders interpretierter Arbeit und deren Subjekten führte. Ausgehend von Max Webers Deutung der „protestantischen Ethik“ verfolgt sie den Wandel des menschlichen Habitus gegenüber der Arbeit. Noch vor der Konstituierung der deutschen Nation und verstärkt durch calvinistische Sozialvorstellungen, insbesondere die Vorstellung göttlicher Gnadenwahl, entstand im Puritanismus ein Ideal spezifisch „deutscher Arbeit“, das später zu einem sinnstiftenden Identitätsteil der Deutschen werden sollte. Nicht nur eine gemeinsame Sprache und Kultur, sondern auch ein gemeinschaftliches Verständnis von Arbeit setzten fortan kohäsive Kräfte innerhalb der Gesellschaft frei. Nebenprodukt dieser gruppendynamischen Effekte war aber auch die Abgrenzung gegenüber anders – und durchaus als „minderwertig“ – erachteten Formen von Arbeit.

Ingrid Tomkowiak untersucht in ihrem Beitrag über Eugenik und „Rassenhygiene“ die Vorgeschichte wissenschaftlicher Beiträge zur Ausgrenzung gesellschaftlicher Außenseiter. In Abwandlung der Theorien Charles Darwins glaubten Teile der Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert, eine vermeintliche Degeneration der Gesellschaft, ausgelöst durch die Moderne, verhindern zu können. Eugenische und „rassenhygienische“ Denkmuster etablierten sich nicht zuletzt als Folge der Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. Die akademische Anerkennung und die damit einhergehende staatliche Förderung macht Tomkowiak für eine zunehmende Habitualisierung des Gedankenguts in der Gesellschaft verantwortlich. Durch Institutionalisierung wurde das Gedankengut zu sozialer Wirklichkeit. Die zunächst nur als Notwendigkeit erachtete Ausgrenzung gesellschaftlicher Außenseiter erlebte ihren Höhepunkt und ihre praktische Umsetzung im Dritten Reich. Hier wurden neben legislativen Grundlagen auch jene organisatorischen Mittel bereitgestellt, die schließlich zu Euthanasie, Zwangssterilisation und Internierung führten. Ein weiterer Punkt in Tomkowiaks Aufsatz beschäftigt sich mit den „eugenischen Tendenzen in der BRD“ (S. 46). Hier konstatiert sie nicht nur Kontinuitäten in den Vorstellungen, sondern auch beim Personal der betreffenden Positionen und Einrichtungen.

Die beiden Aufsätze von Wolfgang Ayaß über die Verfolgung der „Asozialen“ im Nationalsozialismus gehen von sich zunehmend radikalisierenden Schritten aus. Während die Maßnahmen in den ersten Jahren des Dritten Reiches gegenüber „Gemeinschaftsfremden“ noch vergleichsweise moderat ausfielen, erkennt Ayaß in der Durchführung der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ eine Zäsur. Denn diese zentral gesteuerte reichsweite Verhaftungsaktion brachte erstmals massenhaft „Asoziale“ in die Konzentrationslager und schuf damit eine neue Häftlingskategorie.

Die Kriminalpolizei als besonderen Bestandteil nationalsozialistischer Verfolgung von „Asozialen“ betrachtet Thomas Roth. Er konstatiert dabei, dass die kriminalpolizeiliche „Ideologie“ sich nach dem Untergang der Weimarer Republik zunehmend mit Expansions- und Kontrollphantasien aufgeladen hätten. Das Repressionsinstrument der „vorbeugende[n] Verbrechensbekämpfung“ führte dabei zu einem „selektiven Terror“ (S. 70), der sich in den Dienst kriminalbiologischer Lösungen zur „Gesundung des Volkskörpers“ stellte. Auch Roth geht von einer personellen wie einer Kontinuität gewisser Denkmuster im Nachkriegsdeutschland aus.

Christa Schikorra untersucht die ab 1938 in den Konzentrationslagern neu entstandene Häftlingsgruppe mit dem „Schwarzen Winkel“. Auf Grundlage ihrer Untersuchungen der Häftlingsgesellschaft im Konzentrationslager Ravensbrück beschreibt sie die „Asozialen“ als eine durchweg heterogene Gruppe. Durch ihre unterschiedliche Herkunft, die Vielfalt ihrer Charaktere und verschiedene Weltanschauungen sei es demnach nicht möglich gewesen, innerhalb dieser Häftlingskategorie eine verbindende Identität aufzubauen. Anhand von Schikorras Darstellungen wird besonders deutlich, wie dramatisch eine gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, in diesem Fall die Erfindung und Zuschreibung einer sozialen Gruppe, sich entwickeln kann, wenn sich deren Mitglieder nicht selbst diesem Verbund zugehörig fühlen. Denn auch die Isolation der „Gemeinschaftsfremden“ außerhalb der Konzentrationslager verstärkte sich in ihnen noch weiter. Den Individuen war somit jegliche Grundlage für notwendige Strategien des Überlebenskampfes entzogen.[1]

