P. Ullmann: Eine schwierige Nachbarschaft

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Titel
Eine schwierige Nachbarschaft. Die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei von 1945-1968


Autor(en)
Ullmann, Paul
Reihe
Wiener Osteuropa Studien 20
Erschienen
Wien 2006: LIT Verlag
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Volker Zimmermann, Institut für Internationale Studien, Karls-Universität Prag

Paul Ullmann, Autor der vorliegenden Studie, kennt die österreichisch-tschechoslowakischen Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes aus eigener Erfahrung: Von 1979 bis 1983 leitete er die Abteilung II.3 im Wiener Außenministerium, die unter anderem für die ČSSR verantwortlich zeichnete, anschließend war er bis 1987 als Botschafter in Prag tätig. An der Universität Wien hat er im Jahr 2001 eine Dissertation über die bilateralen Kontakte im Zeitraum von 1945 bis 1968 fertig gestellt, die nun in ihrer Druckfassung vorliegt. Ullmann arbeitet somit gewissermaßen die Vorgeschichte seiner eigenen Tätigkeit wissenschaftlich auf. Dabei will er seine Untersuchung „wesentlich als Ereignisgeschichte im Feld der traditionellen diplomatischen Staatengeschichte“ (S. 3) verstanden wissen. Sie beruht auf der Auswertung von Berichten der tschechoslowakischen Gesandtschaft in Wien sowie von Dokumenten der für die Tschechoslowakei zuständigen Abteilung des österreichischen Außenministeriums. Die Darstellung folgt einem chronologischen Ansatz: Nach einer kurzen Einleitung mit einem Rückblick auf die Zeit vor 1945 betrachtet Ullmann zunächst die Jahre 1945 bis zum Prager Februarumsturz 1948, dann erörtert er die Phase 1948 bis zum Abschluss des österreichischen Staatsvertrages 1955 und beschreibt schließlich die Zeit von 1955 bis zum „Prager Frühling“ 1968. Ein knapper Ausblick auf die Jahre bis 1989 stützt sich vor allem auf seine eigenen Erinnerungen und Aufzeichnungen. Im Anhang finden sich 27 Dokumente, die einen unmittelbaren Einblick in die bilateralen Kontakte besonders während der 1940er- und 1950er-Jahre gewähren.

Ullmann bietet einen soliden Überblick über die Themen, die das Verhältnis beider Staaten im Untersuchungszeitraum bestimmten. Dabei sah es nach dem Kriegsende zunächst so aus, als könnten sich die Beziehungen vielversprechend entwickeln: Österreich galt seit der Moskauer Deklaration der Außenminister der USA, der Sowjetunion und Großbritanniens vom 30. Oktober 1943 trotz der dort betonten österreichischen Mitverantwortung an der Teilnahme am Krieg an der Seite Deutschlands als erstes Opfer der NS-Aggression, sodass eine gänzlich andere Ausgangslage als im Verhältnis der Tschechoslowakei zu den deutschen Besatzungszonen herrschte. Wien und Prag waren sehr an guten und engen Beziehungen interessiert. Tschechoslowakische Gebietsforderungen und der kommunistische Februarumsturz warfen aber bald Schatten auf die Nachbarschaft, woran auch die Neutralität Österreichs nichts änderte. Dass es bis in die 1970er-Jahre hinein keine ausgeprägten Kontakte gegeben hat, überrascht daher nicht. Deren Intensivierung zumindest auf offizieller Ebene setzte erst nach dem Abschluss eines Vermögensvertrages im Jahr 1974 ein, durch den die nach 1945 durch Enteignungen entstandenen wirtschaftlichen Verluste österreichischer Staatsbürger abgegolten wurden. Deshalb nehmen in der Studie die Schilderungen der Meinungsverschiedenheiten in dieser bis dahin ungeklärten Frage einen verhältnismäßig breiten Raum ein.

