V. Depkat: Lebenswenden und Zeitenwenden

Cover
Titel
Lebenswenden und Zeitenwenden. Deutsche Politiker und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts


Autor(en)
Depkat, Volker
Reihe
Ordnungssysteme - Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 18
Erschienen
München 2007: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
573 S.
Preis
€ 69,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Gallus, Historisches Institut, Universität Rostock

Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker veröffentlichte vor zehn Jahren seine Erinnerungen unter dem Titel „Vier Zeiten“. Sie umfassen die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, die Teilung Europas und Deutschlands in der bipolaren Welt sowie die Vereinigung und die Zeit seitdem. Die gerade erschienenen Memoiren des bedeutenden Historikers Fritz Stern heißen „Fünf Deutschland und ein Leben“. Aus Weizsäckers „Vier Zeiten“ sind in diesem Fall fünf geworden, weil Stern Bundesrepublik und DDR separat berücksichtigt.[1] Ungeachtet dieser Nuancierung verweisen beide Erinnerungsschriften geradezu programmatisch auf den Problemzusammenhang von „Lebenswenden und Zeitenwenden“, dem Volker Depkats Greifswalder Habilitationsschrift gewidmet ist.

Die Wahl des Themas erscheint für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts äußerst fruchtbar, weil diese besonders reich an Zäsuren ist; und zwar an solchen historischen Einschnitten, die einen grundlegenden politischen Systemwechsel markieren. Depkat ist skeptisch gegenüber der Sonderwegsthese, die in den letzten Jahren ohnehin an Überzeugungskraft verloren hat, ebenso wie gegenüber einer eindeutigen historischen Meistererzählung oder den vielen im Angebot befindlichen „weichen“ sozial-, wirtschafts-, alltags- oder kulturgeschichtlichen Umbrüchen.[2] Sein Augenmerk gilt den großen Schlüsseldaten 1914, 1918/19, 1933 und 1945, vor allem aber den damit verbundenen Zäsurwahrnehmungen, den persönlichen Lebenswenden und mehrfach gesprengten Erfahrungsräumen von 14 ausgewählten Politikern und Politikerinnen, die allesamt der Alterskohorte der um 1880 Geborenen angehören, bis nach 1945 lebten und autobiografische Schriften hinterlassen haben. Es handelt sich dabei um die „Sozialisten“ Wilhelm Keil (1870–1968), Wilhelm Dittmann (1874–1954), Albert Grzesinski (1879–1947), Otto Buchwitz (1879–1964) und Max Seydewitz (1892–1987), die „bürgerlichen Männer“ Konrad Adenauer (1876–1967)[3], Arnold Brecht (1884–1977), Ferdinand Friedensburg (1886–1972) und Hermann Pünder (1888–1976) sowie die „bürgerlichen Politikerinnen“ Gertrud Bäumer (1873–1954), Marie Baum (1874–1964), Marie-Elisabeth Lüders (1878–1966), Toni Sender (1888–1964) und Käte Frankenthal (1889–1976).[4] Die Zuordnungen sind hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt, da sie vage bleiben und – das weiß auch Depkat – eine große Spannbreite von „Sozialisten“ und „Bürgerlichen“ umfassen.

Depkats Hauptquelle sind Autobiografien, die er als in Zeit und Zeiterfahrung gründende Identitätsentwürfe begreift. Im Mittelpunkt steht somit nicht das kritische Hinterfragen von Fakten, Darstellungen, Interpretationen in diesen Texten. Vielmehr soll die autobiografische Erzählung selbst zum historischen Faktum werden, verstanden als Reflexion der historischen Verhältnisse der eigenen Zeit und als Ausdruck für Bildung und Wandlung individueller wie kollektiver Identität. Anhand der Autobiografien, die verschiedene Zeitschichten verarbeiten, sucht Depkat das subjektive Gewicht der großen politischen Zäsuren in der deutschen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu ermessen.

