G. Saalmann (Hg.): Religionen und Nationen

Cover
Titel
Religionen und Nationen. Fundamente und Konflikte


Herausgeber
Saalmann, Gernot
Reihe
Villigst Profile 6
Erschienen
Münster 2005: LIT Verlag
Anzahl Seiten
174 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Althoff, Martin Marty Center, University of Chicago

Der in der Schriftenreihe des Evangelischen Studienwerkes erschienene und vom LiT Verlag publizierte Sammelband „Religionen und Nationen“ erhielt durch die Terroranschläge in der Londoner U-Bahn im Juli 2005 eine unerwartete Aktualität. Hierzu trägt nicht zuletzt der Beitrag von Alexandra Frosch und Klaus Holz über die britische „Race-Relations-Politics“ bei. Zunächst aber einige allgemeine Worte zur behandelten Thematik:

Für das im Titel angedeutete Verhältnis von Religionen und Nationen sind die elf Beiträge gut gewählt. Das zeigt nicht zuletzt die Länderauswahl: Das ehemalige Jugoslawien, Großbritannien, Indien, Sri Lanka sowie Deutschland sind vertreten. Auch die Regionen des Nahen und Mittleren Ostens wurden mit einen Aufsatz über das „Feindbild Westen“ im islamischen Diskurs berücksichtigt. Neben diesen länderbezogenen Darstellungen sind zwei theoretische Aufsätze, die mit philosophischen und kulturwissenschaftlichen bzw. soziologischen Theorieansätzen arbeiten und am Anfang des Buches stehen, aufgeführt.

Der Aufsatz von Nina Leonhard über „Werteerziehung und das Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Der Streit um das Unterrichtsfach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) in Brandenburg“ stellt eine äußerst gelungene, chronologisch angelegte Zusammenfassung der Kontroverse um das Unterrichtsfach LER dar. Die Positionen der beteiligten Akteure (religiöse Institutionen, Bildungseinrichtungen, Parteien) sowie deren Pro-und-Kontra-Argumente werden klar und präzise dargestellt. Zudem werden transnationale Implikationen, die im Verhältnis Staat (hier Bildung) und Kirchen zum Ausdruck kommen, skizziert: Inwieweit kann sich das neue Europa nur als Nachfolger des christlichen Abendlandes verstehen; welche Folgen hat der Bedeutungsverlust traditioneller kirchlicher Institutionen und die Entwicklung plurireligiöser Gesellschaften im Zeitalter transnationaler Migration auf die Gesellschaften und nicht zuletzt, welche Rolle kommt dem Staat in Zeiten eines wachsenden Wertepluralismus zu.

Der Text von Ines-Jacqueline Werkner „Der Lebenskundliche Unterricht in der Bundeswehr – eine unzulässige Staat-Kirche-Liaison?“ ist wesentlich kürzer angelegt, bildet aber eine gute Ergänzung zum vorherigen Aufsatz. Aufgezeigt wird auch hier, mit welchen Mechanismen die Kirche versucht, ihren gesellschaftlichen Einfluss zu wahren. Wenig überraschend kommt Werkner daher in ihrer Bewertung zu dem Schluss, dass „eine gewisse Parallelität zur jahrelangen LER-Diskussion im Land Brandenburg [...] unverkennbar“ und der Anspruch der Kirche als wahrer Träger ethischer Werte in einer zunehmend von Säkularisierung geprägten Gesellschaft zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sei.

Der Beitrag von Alexandra Frosch und Klaus Holz – Die kulturelle Dimension der Integrationspolitik. Muslime und die britische race relations politics – ist sowohl in theoretischer als auch in empirischer Hinsicht am aussagestärksten. Beleuchtet wird zum einen, wie es um den sozialen Zusammenhalt der britischen Gesellschaft bestellt ist. Zum anderen wird die Rolle des Staates hinsichtlich einer Integrationsförderung bzw. Integrationsbehinderung von Einwanderern analysiert. Paradoxerweise, und dies zeigt der Beitrag eindrucksvoll auf, war es gerade der Wunsch nach einer besseren Integration von Einwanderern seitens des Staates, der die Ausgrenzung muslimischer Einwanderer beförderte, womit auch der Anteil der staatlichen Politik am Dilemma der gescheiterten Integration muslimischer Einwanderer dokumentiert wird. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass, und dies gilt wohl in besonderem Maße für die Zeit nach den Londoner Terroranschlägen, sich die britische Gesellschaft in Zukunft mit einer wachsenden Artikulation muslimischer Interessen wird auseinandersetzen müssen. Der Aufsatz stellt in diesem Kontext einen wertvollen Beitrag dar, weil er die Konstruktionsprozesse und wechselseitige Bedingtheit hinsichtlich der Entstehung von divergierenden Fremdbildern (jenen der Einwanderungsgesellschaften) und Selbstbildern (jenen der Einwanderungsgruppen) beschreibt. Neue Wege über Integrationspolitik nachzudenken werden somit aufgezeigt und es wird illustriert, an welchen Stellen der interkulturelle Dialog bislang versagt hat.

