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Titel
Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens


Autor(en)
Radkau, Joachim
Erschienen
München 2005: Carl Hanser Verlag
Anzahl Seiten
1.008 S., 30 Abb.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhard Mehring, Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Weber-Forschung neigte von Beginn an zur Personalisierung. Karl Jaspers feierte Weber als Personalunion des Politikers, Forschers und Philosophen: als Repräsentanten „deutschen Wesens“ im politischen Denken, Forschen und Philosophieren.[1] Marianne Weber verstärkte die Personalisierung durch geschickte „Erinnerungspolitik“ (S. 831): durch ihre parallele Herausgabe der Schriften und einer umfassenden Biografie des „Gefährten“.[2] Ihre Biografie wurde von Zeitgenossen wie Friedrich Meinecke [3] und Otto Hintze [4] sehr zustimmend aufgenommen. Die Kanonisierung Webers als Klassiker der modernen Soziologie ging fortan mit einer Heroisierung seines Lebens und Leidens einher. Jeder fortgeschrittene Student spekulierte über die Motive seines „Absturzes“ und konnte Webers Leiden und späte Liebschaften aufzählen wie die Gymnasiasten einst die Passionen des jungen Goethe. Mariannes Lebensbild begründete einen Typus intellektueller Biografie, der Mann, Werk und Zeit eng miteinander verknüpfte. Wer auf sich hielt und ein großes Weber-Buch schreiben wollte, konnte fortan nicht leicht auf die Biografie verzichten. Wolfgang Mommsen stellte Webers Werk in die deutsche Politik, Reinhard Bendix trennte Mann und Werk deutlicher. Stets aber schien das Werk nicht ohne den Mann zu haben. Weber-Forscher schielten gerne über das Werk hinaus auf Max. Einige wiesen Mann und Werk unterschiedlichen Diskursen zu; beschränkte sich der Vortrag auf das Werk, so spekulierte man später am Stammtisch über die Person. Andere gingen mit zunehmender Vertrautheit gleich zu den Intimitäten des Lebens über. Sie gönnten sich mikroanalytische Ausflüge in die Heidelberger Kreise oder rekonstruierten Webers Tablettenkonsum anhand der entstehenden monumentalen Gesamtausgabe. Diese MWG zielte mit ihren Briefbänden nicht zuletzt auf die Biografie. So plante denn auch einer ihrer Herausgeber, Mommsen [5], ein biografisches Gegenstück zu seiner eindrücklichen Historisierung Webers im Kontext des wilhelminischen Machtstaates, dessen Vollendung jedoch leider durch Mommsens plötzlichen Tod im Sommer 2004 vereitelt wurde.

Radkau nun schreibt die erste CD-Rom gestützte Weber-Biografie, was ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Hatte Marianne 1926 schon (2. Aufl. 1950) schlappe 780 Seiten vorgelegt, so ist Radkau bei über 1.000 enge Seiten angekommen. Auch er schreibt eine intellektuelle Biografie, die sich nicht auf das Leben beschränkt, sondern das Werk aus der Biografie erhellen will. Ja, er zielt wieder wie einst Jaspers auf eine heroisierende Exemplifizierung: „Die Leidenschaft des Denkens“. Der bestimmte Artikel irritiert. Er verheißt Großes, Exemplarisches: Ein Wissenschaftler repräsentiert hier ein „Denken“, verkörpert es in seinen pathetischen Motiven. Der Generalschlüssel lautet auf „Natur“, näherhin „Impotenz“. Radkau schreibt die Geburt des Werkes aus dem Geist sexueller Impotenz. Er tut es in soteriologischer Absicht, gliedert seine Biografie in drei Teile: „Die Vergewaltigung der Natur, Die Rache der Natur, Erlösung und Erleuchtung“. Lässt sich ein Leben darunter fassen? Was hätte Weber dazu gesagt? Hätte er den „Geist“ lebensreformerischer Sekten gewittert, den er letztlich ablehnte? Klingt hier ein Utopismus durch, der Geist der 1968er, die vom jungen Marx zu Weber übergelaufen sind und nun im Leben suchen, wovon die Theorie kaum sprechen darf: die emanzipatorische Suche nach der vollen „Natur“? Radkau schlägt eine große Narration an, die Weber gegen den Strich der dogmatischen Handlungssoziologie liest. Sein Buch wird dabei, auch mit der Quellenlage, von Teil zu Teil immer besser. Der erste liest sich noch recht weit und vage. Spätestens mit dem zweiten Teil landet Radkau dann aber in einer punktgenauen Biografie, die nicht von Tag zu Tag erzählt, wann der große Mann um die Ecke kam und wen er dabei traf, sondern die Sehnsucht nach Übereinstimmung mit der eigenen „Natur“ zum sokratisch treibenden, „dämonischen“ Motiv des Werkes erklärt.