Zeitlich setzt seine Studie mit den Friedensjahren des Kaiserreichs ein. Für die sozialistischen Männer waren diese Jahre eine Zeit der fundamentalen Politisierung, die in der utopischen Zielvorstellung eines sozialistischen Zukunftsstaates mündete. Der Erste Weltkrieg wirkte auf die meisten unter ihnen wie ein Rückschlag; Keil indes erhoffte sich vom Krieg positive Auswirkungen auf die Emanzipation der Arbeiterschaft. Einen ebenso zentralen wie neuralgischen Erinnerungsknoten stellt in den Autobiografien der Sozialisten die Zäsur 1918/19 dar. Die Deutungen schlagen in diesem Falle häufig in Rechtfertigungsversuche oder aber Anklageschriften um. Als Dreh- und Angelpunkt dient das Sujet der „versäumten Chance“. Nicht wenige der sozialistischen Führungseliten betonen den eruptiven Charakter der Revolution, von der sie überrascht worden seien. Grzesinski beispielsweise notiert in seinen Erinnerungen: „Hier war für Deutschland und die ganze Welt unversehens und überraschend ein System zusammengebrochen, das Jahrhunderte lang festgestanden hatte und unerschütterlich schien.“ (S. 287) Der spätere Berliner Polizeipräsident und preußische Innenminister war damals voller Sorge aufgrund des unkontrollierten Wandels und hielt eine Politik der Chaosvermeidung für notwendig. Das „historische Verdienst“ der „Männer von 1918“ sieht er eben darin, denn die Alternative lautete seines Erachtens: blutige Gewalt und bolschewistische Diktatur. Der USPD-Politiker Dittmann verurteilt indes die Haltung der MSPD, und die späteren SED-Politiker Buchwitz und Seydewitz werfen der MSPD sogar „Verrat“ an Arbeiterbewegung und Revolution vor. Alle aber sehen sich als rechtmäßige und durch ihr Handeln bestätigte Erfüller sozialistischer Politik.

Es nimmt kaum Wunder, dass sich die bürgerlichen Autoren durch den raschen Wandel um die Jahreswende 1918/19 in einen „Taumelzustand“ versetzt fühlten. Anders als die Sozialisten waren sie zunächst um den Bestand des Staates an sich besorgt. In ihren Erinnerungen stellen sie den damals als akut empfundenen Gegensatz zwischen Bolschewismus einerseits und parlamentarischer Monarchie oder Demokratie andererseits heraus. Depkat hebt im Fall der Bürgerlichen die Lernprozesse während der Weimarer Republik hervor: Sie wandten sich von obrigkeitsstaatlich-monarchistischen Traditionen des Kaiserreichs sukzessive ab und dem parlamentarischen System zu. Die Politisierung der lange Zeit Unpolitischen hatte bereits im Verlauf des Ersten Weltkriegs eingesetzt. Arnold Brecht überschreibt das entsprechende Kapitel in seinen Erinnerungen mit „Politisches Erwachen“.

In Abgrenzung von nationalistischer, aber auch sozialistischer Weltanschauung und herausgefordert durch die Krisenhaftigkeit der ersten deutschen Demokratie weiteten die ausgewählten bürgerlichen Politiker ihre Staatsgesinnung zu einer Demokratie- und Republikgesinnung aus; und die Frauen konnten daneben manchen, wenn auch noch so bescheidenen Emanzipationsgewinn verzeichnen. Alle bürgerlichen Politiker, schreibt Depkat, „entwerfen sich ostentativ als Speerspitzen der Demokratie in einer von antidemokratischen Wertideen durchsetzten Umwelt“ (S. 379). Deutlich ist in ihren Autobiografien die Scheidelinie zwischen Demokratie und Antidemokratie auszumachen, die in jüngeren Forschungsanstrengungen oftmals zugunsten von „Ambivalenzen“ und „Austauschdiskursen“ verwischt oder sogar als ahistorisches, gegenwärtigen Wertvorstellungen entspringendes Konstrukt erscheint. Dies mag in manchem Fall auch zutreffen; schließlich dienten die nach 1945 geschriebenen Autobiografien häufig – ob bewusst oder unbewusst – der Legitimation der neuen Herrschafts- und Gesellschaftsordnung. Überhaupt messen die bürgerlichen Politiker der Unterscheidung von Staatsformen und politischen Systemen in ihren autobiografischen Ausführungen eine große Bedeutung zu. So schildern sie die Geschichte der Weimarer Republik als Geschichte des Staatsmacht-Verfalls und setzen im Jahr 1930 den Beginn der akuten Staatskrise an, als die Gefahr einer totalitären Diktatur fassbar wurde. Auch wenn die Sozialisten eine weniger etatistische Perspektive einnehmen und stattdessen vorrangig die ausgebliebene soziale Umgestaltung für den Verfall der Republik verantwortlich machen, so bezweifeln sie doch wie die Bürgerlichen ein zwangsläufiges Scheitern der Weimarer Republik.

