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Titel
Canossa. Die Entzauberung der Welt


Autor(en)
Weinfurter, Stefan
Erschienen
München 2006: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
254 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Schütte, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Am 7. August 2006 jährt sich zum neunhundertstenmal der Todestag Heinrichs IV., in dessen rund fünfzigjährige Regierungszeit der Ausbruch des epochalen Konflikts zwischen dem römisch-deutschen Königtum beziehungsweise Kaisertum und dem Papsttum fällt. Diese mit dem Begriff Investiturstreit bekanntlich nur unzureichend umschriebene Auseinandersetzung ging von anfänglich begrenzten Spannungen aus, entwickelte sich aber rasch zu der grundsätzlichen Frage nach der rechten Zuordnung von weltlicher und geistlicher Gewalt. Einen ersten Höhepunkt dieses politisch, militärisch und nicht zuletzt auch literarisch geführten Streites bildete der Zusammenstoß König Heinrichs IV. mit Papst Gregor VII. an der Jahreswende von 1075 auf 1076, als der Salier sich dem römischen Bischof gegenüber ungehorsam zeigte und daraufhin mit dem Kirchenbann belegt wurde. Die Exkommunikation des Königs, der von Gregor immerhin noch kurz zuvor als künftiger Kaiser angesehen worden war, ließ in den Augen eines Zeitgenossen den gesamten Orbis Romanus erzittern. Allerdings ist es Heinrich, der sich im weiteren Verlauf des Jahres 1076 zudem mit der nunmehr mächtig wiedererstandenen deutschen Fürstenopposition konfrontiert sah, gelungen, seine Königsherrschaft zunächst zu retten. Im Winter 1076/77 begab er sich nämlich in kleiner Begleitung und auf abenteuerlichen Wegen nach Oberitalien, wo er den Papst auf der Burg Canossa regelrecht stellte und nach abgeleisteten Bußübungen am 28. Januar 1077 schließlich zur Wiederaufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen veranlassen konnte. Dadurch wurde die Stellung des Saliers zwar wieder gestärkt, doch blieb er in den sich anschließenden wechselvollen Kämpfen, die sich über knapp drei Jahrzehnte hinzogen, letztlich der Unterlegene. Am Ende war er nicht mehr als ein Hindernis auf dem Weg zur Einigung zwischen Reich und Kirche, wurde daher von dem eigenen Sohn aus der Herrschaft verdrängt und starb schließlich verlassen im 1080 nochmals verhängten Kirchenbann.

Heinrich IV., Canossa und der Investiturstreit sind zwar ohnehin beliebte Gegenstände der deutschen Mittelalterforschung, doch scheinen sie an zusätzlicher Anziehungskraft noch zu gewinnen, wenn es wie 2006 und 2007 (runde) Gedenktage abzuarbeiten gilt. Davon zeugen nicht nur wissenschaftliche Veranstaltungen, Ausstellungen in Speyer und Paderborn mit den begleitenden Publikationen sowie eine neue deutschsprachige Monografie über Heinrich IV., sondern auch das hier vorzustellende Werk aus der Feder des Heidelberger Mediävisten Stefan Weinfurter.[1]

Bereits ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass Weinfurter weitaus mehr bietet als eine deutende Nacherzählung der dramatischen, vielfach miteinander verschränkten Entwicklungen der späteren Salierzeit. Nach einem ersten Abschnitt (Canossa - ein Ereignis, das die Welt erschüttert; S. 9-26), in dem die Ereignisse von 1076/77 in einem weiteren Rahmen geschildert werden, geht er sein Thema nämlich in zehn vorrangig systematisch angelegten und aus sich selbst heraus verständlichen Kapiteln an. Deren Überschriften lauten: „Die ‚Einheit der Welt’ unter Kaiser Heinrich III.“ (S. 27-45), „Die Einheit zerbricht: Heinrich IV. und der Bürgerkrieg“ (S. 46-65), „Wandlungen in der Gesellschafts- und Herrschaftsordnung“ (S. 66-76), „Rom und das Papsttum vor Gregor VII.“ (S. 77-100), „Papst Gregor VII. und sein Anspruch auf Gehorsam ‚im gesamten römischen Erdkreis’“ (S. 101-118), „1076: Die Einsamkeit des Königs und die ‚neue Religion’ der Bischöfe“ (S. 119-134), „Gute und Böse: Wertewandel, moralischer Zwang und neues Königsideal“ (S. 135-152), „Der Kampf der Könige und das Ende Papst Gregors VII.“ (S. 153-172), „Das Investiturproblem und die Stationen seiner Entwicklung“ (S. 173-190) und „Der Verrat Heinrichs V.: Die ‚Einheit der Welt’ zerbricht erneut“ (S. 191-206).

