R. Zurek: Zwischen Nationalismus und Versöhnung

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Titel
Zwischen Nationalismus und Versöhnung. Die Kirchen und die deutsch-polnischen Beziehungen 1945-1956


Autor(en)
Zurek, Robert
Reihe
Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands 35
Erschienen
Köln 2005: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
XIII, 413 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Voßkamp, Essen

Sowohl Ausgangsthese als auch Ergebnis der umfangreichen Studie von Robert Żurek lassen sich schnell zusammenfassen: Zwischen 1945 und 1956 gab es keine nennenswerten Versöhnungsinitiativen zwischen deutschen und polnischen Kirchen, weder auf katholischer noch auf evangelischer Seite. Die Feindbilder saßen tief, und die wunden Punkte (deutsch-polnische Geschichte, NS-Verbrechen in Polen, Vertreibung, Oder-Neiße-Linie) wurden jeweils tabuisiert. Trotz des größeren Handlungsspielraums der westdeutschen Kirchen im Vergleich zur Kirche unter kommunistischen Verhältnissen wurde die religiöse Norm der Versöhnungsbereitschaft nicht handlungsbestimmend. Der ideologische Konsens zwischen christdemokratischen Parteien, Vertriebenen und kirchlicher Hierarchie verhinderte unter dem Einfluss des Kalten Krieges eine differenzierte Wahrnehmung des polnischen Katholizismus und der Belastungen des deutsch-polnischen Verhältnisses. Auf der anderen Seite setzte die Kirchenverfolgung in Polen die dortige katholische Kirche stark unter Druck. Auf beiden Seiten fand eine kritische Reflexion der Vergangenheit zunächst nicht statt.

Rechtfertigt nun dieser ‚negative‘ Befund eine so umfangreiche Studie? Die Antwort lautet (mit Einschränkungen): Ja. Żurek stößt für die Erforschung des deutsch-polnischen Verhältnisses im 20. Jahrhundert in eine wichtige Lücke vor. Die immer wieder beschworene Rolle der Kirchen im Versöhnungsprozess stand jüngst anlässlich des Papstbesuches in Polen wieder auf der Tagesordnung. Dazu jährten sich im Jahr 2005 zum 40. Mal der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe[1] sowie die Denkschrift der evangelischen Kirche Deutschlands „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“.[2] Sind schon die inzwischen zu Symbolen erstarrten Akten der Versöhnungsbereitschaft hinsichtlich ihrer Wirkung zu hinterfragen, so gilt das erst recht für die Vorgeschichte.

Ungewöhnlich für eine historiografische Arbeit erscheint die eher moral-theologische denn historische Fragestellung. Żurek argumentiert einleitend, dass die fehlenden Versöhnungsinitiativen „in Spannung zum Wesen und zur Ideologie der christlichen Kirchen“ (S. 5) und dem Gebot der Nächstenliebe stünden. Daher fragt er, wie es möglich sein konnte, dass es so wenige kirchliche Versuche zur Entschärfung des deutsch-polnischen Konfliktes gab, und welche Akteure auf beiden Seiten solche wagten. Die Quellenbasis der Untersuchung beruht auf den Archiven der Kirchenleitungen und weiterer kirchlicher Einrichtungen (Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Evangelischer Kirchentag, Akademien und ähnliche) sowie von Pax Christi, der Ostpriesterhilfe/Kirche in Not, der Caritas und des Diakonischen Werkes. Des Weiteren hat Żurek 38 Zeitungen und Zeitschriften ausgewertet. Unberücksichtigt blieben dagegen christliche Parteien, aber auch der Vertriebenenkatholizismus. Die Studie gliedert sich in einen einführenden und einen empirischen Teil. Żurek skizziert zu Beginn die Vorgeschichte von den polnischen Teilungen bis zum Zweiten Weltkrieg und stellt die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des deutsch-polnischen Verhältnisses nach 1945 dar. Darauf aufbauend werden die gesellschaftspolitischen Funktionen der Kirchen und ihre Handlungsspielräume erläutert.

