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Titel
Statistik und Staatlichkeit.


Autor(en)
Schmidt, Daniel
Reihe
Forschung Politik
Erschienen
Anzahl Seiten
208 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anette Schlimm, Institut für Geschichtswissenschaft, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

In seiner Dissertationsschrift „Statistik und Staatlichkeit“ untersucht der Leipziger Politikwissenschaftler den Zusammenhang von statistischem Wissen und der Herausbildung des modernen Staates, ohne dabei von einseitigen Kausalitäten auszugehen: Es sei ausreichend, „von einem strukturellen und zeitlichen Neben- und Miteinander auszugehen, von einem gegenseitigen Bedingungsverhältnis: Die Implementierung der amtlichen Statistik war Teil des modernen Staatsbildungsprozesses“ (S. 9). Diese Verflechtungen untersucht Schmidt in erster Linie am Beispiel des Königreichs Sachsen im 19. Jahrhundert, ohne dabei ein Spezifikum der sächsischen Entwicklung zu postulieren. Als analytischen Bezugrahmen für seine Genealogie der amtlichen Statistik nutzt Schmidt das Foucaultsche Konzept der Gouvernementalität, das jedoch zunächst recht implizit bleibt und erst im Schlusskapitel als Konglomerat von Wissens-, Macht- und Subjektivierungspraktiken erläutert wird.

Vor der historischen Analyse des ‚Falls Sachsen’ beschreibt Schmidt jedoch zunächst die Rahmenbedingungen der administrativen Statistik im 19. Jahrhundert: Die Geschichte der Statistik ausgehend von den frühneuzeitlichen Staatsbeschreibungen hin zu einer wissenschaftlichen Methode und das Auftauchen des Objekts Bevölkerung markieren den Rahmen, innerhalb dessen sich die Institutionalisierung der Statistik (nicht nur) in Sachsen vollzieht. Während das frühneuzeitliche statistische Wissen in erster Linie Wissen über den Staat war, dreht sich diese Perspektive im Laufe des 19. Jahrhunderts (wenn auch nicht vollständig) um: „Waren es zunächst Staaten, die von (fremden) Regierungs-Kabinetten, von Universitätsgelehrten oder von in Vereinen organisierten Bürgern ‚vermessen’ wurden, so rückten mit der Veramtlichung der Statistik die Bürger selbst in den Mittelpunkt der staatlichen Neugier.“ (S. 12)

Neben dieser Verschiebung der Bedeutung des Staatswissens ist für Schmidt vor allem das Auftauchen der Bevölkerung als Wissens- und Interventionsobjekt (S. 41) von Relevanz. Der Terminus ‚Bevölkerung’ taucht in der Frühen Neuzeit zunächst als Prozessbeschreibung auf: Bevölkerung ist der Vorgang der Vermehrung der Einwohner, „sie ist mithin kein Objekt, sondern eine Praxis und ein Staatsziel“ (S. 43). In dem Maße jedoch, wie mit Robert Malthus’ ‚Principle of Population’ (1798) die ungehemmte Vermehrung der Bewohner eines Territoriums problematisiert wurde, trat das ‚Objekt Bevölkerung’ als Gegenstand des Wissens und der politischen Praxis in Erscheinung. Und kaum war das Objekt konstituiert, wurde es auch notwendig, dieses genauer zu untersuchen, es zu unterteilen und zu kategorisieren. Dies bildete unter anderem auch die Grundlage für rassistisch definierte Nationalstaaten (S. 46f.).

Nicht nur die ‚Rasse’ der Bevölkerung wurde zum Gegenstand des Interesses, sondern in besonderem Maße auch die soziale Gliederung: Im Rahmen der Pauperismusdebatte wurde die Lage der armen Bevölkerungsteile ein bedeutender (und problematisierter) Gegenstand der administrativen und wissenschaftlichen Statistik: „Die ‚Bevölkerung’, relativiert, segmentiert, operationalisiert, war vom Reichtum des Staats zu einem Wissens- und Interventionsproblem geworden.“ (S. 51) Die Quantifizierung und Mathematisierung des Bevölkerungsbegriffs eröffnete zudem die Möglichkeit der Prognose: Empirische Daten, wie beispielsweise Malthus sie benutzt hatte, wurden zur Hochrechnung für die Zukunft verwendet. Damit wurde eine politische Intervention nicht nur möglich, sondern gar – aufgrund der niederschmetternden Befunde – notwendig.

