P. Nora (Hg.): Erinnerungsorte Frankreichs

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Titel
Erinnerungsorte Frankreichs.


Herausgeber
Nora, Pierre
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
667 S., 38 Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Kaluza, Studienkolleg der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin

Mit etwas Wehmut, und Max Weber als Kronzeugen, stellte Hans-Ulrich Wehler am Ende seiner erfolgreichen Laufbahn als Hochschullehrer fest, dass die Entwicklung des Faches Geschichte weitergehen und an ihm vorbeiziehen werde. Er, der den „Paradigmenwechsel“ von der Ideen- und Politikgeschichte hin zur Sozial- und Gesellschaftsgeschichte über mehr als drei Jahrzehnte wesentlich mitgeprägt hatte, sah sich nun von der Kulturgeschichte „überholt“.[1]

Ein methodologisch einflussreiches und obendrein über die engen akademischen Grenzen hinaus bekanntes Projekt, das zu diesem „Paradigmenwechsel“ beigetragen hat, liegt nun erstmals in einer größeren Auswahl in deutscher Übersetzung vor. Es handelt sich um das von Pierre Nora entwickelte Konzept der Erinnerungsorte Frankreichs.[2] Etienne François, der Mitherausgeber einer deutschen Variante dieses Konzepts [3], weist in seinem einleitenden Artikel auf die Entstehungsgeschichte und den Charakter dieses Werkes als „work in progress“ hin. Ursprünglich auf die Gründungsphase der Dritten Republik beschränkt (La République), weitete sich das Unternehmen auf die Nation (La Nation) aus, um im dritten, und umfangreichsten, Teil (Les France) eine neue Form der Geschichtsschreibung zu praktizieren, die versucht, Frankreich als eine symbolische Realität darzustellen. Begleitet werden die Teilbände immer von Aufsätzen Pierre Noras, die Auskunft darüber geben sollen, wie sich eine solche Art der Geschichtsschreibung legitimiert, und was die disparaten Erinnerungsorte zusammenhält. Der deutsche Auswahlband spiegelt diesen dreiteiligen thematischen Aufbau wider, außerdem werden die einzelnen Erinnerungsorte von zwei grundlegenden Aufsätzen Pierre Noras gerahmt.[4]

Nora geht davon aus, dass Geschichtsschreibung dem Wandel von Staat und Gesellschaft Rechnung tragen muss. Eine Verlagerung des Nationalstaats hin zu größeren (Europa, der „Westen“, Demokratie) und kleineren (Region, Familie, Landschaft) Einheiten findet statt, die einen Abschied von der traditionellen nationalistisch geprägten und hierarchisch von oben nach unten verlaufenden Geschichtsauffassung nach sich zieht. Dieses Verschwinden des nationalstaatlichen Rahmens des kollektiven Gedächtnisses [5] ist darauf zurückzuführen, dass es keine die Nation in ihrer Erinnerung dominierende und einigende Ereignisse wie den 1. oder 2. Weltkrieg gibt.[6] Somit gibt es auch keine gesellschaftlichen Gruppen (Milieus), die die Erinnerung tragen. Nora postuliert statt der verschwundenen Erinnerungsmilieus nun Erinnerungsorte. [7] Der Begriff Erinnerungsort wird durch die differentiae specificae „symbolischer und emotionaler Überschuss“ vom Materiellen ins Immaterielle und Ideelle ausgeweitet und immer weiter ins Symbolische verschoben.[8]

In der tatsächlichen Ausgestaltung, und jetzt kommen wir wieder zu Hans-Ulrich Wehler zurück, wird Sozial- und Gesellschaftsgeschichte in dieser Art der Geschichtsschreibung ausgeblendet. Gesellschaft taucht nur als soziologischer Begriff auf, etwa Freizeit- oder Konsumgesellschaft, um Brüche der Erinnerung bei einzelnen Erinnerungsorten zu begründen. Stattdessen werden Erinnerung und Gedächtnis, als zentrale Topoi einer kulturwissenschaftlichen Geschichtsschreibung, wieder nahtlos an die Ideengeschichte herangerückt, die vor der Gesellschaftsgeschichte das dominierende Paradigma war. [9] Als Beispiel solcher Ideen können „La France profonde“, das in den unterschiedlichsten Erinnerungsorten („Paris-Provinz“, „Vichy“, „Marcel Proust“) auftaucht, und die „Werte von 1789“ dienen, auf die in Kontinuität und Bruch bzw. Umdeutung immer wieder Bezug genommen wird.