Johannes Twardella widmet sich in seinem Aufsatz „Konversion und Bewährung. Eine Fallstudie zu Funktion und Folgen von Konversion zum Islam“ der Konversion eines Deutschen zum Islam. Twardella verarbeitet in seinem Aufsatz ein typologisches Modell, das zuvor von der Religionssoziologin Monika Wohlrab-Sahr entwickelt wurde. Sein Fokus ist dabei auf das Handeln von Individuen nach der Konversion gerichtet und nicht so sehr auf die Frage, welche Probleme oder Krisen mit der Konversion selbst gelöst werden sollen. Man mag das „Abarbeiten“ an einem bereits existierenden Konversionsmodell kritisieren, trotzdem interessant erscheint als Befund, dass in dem vorgelegten Fall weniger religiöse Momente (transzendentale Erfahrungen oder andere außeralltägliche religiöse Erlebnisse) den Auslöser für die Konversion bildeten, als vielmehr die soziale Anbindung. Die Aufnahme in eine reale Gemeinschaft ist das zentrale Element in dieser Konversionsgeschichte, gepaart mit einer „symbolischen Emigration“, die allerdings keine radikalen oder politischen Züge trägt.

Jochen Müllers Artikel „Feindbild Westen. Islamischer Diskurs und Islamismus als Gemeinschaftsideologie“ behandelt die Geschichte islamischer Diskurse und ihre aktuelle Attraktivität. Islamistische Ideologien werden als Versuche verstanden, Krisenerscheinungen, die durch eine nationalstaatlich und kapitalistisch verfasste Moderne entstanden sind, mit traditionalistischen, auf der Religion basierenden Identitätspolitiken zu begegnen. Mit dem Hinweis, dass sich islamistische Strömungen in den einzelnen Ländern bislang vorrangig gegen die so genannten „falschen Muslime“ (progressive und als unislamisch gebrandmarkte Intellektuelle) im eigenen Land richteten, setzt er zudem neue Akzente in der Diskussion. So wurden Werte progressiver Intellektueller (Rechtsstaatlichkeit, Liberalisierung etc.), häufig durch koloniale Akteure verbreitet, wobei letztere neben ihren Werten der Zivilisation und Aufklärung gleichzeitig Unterdrückung und Mord über die Kolonialisierten brachten. Infolge dieser historischen Dialektik setzte eine Gegenreaktion ein, die eine idealisierte Urform des Islam zum Kern der eigenen kollektiven Identität machte. Letztere präsentierte sich gleichzeitig als Gegenentwurf zur europäischen Identität. Moderate Islamdemokraten sowie radikale Ausgrenzer sind somit auch die beiden Gruppen auf die Müller sein Augenmerk richtet. Der letzte Teil des Aufsatzes konzentriert sich dann fast ausschließlich auf den Diskurs des radikalen Islamismus und macht deutlich, wie einzelne Elemente im Alltagswissen sowie kollektive Befindlichkeiten eine Rolle spielen.

Carl Polónyi widmet sich dem Thema „Nationalismus als Religion. Überlegungen am Beispiel der gewaltsamen Aufteilung Jugoslawiens“. Der Aufsatz besticht durch eine prägnante Darstellung des Jugoslawienkonfliktes. Die komplizierte historische, politische, ökonomische und territorialbezogene Gemengelage wird ausgebreitet, wobei die Schilderungen die Basis für den zweiten Teil bilden, in dem auf die religiösen Elemente im nationalistischen Diskurs der einzelnen Gruppen eingegangen wird. Polónyi kommt zu dem Schluss, dass gerade die religiösen Elemente im nationalistischen Diskurs den Konflikt eskalieren ließen. Er zitiert den Mythos vom Ursprung und Verrat, der in den Kosovo-Mythos eingebettet ist, sowie seine Attraktivität in Krisenzeiten.