Die Geschichte der Statistik im Königreich Sachsen, die sich im Folgenden anschließt, fokussiert Schmidt in hohem Maße auf Ernst Engel, den „herausragende[n] sächsische[n] und deutsche[n] Statistiker des neunzehnten Jahrhunderts“ (S. 85). Ausgehend von den zahlreichen Quellen, die von Engel überliefert sind, zeichnet Schmidt nach, wie das Faktenwissen, das die administrative Statistik bereitstellt, nicht nur zur Grundlage staatlicher Macht wird, sondern auch zur Voraussetzung für neue Sichtweisen auf die Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Gleichzeitig ist damit, so Schmidt, die Geschichte der Statistik auch eine Diskursgeschichte der gesellschaftlichen Modernisierung: „Amtliche Statistik ist wie ein Spiegel, der – sicher etwas verwischt und verzerrt – die Ereignisse und das Denken ihrer Zeit reflektiert.“ (S. 87)

Nach einem kurzen Abriss über die Geschichte Sachsen, die stark auf die Herausbildung des Verwaltungsstaates und die Industrialisierung fokussiert ist, analysiert Schmidt unterschiedliche Bereiche des ‚Regierungswissens Statistik’, wie sie am Beispiel Sachsens bzw. Ernst Engels rekonstruierbar sind. Neben der Institutionalisierungsgeschichte der amtlichen Statistik, die in Sachsen vergleichsweise lange gedauert hat [1], beschreibt Schmidt ebenfalls die Debatten, die über die Statistik und die von ihr erhobenen Daten geführt wurden: In Zeiten einer verarmten Arbeiterschicht und des aufkommenden Kommunismus wurden z.B. statistische Erhebungen über soziale Verhältnisse durchaus als politisch brisant eingestuft. Am Beispiel Engels belegt Schmidt, wie die Statistik als „Waffe im politischen Kampf“ (S. 121) eingesetzt werden konnte: Der liberale Engel beschränkte sich in der Veröffentlichung der statistischen Daten nicht auf eine reine Darstellung, sondern ließ es sich auch nicht nehmen, seine Interpretationen in der Öffentlichkeit kund zu tun und damit zu der Debatte beizutragen, wie die soziale Frage zu lösen sei. Diese politische Intervention kostete Engel schließlich seine Stellung als Leiter des preußischen statistischen Bureaus, das er nach Querelen in Sachsen übernommen hatte. Neben den Volkszählungen beschreibt Schmidt auch die Gewerbe- und Konsumtionsstatistiken, die Kriminalstatistiken und Sozialstatistiken. All dies sind unterschiedliche Facetten des Regierungswissens, das Schmidt jedoch nicht als intentionale Wissen der staatlichen Institutionen beschreibt, sondern als Konglomerat von gesellschaftlichen Praktiken, die zu einer veränderten Sicht auf ‚die Bevölkerung’ führen.

Wissenserzeugung und Intervention bleiben jedoch nicht die einzigen Effekte, die die Statistik zeitigt: Im Kapitel zur Rolle der Öffentlichkeit für die Statistik wird deutlich, wie die Statistik (nicht als Methode oder Institution, sondern als Diskurs) auf die Individuen einwirkt und zu einer neuen Form der statistischen Selbstregierung führt – so zumindest die Vorstellung Engels, der umfangreiche Überlegungen zur statistischen Erziehung angestellt hat: Die Bürger des Staates Sachsen sollten sich nicht nur mit ihrem Staat identifizieren und diesem gerne Daten über sich zur Verfügung stellen, um ihn in die Lage zu versetzen, noch effizienter Probleme lösen zu können, sie sollten sich auch als Teil der Volkswirtschaft fühlen, so dass sie ihre eigenen Wirtschaftsdaten als so wichtig empfanden, dass sie diese regelmäßig in einem Wirtschaftsbuch festhielten. Dies würde, so Engels Vision, nicht nur eine phantastische neue Quelle für die amtliche Statistik schaffen, sondern auch dazu, dass jeder verantwortungsvoll mit seinen finanziellen Ressourcen umginge: „[I]ch habe noch keinen Menschen gekannt, der ein ordentliches Wirtschaftsbuch gehalten und nicht zugleich sparsam gelebt hätte.“ (S. 178)

So weit die sehr detailreiche und spannende Analyse des statistischen Diskurses in Sachsen im 19. Jahrhundert. Im letzten Kapitel lässt es sich Schmidt nicht nehmen, das Foucaultsche Konzept der Gouvernementalität noch einmal auszuführen. Dabei wirft er aktuelle Problembereiche wie die Digitalisierung statistischer Daten und die ‚Genetisierung’ des Menschen auf, um zum Abschluss des Buches etwas gezwungen „an[zu]deuten, wie sehr unser Denken [...] im neunzehnten Jahrhundert verhaftet ist“ (S. 197). Damit wird jedoch die historische Analyse, die sehr detailreich, analytisch scharfsinnig und unterhaltsam geschrieben ist, nicht geschmälert. Zudem ist sehr hervorzuheben, dass sich Schmidt in seiner Geschichte der Statistik nicht auf die ‚großen Männer’ wie Quetelet, Bernoulli oder Durkheim konzentriert, sondern eine der wenigen Analysen vorlegt, in denen die ‚mittleren’ Texte der Statistik im Mittelpunkt stehen. Dadurch gelingt es ihm, nicht Ideengeschichte zu schreiben, sondern tatsächlich ein Stück Geschichte der Gesellschaft.

Anmerkung:
[1] Erst im Jahr 1850 wurde hier ein statistisches Bureau eingerichtet; vorher waren die Aufgaben der administrativen Statistik von einem halbamtlichen Verein ausgeführt worden. Dieser scheiterte jedoch schließlich an zu geringer personeller und finanzieller Ausstattung sowie seiner mangelnden staatlichen Autorität (S. 106).

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14.06.2006
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