P. Fank u.a. (Hgg.): Nationalsozialismus im öffentlichen Gedächtnis

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Titel
Der Nationalsozialismus im Spiegel des öffentlichen Gedächtnisses. Formen der Aufarbeitung und des Gedenkens. Festschrift für Sigrid Jacobeit


Herausgeber
Fank, Petra; Hördler, Stefan
Erschienen
Berlin 2005: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
375 S.
Preis
€ 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Schaarschmidt, Koordinationsstelle des Projektverbunds Zeitgeschichte Berlin-Brandenburg, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Nicht immer ist die Lektüre von Festschriften für Rezensenten eine Freude, präsentieren sie doch allzu oft eine bunte Mischung aus lobenden Worten und Altbekanntem. Sehr erfreulich ist dagegen der Sammelband, der zur Verabschiedung Sigrid Jacobeits als Direktorin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück entstanden ist. Herausgegeben von Stefan Hördler und Petra Fank, liegt ein Band vor, der neben vielen Würdigungen von Jacobeits Wirken eine ganze Reihe überaus anregender Beiträge enthält.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen drei Aufsätze, die sich mit dem für die gesamte Gedenkstättenarbeit zentralen Begriff des „authentischen Ortes“ beschäftigen. Wie auch in einigen anderen Beiträgen dieses Bandes werden Gedenkstätten in öffentlichen Diskursen gerne als Orte beschrieben, an denen das Grauen der NS-Diktatur unmittelbar zu den Nachgeborenen spreche. Diese Prämisse, die Gedenkstätten eo ipso zu prädestinierten Orten historischen Lernens erklärt, wird in den Beiträgen von Insa Eschebach, Andreas Ehresmann, Jörg Skriebeleit und Wolfgang Benz einer kritischen Überprüfung unterzogen.

In Analogie zum Begriff „Ortschaften“ betiteln Andreas Ehresmann von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Insa Eschebach, Sigrid Jacobeits Nachfolgerin in Ravensbrück, ihren Beitrag ganz bewusst mit „Zeitschaften“, einem zuerst von Ruth Klüger in ihrem autobiografischen Buch „weiter leben“ geprägten Begriff. Wie Ehresmann und Eschebach schreiben, handelt es sich bei allen „so genannten authentischen Relikten im Grunde genommen um aufbereitete Präparate […], die zwar als ‚Zeichen von etwas Vergangenem’ gelten, tatsächlich aber […] erst in diesen Status versetzt worden sind“ (S. 114). Nur indem den Gedenkstättenbesuchern die verschiedenen Nutzungsschichten des historischen Ortes bewusst gemacht würden, lasse sich die Authentizitäts-Fiktion aufbrechen und eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Unvorstellbaren ermöglichen. Alles andere bleibe eine Illusion, die in Anbetracht der offenkundigen Diskrepanz von Vergangenheit und Gegenwart geradezu kontraproduktiv wirken könne.

Zu demselben Ergebnis kommt Wolfgang Benz, der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, der die Bedeutung der Gedenkstätten am historischen Ort damit begründet, dass sich Erinnerung „am authentischen Platz konkretisiert“ (S. 198). Am Beispiel von Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ macht Benz aber auch deutlich, in welchem Maße Authentizität „durch aktuelle Konsumgewohnheiten definiert“ wird (S. 199). Aus der zunehmenden Vermischung von Fiktion und Realität in der modernen Mediengesellschaft leitet Benz die eindringliche Mahnung zu einem sensiblen Umgang mit Inszenierungen in Gedenkstätten ab, denn jede Rekonstruktion, die nicht als solche erkennbar sei, führe auf eine schiefe Bahn, „an deren konsequentem Ende der interaktive Erlebnispark stehen“ könne (S. 201).

Auch Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, konzentriert sich in seinem Beitrag auf den Begriff des „authentischen Orts“, der sich seinen Ausführungen zufolge im öffentlichen Sprachgebrauch schon fast zu einem Synonym für Gedenkstätten entwickelt hat. Diese Verkürzung ignoriere jedoch die Einsicht, dass Vergangenheit „immer nur in den Rahmenbedingungen einer kulturellen Gegenwart rekonstruiert werden“ könne (S. 210). Entgegen der landläufigen Annahme evoziere der „authentische Ort“ nicht schon an sich die „Präsenz unverfälschter Geschichte“ (S. 215). Das beschworene „Gedächtnis der Orte“ sei „eher ein Gedächtnis an Ereignisse, die sich mit gewissen Orten verbinden“. Orte seien insofern lediglich ein „Medium für die Konstruktion kultureller Erinnerungsräume, die sich mit unterschiedlichen Bedeutungen und Aufladungen verbinden können“ (S. 219).

