S. Jaberg u.a. (Hgg.): Imperiale Weltordnung-Trend des 21. Jahrhunderts?

Cover
Titel
Imperiale Weltordnung - Trend des 21. Jahrhunderts?.


Herausgeber
Jaberg, Sabine; Schlotter, Peter
Reihe
AFK-Friedensschriften 32
Erschienen
Baden-Baden 2005: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
316 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Kümmel, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg

Der vorliegende Sammelband zur Frage nach der Aktualität des imperialen Gedankens im 21. Jahrhundert geht auf ein Kolloquium der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung e.V. (AFK) im Februar 2004 in Iserlohn zurück. Dieser jüngste Band der AFK-Friedensschriften umfasst eine ganze Reihe der Iserlohner Tagungsbeiträge in überarbeiteter und aktualisierter Form wie auch neu und gezielt für diese Anthologie gewonnene thematisch relevante Artikel. Insgesamt kommen so 14 Einzelbeiträge zusammen, denen ein ausführlicher, fundierter und gelungener Einleitungsbeitrag aus der Feder Sabine Jabergs und Peter Schlotters voransteht. Ein Anhang mit Stichwortregister, Angaben zu den AutorInnen sowie Informationen über die AFK komplettiert den Band. Die deutlich über 300 Seiten des Werkes finden sich zwischen zwei zitronengelbe Buchdeckel gepresst, deren Farbe und Layout den Rezensenten nicht so recht ansprechen wollen.

Wichtiger als die Form ist jedoch der Inhalt, und der ist recht ansehnlich: Das Buch gliedert sich in vier große Abschnitte („Imperialer Frieden“, „Diskurse“, „Militär, Wirtschaft und Recht“ sowie „Gegenstrategien“). Im ersten Abschnitt fragt Peter Bender nach der Vergleichbarkeit der Pax Romana mit der Pax Americana. Dabei hebt er als grundlegenden Unterschied den Umstand hervor, dass das Römische Reich viel stärker auf Territorialität und formale Annexion hin fokussiert gewesen sei als die USA, während das amerikanische Imperium eher ein „Empire light“ sei (S. 38). Beiden Imperien attestiert er jedoch eine nicht unerhebliche Pazifizierungsfunktion und -fähigkeit; sie seien „eindrucksvolle Beispiele, dass Imperien lange Zeit erträglich sein und Frieden erhalten können, wo sonst Ungewissheit, Unruhe und Unfrieden geherrscht hätten“ (S. 42). Der zweite Aufsatz dieses Abschnittes stammt von Herfried Münkler, der idealtypisch Staatengemeinschaft und Imperium als alternative Ordnungsmodelle der internationalen Beziehungen einander gegenüberstellt.[1] Für Münkler bedarf es seitens der Staatengemeinschaft eines weltweiten Engagements bei der Förderung, Konsolidierung und Sicherung von Staatsbildungsprozessen und der Bereitschaft, die Machtasymmetrien zwischen den Akteuren überschaubar zu halten. „Ist dies nicht der Fall, kommt es sehr schnell zur Hegemonialisierung, damit verbunden zur Entwicklung imperialer Strukturen, die die pluriverse Staatenwelt überlagern und ‚Weltinnenpolitik‘ in eine Aufgabe der globalen Vormacht verwandeln. In exakt dieser Situation befinden wir uns gegenwärtig.“ (S. 58)

Im zweiten Abschnitt geht es um die diskursive Konstruktion von Imperien. Silke Wenk widmet sich am Beispiel des Irak-Krieges dem Bereich der visuellen Politik und des Militainment, also der zielgerichteten Zusammenarbeit des Militärs mit Film, Fernsehen, Internet und Computerspielindustrie; sie arbeitet besonders aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive heraus, wie die visuellen Medien diesen Krieg imperial inszenierten. Lutz Schrader dekonstruiert unter Rückgriff auf den Foucaultschen Diskursbegriff die amerikanische Debatte über das Imperiale. Hierbei trifft er die wichtige Unterscheidung „zwischen ‚Empire‘ als akteursbezogener Strategie und als strukturbezogenem Weltordnungsmodell“ (S. 102). Am Ende seiner Ausführungen konstatiert er ein Abebben des ‚Empire-Narrativs‘, das aber nur vorübergehender Natur sei: „Vorerst werden wir wahrscheinlich die Rückkehr zur ‚Erzählung‘ vom gutwilligen Hegemon erleben, ehe die Anhänger des Empire-Projekts erneut zum Angriff blasen.“ (S. 113)

Ingo Take fragt sodann unter Rückgriff auf die Hegemonietheorie Robert Gilpins, ob die USA schon Imperium oder noch Hegemon seien. Der unübersehbare Trend zum Unilateralismus sei mit Kosten verbunden: So könne er beispielsweise die Folgebereitschaft der bisherigen Kooperationspartner beeinträchtigen oder in eine Überdehnung der Kräfte („imperial overstretch“) münden. Take argumentiert deshalb, dass der Ausflug Washingtons in imperiale Gefilde ein kurzer gewesen und nunmehr eine Rückkehr zur bloßen Hegemonialpolitik zu erwarten sei. Schließlich beschäftigt sich Sonja Buckel mit materialistischen Theorien des Internationalen, die bei aller Unterschiedlichkeit und Binnendifferenzierungen „in wichtigen Grundannahmen übereinstimmen – etwa darin, dass eine ‚globale Vergesellschaftung‘ auf dem Weg ist, die ein transnational-westliches Kontrollregime hervorbringt, in welches diverse Agenturen mit Staats- und Rechtsfunktionen als ‚Verdichtungen zweiter Ordnung‘ eingebunden sind“ (S. 155). Dabei erteilt sie Hoffnungen auf eine Gegenmachtbildung durch Europa eine Absage, denn „die europäischen Eliten [sind] längst in die Verwaltung des Empire eingebunden“ (ebd.).

