Titel
Migration und Museum. Neue Ansätze in der Museumspraxis


Herausgeber
Hampe, Henrike
Reihe
Europäische Ethnologie 5
Erschienen
Münster 2005: LIT Verlag
Anzahl Seiten
153 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Katrin Pieper, Graduiertenkolleg Europäische Geschichtsdarstellungen, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

„Migration ist [...] in aller Munde“, heißt es in einem Sammelband zur Erinnerungskultur und Migration.[1] Auch ein Blick in den Ausstellungskalender 2005 offenbart, dass das Thema Migration nicht nur fester Bestandteil der gegenwärtigen politischen Diskurse, sondern inzwischen auch gefragter Ausstellungsgegenstand ist. Pünktlich zu zwei Jubiläen, die die verschiedenen Pole der gegenwärtigen Migrationsmusealisierung symbolisieren, dem 50. Jahrstag des deutsch-italienischen Anwerbevertrages und dem 60-jährigen Kriegsende mit der Zwangsmigration der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten, öffneten Ende 2005 zwei Ausstellungen, deren Titel in großen Teilen Konzept waren: Im Deutschen Historischen Museum Berlin bot sich mit „Migrationen 1500-2005“ eine Überblicksdokumentation über unterschiedliche Migrationsprozesse bis zur Gegenwart. Im Haus der Geschichte Bonn und seiner Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ ging es vor allem um das vergangene Leid der Deutschen, die „[...] mit bis zu 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen am stärksten betroffen“ waren.[2] In Köln hingegen reklamierte das „Projekt Migration“ im Kontrast zu den beiden historischen Ausstellungen den Versuch, mit einer umfangreichen Kunstpräsentation und Dokumentation die nationale Erzählung von der Mehrheit und ihren Minderheiten umzukehren.[3] Die unterschiedlich akzentuierten und intendierten Ausstellungsprojekte der letzten Jahre spiegeln die Diskussionen über die Definition von Migration und das Verhältnis von Museum und Migration wider.[4]

Der Sammelband „Migration und Museum“ versteht sich als Beitrag zu dieser Debatte. Als Ergebnis einer Tagung der Arbeitsgruppe Sachkulturforschung und Museum in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, die im Oktober 2004 im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm stattfand, versammelt er 13 Aufsätze, die sich theoretisch mit Fragen und Problemen der Musealisierung von Migration auseinandersetzen und eigene Kuratoren- und Besuchererfahrungen mit Ausstellungs- und Museumsprojekten zum Thema vorstellen. Als Auftakt werden in der Sektion „Grundsatzfragen“ das Verhältnis von Museum und Migration befragt sowie die Tendenzen in der Migrationsforschung dargestellt. Gottfried Korff bettet einleitend die Tagung in den Kontext der Debatte um die Einrichtung eines Migrationsmuseums in Deutschland ein und wirft mit Betonung auf den diffusen Charakter dessen, was unter Migration sowie einem Migrationsmuseum verstanden werden kann, die wesentlichen „Fragen zur Migrationsmusealisierung“ auf: Ist ein Museum „[...] für, von oder über Migranten [...]“ angedacht (S. 5)? Welche Migration soll repräsentiert werden und was wird unter Migration im globalen Zeitalter verstanden? Migration im Museum sei von einem Kontrast geprägt, da die Dokumentation im „possessualen“ Museum eine Reduktion von Komplexität bedeute und angewiesen sei auf Materialisierung und Symbolisierung, während Instabilität und Bewegung die prozessuale Migrationskultur kennzeichne (S. 7). Die „symbolische Ethnizität“ im Museum aber ermögliche Anerkennung und Identitätsbehauptung als Grundlage von sozialer, politischer und erinnerungskultureller Repräsentation. Als Gefahren bei der Migrationsmusealiserung warnt Korff abschließend vor einer Folklorisierung der Migrationskultur durch Produktion von Klischees und dem Phänomen des staging ethnicity als Zementierung der Differenzen.

