G. Botz (Hg.): Schweigen und Reden einer Generation

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Titel
Schweigen und Reden einer Generation. Erinnerungsgespräche mit Opfern, Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus


Herausgeber
Botz, Gerhard
Erschienen
Anzahl Seiten
164 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Danuta Kneipp, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus muss man damit umgehen, dass historisches Wissen über diese Zeit in vielfältiger Weise in so genannten halbprivaten Familiengedächtnissen tradiert wird. So wird bei der Befragung von Zeitzeugen immer wieder deutlich, dass es sowohl eine kognitive als auch eine emotionale Dimension des Geschichtsbewusstseins gibt und die bestehenden Unterschiede für das Erzählen von Geschichte maßgeblich sind.[1] Der vorliegende Band greift mit insgesamt vierzehn Interviews nicht nur diese Problematik auf, sondern verspricht, in erster Linie Opfer- und Täterdiskurse zusammenzuführen. Es wird der Versuch gewagt, den Nachkommen der Opfer und Täter eine eigene Sprache zu geben und so das „generationelle Schweigen“ zu brechen. Die Interviewer befragten Menschen der so genannten „ersten“ Generation und „setzen bei persönlichen Erinnerungen und familiären Überlieferungen aus der NS-Zeit an“ (S. 8). So soll laut Botz das „nicht mehr lange offene ‚Zeitfenster’“ (S. 15) genutzt werden, solche realen Generationengespräche zu führen und die engen verwandtschaftlichen Verhältnisse im Sinne eines „verständnisvollen und verstehenden Blick[es]“ (S. 16) zu nutzen. Die zumeist jungen Historiker/innen spannen also einen weiten Bogen beispielhafter Erinnerungserzählungen. Dabei sind acht Opfererinnerungen und sechs Täter- und Mitläufererinnerungen entstanden. Die Geschichten beschreiben die grausamen Erfahrungen in den Konzentrationslagern, die durch sie verlorene Kindheit, den aktiven Widerstand gegen das NS-Regime. Sie erzählen aber auch von den Erfahrungen eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten, der seine Grausamkeit im „Partisanenkampf“ offen preisgibt, oder von einem Mann, der den „Anschluss“ Österreichs als „eine sehr gute Änderung“ (S. 97) darstellt.

Die Interviews stützen sich auf die Erkenntnis, dass Aspekte der Erinnerungen und des „kollektiven Gedächtnisses“, der Mythen, Opfergeschichten und Heldenerzählungen in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zur Mentalitäts- und Erfahrungsgeschichte zugehörig sind.[2] Die Gespräche sind nicht nur eine Quelle, sondern knüpfen in ihrer Gesamtheit an bisherige Erkenntnisse zur Problematik „transgenerationeller Erinnerungszusammenhänge“ (S. 11) an, die u.a. von Dan Bar-On, Friedhelm Boll und Gabriele Rosenthal vorangetrieben wurden.[3] Die kritische Befragung der „ersten“ bzw. „Kriegsgeneration“ durch deren Enkel zeigt die Art und Weise der gruppenspezifischen Kommunikation und auch des Schweigens zwischen der „Kriegsgeneration“ und deren Kindern bis hin zur Enkelgeneration.