Um es vorwegzunehmen: Jeder Beitrag dieses Sammelbandes kann mit großem Gewinn gelesen werden. Geschrieben von hervorragend ausgewiesenen Experten, ist dies die beste Einführung, um Frankreich kennenzulernen. Alle Beiträge bilden, sie überzeugen mit vielen überraschenden Details und schlagen Brücken über Zeiten und Räume. Wie beabsichtigt, werden einzelne Bruchstücke der französischen Identität ohne Wertung nebeneinander gestellt. Dem Leser bleibt es nun überlassen, Unterschiede zwischen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und der „Tour de France“ zu erkennen, er kann auch die Reihenfolge der Lektüre nach Lust und Laune bestimmen. Dem Konzept geschuldet, verfügt man nach der Lektüre über Detailkenntnisse wichtiger Orte der französischen Identitätsbildung („die Bäume“) ohne jedoch die großen Linien der französischen Geschichte („den Wald“) zu erkennen.

Bei einer Kürzung von 133 Erinnerungsorten im Original auf 15 in der deutschen Ausgabe stellt sich zunächst die Frage der Auswahl.[10] Es muss also bewertet werden, welche Erinnerungsorte wichtiger, welche besonders gut geschrieben und welche dem deutschsprachigen Zielpublikum besonders gut vermittelbar sind. Bei der hier vorliegenden – gelungenen - Auswahl liegen die zeitlichen Schwerpunkte auf 1789 („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, „Die Marseillaise. Krieg oder Frieden“ und „Der „Code civil“) und im 20. Jahrhundert („Verdun“, „Vichy. Die Anti-Republik“, „Gaullisten und Kommunisten“, „Die Tour de France“, „„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust“, es gibt aber auch genug Orte, die die „longue durée“ aufzeigen („Der Boden, „Der Hof“, „Paris-Provinz“).

Was im Vergleich zum Original auffällt, ist der Wechsel einzelner Erinnerungsorte innerhalb der Oberkategorien „Die Republik“, „Die Nation“ und „Les France“, ohne dass dies von Etienne François in seinem Einleitungsartikel erwähnt wird.[11] Dazu nur zwei Beispiele: Während die Erinnerungsorte „Paris – Provinz“ und „Gaullisten und Kommunisten“ im Original unter „Les France“, und dabei im schon durch ihre Titel angedeuteten Unterkapitel „Konflikte und Teilungen“ [12] abgehandelt werden, schlägt sie die deutsche Ausgabe dem Kapitel „Die Nation“ zu. „Vichy“, im Original im selben Teil wie „Gaullisten und Kommunisten“, taucht in der deutschen Ausgabe, mit dem Untertitel „Die Anti-Republik“ versehen, dann logischerweise in dem Teil „Die Republik“ auf. Traut man der Systematik des Originals nicht oder entlarvt sich hier der Vorwurf der unsystematischen Beliebigkeit analog der Arbeitsweise von Erinnerungen und Gedächtnis?

Der zweite Punkt, der gegenüber dem Original auffällt, ist das Weglassen von Bildern und Fotos. Solch ein auch für ein breiteres Publikum geschriebenes Geschichtswerk schreit aufgrund der einzelnen Erinnerungsorte und den Veränderungen des Erinnerns, die ja auch mit einer Veränderung der bildlichen Darstellung einhergehen, geradezu nach Bildern.[13] Mag diese Kürzung beim „Code civil“ oder „Descartes“ nicht so stark ins Gewicht fallen, stellt sie für andere Erinnerungsorte einen unwiederbringlichen Substanzverlust dar.[14] Während der Anschauungsverlust von „Paris“ und der „Tour de France“ wegen der aktuellen und historischen Bilderfluten in den Medien noch halbwegs verschmerzt werden kann, zeigt sich in Michel Winocks Essay zu „Jeanne d’Arc“, der eine nahezu vollständige Rezeptionsgeschichte dieser mythisch überhöhten Figur gibt, die eben und vor allem durch das Bild von ihr Bedeutung erfährt, das Weglassen der Bilder als sinnentstellend für den Text.