Einen Schritt zunehmender Radikalisierung im Nationalsozialismus gegenüber „Asozialen“ beschreibt Martin Guse anhand der Jugend-Konzentrationslager Moringen und Uckermark. Ausgehend vom in der Weimarer Republik entstandenen „Bewahrungsgedanken“ für „unerziehbare“ Jugendliche entstanden auch im Dritten Reich Maßnahmen, die durch „positive Eugenik“ zur homogenen „Volksgemeinschaft“ führen sollten. Während in der Vorkriegszeit hauptsächlich auf das Mittel der Zwangssterilisation zurückgegriffen wurde, befürchteten die Nationalsozialisten nach 1939 endgültig eine „Verwilderung“ der Bevölkerung. In Reaktion darauf wurden „Jugendschutzlager“ (S. 134) nach dem Vorbild der Konzentrationslager installiert. Sie sollten die „Volksgemeinschaft“ vor Jugendlichen mit „kriminellen und asozialen Neigungen“ (S. 135) schützen. Bei den Versuchen, die Heranwachsenden durch „Arbeit und Disziplin“ zu „Volksgenossen“ umzuerziehen, verstarb laut Guse nahezu jeder zehnte Häftling.

Thomas Meier eröffnet mit seinem Beitrag über die Verfolgung der Jenischen in der Schweiz eine internationale Perspektive. Selbst in der für seinen vergleichsweise vorbildlichen Umgang mit Minderheiten bekannten Schweiz griffen eugenische und „rassenhygienische“ Vorstellungen Platz, die bestimmte Volksgruppen bis in die 1970er-Jahre hinein massiv schädigen konnten. Seit den 1920er-Jahren versuchte die Stiftung „Hilfswerk für die Kinder der Landstraße“ den als „asozial“ stigmatisierten Jenischen mit dem Mittel der Kindeswegnahme die Grundlage ihres kulturellen Lebensstils zu entziehen. Von Kommunen, Kantonen, dem Bund und einer Vielzahl freiwilliger Helfer tatkräftig unterstützt wirkte diese Initiative weiter, bis ihre Arbeit 1972 von der Presse aufgedeckt wurde. Bis dahin jedoch wurde die fahrende Volksgruppe der Jenischen, und besonders deren Kinder, über Generationen hinweg psychisch und wohl auch physisch geschädigt.

Einen Bogen in die deutsche Nachkriegszeit spannt auch Lothar Evers mit seinem Aufsatz über die Praktik der Wiedergutmachung für „Asoziale“. Demnach schlossen Formulierungen des Bundesentschädigungsgesetzes Wiedergutmachung für das an „Asozialen“ verübte Unrecht weitgehend aus. Erst der in den 1980er-Jahren beginnende Paradigmenwechsel, der nicht die Motive der Täter, sondern die Opfer in den Mittelpunkt stellte, erwirkte einen vom Bundestag initiierten Härtefonds, aus dem die vormals als „asozial“ eingestuften Opfer finanzielle Unterstützung erfahren konnten.

Zum Schluss beschreibt die Gedenkstättenmitarbeiterin des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen, Agnes Ohm, anhand einer Gedenkveranstaltung ein weiteres Phänomen des Umgangs mit vermeintlich „Asozialen“ in der Gegenwart. Da sich nämlich für die alljährlich stattfindende Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2001 keine geeigneten Protagonisten der damals im Mittelpunkt stehenden Häftlingsgruppe der „Asozialen“ fanden, musste ein von Schülern erarbeitetes Programm Abhilfe schaffen. Für Ohm zeichnet sich hierdurch das Bild einer Personengruppe ab, die keine Lobby für ein öffentliches Bewusstsein habe. Die Kontinuität der Stigmatisierung von „Asozialität“ scheint ihr dabei das grundlegende Problem zu sein.

Zusammenfassend bietet der Band eine nützliche Grundlage zum Verstehen des Kontextes der Ausgrenzung gesellschaftlicher Außenseiter im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Die Spanne der Themen von Vorgeschichte, theoretischen und kulturellen Grundlagen, radikaler praktischer Umsetzung im Nationalsozialismus, internationalem Exkurs bis hin zum gegenwärtigen Umgang mit „Asozialen“ zeichnet ein aufschlussreiches Bild. Wer über die Thematik aber intensiver informiert werden will, der dürfte von dieser Publikation eher enttäuscht sein. Die Vielzahl der integrierten Themenkomplexe gestatten es den Autoren und Herausgebern, nur einzelne Aspekte anzureißen, die auch nur selten eine beschreibende Ebene übersteigen. Stärkeren Tiefgang verspricht wohl nur die Konzentration auf einzelne Fragestellungen. Doch ist das Buch als gelungene Einführung in die Thematik, in ihre historische Kontextualisierung und als Anstoß für weitere Forschungen zweifellos zu würdigen.

Anmerkung:
[1] Vgl. Sofsky, Wolfgang, Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main 1993.

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26.04.2007
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