Anschließend verschafft Max Matter einen reflektierten Überblick über die historische Migrationsforschung in der Volkskunde, die von ihm trotz der gesellschaftspolitischen Bedeutung als randständige Disziplin eingeordnet wird. Matter zeigt die Komplexität von „Migration“ auf und verweist auf die unterschiedlichen Perspektiven: Gruppen, die als „Migranten“ oder „Zwangsmigranten“ gelten, wehren sich gegen dieses Label. Aufgrund der vielfältigen Untergruppen von Migration – differenziert nach zeitlichen Phasen, Gruppen oder Motiven – plädiert Matter für die Darstellung spezifischer Bewegungen. Das gilt auch für Ausstellungsprojekte: Migration als transkulturelles, überzeitliches Phänomen zu präsentieren, gehe auf Kosten der Tiefenschärfe und könne das Migrationsgeschehen in der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart zu sehr relativieren (S. 19). Die Gliederung des Bandes in eine theoretische Einführung und anschließende Erfahrungsberichte aus der Praxis wird im Folgenden undeutlich. Der Beitrag von Jürgen Steen, der sich am Beispiel Frankfurts am Main und des dortigen Historischen Museums mit der Bedeutung von Migration in der Darstellung der Stadtgeschichte befasst, und das Plädoyer von Mathilde Jamin für ein Migrationsmuseum in Deutschland behandeln bereits zwei Kuratorenberichte in den einleitenden „Grundsatzfragen“. Jamin schildert ihre Erfahrungen mit der Ausstellung „Fremde Heimat“ im Ruhrlandmuseum Essen 1998. Sie betont im Sinne einer visibility und aufgrund der weitgehend exklusiven Erfahrungsgeschichte in den Museen und des damit betriebenen Ausschlusses von Migranten aus einem „kollektiven Gedächtnis“ die Notwendigkeit eines zentralen bundesweiten Migrationsmuseums, das der Fragmentierung des historischen kulturellen Erbes der Migranten/innen entgegentreten soll (S. 48).

Der Abschnitt „Grenzüberschreitungen“ befasst sich mit musealen Repräsentationen von Migration und Migranten/innen auf internationaler Ebene. Dagmar Neuland-Kitzerow schildert ihre „Innenansichten“ als Kustodin am Museum Europäischer Kulturen in Berlin, das sich mit mehreren Ausstellungen an dem EU-Projekt „Migration, Work and Identity“ beteiligte. Dass jedoch ein „echter“ Dönerimbiss Teil der Ausstellung „MigrationsGeschichte(n)“ war, lässt die Rezensentin an die einleitende Warnung Gottfried Korffs denken, keine Klischeebilder zu reproduzieren. Nach einigen Ausführungen zum Musée des Civilisations de l’Europa et de la Méditerranée in Marseille von Catherine Homo-Lechner stellt Joachim Baur mit Ellis Island, dem Tenement Museum und dem Museum of Chinese drei New Yorker Immigrationsmuseen vor. Anhand der Ausgangspunkte und Ansätze, den „points of departure“ der Museen selbst, untersucht er die Institutionen als soziale Räume, Erinnerungs- und Assoziationsräume in einem nationalen Kontext, in dem Migrationsgeschichte nicht randständig, sondern Kern des master narrative ist.

