D. Feistauer: Aufstiegschancen des Adels

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Titel
Aufstiegschancen des Adels der preußischen Provinz Sachsen in Staat und Militär 1815-1871.


Autor(en)
Feistauer, Daniela
Reihe
Europäische Hochschulschriften Reihe III 1018
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
538 S.
Preis
€ 79,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Schmidt, Wissenschaftszentrum Berlin

Historische Mobilitätsforschung hatte in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft eine gewisse Konjunktur, geriet aber im Zuge der Orientierung an neuen Forschungsfeldern wie der Alltags- und Kulturgeschichte zusehends ins Hintertreffen. Daniela Feistauers Studie über die „Aufstiegschancen des Adels der preußischen Provinz Sachsen“ ist eine klare Abkehr von der Mobilitätsforschung der 1970er-Jahre. Sie geht vielmehr prosopografisch vor, wählt als besondere Gruppe den Adel der Provinz Sachsen aus. Die Leser/innen freilich erfahren von diesem Perspektivwechsel ihrer Mobilitätsforschung nichts. Kein Hinweis zur vor dreißig Jahren betriebenen Mobilitätsforschung findet sich in diesem Buch. Dabei wäre eine kritische Würdigung durchaus sinnvoll gewesen, da der Adel – wegen seiner geringen Zahl in der Gesellschaft – in den älteren Mobilitätsstudien meist unberücksichtigt blieb, da er in der großen Sammelkategorie „Oberschicht“ verschwand.

Überhaupt sind Feistauers Quellenstudien ungenügend in den Forschungskontext eingebunden. Die Adelsforschung, die in letzter Zeit einen gewissen Boom zu verzeichnen hat, taucht nicht auf. Im Literaturverzeichnis findet man Heinz Reifs Buch über den „Westfälischen Adel“ von 1979, jedoch nicht seine Synthese aus dem Jahr 1999 über „Adel im 19. und 20. Jahrhundert“.[1] Wichtige Fragen der Adelsforschung, etwa nach einer adlig-bürgerlichen Verschmelzung – die sich am Beispiel des Abstiegs mancher provinzialsächsischer Adelsfamilien bis in subalterne Beamtenpositionen stellen ließen –, bleiben unerörtert.

Das ausgebreitete Material wird unter zwei Fragestellungen betrachtet: Die Hauptfrage gilt den Karrierewegen der „provinzialsächsischen Adligen“ in Staat und Militär; darüber hinaus geht es Feistauer auch um die Frage nach der Integration der nichtpreußischen Adligen der Provinz Sachsen (vormals Kurmainz und Kursachsen) in den preußischen Staat. Aber beide Fragestellungen werden für die Leser/innen nicht stringent verfolgt. Einzelbeispiel reiht sich an Einzelbeispiel, Zitat folgt auf Zitat.

Feistauer gliedert ihr Material in zehn Kapitel. Nach der Einleitung werden die „Anfangsjahre der Regierungsbezirke Erfurt und Merseburg nach 1807/15“ behandelt und erste Untersuchungen über Karrierewege der Adligen integriert. Dieses Themenfeld wird im mit knapp 170 Seiten umfangreichsten dritten Kapitel „Bildung und Karrieren“ fortgeführt. Ausführlich werden an Einzelbeispielen die Schul- und Universitätsausbildung bei den Zivilkarrieren sowie das Bildungsniveau und die militärische Ausbildung im preußischen Militär untersucht. Die Autorin blickt darüber hinaus auch auf den Ausstieg aus dem Staats- oder Militärdienst, der meist auf den eigenen Gütern endete, in einigen wenigen Fällen aber auch in den beruflichen Abstieg führte. In den beiden folgenden Kapiteln fragt Feistauer nach dem Einfluss von „Beziehungen und Protektion“ sowie dem Einfluss der politischen Haltung auf die Karriere. Da „im Allgemeinen der Adel in der Preußen Provinz Sachsen, so muss man sagen, während des gesamten 19. Jahrhunderts, eher konservativ [war]“ (S. 316), bildete die politische Einstellung kein Hindernis für eine Karriere im Staatsdienst. Nach diesen Kapiteln, die eine Vielzahl adliger Personen in den Blick nahmen, wendet sich Feistauer in den folgenden Kapiteln einzelnen Familien zu. Das Kapitel zu Bismarcks Karriere basiert ausschließlich auf gedruckten Quellen und Biografien. In den Kapiteln 7 und 8 stehen je drei Familien aus den Regierungsbezirken Erfurt und Magdeburg sowie vier Familien aus dem Bezirk Merseburg im Mittelpunkt. Am Beispiel dieser Familien werden neben den einzelnen Lebensläufen Fragen nach dem Zusammenhang von „Karriere und Landbesitz“ erörtert. Im Kapitel 9 steht wieder die Gesamtheit der Landräte der drei Regierungsbezirke mit ihren Ausbildungswegen, ihrer finanziellen Situation und ihren politischen Ansichten im Mittelpunkt. In der dichten Zusammenfassung hebt die Autorin schließlich hervor, dass „Leben, Aufstieg und Karriere eines provinzialsächsischen Adligen im 19. Jahrhundert auf ziemlich gleichförmigen Wegen [verliefen]“ und ein „standesinternes Netz von Beziehungen“ sowie die „Unterordnung unter das Leistungsprinzip“ die Aufstiegschancen gefördert hätten.

