S. Radowitz: Schweden und das "Dritte Reich"

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Titel
Schweden und das 'Dritte Reich' 1939-1945. Die deutsch-schwedischen Beziehungen im Schatten des Zweiten Weltkrieges


Autor(en)
Radowitz, Sven
Reihe
Beiträge zur Deutschen und Europäischen Geschichte, Bd. 34
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Håkan Fink, Friedrich-Schiller-Universität

In den letzten Jahren war in Schweden ein gesteigertes öffentliches Interesse an der Geschichte in der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu verzeichnen. Vor allem die schwedische Neutralität geriet dabei unter die Lupe und unter Beschuss. Im Zuge der internationalen Holocaust-Konferenz, die Anfang 2000 in Stockholm stattfand, veranlasste der damalige Ministerpräsident Göran Persson die Öffnung von bis dahin unzugänglichen Archivbeständen für die Forschung. Im Jahr 2001 wurde von der schwedischen Regierung das Forschungsprojekt „Sweden’s relations with Nazism, Nazi Germany and the Holocaust“ (SWENAZ) ins Leben gerufen, das die Aufgabe hatte, die Beziehungen zwischen Schweden und dem Dritten Reich aufzuarbeiten, Forschungslücken aufzudecken und diese nach Möglichkeit zu schließen. In verschiedenen Publikationen ist dies inzwischen geschehen.[1]

Unabhängig von diesem Forschungsprojekt erschien jetzt eine Dissertation von Sven Radowitz, deren Hauptthema ebenfalls die deutsch-schwedischen Beziehungen der Kriegsjahre sind. Die Arbeit geht von der Beobachtung aus, dass die außenpolitische und ökonomische Krise des Dritten Reiches mit zu dem Entschluss Hitlers beitrug, Polen zu überfallen und damit gleichsam eine Flucht nach vorn anzutreten. Die daraus resultierende wirtschaftliche Dauerkrise Deutschlands, kombiniert mit dem Fehlen einer Strategie zur siegreichen Beendigung des Krieges, veranlasst den Autor, ähnlich wie zuvor schon Alf W. Johansson und Kent Zetterberg, zu einer Neubewertung der Beziehung der beiden Länder.[2] Auch setzt er sich kritisch mit dem „Kleinstaatenparadigma“ auseinander, das die schwedische Geschichtswissenschaft noch lange Zeit nach dem Ende des Krieges prägte, und das im wesentlichen auf der Arbeit Wilhelm Carlgrens zurückging.[3] Radowitz überprüft, ob Schwedens Handlungsspielräume gegenüber dem schier übermächtigen Dritten Reich tatsächlich so gering waren, wie die bisherige Forschung annahm. Dabei versucht er in seiner Arbeit die Perspektiven beider Länder zu berücksichtigen und entscheidende Kriegsereignisse in Bezug zu grundsätzlichen Haltungen zu setzen, die in Schweden gegenüber dem deutschen Aggressor entwickelt wurden. Dabei steht vor allem die Frage im Zentrum, ob sich das skandinavische Land nicht schon sehr viel früher gegen den Transitverkehr hätte wehren sollen, den die deutsche Wehrmacht für den Transport von Truppen und Gütern von und nach Norwegen über schwedisches Territorium in Anspruch nahm.

Der erste Teil des Buches rekapituliert die deutsch-schwedischen Beziehungen bis zum Ende des Jahres 1940. Er hebt die Bedeutung Skandinaviens in den Plänen der deutschen Großraumwirtschaft hervor, aber auch die außen- und handelspolitischen Interessen Schwedens während der ersten Kriegsjahre. Hierbei legt Radowitz erneut ein besonderes Gewicht auf die von der schwedischen Regierung zu wenig genutzten Spielräume, die trotz der geographischen Isolation durch die deutsche Besetzung Dänemarks und Norwegens bestanden. Er stellt dies in einen internationalen Kontext, der verdeutlichen soll, dass trotz der fast gleichzeitigen Erfolge in Narvik und Dünkirchen es unausweichlich zu einer Verschlechterung der Gesamtlage Berlins kommen musste, besonders aufgrund des erfolgreichen Widerstands Großbritanniens gegen eine deutsche Invasion sowie dem sich abzeichnenden Kriegseintritt der USA. Eine totale Herrschaft Europas unter dem Hakenkreuz hätte auf Grund der enormen Rüstungslieferungen und Verbindlichkeiten vor allem gegenüber Großbritannien für die USA nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Katastrophe bedeutet.