Im empirischen Teil entfaltet Żurek das Thema in sieben Teilkapiteln. Am Anfang stehen der Umgang der deutschen Kirchen mit dem Nationalsozialismus und die weitgehende Tabuisierung der Verbrechen in Polen vor allem in der westdeutschen katholischen Kirche sowie die Kollektivschuldvorwürfe von polnischer Seite und ihre propagandistische Instrumentalisierung. Die folgenden zwei Kapitel widmen sich ausführlich der Oder-Neiße-Problematik und der Lage der Minderheiten in den jeweiligen Staaten. In weiteren drei Kapiteln zeigt Żurek, dass abgesehen von den großen Konfliktthemen die gegenseitige Wahrnehmung anfangs durch weitgehende Ignoranz gekennzeichnet war, die im Westen erst durch die Beachtung der Kirchenverfolgung in Polen aufgebrochen wurde. Der geringen Wahrnehmung entsprechend war in beiden Kirchen das Kontaktnetz zunächst relativ schwach (in der evangelischen Kirche war es dichter als in der katholischen) und wurde erst nach den Umbrüchen in Polen im Sommer 1956 intensiviert. Zu den einzelnen Themenkomplexen stellt Żurek zumeist die deutsche und polnische Sicht getrennt dar und schließt jeweils mit einem bewertenden Resümee. Das letzte Kapitel geht auf die wenigen Versöhnungsinitiativen ein. Auf polnischer Seite nennt Żurek die Journalistin Eugenia Kocwa (Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“), die er als einsame und engagierteste Vertreterin in der polnischen christlichen Presse für eine differenzierte Wahrnehmung der Deutschen und für die Aufnahme von Kontakten charakterisiert (S. 338f.). Des Weiteren wird der Hirtenbrief Kardinal August Hlonds vom 24. Mai 1948 zitiert, in dem der Primas von Polen in Bezug auf die Deutschen zur Vergebung und zur Absage an Hass und Rache aufrief, sowie ein Appell der regimetreuen Pax-Christi-Bewegung von 1951. Leider beschränkt sich Żurek hier wie auch in anderen Teilen der Studie weitgehend auf die Darstellung der Inhalte, verzichtet aber auf eine kritische Einordnung der Akteure und ihrer Botschaften in den Kontext und auf die Analyse der Wirkung im jeweils anderen Land. Ähnlich verhält es sich mit der Beschreibung der deutschen Initiativen etwa der Pax-Christi-Bewegung oder der Aktion Sühnezeichen.

Damit ist schon eine der oben erwähnten Einschränkungen genannt: Gelegentlich wäre weniger Materialfülle, aber dafür mehr Mut zu Analyse und Kontextualisierung wünschenswert. Die äußerst große Quellenbasis und breite Anlage der Arbeit bergen die Gefahr, dass den jeweiligen Gruppen oder Akteuren zuwenig Profil gegeben wird. Zum Beispiel erfahren die Leser/innen erst spät, wie Pax Christi und die Ostpriesterhilfe etwa im Spektrum des deutschen Katholizismus einzuordnen sind (S. 333). Beide Vereinigungen wurden aber in vorangegangenen Kapiteln wiederholt zitiert. Weiter wäre anzumerken, dass Żurek seinem Anspruch, die Kirchen in Polen, der Bundesrepublik und der DDR zu untersuchen, nicht ganz gerecht wird, da die Situation in der DDR in der Darstellung doch sehr unterrepräsentiert ist.

Auch wenn also an manchen Stellen eine größere Differenzierung zu wünschen wäre, ist andererseits die Ausgewogenheit der Arbeit überaus positiv zu bewerten. In dieser komplizierten und belasteten Thematik gelingt es Żurek, den unterschiedlichen Perspektiven nationaler, konfessioneller und ideologischer Art gerecht zu werden und das Problemfeld der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945 in seinen wichtigsten Punkten zu beleuchten und damit Anstöße für weitere Forschungen zu geben. Die Arbeit ist aber nicht nur im Kontext der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte zu sehen, sondern liefert ebenso wichtige Anknüpfungspunkte für die zeitgeschichtliche Protestantismus- und Katholizismusforschung.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu die gerade erschienene Publikation von: Kerski, Basil; Kycia, Thomas; Żurek, Robert (Hgg.), „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe von 1965 und seine Wirkung, Osnabrück 2006.
[2] Vgl. Greschat, Martin, Die „Ostdenkschrift“ zur Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn Deutschlands, in: Gesellschaft zur Förderung vergleichender Staat-Kirche-Forschung (Hg.), Christlicher Widerstand – Kirchlicher Neuanfang – Aussöhnung mit Polen, Berlin 2006, S. 67-79.

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Veröffentlicht am
15.08.2006
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