Der dritte Teil enthält Beiträge zu den Mitteln, mit denen hegemoniale oder imperiale Politik auf verschiedenen Feldern betrieben wird. Gerhard Piper analysiert für das Feld Militär detailliert das beispiellose amerikanische Stützpunktsystem, das sich „‘voluntaristisch’“ entwickelt habe (S. 167), und seine Veränderungen, die in enormen Redislozierungen der Streitkräfte und der Schließung von Militärbasen bestehen. Waren diese vormals zur Verteidigung des Gastlandes bestimmt, so liege ihre derzeitige Funktion überwiegend darin, „Sprungbrett für Militärinterventionen in Drittländern“ zu sein (ebd.). Dieses wird durch kostenintensive Modernisierungsprogramme (Network Centric Warfare) unterstützt und ergänzt. Ein solches Transformationsvorhaben weise jedoch immanente Widersprüche auf: „Wie will sie [die Regierung] mit weniger Soldaten die Interventionsfähigkeit der Streitkräfte erhöhen, wenn die Zahl der Militärstützpunkte in Übersee abnimmt, während gleichzeitig deren Verteilung auf mehr Länder ausgeweitet wird?“ (S. 183) Für den Bereich Wirtschaft diskutiert Hartwig Hummel neogramscianisch die Herstellung, Rekonstruktion und (beginnende) Dekonstruktion der Hegemonie des Neoliberalismus bzw. des – wegen der lokalen Ballung von wichtigen internationalen Finanzinstitutionen wie IWF und Weltbank – so genannten „Washington-Konsenses“ in der Weltwirtschaftsordnung. Die Prägekraft des Washington Consensus treffe in der jüngeren Vergangenheit nicht nur auf den Widerstand der zivilgesellschaftlichen globalisierungskritischen Bewegungen, sondern vermehrt auch auf die Opposition von Regierungen aus Ländern des Südens, so dass Hummel eine Krise dieser Hegemonialordnung konstatiert.

Martina Haedrich setzt sich mit der UNO und dem – letztlich gescheiterten – Versuch ihrer Instrumentalisierung durch die USA im Sinne einer völkerrechtlichen Deutung des Irak-Krieges als Mittel antizipatorischer Selbstverteidigung auseinander, konstatiert aber, dass „sich ein Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung gegen terroristische Vereinigungen – und damit gegenüber nichtstaatlichen Institutionen – zu etablieren begonnen“ habe (S. 213). Werner Ruf ergänzt dies durch eine Analyse der Praxis im Nachkriegsirak im Hinblick auf ihre Folgen für das Völkerrecht. Bedingt durch die „Arroganz der Macht“ seitens der USA diagnostiziert er eine Erosion des Völkerrechts, die ein „neues Völkergewohnheitsrecht“ etabliere (S. 232).

Der letzte Abschnitt des Sammelbandes fragt schließlich nach möglichen „Gegenstrategien“. Hier betonen die jeweiligen AutorInnen die Notwendigkeit eines umfassenden und kombinierten Ansatzes, der anders als ein sich selektiv auf ein Instrument stützendes Vorgehen in der Lage sein könne, ‚eine andere Welt zu schaffen‘. Denn, so Sylvia Servaes in ihrem Beitrag, der sich mit Gegenmachtbildung, ziviler Konfliktbearbeitung und Entwicklungszusammenarbeit in den „neuen Kriegen“ beschäftigt, „[a]llein der Aufbau von ‚Gegenmacht‘ von unten kann sich unter Umständen sehr schnell als kontraproduktiv, wenn nicht im wahrsten Sinne des Wortes als tödlich erweisen“ (S. 251). So plädiert auch Friederike Habermann in ihrem Artikel dafür, gleichzeitig reformerische, revolutionäre und „glokale Inseln“ (S. 269) sowie selbstorganisierte Strukturen zu fördern. Auch theoretische Mithilfe und Abstützung sei unabdingbar, wie Matthias Gillner in seinem Beitrag über Theorien internationaler Gerechtigkeit ausführt. Dazu gehöre, dass diese Theorien „die gewaltigen ökonomischen und kulturellen Herrschaftsstrukturen als zentrales internationales Gerechtigkeitsproblem thematisieren“ müssten (S. 285). In jedem Fall muss, so Tanja Brühl im abschließenden Kapitel des Sammelbandes, „Gerechtigkeit in einem globalen Kontext“ gedacht werden (S. 289). Internationale Institutionen wie die Bretton-Woods-Organisationen und die UNO könnten dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Doch sind ihre Möglichkeiten, Verteilungsgerechtigkeit zu fördern, begrenzt, weil es häufig an der Verfahrensgerechtigkeit innerhalb dieser Institutionen selbst mangelt.

Die hier versammelten Beiträge sind vielstimmig; sie geben keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob die imperiale Weltordnung nun tatsächlich der „Trend des 21. Jahrhunderts“ ist. Dennoch sind sie gewinnbringend zu lesen, weil sie eine Vielzahl verschiedener Bereiche und Aspekte behandeln und damit die Bandbreite der Debatte über das Imperiale widerspiegeln. Der Band eignet sich vorzüglich zur Einführung in den Imperiumsdiskurs.

Anmerkung:
[1] Dieser Text ist eine Wiederveröffentlichung von Münklers Aufsatz aus Merkur 58 (2004), S. 93-105.

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03.03.2006
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