A. Bagus: Volkskultur in der bildungsbürgerlichen Welt

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Titel
Volkskultur in der bildungsbürgerlichen Welt. Zum Institutionalisierungsprozeß wissenschaftlicher Volkskunde im wilhelminischen Kaiserreich am Beispiel der Hessischen Vereinigung für Volkskunde


Autor(en)
Bagus, Anita
Reihe
Berichte und Arbeiten aus der Universitätsbibliothek und dem Universitätsarchiv Giessen ; 54
Anzahl Seiten
446 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Wolfgang Jacobeit, Fürstenberg/Havel

Schon der Titel dieser materialreichen Marburger Dissertation von 2002 weist darauf hin, dass Anita Bagus sich einer Betrachtungsweise bedient, die über übliche Darstellungen zur Wissenschaftsgeschichte der deutschen Volkskunde hinausgeht: Sie konzentriert sich auf jene Periode deutscher Geschichte, die mit der Reichsgründung von 1871 beginnt und mit dem schicksalhaften Jahr 1918 endet – das deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. Diese Periode ist mit der Institutionalisierungsphase, das heißt mit der Gründung deutscher Volkskundevereine identisch, an deren erster Stelle der Berliner Verein für Volkskunde 1891 steht und dem bis 1904 15 weitere volkskundliche Vereinigungen alle auf regionallandschaftlicher Basis folgen. Das ist gewiss für die Entwicklung der Volkskunde als Wissenschaft von Belang, erreicht aber noch nicht den Status einer universitär ausgewiesenen Disziplin mit Lehrstuhl und einem entsprechenden Durchsetzungsvermögen im Rahmen des geeinten Reichs. Umso wichtiger ist es darum, der Vorgeschichte eines solchen Ordinariats 1936 an der Berliner Universität mit Adolf Spamer nachzugehen und deren Hintergründe zu beleuchten.

Wenn es sich in der Hauptsache auch „nur um die relativ späte Geschichte der ,Hessischen Vereinigung für Volkskunde‘“ (1901) handelt, so sind es doch deren namhafteste Protagonisten, die für die Volkskunde ihrer Zeit den Ton angegeben haben wie Otto Behaghel, Albrecht Dieterich, Adolf Strack, Eugen Mogk, Hugo Hepding und andere, deren Aktivitäten noch heute von Belang sind. Aber zugleich ergibt sich damit die Frage, inwiefern sie Volkskundler waren und warum sie weder in Gießen noch in Marburg einen Lehrstuhl haben gründen können. Hier liegt der Ansatz für die Autorin. Sie betrachtet die „Philologien als fachliche und disziplinäre Wurzeln im Institutionalisierungsprozess wissenschaftlicher Volkskunde“ (S. 123ff.) und zieht ihre Schlussfolgerungen in einer äußerst materialreichen, interdisziplinären Darlegung, die ihresgleichen sucht: Die Beschäftigung mit volkskundlicher Thematik gehörte spätestens seit der Romantik und während des gesamten 19. Jahrhunderts zu den diversen Philologien, von der Germanistik bis zu den Altphilologen und Neuhumanisten. Sie sahen im Sammeln, Sichten und philologischen Verarbeiten volkskundlichen Materials namentlich dörflich-bäuerlicher Provenienz eine Bereicherung und Bestätigung ihrer eigenen Forschungsanliegen. Dies geschah besonders unter Beachtung der Tatsache, dass die „Wörter und Sachen“ der heimischen Volkskulturen immer rascher verschwanden, weshalb die Philologen das Sammeln und Aufbewahren mit großer Vehemenz betrieben. Sie hielten es für eine Notwendigkeit, so viel wie möglich von dem „Alten“ zu retten, zumal sie auf ihrem eigenen Terrain kaum irgendwelche Sammelaktionen o.ä. mehr durchführen konnten. Dennoch war volkskundliches Arbeiten für sie zuvörderst ein methodisches Vehikel, das bestenfalls den Rang einer untergeordneten Nachbardisziplin einnahm.