In einem zweiten Abschnitt werden die schwedischen Verteidigungsmaßnahmen, die allgemeine Aufrüstung der verschiedenen Heeresabteilungen und das schwedische Rüstungspotential geschildert und in Bezug zum Kriegsverlauf gesetzt. Diese Analyse der stets bedrohlichen Lage Schwedens charakterisiert nicht nur den realen Stand der wehrwirtschaftlichen Vorbereitung, Aufrüstung und der militärischen Planung. Auch die Wahrnehmung der Sammlungsregierung während der Kriegsjahre wird thematisiert. Der Autor interpretiert das Militär dabei als politischen und gesellschaftlichen Faktor. Er charakterisiert die politischen Strömungen im schwedischen Offizierskorps, hebt dessen Rolle bei der Ausgestaltung der deutsch-schwedischen Beziehungen hervor und benennt einflussreiche Persönlichkeiten, die dem Nationalsozialismus gegenüber durchaus aufgeschlossen waren. Viele Angehörige der führenden Schichten in Schweden, die vor dem ersten Weltkrieg aufwuchsen, neigten offenbar dazu, das Dritte Reich in die Tradition des deutschen Nationalismus seit dem Kaiserreich zu stellen. Schließlich hatte Deutschland lange Zeit über einen bedeutenden kulturellen Einfluss auf Schweden ausgeübt, der sich unter anderem darin äußerte, dass bis in die 1940er Jahre Deutsch in der Regel als erste Fremdsprache gelernt wurde. Die stetig stärker werdende Sozialdemokratische Partei Schwedens sowie deren Neigung zur „Sozialisierung“ der schwedischen Gesellschaft nährten unter den schwedischen Eliten eine steigende Furcht vor dem Kommunismus.[4]

Im Gegenzug charakterisiert Radowitz wesentliche Elemente der deutschen Politik und Militärstrategie gegenüber Schweden und berücksichtigt dabei auch die strategischen Gesamtkonzepte Berlins gegenüber Skandinavien als Ganzem. Damit nähert er sich seinem Ziel einer fundierten und umfassenden Bewertung der deutsch-schwedischen Beziehungen einen gehörigen Schritt. Indem er seine Chronologie in die Zeit vor und nach dem Angriff auf die Sowjetunion unterteilt, wird den Leser/innen die systematische Erschließung der Themengebiete des dritten und vierten Kapitels zusätzlich erleichtert.

Im fünften Kapitel untersucht Radowitz vornehmlich die Auswirkungen des Ostfeldzugs auf die Beziehung zwischen Berlin und Stockholm. Vor dem Hintergrund der innen- und außenpolitischen Lage geht er auf die deutschen Forderungen an Schweden nach dem Überfall auf die Sowjetunion ein und bewertet dabei sowohl die schwedischen Zugeständnisse als auch deren Grenzen. Der Autor fragt nach den Auswirkungen der wechselnden Erfolge der deutschen Wehrmacht und analysiert, inwiefern Stockholm den „Vernichtungsfeldzug“ als solchen erkannte und welche Konsequenzen dies für die schwedische Beurteilung des Kriegsverlaufes hatte.

Die folgenden Kapitel sind den Entwicklungen von der Februarkrise des Jahrs 1942 über die deutsch-schwedischen Transitverhandlungen bis hin zum schwedisch-sowjetischen U-Boot-Krieg gewidmet. Der Einbezug bisheriger Forschungsergebnisse eröffnet dem Leser nicht nur eine übersichtliche Einführung in die Ereignisgeschichte der Kriegsjahre, sondern auch in deren Auswirkungen auf die Beziehung beider Länder bis hin zur endgültigen Abwendung Schwedens von Deutschland bzw. seiner Hinwendung zu den Alliierten. Dabei hält Radowitz erfreulicherweise den ständigen Wechsel zwischen den Perspektiven beider Länder bei, anstatt sich ausschließlich auf die Sicht der Stockholmer Sammlungsregierung zu beschränken.

An der Arbeit Sven Radowitz’ ist insbesondere die breite Quellenbasis hervorzuheben. So werden etwa die Kabinettsentscheidungen der Sammlungsregierung durch Tagebucheinträge ergänzt. Wenngleich diese Quellen natürlich mit Vorsicht zu genießen sind, tragen sie doch zur insgesamt übersichtlichen und plastischen Darstellungsweise der Arbeit bei. Im übrigen bemerkt der Autor in seiner Einleitung selbst, dass sein Buch nur wenige Hinweise auf die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Schweden während der Kriegsjahre gibt. In der Beschreibung zentral bestimmender Felder der Außen-, Militär-, Wirtschafts- und Handelspolitik dagegen liegt eindeutig dessen Stärke.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa die Rezension von Andreas Åkerlund auf H-Soz-u-Kult vom 15. September 2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-3-148>.
[2] Zetterberg, Kent, Neutralitet till varje pris? Till frågan om den svenska säkerhetspolitiken 1940-42 och eftergifterna till Tyskland, in: Hugermark, Bo (Hg.), I orkanens öga. 1941 – en osäker neutralitet, Stockholm 1992. Johansson, Alf W., Den nazistiska utmaningen. Aspekter på andra världskriget, 5. Aufl. Stockholm 2000.
[3] Carlgren, Wilhelm, Svensk utrikespolitik 1939-1945, Stockholm 1973.
[4] Vgl. hierzu die komparatistische Arbeit von: Götz, Norbert, Ungleiche Geschwister. Die Konstruktion von nationalsozialistischer Volksgemeinschaft und schwedischem Volksheim, Baden-Baden 2001. Hierzu die Rezension von Thomas Etzemüller auf H-Soz-u-Kult vom 6. Februar 2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/NS-2002-002>.

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Veröffentlicht am
24.11.2006
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