Die letzten drei Aufsätze behandeln die Region Indien und Sri Lanka. Jakob Rösel beschreibt den Singhalesen-Tamilen Konflikt aus einer religionshistorischen Perspektive. Spannend und anschaulich illustriert werden die Anteile „westlicher“ Religionen, wie des Protestantismus und Katholizismus, an der Entwicklung eines Massen- und Volksbuddhismus. Protestantismus und Katholizismus dienten, so Rösel, den neuen buddhistischen religiösen Repräsentanten als Modell, um eine lokale buddhistische Gemeindereligiosität zu fördern, die später eine Aneignung unter der anglophilen singhalesischen Elite fand, um sich von den ehemaligen britischen Kolonisatoren abzugrenzen. Gleichzeitig zeigt Rösel auf, wie die singhalesische religiöse Elite des Buddhismus mit Hilfe einer neuen Konstruktion von ethnischen und religiösen Elementen den Buddhismus von einer ursprünglich ethnisch offenen sowie universalen Philosophie in eine Religion verwandelt, die angeblich nur von Singhalesen angemessen repräsentiert und gelebt werden kann.

Der zweite Beitrag, der sich mit der Region beschäftigt, untersucht „Das Wirken christlicher Missionare im indischen Nordosten und ihr Einfluss auf die Identitätsfindungsprozesse ansässiger Stammesgruppen“. Thomas Schmitt macht mit seiner differenzierten Sichtweise deutlich, dass die Missionsbestrebungen nicht nur auf eine Manipulation und Zerstörung traditioneller Familien und Klanstrukturen hinauslief. Es scheint klar, so Schmitt, dass die Stammesgruppen mit christlicher Hilfe eine Möglichkeit fanden, ihre kulturelle Identität zu finden und zu benennen. Wichtig war dabei vor allem die Vermittlerrolle, die den Kirchen und dem christlichen Glauben im Zuge der Nationalstaatenbildung zukam. Die Kirchen und der christliche Glaube konnten auf der einen Seite die als rückständig erachteten Stammesgruppen in ihrer Identität aufwerten und gleichzeitig Antworten auf die durch den gesellschaftlichen Wandel entstandenen sozialen und politischen Neuerungen bieten.

Thema des letzten Aufsatzes von Ronald Kurt ist „Die Hinduisierung Indiens“. Wie Jakob Rösel und Carl Polónyi beschreibt Kurt neben den ethnisch-religiösen Anteilen im Rahmen der Nationalstaatenbildung auch die daraus resultierenden Gewaltpotentiale. Die zunehmende Hinduisierung Indiens, so Kurt, ging mit einer Ausgrenzung muslimischer Bevölkerungsgruppen einher. Das Resultat war eine symmetrische Polarisierung, nach der man sich in erster Linie als Mitglied einer Glaubensgemeinschaft betrachtete, wobei die gemeinsamen historisch kulturellen Anteile mehr und mehr verdrängt wurden, obwohl die meisten Muslime zunächst konvertierte Hindus aus unteren Kasten waren. Die Aussichten auf eine friedlichere Zukunft stehen nach Kurt äußerst schlecht. Die hinduistisch geprägte Geschichtsklitterung setze sich mittlerweile in den Schulbüchern fort und die Bereitschaft, Gewalt im Konflikt einzusetzen, nehme zu.

Der Versuch das Gefüge religiöser und nationaler Selbst- und Fremdbilder und die darin verankerten, oft konkurrierenden politischen Vorstellungen und Interessen zu untersuchen, ist insgesamt gesehen gelungen. Man wünscht sich allerdings eine stärker auf den Titel und die Beiträge zugeschnittene Zusammenfassung, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den regionalen Bezügen sowie aktuelle theoretische Diskussionen einbezieht. Warum, so fragt sich der Leser, wurden Theorieparadigmen wie das der Säkularisierung in der Einleitung ausgeklammert? Aktuelle Diskussionen über den Identitätsbegriff und alle daran anschließenden Ansätze, die im Kontext von ethnisch-religiösen Konflikten häufig genannt werden, wurden nicht berücksichtigt (Frederik Barth, Charles Tayler, Michael Walzer u.a.). Der theoretisch angelegte Aufsatz vom Herausgeber (Die Aura der Faktizität. Wissenssoziologische Anmerkungen zur Konstruktion religiöser Weltdeutungen) behebt diesen Mangel ebenfalls nicht, da vorrangig kulturwissenschaftliche Überlegungen von Clifford Geertz wiedergegeben werden. Alwin Letzkus verfährt in seinem Aufsatz „Religion zwischen Glaube und Vernunft. Ein theo-topologischer Versuch nach Jacques Derrida“ ähnlich, da er lediglich die Gedanken von Jacques Derrida aus einem ähnlich betitelten Vortrag zusammenfasst. Die theoretischen Beiträge bleiben daher im Vergleich zu denen anderer AutorInnen schwach. Die Qualität des Bandes wird dadurch aber insgesamt nicht sehr geschmälert.