„Erfahrungen“ behandelt verschiedene Museumsprojekte über Migration, ihre Zielsetzungen und Rezeption aus der Sicht der Kuratoren und Museumsmitarbeiter. So stellen Jürgen Ellermeyer die Ausstellung „Geteilte Welten – Einwanderer in Hamburg“ des Museums der Arbeit, Rita Klages das Kooperationsprojekt „Ein Haus in Europa“ in Berlin, Frank Lang ein Sammlungskonzept für Migrationsobjekte und Markus Walz Mobilitätsprozesse in rheinisch-westfälischen Museen vor. Mit den Beiträgen von Christian Glass und Beate Wild wird die Diskussion um die Repräsentation der deutschen „Vertriebenen“ aufgegriffen. Der Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums Glass skizziert den Prozess der Musealisierung von der nostalgieträchtigen Vertriebenen-Heimatstube über die Einrichtung von Landesmuseen im Sinne einer „ostdeutschen Kulturarbeit“ bis zu dem Streit um das „Zentrum gegen Vertreibung“ und stellt das Donauschwäbische Zentralmuseum als Beispiel für ein „Vertriebenenmuseum“ vor, das das allgemeine Thema Migration in die Konzeption einbezieht. Wild thematisiert die Neukonzeption des Siebenbürgischen Museums, einer ehemaligen Heimatstube, und geht den Gründen für die Entrüstung einiger Stammbesucher aufgrund der Veränderungen nach.[5]

Der vielversprechende Untertitel des Bandes „Neue Ansätze in der Museumspraxis“ erscheint nach der Lektüre überhöht und wird nicht eingelöst. Die Beiträge bieten insgesamt einen fundierten Überblick über Ausstellungsprojekte zu Migration der letzten Jahre in Deutschland. Doch die fast ausschließliche Berücksichtigung von Kuratorenberichten vernachlässigt die von Korff in der Einleitung aufgeworfenen Probleme und wesentlichen Diskussionsstränge der Migrationsmusealisierung. Die „Innenansichten“ der Kuratoren sind zumeist von der Aufzeichnung der eigenen Erfolge mit dem Projekt geprägt und weisen im Sinne einer Eigenlegitimation ihrer Arbeit zum Teil einen strapaziert wirkenden positiven Grundton auf, was die Rezeption angeht. Der Beitrag von Wild über die Kontroversen zwischen Kuratoren und Besuchern – hier „Vertriebene“ fällt in den Harmoniebekundungen positiv auf. Die Begegnung zwischen Migranten/innen und Museum verläuft oft nicht so einträchtig, wie es zum Teil vorgegeben wird. Zur deutlichen Herausstellung der Probleme und Diskussionen sowie Gründe für die Präsentation von Migration hätte die Rezensentin sich die stärkere Berücksichtigung von kritischen Fallstudien und „Außenansichten“ gewünscht, wie es hier einzig die Analyse von Baur leistet. Vielleicht hätte es auch eine Dokumentation der sicherlich regen Diskussionen im Anschluss an die Vorträge getan. Doch mit der Verbindung von theoretischen Fragen zu Migration und Museum und Ausstellungspraxis sowie von Museumsprojekten zur Geschichte der deutschen Vertriebenen und Arbeitsmigration verschafft sich die Publikation einen Platz in der fortdauernden Debatte um die Migrationsmusealisierung.

Anmerkungen:
[1] Motte, Jan; Ohliger, Rainer, Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Einführende Betrachtungen, in: Dies. (Hgg.), Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik, Essen 2004, S. 7-16, S. 7.
[2] Zit. nach dem Faltblatt zur Ausstellung „Flucht Vertreibung Integration Heimat“ im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, 03.12.2005-17.04.2006.
[3] Zum Ansatz der Ausstellung siehe: Aytaç Eryılmaz u. a., Vorwort, in: Kölnischer Kunstverein u.a. (Hgg.), Projekt Migration, Köln 2005, S. 16-21.
[4] Siehe zu dem Themenkomplex Einwanderung, Gedächtnis und Migrationsmusealisierung die Beiträge von Constance Carcenac-Lecomte, Alexander von Plato, Mathilde Jamin, Martin Düspohl und Aytaç Eryılmaz, in: Motte; Ohliger (Hgg.) (wie Anm. 1).
[5] Die Dissonanzen zwischen den Erwartungen der Besucher und der Repräsentation der Vergangenheit in den musealen Institutionen thematisiert: Crane, Susan A., Memory, Distortion, and History in the Museum, in: Messias Carbonell, Bettina (Hg.), Museum Studies. An Anthology of Contexts, Oxford 2004, S. 318-334.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.04.2006
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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