Anmerkungen:
[1] So bereits im Titel seines Vortrags auf einem Autorenkolloquium zur Gesellschaftsgeschichte, das 1996 zu seinem 65. Geburtstag veranstaltet wurde. Wehler, Hans-Ulrich, Rückblick und Ausblick – oder: arbeiten, um überholt zu werden. Bielefelder Universitätsgespräche und Vorträge 6, Bielefeld 1996. Ausführlicher in: Wehler, Hans-Ulrich, Die Herausforderung der Kulturgeschichte. München 1998.
[2] Nora, Pierre (Hg.), Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005. Hier sei gleich auf die instruktiven Überlegungen von Constance Carcenac-Lecomte zum Unterschied von Gedächtnis- und Erinnerungsorten hingewiesen. Dieser Unterschied macht die Entscheidung für eine bestimmte Übersetzung der französischen „Lieux de mémoire“ bereits zu einer Entscheidung über eine Interpretation des Konzepts. Carcenac-Lecomte, Constance, Auf den Spuren des kollektiven Gedächtnis. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den „Lieux de mémoire“ und den „Deutschen Erinnerungsorten“, in: Motte, Jan; Ohliger, Rainer (Hgg.), Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik, Essen 2004, S. 121-131.
[3] François, Etienne; Schulze, Hagen (Hgg.), Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bände, München 2001. Auch hier ein kurzer Hinweis auf die unterschiedlichen Titel der französischen und deutschen Erinnerungsorte. „Erinnerungsorte Frankreichs“ verweist auf die Kontinuität von Staat und Nation, die der deutschen Geschichte fehlt, ergo „Deutsche Erinnerungsorte“. Siehe dazu: Nora, Pierre, Nachwort, in: Deutsche Erinnerungsorte, Band 3, a.a.O., S. 681-686.
[4] Der Legitimation des Konzepts dient der Aufsatz: Wie läßt sich heute eine Geschichte Frankreichs schreiben?, a.a.O., S. 15-27, dem Zusammenhalt disparater Einzelaspekte der Aufsatz: Das Zeitalter des Gedenkens, a.a.O., S. 543-679.
[5] Zum Begriff des kollektiven Gedächtnis in Abgrenzung von anderen Gedächtnisformen siehe: Assmann, Aleida; Frevert, Ute, Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, besonders S. 35-52.
[6] Siehe Nora, Pierre, Das Zeitalter des Gedenkens, a.a.O., S. 511.
[7] Da sich im Französischen „milieu“ und „lieu“ reimen, ist die Formulierung im Original sehr viel prägnanter und apodiktischer, aber auch bemühter geraten.
[8] Bezeichnenderweise wird der Begriff „Topografie“, der für den „Ahnvater“ des Konzepts, den französischen Soziologen Maurice Halbwachs, von entscheidender Bedeutung war, weil er Verortung, wenn auch legendäre, als entscheidende Konstituente des kollektiven Gedächtnis sah, von Pierre Nora durch „Topologie“ ersetzt. Die Bedeutung der Topografie bei Halbwachs deutet schon sein Buchtitel „La topographie légendaire des évangiles en terre sainte“ von 1941 an. Zur Umdeutung in „Topologie“ siehe François, Etienne, Pierre Nora und die „Lieux de mémoire“, in: Nora, Pierre (Hg.), Erinnerungsorte Frankreichs München 2005, S. 7-15, hier S. 10.
[9] Sind Nationalstaat, und Gesellschaft als Erinnerungsgemeinschaft, erst einmal aus dem Blickfeld verschwunden, und man bleibt trotzdem bei Erinnerungsorten Frankreichs, nähert sich dieses Konzept dem Romantischen Nationalismus mitteleuropäischer Prägung, bei dem die Identität einer Nation vor allem – faute de mieux - aus kulturell-symbolischen Bruchstücken zusammengesetzt wird. Die Beliebtheit des Konzeptes bei einem nichthistorischen und nichtakademischen Publikum kann meiner Meinung nach auf diese Verwandtschaft zurückgeführt werden.
[10] Das Problem der Auswahl stellt sich genauso für die deutschen Erinnerungsorte, denn es gibt mittlerweile eine auch von der Bundeszentrale für Politische Bildung vertriebene einbändige Ausgabe. François, Etienne; Schulze, Hagen (Hgg.), Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl, München 2005.
[11] Im Gegenteil: „Um den deutschsprachigen Lesern die Originalität der Lieux de mémoire, ihre innere Struktur wie auch die ihnen zugrundeliegende Dynamik zu verdeutlichen, wurden die Beiträge so gegliedert, dass sich darin die dreiteilige Struktur des Gesamtwerkes widerspiegelt.“ François, Etienne, Pierre Nora und die „Lieux de mémoire“, a.a.O., S. 13
[12] In der Originalausgabe wird klugerweise noch einmal zwischen politischen Teilungen („Gaullisten und Kommunisten“) und Teilungen in Raum und Zeit („Paris –Provinz“) unterschieden. Insgesamt ist die Systematik der Erinnerungsorte Frankreichs analytischer, stringenter und plausibler als die der deutschen Erinnerungsorte.
[13] Eigentümlich unterbelichtet bleiben in den einzelnen Beiträgen auch die technischen Veränderungen medialer Vermittlung von Erinnerungsorten.
[14] Um die Rigorosität des Weglassens zu untermauern, hier einige Zahlen: „La Tour de France“ Kürzung von 20 Bildern im Original auf 3 in der deutschen Ausgabe, „Paris“ Kürzung von 24 auf 3, „Jeanne d’Arc“ Kürzung von 25 auf 4 Bilder.

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Veröffentlicht am
27.07.2006
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