H. Münkler: Der Wandel des Krieges

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Titel
Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie


Autor(en)
Münkler, Herfried
Erschienen
Weilerswist 2006: Velbrück Wissenschaft
Anzahl Seiten
397 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Reinhard Mehring, Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler ist heute einer der profiliertesten Kriegsanalytiker in Deutschland. Die politische Spannung von „Gewalt und Ordnung“[1] beschäftigte ihn schon lange. Wie antwortet die politische Ordnung auf die Geschichte der Gewalt? Eingehend analysierte Münkler jüngst die Antwort der „Imperien“.[2] In den letzten Jahren profilierte er die „neuen Kriege“[3] gegen den klassischen Staatenkrieg des Westfälischen Systems und las den „neuen Golfkrieg“[4] von 2003 aus seinen historischen Ursachen als Suche nach einem „Stabilitätsgaranten“ in der Region. Eine Aufsatzsammlung „Über den Krieg“ betrachtete einige „Stationen der Kriegsgeschichte im Spiegel ihrer theoretischen Reflexion“[5] und berief sich dabei eindrücklich auf Clausewitz.

Die neue Sammlung von zwölf stark überarbeiteten und monographisch zurechtgeschnittenen Studien ist nun die reife Summe und Ernte der intensiven Diskussionen um die „neuen Kriege“. Emphatisch beruft sich Münkler einleitend erneut auf Clausewitz. Seine „Verteidigung und Präzisierung des Theorem der ‚neuen Kriege’“ (S. 14) stellt nun das Begriffspaar Symmetrie-Asymmetrie in den Mittelpunkt und erörtert zuletzt auch die normative Problematik. Alle Studien schöpfen aus einem immensen Fundus polyhistorischen Wissens.

Der erste Teil „Symmetrische Kriege“ beginnt mit einer Historisierung des klassischen Staatenkrieges. Mit der „Verstaatlichung“ des Krieges entstand der klassische Territorialstaat primär als „Militärstaat“ (S. 41). Die Kosten der Aufrüstung reduzierte die Anzahl der Akteure. Die „Garantie staatlichen Fortbestands“ (S. 73) war die „Symmetrieprämie“. Die Kosten der Symmetrisierung wurden jedoch zu hoch. Die modernen Staaten gingen im 20. Jahrhundert verstärkt zu „Asymmetrien der Stärke“ – etwa zum Bombenkrieg – über und wurden ihrerseits zur Zielscheibe partisanischer Asymmetrisierung. Mit Clausewitz markiert Münkler einen Übergang von der narrativen Schlachtbeschreibung zur abstrakteren, generalstabsmäßigen Schlachtenanalyse (S. 98f.). Mit dem Ersten Weltkrieg datiert er den Auszug aus dem Opfer reichen symmetrischen Krieg (S. 111). Den Wandel der Einstellung zum Krieg analysiert Münkler dabei auch von den klassischen Rechtfertigungen durch Clausewitz und Moltke ausgehend über die eschatologisch-apokalyptische Kritik hin zu ökonomischen und technologischen Gründen gegen den Krieg. So erwartete mancher von der Atombombe das Ende aller Kriege. Auch sie brachte aber nicht den erwarteten Frieden, schließt Münkler. Auch sie wurde ins „Arsenal der Gewaltmittel“ integriert (S. 134).