Weinfurters Anliegen richtet sich also unverkennbar weniger auf die politische Geschichte, sondern auf den gesellschaftlichen Wandel der Zeit des Investiturstreits und auf die dahinter stehenden Ideen. Auf diesem Hintergrund stellt er in der „Schlußbemerkung“ (S. 207f.) seines Buches ganz zu Recht fest, dass „Canossa“ neben dem Ereignis vom Januar 1077 auch eine „historische Chiffre“ bezeichnet. Diese zielt natürlich zunächst auf die 1872 vor dem Reichstag gesprochenen und bekanntermaßen geflügelten Worte des Reichskanzlers Otto von Bismarck, die die Burg endgültig zu einem der zahlreichen Erinnerungsorte der deutschen Geschichte werden ließen. Darüber hinaus soll „Canossa“ mehr ausdrücken, denn die mit dem Namen der Feste verbundenen Vorstellungen richten sich auch auf eine beginnende „Entzauberung der Welt“. Mit diesen Worten umschreibt Weinfurter in Anlehnung an eine Formulierung Max Webers einen Prozess, der auf eine zunehmende Differenzierung der frühmittelalterlichen Einheitswelt hinauslief: Während es bis dahin keine scharfe Trennung zwischen geistlich und weltlich, Kirche und Staat gegeben hat, setzte im Rahmen des Konflikts zwischen dem Königtum und der kirchlichen Gewalt eine Entwicklung ein, in deren Verlauf sich beide Bereiche gedanklich und argumentativ voneinander entfernten und die schließlich in den ungeheuren Rationalitätsschub des 12. Jahrhunderts mündete. In einer derartigen Umbruchszeit, die die Beteiligten zwang, die Entwicklungen zu steuern oder wenigstens zu beantworten, entstanden neue, im weitesten Sinn gesellschaftliche „Ordnungsmodelle“ und „Ordnungskonfigurationen“.[2] Diese bewegten sich um eine schärfere Wahrnehmung von Wahrheit und Gerechtigkeit, führten zu einer rigoroser als bisher eingeforderten Befolgung von rechtlich verbindlichen Grundsätzen und beförderten damit unter dem Strich ganz erheblich eine rationale, an klareren Maßstäben ausgerichtete Welterfassung.

Die knapp und präzise gehaltenen Anmerkungen (S. 209-221) sowie das ausführliche Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 222-243) bieten für den Fachwissenschaftler hinreichend Anknüpfungspunkte, um die zahlreichen wichtigen und in zentrale Probleme der hochmittelalterlichen Geschichte führenden Gedanken Weinfurters weiterzuverfolgen. Darüber hinaus wird das Buch wegen seiner Darstellungskunst, seiner ausgesprochen klaren Sprache und Gedankenführung zweifelsohne auch ein breiteres Publikum erreichen. Erschlossen wird der gehaltvolle und schön ausgestattete Band durch ein von Matthias Kirchner verantwortetes Register (S. 244-254).

Anmerkungen:
[1] Speyer vgl.: Peltzer, Jörg, Tagungsbericht zu: Salisches Kaisertum und neues Europa in der Zeit Heinrichs IV. und Heinrichs V., 4.-6. 5. 2006, Speyer. In: H-Soz-u-Kult, 21.05.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1125>. - Paderborn: vgl. die Hinweise unter www.canossa2006.de. - Heinrich IV.: Althoff, Gerd, Heinrich IV., Darmstadt 2006.
[2] Diese Begriffe wurden von Weinfurter geprägt und in die historische Mediävistik eingeführt; vgl.: Weinfurter, Stefan, Gelebte Ordnung - Gedachte Ordnung. Ausgewählte Beiträge zu König, Kirche und Reich. Aus Anlass des 60. Geburtstages hg. von Helmuth Kluger, Hubertus Seibert und Werner Bomm, Ostfildern 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.07.2006
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