Stefan Hördler greift mit der „Täterforschung“ einen anderen Begriff auf, der in den letzten Jahren für die Gedenkstättenarbeit wachsende Bedeutung erlangt hat. Nicht nur an Orten wie der „Topographie des Terrors“ in Berlin, sondern auch in den KZ-Gedenkstätten werden in zunehmender Zahl Dokumentationen zu den Wachmannschaften und anderen Verantwortlichen des nationalsozialistischen Repressionsapparats präsentiert. In einem umfassenden Forschungsüberblick von Eugen Kogon und Hannah Arendt bis zur Gegenwart leuchtet Hördler die methodischen Defizite der bisherigen „Täterforschung“ und die Unschärfen des Begriffs aus. Ob der empfohlene Ansatz, die historischen Akteure über ihr Umfeld und ihre Aktionsradien zu erschließen, wirklich neu ist, mag man bezweifeln; richtig ist sicher, dass in der musealen Präsentation der Täter auf verkürzende Typisierungen verzichtet werden sollte, die einem differenzierten historischen Verständnis geradezu entgegenstehen.

Außerordentlich lesenswert sind in diesem Sammelband auch die Beiträge von Wolfgang Kaschuba, Stefanie Endlich und Annette Leo, die ganz unterschiedliche Aspekte der Erinnerungskultur behandeln. Leo nimmt ein Thema auf, das Sigrid Jacobeit und ihrem Mann, dem Volkskundler Wolfgang Jacobeit, stets am Herzen gelegen hat: das Verhältnis der Stadt Fürstenberg zum KZ Ravensbrück. Im Stil einer Reportage verfolgt die Berliner Historikerin die Spuren, die das nahe gelegene Konzentrationslager in der Erinnerung der ortsansässigen Bevölkerung hinterlassen hat. Was sie bei ihrem Erkundungsgang durch das Städtchen an der Havel zutage fördert, ist ein facettenreiches Panorama der Verdrängung und der Kehrseite des staatlich propagierten Antifaschismus, das nicht nur kluge Einsichten vermittelt, sondern auch literarisch eine gelungene Miniatur darstellt.

Stefanie Endlich, die selbst an der historischen Kommentierung des Berliner Olympiageländes mitwirkt, behandelt in ihrem wegweisenden Beitrag verschiedene Ansätze des kritischen Umgangs mit den Relikten der NS-Architektur im öffentlichen Raum. Am Beispiel bekannter Repräsentativbauten wie des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums und späteren „Hauses der Ministerien“ in Berlin-Mitte, des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg und des KdF-Ferienkomplexes in Prora auf Rügen analysiert sie, mit welchen Methoden eine kritische Distanz zur architektonischen Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus hergestellt und welche Wirkung damit erzielt wird. Modellcharakter haben für Endlich die Restaurierungs- und Erneuerungsarbeiten der letzten Jahre in einigen größeren KZ-Gedenkstätten, die einerseits den Bestand sichern, andererseits aber dem Grundsatz verpflichtet sind, auf Rekonstruktionen und Inszenierungen zu verzichten.

In einer ausgezeichneten Analyse der deutschen Gedenkkultur seit 1945 verweist Wolfgang Kaschuba, der Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt-Universität, auf grundlegende Defizite und „Abnutzungserscheinungen“, die sich heute in der kollektiven Erinnerung der Deutschen an den Holocaust bemerkbar machen. Dass sich in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik keine verbindliche Kultur des Erinnerns an die Verbrechen des Nationalsozialismus habe herausbilden können, erklärt Kaschuba überzeugend mit der starken Kontinuität des „Mythos einer ethnischen Abstammungsgemeinschaft“, der in Abgrenzung zu westlichen Zivilisationstheorien über die politischen Zäsuren von 1918, 1933 und 1945 Bestand hatte. Da „die Meinungs- und Funktionseliten als Lenker nationaler ‚Erinnerungsarbeit’“ nach dem Ende des Nationalsozialismus selbst „in ihren belasteten Teilen weitgehend unbehelligt“ blieben, konnten auch „zentrale Geschichtsmetaphern“ wie „Volk“, „Heimat“ und „Deutschtum“ ihre Stellung „im öffentlichen Diskurs Westdeutschlands“ behaupten (S. 188). Während in der Bundesrepublik eine Verdrängung der nationalen Verantwortung durch relativierende Vergleiche betrieben wurde, entzog sich die DDR jeder Diskussion über die Schuldfrage, indem sie die Verantwortung für die NS-Verbrechen per definitionem dem westdeutschen Staat überließ. Bis heute wirke sich dieses substanzielle „Defizit an Geschichtskultur und Gedenktradition“ in Ost und West aus, so Kaschuba. Abhilfe sieht er in einer offenen Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld und in der Etablierung einer systematischen öffentlichen Erinnerungsarbeit, die bis in den Alltag und in die Familien hineinwirkt (S. 191) und in der die Gedenkstätten nicht zu öffentlich isolierten „Erinnerungsparks“ degenerieren, sondern einen konstitutiven Beitrag zur Gedächtniskultur leisten (S. 196).

Weitere Aufsätze wie diejenigen von Linde Apel über den Alltag der Lagergesellschaft, von Constanze Jaiser über KZ-Lyrik und von Simone Erpel über eine Zeitzeugenbefragung polnischer Häftlinge in der unmittelbaren Nachkriegszeit fassen die Ergebnisse umfangreicher Studien anschaulich zusammen. Zusammen mit informativen Artikeln über die Gedenkstättenarbeit in Berlin und Brandenburg von Johannes Tuchel, Klaus Bästlein und Günter Morsch runden sie den Band zu einer anregenden Bestandsaufnahme der deutschen Gedächtniskultur ab.