Radkau beginnt den ersten Teil „Die Vergewaltigung der Natur“ mit einer lebensgefährlichen frühen Meningitis, die Weber für spätere Rückzüge in die Krankheit disponierte (S. 284), sowie mit der besonderen Bedeutung der Familie: namentlich der dominanten Mutter, deren religiöse Innerlichkeit und caritative Betriebsamkeit Max auf ein Gleis der Naturverdrängung stellte, das zu männerbündlerischen Exzessen im Militär und Studienzeit sowie einer asexuellen „Kameradschaftsehe“ trieb. In aller Naturvergessenheit hielt Max als Rächer der Mutter „Gerichtstag“ (S. 117) über den imposanten Vater, einen Welt- und Lebemann. Eine „ödipale“ Deutung lehnt Radkau ab, ohne sich auf eine alternative Deutung des Familienkonflikts festzulegen. Eindrücklich, wenn auch etwas spekulativ zeigt er dann, wie Weber als Wirtschaftshistoriker, namentlich in der Landarbeiterenquete, nach der „Natur“ strebte, indem er an der Kategorie des „Bodens“ hing, ohne doch den Zwang zur Industrialisierung zu leugnen. Radkau gibt Webers Naturbegriff dann mehr Profil, indem er die Naturalismuskritik im Kontext des damaligen Neukantianismus (F.A.Lange) darstellt (S. 157ff.). Das Naturalismusthema erscheint nun auch als Epochesignum. Eine Brücke zu Webers Ausdrucksstil (S. 180ff.) ist lose geknüpft. Der erste Teil “Die Vergewaltigung der Natur“ endet mit Alkoholmissbrauch und Nationalismus sowie der starken These, dass Weber mit seiner „vergewaltigten“ Natur nicht mehr zu Recht kam: „Die Flucht aus der schleichenden Depression in die Arbeit gelang nicht mehr.“ (S. 232) Sein schwerstes Problem sei letztlich die „gewaltsame […] Fehlinterpretation der eigenen Natur“ (S. 233) gewesen. Platonisch gesprochen: der fehlende Einklang der „Seele“ mit sich selbst.

Biografisch einlässiger noch wird Radkau im zweiten Teil „Die Rache der Natur“ mit der detaillierten Beschreibung von Webers Krankheit. Zwar sind die Krankenakten nicht erhalten (S. 261f.). Insbesondere der Briefwechsel mit Marianne spricht aber Bände. Radkau stellt Webers Leiden in den Kontext des damaligen Therapiewesens. Als Titan nächtlicher „Pollutionen“ leidet Max, vermutlich infolge des „Onanieproblems“ (S. 299), unter „Impotenz“, was Marianne nicht zuletzt mit Webers Mutter eingehend erörtert. Ständige Schlaflosigkeit resultiert und führt zu Tablettenmissbrauch (S. 268ff.). Webers Genesungswünsche disponieren ihn für die Analyse der Erlösungsreligionen (S. 316ff.), so dass die Wendung von der Naturalismuskritik zur positiven Erörterung der „Kulturbedeutung“ der Weltreligionen mit der Erfahrung der eigenen Krankheit zusammenhängt. Radkau liest die „Protestantische Ethik“ als einen subjektiven „Spiegel“ (S. 338ff.), als „Mischung von Selbsterfahrung und Selbstverleugnung“ (S. 342). Er folgt dann den Reisen nach Rom und in die USA, wo Weber die „Wildheit des amerikanischen Lebens“ (S. 377) berauscht. Besonders interessiert er sich aber für Weber Analyse der russischen Revolution von 1905 und die „naturrechtliche“ Auffassung des bäuerischen „Landhungers“ (S. 385ff.). Die methodologischen Schriften geht Radkau dann erneut unter dem Gesichtspunkt der Naturalismuskritik durch. Webers kritische Auseinandersetzung mit der „Natur“ bleibt also der rote Faden seiner Biografie.