1933 bedeutete für die beiden politischen Lager einen tiefen Einschnitt, der Verfolgung, Emigration, Entrechtung oder wenigstens politisch motivierte Karriereeinbrüche nach sich zog. Die Etablierung des „Dritten Reichs“ empfanden Sozialisten wie Bürgerliche – zumindest die von Depkat untersuchten – als „radikale Infragestellung des historischen Fortschritts-Gedankens im sozialistischen oder liberalen Sinne“ (S. 249). Da möchte man allerdings wenigstens am Rande die Frage anfügen, wie es sich für die genuin konservativen Politiker unter den „Bürgerlichen“ verhielt, die einem progressiven Weltbild ihre pessimistische Haltung entgegenstellten. Nur vor dem Hintergrund der viel beschworenen „deutschen Katastrophe“ lässt sich erklären, weshalb die meisten Autobiografien 1945 als noch schärfere Zäsur als 1933 beschreiben. Depkat hält es erfahrungsgeschichtlich für angebracht, von einem „Nullpunktbewusstsein“ zu sprechen, ohne jedoch ganz schlüssig und widerspruchsfrei die von ihm konstatierte Zerstörung „mentaler Landkarten“ und den totalen Ordnungs- wie Orientierungsverlust darzulegen. Gerade mentalitäts- und geistesgeschichtlich betrachtet besitzt die These einer „Stunde Null“ nur wenig Überzeugungskraft.[5]

Die Epochenzäsur von 1945 „stand in der DDR ganz in der Kontinuität zu dem seit Kaisers Zeiten antizipierten sozialistischen Zukunftsstaat, während die Signatur der westdeutschen Ideenlandschaft eher durch den ‚Verlust von Utopie’ und die daraus resultierende Akzeptanz der Demokratie im Geiste des antitotalitären Konsenses zustandekam“ (S. 253). Relativiert Depkat den Bruch in der DDR mithin ausdrücklich, so tut er dies wenigstens indirekt auch für die Bundesrepublik, indem er zu Recht Lernprozesse ausmacht, die über längere Zeiträume und aufgrund der wiederholten grundstürzenden Zäsurerfahrungen zur nachhaltigen Umorientierung einer Generation führten. Nicht allein äußerer Druck durch die Besatzungsmächte oder Vorgänge der Verwestlichung und Amerikanisierung sowie der Generationswechsel bewirkten Wandel. Dieser gründete vielmehr „auch in den Lern- und Umorientierungsprozessen deutscher politischer Eliten, die das gesamte Katastrophenzeitalter des 20. Jahrhunderts biographisch durchmaßen“ (S. 519).

Die Identifikation von generationellen Kohorten ist für die historische Analyse von Einstellungen und Verhaltensmustern gewiss wichtig. Doch erscheint ein Politik- und Erfahrungsgeschichte verbindender Ansatz, der die Wahrnehmung und Verarbeitung von Zäsuren und die dadurch bewirkten Wandlungen in einer Generation untersucht, gleichfalls sinnvoll. In manchem Fall lässt sich eine – durch die nicht nur politikgeschichtlich, sondern auch autobiografisch relevanten Wendepunkte bewirkte – Wandlung von Sinn- und Vorstellungswelten nachvollziehen. Solchen Lernprozessen innerhalb einer „Generation“ Aufmerksamkeit geschenkt zu haben ist Depkats Verdienst.

Anmerkungen:
[1] Weizsäcker, Richard von, Vier Zeiten. Erinnerungen, Berlin 1997; Stern, Fritz, Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen, München 2007; siehe auch ders., Ein gewöhnliches Leben in ungewöhnlichen Zeiten. Politik und Zeitgenossenschaft im 20. Jahrhundert, in: Frei, Norbert (Hrsg.), Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts?, Göttingen 2006, S. 14-33.
[2] Vgl. Jarausch, Konrad H.; Geyer, Michael, Zerbrochener Spiegel. Deutsche Geschichten im 20. Jahrhundert, München 2005; Gallus, Alexander (Hrsg.), Deutsche Zäsuren. Systemwechsel seit 1806, Köln 2006.
[3] Obgleich von Depkat problematisiert, überzeugt die Aufnahme Adenauers in die Untersuchung kaum, weil dessen „Erinnerungen“ für die Zeit vor 1944/45 wenig ergiebig sind. Die Rekonstruktion von Adenauers Sichtweise aus anderen autobiografischen Zeugnissen und Hans-Peter Schwarz’ Biografie birgt zumindest die Gefahr einer verzerrten Perspektive.
[4] Mit Detlev J.K. Peukert, auf den sich Volker Depkat bezieht, lassen sich die Protagonisten zwei „politischen Generationen“ zuordnen: zum einen der „Generation von 1914“ der in den 1880er- und frühen 1890er-Jahren Geborenen, die die eigentliche „Frontgeneration“ im Ersten Weltkrieg bildeten; zum anderen der „Gründerzeitgeneration“ der in den 1870er-Jahren Geborenen, deren berufliche und politische Sozialisation vor allem in die Zeit nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. fiel und die später zu den prägenden Persönlichkeiten der Weimarer Republik zählten. Vgl. Peukert, Detlev J.K., Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt am Main 1987, S. 25-31.
[5] Vgl. etwa: Schildt, Axel, Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre, München 1999; Nolte, Paul, Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert, München 2000.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.09.2007
Redaktionell betreut durch