Feistauer definiert den provinzialsächsischen Adel unter zwei Gesichtspunkten: Geburtsort und Rittergutsbesitz mussten in der Provinz liegen. Andererseits gibt Feistauer zu (und an zahlreichen Beispielen wird es deutlich), dass die Adligen ihre Güter keineswegs nur in den untersuchten Gebieten hatten, sondern auch in anderen Teilen Preußens (und anderen deutschen Staaten). Der regionale Zusammenhalt der Adligen hätte daher deutlicher herausgearbeitet werden müssen. Nun hat es die Autorin in der Tat mit einer zerrissenen Provinz zu tun, die sich aus unterschiedlichen Territorien zusammensetzte: Es handelte sich um altpreußische, sächsische und kurmainzische Gebiete, die sich nach 1815 in der Provinz Sachsen mit ihren Regierungsbezirken Magdeburg, Merseburg und Erfurt zusammenfügten. Aber gerade deshalb hätte es für die Leser/innen eines Überblicks bedurft. Überhaupt fehlen zur Orientierung einige grundlegende zusammenfassende Ergebnisse, die dann auch den Vergleich mit anderen Adels-Regionen erlauben würden. Oder am Beispiel der Landräte, einem der zentralen Karrierepunkte des Adels: Weshalb führt Feistauer die detaillierten Ergebnisse ihrer Untersuchung der Landräte im Tabellenanhang nicht zu einer knappen Übersicht im Text zusammen? In diese Zusammenhänge hätte die Autorin dann ihr biografisches Quellenmaterial einflechten können.

Hinsichtlich der Karrierechancen in Abhängigkeit von der regionalen Herkunft kommt die Autorin zu einem recht eindeutigen Ergebnis: Während die altpreußischen, aber auch die ehemals sächsischen Adligen erfolgreich die Strategie des „Obenbleibens“ im Gesamtstaat Preußen verfolgten, waren die ehemals „kurmainzischen“, „eichsfeldisch-erfurter“ Adligen auf preußischer Ebene weniger erfolgreich und konzentrierten ihr „’Obenbleiben’“ auf ihre Ursprungsregionen. Die Erfolge hingen wesentlich von (familiären) Beziehungen ab, die Feistauer materialreich belegt. Die Analyse der zehn Adelsfamilien in den drei Regierungsbezirken wiederum ergibt, dass rund zwei Drittel bis vier Fünftel der Adligen eine Militärkarriere anstrebten und nur die verbleibende Minderheit den Weg in den öffentlichen Dienst fand. Dies entsprach ungefähr der Größenordnung, die Reif allgemein für den deutschen Adel im 19. Jahrhundert konstatierte.[2]

Hier hätte man sich – wie in fast allen Kapiteln – eine stärkere Einbeziehung der Zeitdimension gewünscht. Die Entwicklungen im Verlauf der siebzig Jahre des Untersuchungszeitraums bleiben unterbelichtet, die meisten Quellenzitate beziehen sich auf das erste Jahrhundertdrittel. Dabei sind die zahlreichen Tabellen im Anhang sehr detailliert nach einzelnen Phasen untergliedert, allerdings wird der Wandlungsprozess (oder die Persistenz) nicht in die textliche Darstellung integriert. Eine Ausnahme, die auch das Potential zeigt, das in dieser Arbeit liegt, sind die Wandlungen bei der Besetzung der Landratsposten. Durch die zunehmende Professionalisierung der Verwaltung hatten adlige Militärs nach 1850 kaum noch Chancen, Landrat zu werden. Hätte die Autorin hier Reifs knappe Darstellung zu dieser Thematik und Christiane Eiferts ausführliche Studie (und nicht nur einen Aufsatz) herangezogen [3], hätte sie ihre Ergebnisse ‚vernetzen’ und in die breitere wissenschaftliche Debatte einfügen können.

Es ist diese fehlende Verknüpfung mit der Forschung, die das mit viel Mühe erarbeitete Material und das spannende Thema entwerten. Kollektivbiografische Arbeiten haben ihren Platz in der Geschichtswissenschaft gefunden und sind auch eine mögliche Methode, um der Mobilitätsforschung neue Wege zu öffnen. Aber sie müssen dann methodisch präziser und durch Fragestellungen besser strukturiert werden als dies in Feistauers Buch der Fall ist.

Anmerkungen
[1] Reif, Heinz, Westfälischer Adel 1770-1860. Vom Herrschaftsstand zur regionalen Elite, Göttingen 1979; Reif, Heinz, Adel im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999.
[2] Reif 1999, (wie Anm. 1), S. 18; zu den damit verbundenen Kontroversen: ebd., S. 74ff.
[3] Reif, 1999, (wie Anm. 1), S. 20; Eifert, Christiane, Paternalismus und Politik. Preußische Landräte im 19. Jahrhundert, Münster 2003; Dies., Zum Wandel einer Funktionselite. Brandenburgische Landräte im 19. Jahrhundert, in: Adamy, Kurt; Hübener, Kristina (Hgg.), Adel und Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Ein historischer Vergleich, Berlin 1996 (bei Feistauer – wie im gesamten Literaturverzeichnis – ohne Seitenangabe), S. 41-66.