In diesen Faden flicht Radkau die konfliktreichen Auseinandersetzungen mit gelehrten Freunden wie Sombart, Troeltsch, Simmel, Rickert und auch Bruder Alfred (S. 429ff.) ein. Einen Übergang aus der „Rache der Natur“ zur „Erlösung und Erleuchtung“ findet er in der Heidelberger Geselligkeit, die die Webers insbesondere nach ihrem Umzug in die prächtige Familienvilla 1910 (S. 448ff.) gezielt (S. 466) als Genesungsprogramm suchten. In dieser Geselligkeit schritt Max langsam vom religionswissenschaftlichen Eranos-Kreis zur „erotischen Bewegung“. Radkau stellt hier auch Marianne Webers publizistisches und organisatorisches Wirken in der bürgerlichen Frauenbewegung sowie Webers Aversionen gegen die „Megären“ (S. 478f.) prägnant heraus und hebt die zentrale Akteurin Else Jaffé über lüsterne Emanzipationsromantik hinaus. Webers neue Aufgeschlossenheit für die „Natur“ äußerte sich damals auch als Revision des früheren Nationalismus und als „Hassliebe für die Deutschen“, mit der Radkau den zweiten Teil beschließt, wobei er insbesondere das kritische Verhältnis zu Gustav Schmoller, Friedrich Naumann und Wilhelm II. durchgeht. Max steht damit vor den Toren der „Erlösung und Erleuchtung“.

Sein Schlüssel ist das „Charisma“, die außeralltägliche Macht und Kraft, die Max vor allem in der Liebe zu Else Jaffé erfuhr. Sie wurde ihm zur „Verkörperung der Erdmutter“ (S. 553), während Else selbst, so Ratkau, zunächst nur ganz einfach verstanden hatte, dass Max endlich „sexuelle Befriedigung“ brauchte. Else ging bald zu Bruder Alfred über (S. 556ff.) und Max tröstete sich mit der Pianistin Mina Tobler (S. 564ff.). Für sie schrieb er die Musiksoziologie, die erstmals den Sonderweg okzidentaler Rationalisierung herausstellte. Max erschloss sich das erotische Evangelium dann weiter auf dem Monte Verità – auch gegen Geld mit Franziska zu Reventlow, wie Radkau andeutet (S. 590f.). Seine Erfahrungen verarbeitet er in der Zwischenbetrachtung zur Religionssoziologie, diesem „Dokument der Erleuchtung“ (S. 597). Die Schlüsselerfahrung erotischer Abhängigkeit ging in den Charismabegriff ein, der die Herrschaftssoziologie trägt (S. 600ff.). Else war die zentrale Passion und Führerin Webers, meint Radkau und findet ein Stück erotischen Masochismuses in der soziologischen Perspektive des „Glaubens“ der Beherrschten wieder. Weber scheint weiter nur zur „Hassliebe“ fähig. Von entspannten Beziehungen kann keine Rede sein, so dass er sich vor und nach 1914 in neue universitätspolitische Spiegelfechtereien sowie dann in Kriegsdienst und Politik verliert. Radkau räumt mit dem „Mythos“ auf, Weber sei ein geborener und verhinderter Politiker gewesen (S. 714f.). Er war ein Wissenschaftler, dessen rasant sich steigernde Produktivität und Kreativität mit seiner späten erotischen Erweckung zusammenhing. Im Medium der Herrschafts- und Religionssoziologie artikulierte sich seine emanzipatorische „Lebensphilosophie“ (S. 726). Radkau outet seine Generation, wenn er schreibt, dass Weber nicht zuletzt den orgiastischen Tantrismus als Erlösungsbotschaft entdeckte, wie die „Hippies in den 1960er und 70er Jahren“ (S. 733). Auf diese Erweckung durch das erotische Evangelium steuerte Radkaus Biografie hinaus, weshalb die Schilderung des neuen politischen und akademischen Wirkens um 1918 dagegen auch relativ blass bleibt.

