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Titel
Walther Rathenau. Eine Biographie


Autor(en)
Schölzel, Christian
Erschienen
Paderborn u.a. 2005: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
652 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Brill, Historisches Institut, Universität der Bundeswehr München

Walther Rathenau war eine der schillerndsten, aber auch widersprüchlichsten Persönlichkeiten des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Der Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau brachte es bis zum Außenminister der Weimarer Republik. Als Teilnehmer an den Reparationskonferenzen nach dem Ersten Weltkrieg setzte er sich für eine Verständigung Deutschlands mit den Alliierten ein. Dafür wurde er von den Revisionisten kritisiert und als „Erfüllungspolitiker“ diffamiert. 1922 fiel er einem Attentat zum Opfer. Leo Baeck bemerkte einmal über ihn: „Ein Suchender ist er sein ganzes Leben gewesen.“[1]

Der Historiker Christian Schölzel beleuchtet in seiner Biographie nicht nur den Politiker, sondern auch den Publizisten und Industriellen. Seiner Ansicht nach war die Persönlichkeit des jungen Rathenau von drei Spannungsverhältnissen durchzogen, die auch in späteren Lebensjahren immer wieder prägend wurden: 1. Rationalität oder Emotionalität in der persönlichen Orientierung; 2. Anpassung oder Widerstand im Verhältnis zu seinem Vater; 3. Bejahung oder Verneinung des Judentums. Schölzel beleuchtet die Jugend Rathenaus in ihrem sozialen und religiösen Umfeld. Beide Faktoren waren für den Heranwachsenden ebenso identitätsstiftend wie problematisch. Während seiner ersten Berufsjahre im väterlichen Unternehmen kam der Zwiespalt zwischen einer gleichsam familiären „Verpflichtung“ zur Technik und der persönlichen Neigung zur Philosophie hinzu. Der Konflikt wirkte sich auf das Verhältnis zu seinem Vater aus, der kurz vor der Jahrhundertwende zu einem international agierenden Industriellen geworden war. 1899 trat Walther Rathenau dennoch in das Direktorium der AEG ein, die inzwischen zu einem Weltkonzern geworden war.

In seinen Aufsätzen suchte Rathenau die ernsthafte Auseinandersetzung mit seiner Zeit. Doch können seine publizistischen Ambitionen auch als Protest gegen seinen amusischen Vater gewertet werden. Seine gespaltene Identität und ungelöste Konflikte konnte er im Schreiben umgehen; es setzte zudem einen symbolischen Gegenpol zur Welt des Kapitalismus, in der er sich als Industrieller bewegte. Der schriftliche Dialog wurde für ihn zu einem Brückenschlag, soziale Annäherungen verlagerte er in das geschriebene Wort. Durch die kindliche Konditionierung sowie die häufige Diskriminierung als Jude mußten seine emotionalen Beziehungen als gestört gelten. Gerade in den 1890er Jahren setzte er sich mit den Erscheinungsformen des europäischen Antisemitismus auseinander. Vor dem Hintergrund der Dreyfus-Affäre erschien 1897 pseudonym sein Werk „Höre Israel“, in dem seine Ambivalenz gegenüber dem Judentum dokumentiert wurde, und das selbst nicht frei von antisemitischen Klischees war. Vor allem die osteuropäischen Juden wurden von Rathenau kritisiert, das Judentum insgesamt zur Akkulturation und Selbsterziehung aufgerufen. Taufe oder Konversion, so Rathenau, änderten nichts an der Tatsache, daß man stets ein Jude bleibe. In diesem Zusammenhang geht Schölzel auch auf die Korrespondenz zwischen Rathenau und Theodor Herzl ein, der sich vergeblich darum bemühte, den Autor von „Höre Israel“ für den Zionismus zu gewinnen.

Die ganze Bandbreite von Rathenaus gedanklichen Auseinandersetzungen zeigt Schölzel mit der Skizzierung weiterer Aufsätze, die in dem Band „Impressionen“ veröffentlicht wurden. Hierzu zählen beispielsweise die „Transatlantischen Warnungssignale“, in denen er die Auseinandersetzungen zwischen den USA und Spanien um Kuba schilderte. Die Schrift „Im Garten der Hesperiden“ ist ein Zeugnis seiner kunstanalytischen Interessen, und in „Ignorabimus“ positionierte er seine philosophische Selbstbestimmung zwischen Rationalismus und Mystik.

Mit der Darstellung der sozialen Beziehungen Rathenaus macht Christian Schölzel deutlich, wie wenig Rathenaus Freundschaften und sozialen Kontakte frei von seinen ideologischen Anschauungen und seinem schwierigen Verhältnis zum Judentum waren. Seine freundschaftlichen Beziehungen waren nach der Ansicht Schölzels oft von einer gewissen Zweckbestimmung geprägt. Gegenüber Kollegen und Partnern in der Industrie zeigte er sich fachlich kompetent und kompromissbereit; mit Künstlern und Wissenschaftlern wie Carl Sternheim, Richard Dehmel, Gerhart Hauptmann oder Frank Wedekind pflegte er einen persönlicheren Austausch. Mit Maximilian Harden, dem Journalisten und Kritiker des Kaiserreichs, teilte er insbesondere die ambivalente Auffassung zum Judentum. Regen Kontakt hatte er auch zu anderen jüdischen Zeitgenossen, wobei intellektuelle Interessen stets im Vordergrund standen. Mit Stefan Zweig tauschte er sich vor allem über kulturelle und philosophische Fragen aus, mit Martin Buber suchte er die Diskussion über den Chassidismus und die jüdische Kultur im Allgemeinen.

