Cover
Titel
La mamma.


Autor(en)
D'Amelia, Marina
Erschienen
Bologna 2005: Il Mulino
Anzahl Seiten
331 S.
Preis
€ 14,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katrin Schmeißner, Romanische Kulturwissenschaft, Technische Universität Chemnitz

Angesichts einer offenkundigen Diskrepanz zwischen der nordeuropäischen Rezeption des Rollenstereotyps der italienischen Mutter und den in Italien konträr dazu abzeichnenden Tendenzen zur Forderung der rechtlichen Anerkennung von Lebensmodellen, in deren Mittelpunkt kein oder allenfalls ein Kind steht, erweist sich die Frage nach den historischen Grundlagen sowie literarischen und künstlerischen Repräsentationen des Mythos der „mamma“ im Ursprungsland zweifelsfrei als obligat. Innerhalb des seit einem Jahrzehnt in Italien auch im akademischen Rahmen verstärkt in Gang befindlichen Reflektionsprozesses über die verschiedensten Aspekte der Mutterschaft [1], erfolgte nun erstmals – ermöglicht wohl durch dessen partielle Historisierung – eine fundierte Hinwendung zum Mythos der italienischen „mamma“. Die Entstehung, Popularisierung und Verfestigung des Stereotyps der „santa madre“, d.h. eines mentalitätsgeschichtlichen Phänomens, das auf medialer Ebene reflektiert wird, findet mit der Publikation der Historikerin D’Amelia „La mamma“ seine Betrachtung im Doppelspiel zwischen Aufarbeitung von Biografien, Tagebüchern und Briefen sowie der Analyse weiblicher Darstellung im öffentlichen Diskurs.

Wie D’Amelia aufzeigt, lässt sich die spezifische Vorstellung des „mammismo“, d.h. einer gleichwohl schützenden wie fürsorglichen, einseitig betonten starken Liebe der Mutter gegenüber dem Sohn auf der Halbinsel jenseits der Alpen erst ab 1830 nachweisen und muss ab den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts als „inventend tradition“ im Sinne Hobsbawms gelten.[2] Die zuvor von Intellektuellen beispielsweise im Vergleich mit England als rückständig wahrgenommenen Handlungsmodi der Frau, ihre mangelnde mütterliche Sensibilität und die geringe Verbreitung gelebten weiblichen häuslichen Lebens, für das Intimität und Affektvermittlung keineswegs kennzeichnend waren, bedingten sich primär einer partriarchalen Familienstruktur. Erst mit der italienischen Einigungsbewegung des Risorgimento bilden sich nach D‘Amelia Modelle von Frauenrollen heraus, die einerseits an den Müttern der patriotischen Nationalhelden verifizierbar sind, andererseits aber über die Medien Verbreitung finden und die Mutter zwischen engelsgleichem und heroischem Habitus gegenüber den männlichen Nachkommen verorten.

Die Veränderung moralischer Normen der Mütter, die Entwicklung eines allgemeinen Nationalgefühls und die Hoffnung auf die Realisation des Einheitsstaates vollziehen sich – so der Kernbefund D’Amelias – in paralleler Entwicklung und sind nicht voneinander zu trennen. In stark patriotischen Familien Norditaliens werden erstmals realiter Formen von Komplizität zwischen Mutter, die sich völlig den politischen Ambitionen des männlichen Nachwuchses verschreibt, und Sohn erprobt. Diese emotionale Nähe entwickelt sich bis zu einer Stärke, die jede Distanz zwischen den beiden involvierten Personen auszuschließen scheint. Mit der starken mütterlichen Aufmerksamkeit gehen enthusiastischen Bewunderung für die „göttliche Inspiration“ des Sohnes und seine Ideale eines vereinten Italiens, Schutz vor Zweifeln des Vaters und ein ausgeprägter Protagonismus angesichts zu treffender ökonomischer, familieninterner Entscheidungen einher. Briefwechsel zwischen Müttern und Söhnen, die zuvor von geringer Kontinuität, Emotionslosigkeit und Unterordnung unter väterliche Mitteilungen gekennzeichnet waren, verlieren die Züge kommunikativer Routine und werden mit dem „linguaggio dell’intimità“ für D’Amelia Signum dieser neuen innerfamiliären Verbindung.

Während der Typus der „mamma“ als Idealtypus weiblicher Existenz in Norditalien seine Festschreibung erfährt, ist dieser im bis zur Einheit Italiens von den Bourbonen besetzten Süden Italiens im 19. Jahrhundert kaum nachweisbar. Nach der Schaffung der Einheit Italiens setzt sich mit der Entwicklung eines Gründungsmythos des Staates der Rückgriff auf den Stereotyp der Mutter fort: Es bildet sich das Image der doppelt opferbereiten Mutter heraus. Sie ist die sich Aufopfernde im Haushalt (ein Aspekt der in der öffentlichen Darstellung bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts wohlweislich verschwiegen wird) und als patriotische Mutter Heldin des Vaterlandes. Auf diese Hagiografie der zum Wohle des Vaterlandes ihre Söhne opfernden Mutter führt D‘Amelia alle weiteren diesbezüglichen Stilisierungen zurück - etwa die im Faschismus gebräuchliche.

