G. Lingelbach u.a.: Geschichte studieren

Cover
Titel
Geschichte studieren. Eine praxisorientierte Einführung für Historiker von der Immatrikulation bis zum Berufseinstieg


Autor(en)
Lingelbach, Gabriele; Rudolph, Harriet
Erschienen
Anzahl Seiten
262 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jacob Krumrey, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Welcher Student kennt sie nicht, die Schreibblockaden, Prüfungsängste und Sinnkrisen? Einführungen in das Studium der Geschichte wollen Rat anbieten – produzieren aber mitunter eher Ratlosigkeit. Das lässt sich von Gabriele Lingelbachs und Harriet Rudolphs Buch auf keinen Fall sagen. Im Gegenteil, es ist das Hilfreichste, was ich bislang an vergleichbarer Literatur gelesen habe. Im Gegensatz zu manch anderer so genannter „Einführung“ ist es nur am Rande ein Buch über Geschichtstheorie und Methodik. Der Untertitel verspricht nicht zu viel: Die Autorinnen fokussieren auf die praktischen Probleme und schreiben dabei offenbar aus eigener Erfahrung. Das Buch deckt so ziemlich alle Fragen ab, die am Anfang, während oder am Ende des Studiums auftauchen können: von der Wahl des Studiengangs und Studienorts über die Zusammenstellung des Stundenplans, die Interpretation von Quellen und die Abschlussarbeit bis zum Vorstellungsgespräch. Trotzdem bleibt der Band in einem lesbaren Umfang.

Quer zur eigentlichen Gliederung, die dem Ablauf des Studiums folgt, lassen sich drei Themenkomplexe des Buches ausmachen. Natürlich befassen sich Lingelbach und Rudolph mit dem, was man am ehesten als Tutoriumsstoff bezeichnen könnte: die Organisation von Bibliotheken, die Arbeit mit Katalogen und Bibliografien und – schon anspruchsvoller – die Kombination sinnvoller Recherchestrategien. Schließlich gehen sie auch auf einige langweilige, aber unvermeidliche Unterscheidungen zwischen den einzelnen Quellengattungen und Literaturtypen ein. Genau in der richtigen Dosis sensibilisieren sie auch für theoretische Fragen: Wie verhält es sich eigentlich mit der Objektivität der Forscher/innen und mit den „Fakten“ in der Geschichtswissenschaft? Lingelbach und Rudolph gehen nicht über das hinaus, was für den Studienalltag relevant ist – und machen trotzdem die Bedeutung von Selbstreflexion in der historischen Forschung deutlich.

Weiterhin widmen sich die Autorinnen Themen, die nicht unbedingt zum gängigen Repertoire von Studieneinführungen gehören, aber doch zentral sind. Dazu zählt etwa die aufschlussreiche Skizze der Berufsfelder für Historiker/innen. Denn bestimmt werden nicht alle Anfänger/innen ahnen, wohin ein Studium der Geschichte überraschenderweise führen kann. Die wissenschaftliche Laufbahn wird völlig gleichberechtigt mit ganz anderen Möglichkeiten benannt; ihre Ungewissheiten wie Vorteile werden nüchtern bilanziert. Und dass der Weg in den Beruf nicht erst nach der Abschlussprüfung beginnt, wird auch deutlich herausgestellt. Entsprechend kann man einiges über Praktika und das Studium im Ausland lesen und schließlich sogar über die Vorbereitung auf ein Vorstellungsgespräch.

Was ich als Student von einer „praxisorientierten Einführung für Historiker“ in erster Linie erwarte, ist eine Anleitung bei den eigentlich „kreativen“ wissenschaftlichen Arbeitstechniken. Habe ich zum Beispiel eine Signatur entschlüsselt und ein Buch in der Bibliothek auch gefunden – wie lese ich dann am effizientesten darin? Liegt endlich die Quelle vor mir, und ich kann sie im Urwald der vielen Quellengattungen verorten – wie ist dann ihr Inhalt zu werten? Und natürlich: Was soll eigentlich eine Hausarbeit sein, außer dass ich sie im lesefreundlichen Anderthalb-Zeilen-Abstand mit ausreichend Korrekturrand und einem formvollendeten Literaturverzeichnis einzureichen habe? Hier ist guter Rat knapp, mitunter sogar bei den eigenen Dozenten/innen.