Damit kommt er im zweiten Teil zu den „asymmetrischen Kriegen“ der Gegenwart. Dabei wagt er sich auch in die Prognose vor. Die Kriege des 21. Jahrhunderts werden als asymmetrische „Ressourcenkriege“, „Pazifizierungskriege“ oder „Verwüstungskriege“ geführt werden (S. 151). Asymmetrische Kriege waren weltgeschichtlich „die Regel“, symmetrischen Konstellationen bis auf den Ost-West-Konflikt (S. 167) dagegen ein „Sonderweg“. Zwar zeigt die Militärgeschichte eine „beständige Tendenz zur Beschleunigung“ (S. 178). Gegen die technologische Beschleunigung steht aber die „kreative Umkehrung technologischer Überlegenheit durch ihre Nutzer“ (S. 180). Scharf analysiert Münkler hier das strategische Verhältnis zu Raum und Zeit. Clausewitz schon schlug gegen Napoleon einen Rückzug in die Tiefen des Raumes vor. Für den modernen Terrorismus werden die technischen Bilder und Medien dann zu den wichtigsten „Kriegsmitteln“ (S. 196). Durch „mediale Aufmerksamkeit“ zielt er noch über die immensen direkten ökonomischen Kosten der Anschläge hinaus auf die „Mentalität“ und „Wirtschaftspsychologie moderner bürgerlicher Gesellschaften“. Partisanen legitimierten sich noch am „Dritten“ (S. 235). Terroristen dagegen scheren sich nicht mehr um Legitimität. Münkler bezeichnet den Terrorismus deshalb auch als eine „moderne Variante des klassischen Verwüstungskrieges“ (S. 221). Drei Strategien oder „Verteidigungslinien“ macht er dagegen aus (S. 231f.). Von der aufwändigen „Austrocknung der Strukturen“ erwartet er dabei nicht viel. Effektiver sei ein „Mix polizeilicher und geheimdienstlicher Maßnahmen unter Einschluss militärischer Operationen“ (S. 231). Letztlich komme es aber, so Münkler, vor allem auf die „Einstellung der Bevölkerung“ an. Wiederholt empfiehlt er hier eine „heroische Gelassenheit“ (S. 231). Bei der Analyse der „Handlungsoptionen für eine deutsche und europäische Sicherheitspolitik“ zielt er deshalb vor allem auf diese „Verteidigungslinie“ bzw. auf ihren Verfall. Denn er kennzeichnet die modernen Staaten als „postheroische Gesellschaften“ und macht damit pessimistisch klar, dass uns die wichtigste Handlungsoption und Verteidigungslinie abhanden gekommen ist.

Die Wehrpflicht betrachtet er dabei im dritten Teil eingangs als „historisches Auslaufmodell“ (S. 252). Sie wurde überhaupt nie konsequent durchgesetzt. Der Sieg der „Massen“ war – in Frankreich und Preußen – schon ein Mythos (S. 254ff.). Münkler konstatiert ein „Ende des Bürger-Kriegers“ (S. 260ff.) und empfiehlt dagegen eher beiläufig eine neue „Inanspruchnahme der Bürgerschaft“ durch soziale Dienste. Die „Theorie des demokratischen Friedens“ weist er immer wieder – Clausewitz gegen Kant – scharf zurück. „Demokratien, so die im Vergleich zur Theorie des demokratischen Friedens wohl zutreffende Beobachtung, sind nicht bereit, sich auf über längere Zeit zu führende symmetrische Kriege einzulassen, aber asymmetrische Kriege zu führen sind sie sehr wohl in der Lage und Willens.“ (S. 269) Ganz grundsätzlich betrachtet Münkler moralphilosophische Diskurse primär als „Legitimationen“ (S. 271), die Kriege als „Rechtsexekution“ rechtfertigen und limitieren. Dagegen profiliert er seine Machtanalytik: „Die Alternative dazu ist nämlich nicht auf den Wegen der Moralphilosophie, sondern denen der politischen Vernunft zu suchen, die dringend der Rehabilitierung bedarf. Sie würde weder auf eine ‚Welt der Gerechtigkeit’ warten noch mit Theorien der gerechten Kriege argumentieren, sondern mit einer illusionslosen Bestandsaufnahme der Gewaltkonstellationen im Weltmaßstab beginnen“ (S. 276).

Münkler tut das auch gegen Habermas (S. 277, 288). Exemplarisch führt er vor, wie sich die USA mit ihrer neuen Sicherheitsdoktrin „partiell aus dieser Völkerrechtsordnung verabschiedet“ (S. 280) haben. Münkler hält das für unausweichlich: Sie „verabschieden sich notgedrungenermaßen auch von den symmetrischen Normen der klassischen Sicherheitsdoktrinen. [...] Postheroische Gesellschaften sind auf asymmetrische Überlegenheit angewiesen, um sich gegen heroische Akteure zu schützen, und diese Asymmetrien bringen zwangsläufig jene Formen ‚moralischer Obszönität’ hervor, die Habermas so beredt beklagt hat.“ (S. 288) In der neuen Sicherheitsdoktrin der USA seien dabei „präemptive Selbstverteidigung und die Führung eines Angriffskrieges kaum noch unterscheidbar“ (S. 289). Das ist eine starke Feststellung. Völkerrecht wäre dann nur ein Mittel im Kampf.