Mit der Vermögensregelung direkt verbunden war schließlich ein wichtiger Aspekt der Beziehungen: die Rolle der nach Kriegsende aus der Tschechoslowakei vertriebenen und zwangsausgesiedelten deutschen Minderheit. Denn deren Integration und Aktivitäten in den Aufnahmeländern beobachteten tschechoslowakische Diplomaten äußerst misstrauisch, wobei im neutralen Österreich bekanntlich weitaus weniger Sudetendeutsche lebten als im gegnerischen Westdeutschland. Da aber Vertriebenenorganisationen bald auch in Österreich aktiv wurden und die Wiener Regierungen lange die Position vertraten, dass die „Neuösterreicher“ (Vertriebene, die nun die österreichische Staatsbürgerschaft besaßen) von einer Vermögensregelung nicht ausgeschlossen werden dürften, nahmen die Sudetendeutschen in den bilateralen Beziehungen einen zentralen Platz ein. Für die Tschechoslowakei war deren Berücksichtigung bei einer Entschädigung nämlich unannehmbar – nicht zuletzt deshalb, weil Prag keinen Präzedenzfall hinsichtlich der in der BRD lebenden Vertriebenen schaffen wollte. Auf diesen engen Zusammenhang deutet auch der Zeitpunkt des Vermögensvertragsabschlusses hin: Nicht zufällig wurde erst nach der Unterzeichnung des „Prager Vertrages“ und der Klärung der gegenseitigen Rechtspositionen zwischen der BRD und der Tschechoslowakei 1973 im Jahr darauf die österreichisch-tschechoslowakische Einigung erzielt.

Außer den divergierenden Ansichten in der Vermögensfrage gab es genügend weitere Gründe für gegenseitiges Misstrauen, etwa den Verdacht Prags, die BRD wolle einen starken Einfluss auf Österreich gewinnen, oder den von der tschechoslowakischen Seite gehegten Argwohn, Bemühungen um Entspannung seien für die Sozialistische Partei Österreichs eine taktische Variante antikommunistischer Politik. Immer wieder für Zündstoff sorgten auch Grenzzwischenfälle, so Anfang der 1950er-Jahre der tschechoslowakische Beschuss österreichischer Viehhüter, nachdem diese auf ČSR-Territorium gelangt waren. Die Tschechoslowakei, so Ullmann, grenzte sich bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrages 1955 stark von Österreich ab und signalisierte erst seit der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre zumindest verbal Verständigungsbereitschaft. Reibungsloser entfalteten sich die Wirtschaftsbeziehungen, wobei sich die Alpenrepublik im Laufe der Zeit zum nach der BRD zweitwichtigsten westlichen Handelspartner der Tschechoslowakei entwickelte.

Die Gesprächsvermerke und Berichte bieten einen interessanten Einblick in die Wahrnehmungsmuster auf beiden Seiten. Dass tradierte Bilder vom Nachbarn sowie ideologisch verengte Sichtweisen das Handeln der Diplomaten beeinflussten, wird an Ullmanns Arbeit sehr deutlich. Dabei sind manche Einstellungen natürlich auf die gemeinsame Zeit von Österreichern und Tschechen in der Habsburgermonarchie zurückzuführen. So meinte 1957 ein österreichischer Gesandter, es sei im „Verhältnis zur Tschechoslowakei bedeutend mehr als zu allen anderen Nachfolgestaaten ein sehr schweres und tief greifendes Ressentiment noch nicht überwunden“ (S. 239), man müsse aber auch an die positiven Seiten des früheren Zusammenlebens anknüpfen. Dies war angesichts des Systemgegensatzes leichter gesagt als getan. Davon zeugen nicht zuletzt die ebenfalls in der Studie thematisierten „medialen Bilder“. Hier scheint sich immerhin in beiden Staaten seit der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre, vor allem aber in den 1960er-Jahren, zumindest phasenweise und zu manchen Themenbereichen eine differenziertere Berichterstattung durchgesetzt zu haben. Die diesbezüglichen Aussagen beruhen jedoch auf einer schmalen Quellenbasis, meist auf zusammenfassenden Berichten der diplomatischen Apparate.

Auch in anderen Bereichen wäre eine breitere Materialgrundlage hilfreich gewesen. Hinsichtlich der Analyse der tschechoslowakischen Österreichpolitik hätte zum Beispiel ein Blick in die Akten der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei wertvolle Informationen zutage fördern können: So wurden schließlich außenpolitische Grundsatzentscheidungen im Politbüro getroffen, mit den Außenbeziehungen war zudem die Abteilung für internationale Verbindungen beim Zentralkomitee betraut. Die Berichte der tschechoslowakischen Gesandtschaft, die Ullmann auswertet, erlauben einen zwar aussagekräftigen, aber letztlich doch eingeschränkten Einblick in die Prager Außenpolitik. Ferner fehlt eine Analyse der Forschungslage zu den tschechoslowakisch-österreichischen Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes, auch wenn diese bisher selten Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen waren. Insofern ist Ullmanns Studie ein informativer Beitrag zu einem bisher vernachlässigten Thema, doch können noch viele Einzelfragen der Beziehungen auf einer erweiterten Materialbasis bearbeitet werden.

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Veröffentlicht am
02.10.2007
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