M. Koller: Bosnien an der Schwelle zur Neuzeit

Cover
Titel
Bosnien an der Schwelle zur Neuzeit. Eine Kulturgeschichte der Gewalt (1747-1798)


Autor(en)
Koller, Markus
Reihe
Südosteuropäische Arbeiten 121
Erschienen
München 2004: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
244 S.
Preis
€ 44,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dariusz Kolodziejczyk, Historisches Institut der Universität Warschau

Die Historiografie der Balkanländer wurde bis heute von der nationalistischen und der marxistischen Interpretation stark beeinflusst. Jeder Ausbruch der Gewalt wurde als Erscheinung des national-religiosen Gefühls oder des Klassenkampfes angesehen. In seinem Buch bietet Markus Koller eine alternative Perspektive an, die der Zusammenarbeit zwischen Historiker/innen, Anthropolog/innen und Politikwissenschaftler/innen viel zu verdanken hat. Seine Quellenbasis besteht aus Kadiamtsregistern verschiedener Städte Bosniens und Herzegovinas, die in den Archiven und Bibliotheken Sarajevos und Mostars erhalten sind, sowie meist gedruckten lokalen Chroniken (muslimischen und christlichen), Reiseberichten sowie schließlich verschiedenen Sammlungen von Volksliedern und mündlicher Epik.

Im islamischen Recht war unter den Gewaltdelikten nur Straßenraub vom Richter mit einer festgelegten Strafe (hadd) zu ahnden (dies galt sonst etwa auch für unerlaubten Geschlechtsverkehr). Andere Gewalttaten wie Mord, Körperverletzung und Raub im Verborgenen wurden hingegen eher als Privatrechtsangelegenheiten angesehen. Der Konflikt zwischen dem Täter und dem Opfer (oder seiner Familie) konnte in solchen Fällen durch eine Kompensationsleistung zumindest rechtlich gelöst werden. Deswegen finden wir solche Gewalttaten in den Kadiamtsregistern vergleichsweise selten. Fragen des Grundbesitzes oder des Nachlasses Verstorbener, deren Registrierung auch kommende Generationen anging, sind darin viel öfter zu finden (S. 12, 192). Das, was heute als zivilrechtliche Angelegenheiten das staatliche Interesse weniger berührt, nimmt somit in den osmanischen Gerichtsregistern mehr Raum ein als typische Kriminalverbrechen. Mehr Information über Raubdelikte finden wir dagegen in den Befehlen (ahkâm) osmanischer Behörden, die sich – mit mehr oder weniger Erfolg – um die Sicherheit der Provinz kümmerten.

Für jene montenegrischen Banden (cete), die oft die bosnischen Randgebiete angriffen, macht Koller vor allem Faktoren wie Armut und Hunger verantwortlich, die besonders nach harten Wintern, wenn viele der Angriffe stattfanden, in den Bergregionen herrschten. Leider erklärt der Verfasser nicht, was eine „Stammesgesellschaft“ genau bedeutet und inwieweit die „Professionalisierung“ dieser Banden (cete) ging. War das Räuberwesen eine typische Etappe im Leben eines jungen Mannes in Crna Gora oder ein „ständischer Beruf“, den man wählen konnte (oder musste)? Ein besonders merkwürdiges Phänomen war die Zusammenarbeit zwischen montenegrischen Räubern und Bewohnern der Herzegowina. Die so genannten yataklar, die als Helfer Beherberger und Geschäftspartner der Diebe agierten, entstammten offenbar sowohl den Christen als auch den Muslimen vor Ort. Dies widerspricht dem stereotypen Bild vom montenegrischen Räuber als christlichem Freiheitskämpfer. Wie schon bei den balkanischen Heiducken und Uskoken überzeugend nachgewiesen wurde, ist ihr Nachruhm somit ein Konstrukt der Romantischen Epik und der Nationalistischen Geschichtsschreibung. [1] Seit dem 19. Jahrhundert führen polnische und ukrainische Historiker ähnliche Diskussion über den Charakter des Zaporoger Kosakentums. Es ist unbestritten, dass der Mythos des „Kozak Bajda“ im „Erwachen“ (oder der „Erfindung“) des ukrainischen Nationalismus eine grosse Rolle spielte. Ursprünglich waren aber die Kosaken eher „hobsbawmische Sozialbanditen“ als christliche oder nationalistische Kämpfer. Bezeichnend ist auch, dass das romantische Bild des blinden Leierspielers (bzw. des Guslars) eine ähnliche Rolle in der Nationalmythologie der Ost- und der Südostslawen spielte.

Koller erforscht auch die innere Motivation der Unzufriedenheit, die zahlreiche Einwohner Bosniens zur Gewaltausübung brachte. Unter mehreren Faktoren nennt er die wachsenden staatlichen Kriegskosten, die zu einer Überbesteuerung und zu Übergriffen unbezahlter Soldaten führten, sowie die schwach ausgeprägte und häufig fehlgeschlagene („enttäuschte”) Kommunikation mit den Zentralbehörden, die oft unfähig waren, auf Bittschriften und Beschwerden zu reagieren. Lebenslängliche Steuerpacht (malikâne) und die Teilung der Macht und des Einkommens zwischen dem osmanischen Hof und den Provinznotabeln (âyanlar), die in der neueren Historiografie häufig als Rettung des Osmanischen Reiches betrachtet wird, verursachte eher eine Lockerung der Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherien. Der Begriff „Korruption“ wird dabei allerdings von dem Verfasser in Weberianischem Sinn (miss)braucht (siehe u.a. S. 36) und bedürfte für seine Anwendung einer präziseren Formulierung.