Gerade an dieser sensiblen Stelle überzeugt das Handbuch von Lingelbach und Rudolph. Wie man eine Hausarbeit verfasst, illustrieren sie an einem konsequent durchgehaltenen Beispiel, und zwar auf mehr als ein, zwei Seiten. Man erfährt, wie ein Thema eingegrenzt wird, wie sich daraus eine Fragestellung ableiten lässt, welche Kriterien an eine Gliederung anzulegen sind und wie man sein Material sinnvoll ordnet. Vielleicht am hilfreichsten sind Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte. Zum Vorteil der Leser/innen wissen die Autorinnen recht genau, was alles schiefgehen kann. Ähnliche Anleitungen gibt es für Referate, für Seminarmoderationen, für die Quelleninterpretation und die Vorbereitung von Klausuren. Nicht jeder Abschnitt hält unbedingt überraschende Einsichten bereit; in jedem Fall aber ist der Text – nochmals – nah an studentischen Bedürfnissen. In einigen wenigen Fällen sind die Autorinnen gezwungen, allgemein zu bleiben, weil es keinen einheitlichen Erwartungshorizont gibt. Wie etwa eine These (auf einem Thesenpapier) aussehen sollte, davon hatten bislang noch alle meine Dozenten unterschiedliche Vorstellungen. Während der eine prägnante Zuspitzungen in ein, zwei Sätzen erwartet, bevorzugt der nächste Ausführungen über zwei, drei Absätze. Wieder andere meinen damit im Grunde eine Liste mit Spiegelstrichen.

Bei diesem im Wesentlichen gelungenen Studienführer lassen sich einige der konkreten Ratschläge vielleicht anfechten. So finde ich es wenig sinnvoll, Schritte wie Bibliografieren, Lesen und Schreiben strikt zu trennen. Kontraproduktiv erscheint mir auch der Vorschlag, für die Themensuche bei der Abschlussarbeit nur eine Woche zu investieren (S. 215). Dass sie die Begrenztheit derartiger Empfehlungen mitreflektieren, spricht für die Autorinnen. Immerhin bieten ihre Vorschläge eine klare Orientierung – und darauf kommt es Studienanfängern/innen wohl in erster Linie an.

Lingelbach und Rudolph haben ihre eigenen Hinweise zur sprachlichen Gestaltung ernstgenommen: keine Schachtelsätze, sondern ein sehr flüssig geschriebener Text, der schnell zum Wesentlichen kommt. Man muss also nicht erst eigens den Studienführer studieren. Und am wichtigsten: Der Tonfall ist nicht dozierend. Der Gebrauchswert erhöht sich durch das gelungene Layout, das, unterstützt durch Übersichten und Grafiken, eine schnelle Orientierung im Text und auch ein gelegentliches Überfliegen sehr gut ermöglicht. Als weniger gelungen empfinde ich die prinzipiell begrüßenswerten Querverweise; erst nach einiger Lektüre ist mir klargeworden, wie ich die gemeinte Textstelle auch tatsächlich finde.

Ein Malus muss doch erwähnt werden: Eine Einführung für Geschichtsstudierende „von der Immatrikulation bis zum Berufseinstieg“ spricht eine Leserschaft mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen an. Inhaltlich enthält das Buch tatsächlich auch Anregendes für Examenskandidaten. Bei der Formulierung haben sich die Autorinnen aber an Gymnasiasten orientiert – schön für die Anfänger/innen, anstrengend für den fortgeschrittenen Studierenden. Durch das Buch zieht sich die Tendenz, beim ganz Grundsätzlichen zu beginnen und stellenweise auch Banales zu raten: Gibt es Studenten, die tatsächlich formulieren, die deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg hätten vom Stellungskampf „den Kanal voll“ gehabt, weil ihnen der Gegner mit Artilleriefeuer „einheizte“ (S. 126)? Und wer muss erst aus diesem Buch erfahren, dass zum Vortrag unter anderem ein „vollständiges, geordnetes Manuskript“, „Referatspapier in ausreichender Kopienanzahl“, ein Schluck Wasser, Papier und Stift mitzubringen sind (S. 130)?

Die Orientierung an ganz unbedarften Lesern/innen fällt besonders beim Abschnitt über die Arbeit mit dem Internet ins Auge. Hier ist das – richtige – Bemühen erkennbar, auf keinen Fall die Möglichkeiten und Anforderungen des Internets zu ignorieren. Dennoch ist Unklarheit über seine konkrete Bedeutung spürbar. Allzu breit wird erläutert, nach welchen Kriterien die Seriosität einer Website einzuschätzen ist. Der Abschnitt bietet weiterhin viel Technisches, manches davon altbekannt, anderes nicht wirklich wichtig. Praktisch sind dagegen die Linksammlungen, die Angebote für ganz unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse enthalten. Statt übervorsichtiger Warnungen vor unseriösen Angeboten hätte ich es besser gefunden, die vielfältigen Möglichkeiten einiger Adressen detaillierter vorzustellen. Über „H-Soz-u-Kult“ und „Sehepunkte“ zum Beispiel erfährt man eher am Rande etwas.

Diese Einwände ändern nichts an den Vorzügen des Buches. Gegen gelegentliche Sinnkrisen im Studium wird wohl kein noch so gelungener Ratgeber helfen können; mit einem solchen lassen sie sich allerdings besser bewältigen. Mein Fazit: Dieses Buch hätte ich mir zu Beginn meines eigenen Studiums gewünscht.

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Veröffentlicht am
16.06.2006
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