In der Einleitung erörtert Gerhard Botz den umfassenden Problemkomplex der Kategorien Täter und Opfer. Wichtig ist für ihn, dass es sich bei der Erinnerung an den Nationalsozialismus um Familienerinnerungen handelt, verteilt über ganz Europa. Mit der Feststellung, dass Opfer, Täter und auch Mitläufer aus den verschiedenen europäischen Regionen kamen und somit laut Botz „die Erinnerungen […] auch keine räumlich bezogenen, nur auf die ‚Täter-Nationen’ beschränkten sein können“ (S. 10), thematisiert er die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust über nationale Perspektiven hinaus. Botz spricht in diesem Rahmen von „der Europäisierung der KZ-Erfahrung“ (S. 10), bei der sich Opfer-, Täter- und Mitläufererinnerungen überschneiden. Somit wäre die voneinander getrennte Erinnerung der Gruppen sowie die Vereinzelung der Kategorien nicht sinnvoll. Diese Argumentationslinie verfolgt Botz jedoch nicht konsequent. So taucht einerseits die Mitläuferkategorie immer wieder auf, ohne dass sie speziell gegenüber den Kategorien der Täter und Opfer spezifiziert wird. Gerade die Grauzone der Mitläufer aufzugreifen, wäre jedoch für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus enorm wichtig. Andererseits erörtert Botz, dass durch pauschalierendes Erfassen der Kategorie „Täter“ die Komplexität der Ursachen vereinfacht würde, nicht zuletzt zugunsten eines, wie Botz es nennt, „transgenerationellen Schweigens“. Trotz oder gerade wegen dieser Erkenntnis und wegen der „den Opfern geschuldeten Positionierung“ (S. 13) bleibe das Dilemma einer pauschalen Kategorisierung bestehen. Die Entschuldigungs- und Verharmlosungsdiskurse der allzu pauschal wahrgenommenen Täter würden so über Generationen weitergegeben.

Die Interviews wurden zum größten Teil nach der lebensgeschichtlichen Methode geführt, teilweise aber auch nach „einem anderen Interviewverfahren“ (S. 18). Welches dieses „andere Interviewverfahren“ ist, bleibt leider unbeantwortet. Auch an einer kritischen Methodenreflexion mangelt es. An dieser Stelle zeigt sich ein altes Problem der Oral History, nämlich eine gewisse methodische Willkür, die eine erfahrungsgeschichtliche und faktografische Analyse erschwert. Um dies zu verhindern, ist die Einheitlichkeit beim Führen der Interviews absolut notwendig. Dieser Aspekt stand zum Beispiel bei der Planung und Umsetzung eines der „größten europäischen Oral History Projekte“, dem „Mauthausen Survivors Documentation Project“ (MSDP), im Vordergrund, das Botz maßgeblich leitete.[4] Dagegen wird bei den hier geführten Interviews nicht ersichtlich, auf welche zentrale Foci sich die Interviewer mit ihren Nachfragen konzentrieren sollten.

Der vorliegende Band versucht, gleichermaßen eine Quellensammlung sowie eine Erörterung des Umgangs mit Opfer-, Täter- und Mitläufererinnerungen zu präsentieren. Es wäre wünschenswert gewesen, die einleitend skizzierten Handlungsspielräume und Grenzen gemeinsam dargestellter Opfer-, Täter- und Mitläufererinnerungen im Nachhinein zu reflektieren. Der Anspruch, der in der Einleitung entwickelt wurde, nämlich Opfer- und Tätererinnerungen zusammenzuführen, wird nur scheinbar erfüllt. Es fehlt die Interpretation, die Analyse der Interviews. Dennoch werden den Lesern/innen die Nahtstellen zwischen Opfer- und Täterbiografien deutlich, nicht zuletzt durch die herausgearbeitete persönliche Perspektive auf die Erfahrungen. Alles in allem bildet der Band eine umfangreiche Quellensammlung. Darüber hinaus liefert er interessante Detailerkenntnisse und Denkanstöße zu den Problemen zusammengeführter Täter-, Opfer- und Mitläufererinnerungen sowie der Tradierung von Vergangenheitsvorstellungen im Spannungsfeld von erlerntem, faktengestütztem auf der einen und familiärem, hoch emotionalem Wissen auf der anderen Seite.

Anmerkungen:
[1] Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002.
[2] Plato, Alexander v., Geschichte und Psychologie – Oral History und Psychoanalyse. Problemaufriß und Literaturüberblick, in: BIOS 11,2 (1998), S. 171-200.
[3] Zur Problematik der transgenerationellen Kommunikation siehe u.a. Bar-On, Dan, Die Last des Schweigens, Hamburg 2005; Boll, Friedhelm, Sprechen als Last und als Befreiung, Bonn 2001; Rosenthal, Gabriele, Der Holocaust im Leben von drei Generationen, Gießen 2004.
[4] Botz, Gerhard; Amesberger, Helga; Halbmayr, Brigitte, Das „Mauthausen Survivors Documentation Project“, in: BIOS 16,2 (2003), S. 297-306.

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Veröffentlicht am
20.04.2006
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