Die von ihr für das Endes des 19. Jahrhunderts vorgestellten Weiblichkeitsentwürfe schwanken zwischen dem der Mutter, die als nationales Emblem fungiert und all ihre Söhne in Brüderschaft zu vereinen weiß, der kulturell engagierten „donna d’azione“ und der der Fortpflanzung nachkommenden „donna di pensiero“; wobei die beiden letzteren Facetten des präunitarischen Muttermythos darstellen. Als an Konnotationen reicher charakterisiert sie das Image der „mamma“ in der Zeit des liberalen Italiens vor dem Ersten Weltkrieg: dem zivilen Katechismus der Heroin, der Kulturvermittlerin und der Hausmutter wird dasjenige der Schöpferin familiären Wohlstands und der Garantin der moralischen Ordnung unter Beachtung wissenschaftlicher Imperative - in positivistisch-modernisierender Perspektive hinzugefügt.

Überzeugend gelingt D’Amelia des Weiteren die Annäherung an den faschistischen Muttermythos. Hierbei fokussiert sie nicht allein die allseits bekannte rhetorische Forderung nach der zum Erhalt der Rasse beitragenden Mutter, sondern ebenso die Glorifizierung der Mutter des im Ersten Weltkrieg gefallenen Helden über Strategien der Monumentalisierung. Als Beispiel fungieren die Ereignisse in Florenz 1926, wo im Pantheon nationalen Heldentums, in der Kirche Santa Croce, dem Kult der Mutter über die Aufstellung einer Pietà, die in klassisch-manieristischem Stil Maria mit dem Leichnam Jesus auf dem Schoß evoziert, und der Einrichtung einer dazugehörigen Kapelle Rechnung getragen wird. Obgleich unter der Schirmherrschaft Mussolinis realisiert und trotz des bei seiner Einweihung präsenten Königs Vittorio Emanuele III. löst diese Erinnerungsstätte, die den ewigen Wert mütterlichen Opfers betont, nur wenig Resonanz aus.

Die Autorin arbeitet chronologisch präzise die Entwicklung des Phänomens auf, daneben kommt ihr zweifelsohne auch das Verdienst zu, diese mit den ihr immanenten Symbolfiguren wie Maria Drago Mazzini, Adelaide Cairoli und Rosa Maltoni zu unterlegen. Als hochgradig effizientes und äußert massenwirksames Idol einer „donna all’antica“ etwa zeigt sie letztere, die 1905 verstorbene Mutter Mussolinis, auf. Ab 1926 weist sie eine Welle der Verbreitung ihrer Biografie nach, in welcher man ihren katholischen Glauben zelebriert, sie selbst zur Quelle des Trostes für in schwierigen Ehen lebende Mütter avanciert und zum Symbol einer Mutter im „Neuen Italien“ wird, die den sozialen Aufstieg ihrer Söhne ermöglicht. Die Verbreitung ihres Mythos schuldet sich naturgemäß dem Ort der Jugend Mussolinis, Predappio, der zu einem Pilgerort und somit auch von einer Vielzahl von Frauen besucht wird. Die Maltoni entgegengebrachte Devotion erweist sich nach D’Amelia als höchst funktionell in der Glorifizierung des Duce sowie bei der Illustration letztlich gegenläufiger Muttermodelle des Faschismus.

Einem bisherigen eklatanten Forschungsdefizit in diesem Bereich stellt die an der Universität „La sapienza“ tätige Autorin somit äußerst erhellende Ausführungen entgegen, mit denen sie nicht allein eine Demontage des Verhaltensstereotyps ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts forciert, sondern auch das Aufzeigen seiner Ursprünge. Die ihrer Aufarbeitung entgegenzustellende Frage nach der „starken Frau“ im römischen Reich berücksichtigt sie einführend, dechiffriert diese Vorstellung aber - womit sie durchaus Diskussionsräume öffnen dürfte - als an wenigen Beispielen, die keinesfalls die gesamte lebensweltliche Realität abbilden, tradiert.

Marina D’Amelias differenzierte Sicht auf die Entwicklung des Stereotyps des „mammismo“ leidet freilich unter dem Manko einer nicht vollzogenen Abgrenzung zwischen der in Norditalien im bürgerlichen Milieu partiell vollzogenen Ausbildung des „mammismo“ und der Sphäre des Mythos, zwischen denen sie bedauerlicherweise ohne Abgrenzung oszilliert. Ihr außerordentliches Verdienst ist es dennoch einerseits, den Stereotyp bzw. den tatsächlichen „mammismo“ als Resultat einer spezifischen historischen Situation und eines ebenso speziellen politischen Klimas zu verorten sowie andererseits durch diese Arbeit im europäischen Rahmen vergleichende und im historischen Kontext weiterführende Analysen zu ermöglichen.

Anmerkungen:
[1] Vgl.: D’Amelia, Marina (a cura di): Storia della maternità, Roma-Bari 1997, De Giorgio, M., Le italiane dall’Unità ad oggi, Roma-Bari 1992; außerhalb dessen ist auf folgende Publikationen des europäischen bzw. amerikanischen Raums zu verweisen: Schenk, Herrad, Wieviel Mutter braucht der Mensch? Der Mythos von der guten Mutter, Köln 1996; Turner, Shari, The myths of motherhood, New York 1994.
[2] Vgl. D’Amelia, Marina, La mamma, Bologna 2005, S. 7-20; hinsichtlich des französischsprachigen Raums sei an eine vergleichbare Arbeit der 1980er-Jahre erinnert: Badinter, Elisabeth, L’amour en plus, Paris 1980, die neben der Nutzung literarischer Dokumente aber auf einem stärkeren Einbezug von Statistiken etc. basiert.

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Veröffentlicht am
16.02.2006
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