Hinzu kommt – und das ist für die Volkskunde in der Kaiserzeit wesentlich –, dass mit der Stabilisierung und dem Wachstum des deutschen Ansehens in den Jahren nach der Reichsgründung die Philologien in existentielle Bedrängnis gerieten, weil ihr Status infolge eines zunehmenden Einflusses der naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung ins Wanken geriet und das bis dahin Ton angebende Bildungsbürgertum seinen Einfluss an eine neu konturierte bürgerliche Gesellschaft verlor. „Die Zeit um 1890 erscheint hier als geistig-politische Wende, als Aufbruch in die Moderne, über die man kurz nach der Jahrhundertwende bereits kritisch Bilanz zog.“ (S. 281) Fixpunkte dieser Wende waren einmal die Aufhebung des 12 Jahre andauernden Sozialistengesetzes, die Abdankung Bismarcks und der neue Kurs wilhelminischer Politik nach innen und außen. Das bedeutete auch eine neue Phase im geistig-kulturellen Leben des Landes, die unter anderem zum Ausdruck kam in einer für 1890 angesetzten reichsweiten Schulkonferenz, bei der die Aufgaben der zerstrittenen Philologen verhandelt wurden. Aber „es begann auch eine neue Ära für die wissenschaftliche Volkskunde“ (ebd.) mit der Bildung des ersten deutschen Vereins für Volkskunde in Berlin unter Vorsitz des Germanisten Karl Weinhold. Das „war der Auftakt zu einer ersten Gründungswelle von Volkskundevereinen in den 1890er-Jahren, in denen primär Philologen die Richtung der wissenschaftlichen Volkskunde bestimmten“ (S. 281f.). So verfehlte dann der Kongress von 1890 auch nicht seine Wirkung auf die Volkskunde, und dies um so mehr, als gänzlich unerwartet der Kaiser höchst persönlich unter den versammelten Philologen erschien und eine Grundsatzrede hielt, in der er nicht mit Vorwürfen namentlich an die Adresse der Gymnasien sparte. Sie trügen an einer Überproduktion von Gebildeten Schuld, hätten es versäumt, „von selbst etwas gegen die Sozialdemokratie zu unternehmen“ – vor allem aber mangele es ihnen „an der ‚nationalen Basis‘“ (S. 283). Sein konsequentes Credo lautete dann auch: „Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer.“ (ebd.) Und: „Ebenso möchte ich das Nationale bei uns weiter gefördert sehen in Fragen der Geschichte, Geographie und der Sage. Fangen wir erst einmal bei uns zu Hause an. Erst wenn wir in den verschiedenen Kammern und Stuben Bescheid wissen, dann können wir ins Museum gehen und uns dort umsehen.“ (S. 284f.)

Diesen Eingriff des Kaisers in den Streit der Philologen nennt Anita Bagus an anderer Stelle [1] den „Take Off“ der deutschen Volkskunde, mit dem die Philologen Wilhelms II. die Grundlagen einer national-völkischen Disziplin bestimmten. Dies fand zwar mit der Zerschlagung des Dritten Reichs ein Ende, erfuhr aber zugleich in der Zeit des Nazismus dadurch einen Höhepunkt, dass Adolf Spamer 1936 der erste Germanist war, der mit der Übertragung eines Lehrstuhls in Berlin der Institutionalisierung der Volkskunde ihre eigentliche, reichsweite Wirksamkeit verlieh.

Dass dieser „Take Off“ zwar von einem nationalistischen deutschen Kaiser angedacht und gefordert worden war, letztlich aber eines weit konsequenteren national-politischen Machtpotentials zur Verwirklichung bedurfte, sollte Gegenstand einer künftigen Weiterführung dieser verdienstvollen Arbeit von Anita Bagus sein. Sie hat Zusammenhänge aufgezeigt, an denen es der Wissenschaftsgeschichte der deutschen Volkskunde bisher gemangelt hat. Sie hat diese in der Anwendung einer modernen, interdisziplinär-kulturhistorischen Methodik gewissermaßen entdeckt und damit Neuland beschritten.

Da ein Rezensent gehalten ist, sich kurz zu fassen, muss eine Betrachtung über die „Merkmale wissenschaftlicher Volkskunde und ihrer Bedeutung für wilhelminische Bildungsbürger“ (S. 311ff.) außer Betracht bleiben, allerdings ein Fragezeichen hinter den letzten Satz der Gesamtabhandlung gesetzt werden, in dem es heißt: „[I]n der Volkskunde spiegeln sich Krise und Konstruktionsgeist als zwei Seiten einer Medaille wider. Man wollte beides: das Alte bewahren und am Neuen partizipieren.“ (S. 398) Was aber war dieses Neue für die wilhelminische Volkskunde? Worin in der alles dominierenden industriekapitalistischen Entwicklung sah sie ihren Gegenstand und ihre Forschungsaufgabe? Die Fabrikarbeiter/innen beispielsweise standen bekanntlich außerhalb jeglicher volkskundlicher Betrachtung, denn das traditionelle Bauerntum behauptete das Feld bis über 1945 hinaus. Das aber ist ein anderer wissenschaftsgeschichtlicher Strang, der letzten Endes im „Abschied vom Volksleben“ des Tübinger Volkskundeinstituts gipfelte, das sich konsequenterweise dann auch von dem Begriff „Volkskunde“ löste und sich als „Empirische Kulturwissenschaft“ neu definierte und etablierte.

Anmerkung:
[1] Bagus, Anita, Volkskunde – Ein geisteswissenschaftliches Leistungsangebot. Zur Fachgenese im bildungs- und wissenschaftspolitischen Kontext des wilhelminischen Kaiserreichs, in: Bayerische Blätter für Volkskunde NF 4 (2002), S. 161-177.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.07.2006
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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