Sein Buch endet sehr merkwürdig mit Ausführungen zu Webers Heroismus, zur Todessehnsucht und religiösen Mystik. Weber forderte politische Verantwortung bis zum Martyrium. Ihn beschäftigten der Freitod, das „Schreckbild vom bösen Gott“ (S. 810) und die Mystik der Todessehnsucht. Er ließ sich verbrennen. Radkau deutet an, dass Weber damals auf dem Höhepunkt seines Lebens, im höchsten Lebensglück der Liebe zu Else, vor der „Veralltäglichung“ des Charismas in den Tod flüchtete. Er scheint eine Art mystischen Einverständnisses mit dem frühen Tod auf der Höhe des Lebens anzunehmen, das Weber auch im Geist Wagners aufnahm. Diese naturphilosophische und mystische Sicht bestätigt noch der abschließende Epilog, der die „Diadochenkämpfe und das Ringen mit Max Webers Geist“ ausgehend von Mariannes Erinnerungspolitik durchgeht. Er endet mit den „direkten Erben“ Jaspers und Baumgarten. Baumgarten beschloss sein Ringen mit Weber Ende der 1950er-Jahre mit der ersten Verkündigung der „Offenbarung eines neuen Weber“ (S. 854), der Liebesbriefe an Else nämlich, die auch den greisen Jaspers zum Umdenken führten. Literarisch geschickt deutet Radkau an, dass seine Biografie dieses neue Weber-Bild ausformuliert, Jaspers frühes Bild vom Philosophen durch die materiale Botschaft der erotischen Emanzipation ergänzt und Webers Suche nach dem Einklang mit der eigenen „Natur“ als existentielles Lebensthema darstellt. Radkau erweitert damit gewissermaßen Jaspers Portrait vom Philosophen.

Seine große Narration von der frühen „Vergewaltigung“ von Webers „Natur“, der „Rache“ des „Absturzes“ und der allmählichen „Erlösung und Erleuchtung“ durch die Liebe ist also in vollem Ernst durchgezogen und ernst gemeint. Radkau überbietet Jaspers. Auch er liest Weber gegen den dogmatischen Strich als existentiellen Philosophen und deutet dabei ein weites Konzept von „Philosophie“ an, das Weber selbst niemals vertrat. Etwas verunklärt wird diese interessante Lesart nur dadurch, dass Radkau das sokratisch-platonische Motiv des Philosophierens als Weg zum Einklang mit dem eigenen „Dämon“, der eigenen „Natur“, durch den erotischen Utopismus der 1968er überformt. Auch er hört zwar noch das „sokratische ‚daimonion’“ (S. 810) heraus, spielt es aber allzu scharf gegen das „Schicksal“ aus. Auch Sokrates wurde psychopathisch von seinem Dämon geplagt. Mit ihm hat Weber wohl mehr Verwandtschaft als mit einem indischen Guru oder 68er-Hippie. Dass Radkau sein Bild vom Philosophen aus anderen Quellen rekonstruiert und Weber deshalb nicht so schnell in die Galerie der „Großen Philosophen“ hineinschreibt, über die Jaspers verfügte, ermöglicht ihm den frischen Blick auf Webers Leben. Dabei ist weit mehr herausgekommen als eine detaillierte Biografie. Radkau holt die großen Worte des Untertitels und der Dreiteilung seines Werkes originär ein. Dass er nicht an Webers Begriffen klebt, sondern den Grenzbegriff der „Natur“ auch gegen den Strich von Webers Naturalismuskritik liest, gibt seiner Darstellung ihre exzentrische Kraft. Das Bild von der Erlösung und Erleuchtung der „vergewaltigten“ Natur rächt sich allerdings auf seine Weise am Leser: Nach 860 Seiten klein gedruckten Textes rebellieren die Augen.

Anmerkungen:
[1] Jaspers, Karl, Max Weber. Deutsches Wesen im politischen Denken, im Forschen und Philosophieren, Oldenbourg 1932; dazu vgl. die Briefe vom Januar 1933 zwischen Hannah Arendt und Jaspers in: Arendt, Hannah; Jaspers, Karl, Briefwechsel 1926-1969, München 1993, S. 52-55.
[2] Weber, Marianne, Max Weber. Ein Lebensbild, Tübingen 1926.
[3] Meinecke, Friedrich, Marianne Weber über Max Weber, in: Ders., Zur Geschichte der Geschichtsschreibung, Werke Bd. VII, München 1968, S. 429-435.
[4] Hintze, Otto, Max Weber, ein Lebensbild, in: Ders., Soziologie und Geschichte. Gesammelte Abhandlungen, Göttingen 1964, S. 148-154.
[5] Mommsen, Wolfgang J., Max Weber und die deutsche Politik, Tübingen 1959.