Der lange Krieg gegen die christliche Koalition (1683-1699), deren Mitglied seit 1686 auch das orthodoxe Russland war, brachte eine vorübergehende Besetzung Bosniens, Serbiens und Westbulgariens durch die habsburgische Armee mit sich und damit auch eine Legitimitätskrise des osmanischen Sultans als ,Weltherrschers’ und Beschützers in den Augen seiner Untertanen, und zwar nicht nur der orthodoxen, sondern auch der muslimischen. Weitere Kriege von 1715-1718 und 1736-1739, die auch in Bosnien geführt wurden, brachten eine weitere Erfremdung. Zum Ausgangspunkt seines Buches wählt Koller allerdings erst den Ausbruch der Unruhen, die das Land zwischen 1747 und 1757 erschütterten: „Gerade die Unruhen in der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigen, dass die Schmerzgrenze sowohl für die christliche als auch für die muslimische Bevölkerung überschritten war.“ (S. 57) In Bezug auf die chaotischen Reaktionen der osmanischen Behörden gegenüber den Rebellen pflichtet Koller der These Hannah Arendts: je mehr (Staats)Gewalt, desto weniger (Staats)Macht. Weitere verlorene Kriege gegen Russland von 1768-1774 und 1787-1792 (der letzte auch gegen Österreich geführt) und die französische Besetzung Ägyptens (1798) konnten die Lage nicht verbessern.

Die traditionelle Periodisierung osmanischer Geschichte zwischen einem „Rise“ und einem „Decline“, der einigen Autoren zufolge schon 1571 oder 1606, nach anderen erst 1683 oder 1699 einsetzte, wird heutzutage als „orientalistisch“, statisch oder einfach als falsch angesehen. Es scheint aber unbestritten, dass zwischen dem späteren 17. Jahrhundert und dem früheren 19. Jahrhundert die Osmanen eine schwere militärische, legitimatorische und – besonders nach 1780 – monetäre Krise erlitten. Koller nutzt eine Periodisierung, die schon von Suraiya Faroqhi vorgeschlagen wurde und die osmanische Geschichte in vier Stadien einteilt: 1) expansionistische Phase bis 1575; 2) Zeit der Krisen und Stabilisierungen bis 1768; 3) neuerliche Krise bis etwa 1830; 4) Kontraktion bis 1918. Zwar endet das Buch mit dem Jahr 1798, das oft als Beginn der Neuzeit in der islamischen Welt angesehen wurde. Dabei ließ der Verfasser aber ein anderes, symbolisches Datum nicht aus den Augen, nämlich die im Jahre 1831 erstmals erhobene Forderung nach einer Autonomie Bosniens innerhalb des Osmanischen Reiches.

Kollers Buch bietet mehrere komparative Beispiele, besonders aus dem Gebiet Syriens, an. Wie in Bosnien, bestand in Syrien der überwiegende Teil der Bevölkerung aus nichttürkischen Muslimen; auch dort spielten die Janitscharen eine große Rolle in der Provinzverwaltung und im Gesellschaftsleben der größeren Städte. Diese Rolle wurde schon von mehreren Forschern beschrieben. Solche Beispiele lassen uns allgemeine Probleme der osmanischen Gesellschaft und Staatsstruktur besser erfassen. Das größte komparative Potential des Buches scheint mir aber woanders zu liegen, im Vergleich nämlich zwischen Bosnien und Serbien. Vielleicht werden wir aber erst dann fähig sein, das dort herrschende „Gewaltklima“ besser zu verstehen, wenn wir die soziale Dynamik in beiden balkanischen Provinzen besser kennen und die Rolle eines christlichen âyan (Notabeln) wie Kara Djordje im Prozess der Dezentralisierung des Osmanischen Reiches näher betrachten. Um nur ein Beispiel aus einem ganz anderen Kontext anzuführen, zeigen die Studien von Christopher Browning und Jan Tomasz Gross, wie im „Gewaltklima“ der Nazi-Okkupation Polens „normale“ deutsche Städter zu Kriegsverbrechern wurden und „normale“ polnische Bauern ihre jüdische Nachbarn ermordeten.[2]

Das Buch von Markus Koller, mit seiner anthropologischen Perspektive, weist in jedem Fall den Weg zu einer neuen Synthese der Geschichte des Balkans, die man eben auch ohne nationalistische Brille schreiben kann.

Anmerkungen:
[1] Siehe unter anderem: Adanir, Fikret; Faroqhi, Suraiya (Hgg.), The Ottomans and the Balkans. A Discussion of Historiography, Leiden 2002; Kolodziejczyk, Dariusz, The “Turkish yoke” revisited: the Ottoman non-Muslim subjects between loyalty, alienation, and riot, in: Acta Poloniae Historica 93 (2006), S. 177-195.
[2] Siehe: Browning, Christopher, Ganz normale Männer: das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Hamburg 1993; Gross, Jan Tomasz, Nachbarn: der Mord an den Juden von Jedwabne, München 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.12.2006
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