Münkler rekapituliert noch einmal die „Charakteristika der neuen Kriege“ (S. 298ff.) in ihren Schlussfolgerungen für die Sicherheitspolitik, wobei er die prekären „Gelingensbedingungen“ einer „Friedensökonomie“ scharf herausstellt. Der – bisher unveröffentlichte – lange Schlussbeitrag beschreibt dann die Entwicklung zur„postheroischen Gesellschaft“. Auch die USA seien eine solche „postheroische Gesellschaft“, betont Münkler (S. 340). Erlösungsreligionen, Nationalismus und Totalitarismus mobilisierten Heroismus. Die Demographie ist auch ein Faktor. Geburtenschwache Gesellschaften meiden das Opfer, junge Gesellschaften dagegen haben ein hohes „Heroisierungspotential“. Münkler möchte den überspannten Heroismus nicht erneuern. So schreibt er: „Die Europäer sind durch ihre Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in sehr viel höherem Maße zur Einsicht in den selbstzerstörerischen Charakter heroischer Gesellschaften und die Ineffizienz heroischer Dispositionen genötigt worden als die USA.“ (S. 347) Er betrachtet die „postheroischen Dispositionen“ am Ende aber als „Manko“ (S. 354) politischer Selbstbehauptung. So schließt er mit Analogien zum Untergang Roms und gibt Europa wohl insgesamt keine günstige Prognose. Damit geht er über die Schlussandeutungen in seinen „Imperien“ hinaus.

Insgesamt ist das neue Buch eine sehr eindrucksvolle Zwischenbilanz. Es steht überall akademisch satt im Stoff, vertraut auf die eigene Übersicht und analytische Kraft und macht keine Konzessionen an ein größeres Publikum. Münkler ist damit voll in seiner Kompetenz angekommen. Manches klingt zwar etwas nach strategischem Sandkasten. Insgesamt aber lässt sich Münklers Position eher durch den Feldherrn im Getümmel visualisieren, der reinhaut wie Blücher bei der Katzbach (Mecklenburger Essensspruch) und fette Brocken in alle Richtungen stellt. Das Ziel einer „Verteidigung und Präzisierung des Theorems der ‚neuen Kriege’“ scheint mir insgesamt glänzend gelungen. Damit stellt Münkler den ersten Zugriff von 2002 weit in den Schatten. Wichtige Aspekte der neuen Kriege sind nun präzisiert. In aller Konsequenz ist die machtanalytische Methode gegen moralphilosophische Alternativen profiliert. Der analytische Umgang mit Clausewitz ist überall reich präsent. Die Kriegsgeschichte ist in den Kategorien von Raum und Zeit originell und eindringlich staatstheoretisch reflektiert. Die normativen Fragen nach den „Handlungsoptionen“ sind ausführlich erörtert. Die dilemmatische Forderung nach „heroischer Gelassenheit“ in einer „postheroischen Gesellschaft“ ist klar profiliert. Andere „Verteidigungslinien“ lassen sich näher bedenken. Am Ende steht trotz der dilemmatischen Prognose keine zynische Resignation. Münkler bietet in analytischer Fassung vielmehr eine Tugend – „heroische Gelassenheit“ - gegen die Moralphilosophie auf. Dieser Rekurs auf die Tugend findet sich in früheren Arbeiten schon. Er gehört zum Erbe, das Münkler aus Frankfurt – mit Fetscher gegen Habermas – nach Berlin mitnahm. Mögen es dort die Kommandozentralen vernehmen!

Anmerkungen:
[1] Münkler, Herfried, Gewalt und Ordnung. Das Bild des Krieges im politischen Denken, Frankfurt 1992.
[2] Münkler, Herfried, Imperien. Die Logik der Weltherrschaft vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005.
[3] Münkler, Herfried, Die neuen Kriege, Reinbek 2002.
[4] Münkler, Herfried, Der neue Golfkrieg, Reinbek 2002.
[5] Münkler, Herfried, Über den Krieg. Stationen der Kriegsgeschichte im Spiegel ihrer theoretischen Reflexion, Weilerswist 2002.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.09.2006
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/