Ein erster Höhepunkt von Rathenaus politischer Karriere war seine Berufung als Sachverständiger der Reichsregierung zur internationalen Reparationskonferenz in Spa vom 5. bis 16. Juli 1920. Dieser Auftrag bildete den Ausgangspunkt für seinen Aufstieg in das Wiederaufbauressort und später in das Amt des Außenministers. Schölzel schildert minutiös die einzelnen Verhandlungsschritte und stellt dabei die unterschiedlichen Positionen der Teilnehmer heraus. Eine zu Rathenau gegenseitige Auffassung vertrat beispielsweise Hugo Stinnes, er scheute sich nicht vor antisemitischen Untertönen und bezeichnete Rathenau als „Erfüllungspolitiker“. Stinnes war der Ansicht, daß sich das Abkommen von Spa angesichts der Situation in Deutschland nicht werde durchsetzen lassen, denn die jüdischen Sachverständigen hätten „Verheerendes“ angerichtet.

Die Biographie endet mit den Stationen Rathenaus im Amt des Außenministers, das er am 31. Januar 1922 antrat. Hier geht Schölzel unter anderem detailliert auf die Verhandlungen bei der Konferenz von Genua ein, die am 10. April 1922 eröffnet wurde und an der Vertreter aus 29 Staaten teilnahmen. Im letzten Kapitel werden schließlich die Hintergründe des tödlichen Attentats auf Walther Rathenau am 24. Juni 1922 erläutert.

Schölzel sieht in Walther Rathenau einen Mann, der die verschiedenen Zeitebenen, in denen er lebte, zu vereinen wußte. Als Jude habe er das „zeitübliche Lebensmodell“ weitestgehender Akkulturation gewählt. Basis dafür sei das Gefühl gewesen, nicht akzeptiert zu werden. Rathenau habe den Weg einer – in ihrer Formenvielfalt überaus kreativen – Anpassung gesucht. Seine geschichtsphilosophischen Konzepte seien für Rathenau mögliche Lösungen zur Integration der Juden in Deutschland gewesen und könnten, so Schölzel, als eine Antwort auf die mit der Säkularisierung des Judentums seit dem 18. Jahrhundert verbundenen Fragen gelten.

Als Politiker und Industrieller war Rathenau dem „kooperativen Revisionismus“ in der Außenpolitik verbunden. Kurz vor seiner Ermordung seien jedoch, so Schölzel, nationale Konzepte stärker zutage getreten. Letztlich sei er aber vom Kaiserreich bis zur Weimarer Republik seinem westlich orientierten außenpolitischem Denken relativ treu geblieben. Abschließend plädiert Schölzel dafür, Rathenaus nachvollziehbare Widersprüchlichkeiten und seine überaus komplexe Persönlichkeit nicht durch allzu kategorische Fragestellungen und vermeintlich eindeutige Antworten einzuengen.

Die umfassende, minutiös sowie behutsam analysierende Biographie Rathenaus beleuchtet alle Facetten seines Lebens und Wirkens als Politiker, Publizist und Industrieller. Die Grundlage hierzu bilden Quellen aus 85 internationalen Archiven, darunter auch erstmalig ausgewertete Aktenbestände aus Moskau sowie eine überaus große Bandbreite an Sekundärliteratur. Nach zahlreichen älteren Darstellungen und einigen jüngeren Bearbeitungen spezieller Fragestellungen zu Rathenau liegt mit Christian Schölzels Werk nun endlich eine hervorragende und sensibel bewertende Gesamtanalyse Rathenaus vor.[2] Schölzels Perspektive auf das Leben und das Gesamtwerk Rathenaus vermeidet Reduktionen und erlaubt den Abgleich der verschiedenen Lebens- und Wirkungsbereiche. So lassen sich durchaus neue Erkenntnisse gewinnen, etwa über die Zusammenhänge zwischen seiner Geschichtsphilosophie, seiner Auswahl an Freunden und seinen politisch-publizistischen Analysen.

Anmerkungen:
[1] Baeck, Leo, Von Moses Mendelssohn zu Franz Rosenzweig. Typen jüdischen Selbstverständnisses in den letzten beiden Jahrhunderten, Stuttgart 1958, S. 40.
[2] Vgl. unter anderem Roth, Alfred, Rathenau „Kandidat des Auslandes“, Hamburg 1922. Kerr, Alfred, Walther Rathenau, Amsterdam 1935. Schulin, Ernst, Walther Rathenau. Repräsentant, Kritiker und Opfer seiner Zeit, Göttingen 1979. Hecker, Gerhard, Walther Rathenau und sein Verhältnis zu Militär und Krieg, Boppard am Rhein 1983. Sabrow, Martin, Walther Rathenau und Maximilian Harden. Facetten einer intellektuellen Freund-Feindschaft, Leipzig 2000. Erwähnenswert ist zudem die Studie von Brenner, Wolfgang, Walther Rathenau. Deutscher und Jude, München 2005, die vor allem auf die Perspektive Rathenaus als Deutscher und Jude fokussiert war.

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Veröffentlicht am
22.08.2006
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