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Titel
Die Herausforderung der Globalisierung. Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860-1914


Autor(en)
Torp, Cornelius
Reihe
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 168
Erschienen
Göttingen 2005: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
430 S.
Preis
€ 48,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manuel Schramm, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Cornelius Torps Dissertation will einen Beitrag leisten zu der Frage, „ob und wie die voranschreitende weltwirtschaftliche Integration die Rahmenbedingungen und Handlungsmöglichkeiten der deutschen Politik vor dem Ersten Weltkrieg veränderte“ (S. 15). Als Beispiel dient ihm die Außenhandelspolitik. Er knüpft damit an neuere Diskussionen über das Ausmaß und die Bedeutung von ökonomischen Globalisierungsprozessen ebenso an, wie an die allgemeinere Diskussion über Chancen und Grenzen transnationaler Geschichtsschreibung.

Das Buch ist in sieben Hauptteile gegliedert. Teil I und II untersuchen anhand von statistischen Daten das Ausmaß der wirtschaftlichen Globalisierung und die Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft bis 1914. Hier erfahren die Leser/innen zwar nur wenig Neues, aber die kritische Diskussion der zeitgenössischen Statistiken durch Torp ist sehr verdienstvoll. Teil III und IV widmen sich der Außenhandelspolitik in der Freihandelsära und dem Umbruch zum Protektionismus mit den bekannten Schutzzöllen von 1879. Während gerade die handelspolitische Wende von 1879 zum Standardrepertoire der deutschen Geschichtsschreibung gehört, sind die folgenden Abschnitte V-VII origineller, da sie die darauf folgende Politik einer eingehenden Würdigung unterziehen. Teil V widmet sich den Caprivischen Handelsverträgen, Teil VI dem Bülow-Tarif von 1902 und Teil VII der Außenhandelspolitik zwischen 1902 und 1914 am Beispiel der Beziehungen zu Russland und den USA. Diese Abschnitte sind akribisch recherchiert. Die Materialgrundlage bilden dabei neben der Sekundärliteratur die umfangreichen zeitgenössischen Druckschriften sowie Akten der Reichs- und preußischen Regierung. Torp sieht hier, anders als z. B. Petersson [1], den Bülow-Tarif als logische Fortsetzung der Caprivischen Handelspolitik und nicht als Bruch.

Wichtiger als diese Forschungskontroverse scheint jedoch die nicht ganz neue, aber durch Torp nochmals unterstrichene Tatsache, dass der Protektionismus im Kaiserreich den Prozess der weltwirtschaftlichen Verflechtung allenfalls bremsen, aber zu keinem Zeitpunkt aufhalten konnte.[2] Torp argumentiert ferner, dass sich aufgrund der zunehmenden Globalisierung die Handlungsspielräume der Reichsregierung in der Außenhandelspolitik zunehmend verengten, sodass Alternativen zwar vorstellbar, aber politisch nicht durchsetzbar gewesen seien. Diese Schlussfolgerung ist freilich nicht unproblematisch, tendiert sie doch dazu, der normativen Kraft des Faktischen zu erliegen und die tatsächliche Entwicklung zur einzig möglichen zu erklären. Außerdem liegt bei Torp implizit eine Vorstellung von Politik zugrunde, die in der möglichst autonomen Gestaltung der Politik durch die Exekutive ihr Ideal sieht und vor diesem Hintergrund das „muddling through“ (S. 289) z.B. der Regierung Bülow kritisiert. Unreflektiert bleibt dabei die Frage, ob nicht Politik im Normalfall im Schließen von Kompromissen, also im „muddling through“, besteht.

Am Ende distanziert sich Torp scharf von einem in der älteren Forschung in Anlehnung an Eckart Kehr postulierten „Primat der Innenpolitik“ und weist der ersten Globalisierungswelle zentrale Erklärungskraft zu. Eine solche Analyse läuft freilich Gefahr, die eine unterkomplexe Erklärung schlicht durch eine andere, nicht minder unterkomplexe, zu ersetzen, anstatt die Wechselwirkungen zwischen transnationalen Prozessen und innenpolitischen Diskussionen in den Blick zu nehmen. Allerdings argumentiert Torp im Hauptteil wesentlich differenzierter als in der Zusammenfassung. Problematisch ist ferner, dass Globalisierung in diesem Buch als ein weitgehend technologisch determinierter Prozess erscheint, was wiederum einem latenten Technikdeterminismus Vorschub leistet.

So innovativ die Studie auf den ersten Blick erscheinen mag, methodisch ist sie eher konventionell. Die Akteure sind die klassischen Gestalter der „großen“ Politik, die Regierungen, Verwaltungsspitzen und Interessenverbände. Diese verfolgen ihre Ziele in rationaler und kalkulierter Art und Weise. Von der einleitend angekündigten „Trias von Interessen, Institutionen und Ideen“ (S. 26) nehmen die Interessen klar den dominierenden Platz ein. Bisweilen wird die Eigendynamik von Ideen (z.B. der Freihandelsidee) eingeräumt, eine institutionelle Analyse findet dagegen nicht statt. Neuere historiografische Ansätze, die den Gegensatz von Ideen und Interessen zu transzendieren versuchen, scheinen dem Autoren an allen drei Orten der Entstehung seiner Dissertation (Bielefeld, London und Halle) nicht begegnet zu sein. Es stellt sich außerdem die Frage, ob die Untersuchung von ökonomischer Globalisierung ohne die Berücksichtigung der gleichzeitig stattfindenden kulturellen und politischen Transnationalisierungsprozesse sinnvoll ist. Gerade bei der Erklärung der unterschiedlichen Politik gegenüber Russland und den USA wäre eine Analyse der handlungsleitenden Vorurteile und Stereotypen hilfreich gewesen. Warum galt z.B. der Import von US-amerikanischem Getreide als unverzichtbar, während man glaubte, das russische nicht zu benötigen?

Bei aller Kritik ist jedoch festzuhalten, dass es sich um eine sorgfältig recherchierte und lesenswerte Studie handelt, die in Teilbereichen wichtige neue Erkenntnisse liefert.

Anmerkungen
[1] Petersson, Niels P., Das Kaiserreich in Prozessen ökonomischer Globalisierung, in: Conrad, Sebastian; Osterhammel, Jürgen (Hgg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871-1914, Göttingen 2004, S. 49-67, S. 64.
[2] Vgl. Boch, Rudolf, Staat und Wirtschaft im 19. Jahrhundert (Enzyklopädie deutscher Geschichte 70), München 2004, S. 39.