S. Troebst: Kulturstudien Ostmitteleuropas

Cover
Titel
Kulturstudien Ostmitteleuropas. Aufsätze und Essays


Autor(en)
Troebst, Stefan
Reihe
Gesellschaften und Staaten im Epochenwandel 11
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
411 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietmar Müller, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig

Der Autor, seit 2000 Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, legt einen Band mit Aufsätzen und Essays vor, in denen er manchmal explizit, öfter aber implizit auf die methodischen Grundlagen des Faches eingeht. In den zwei Dutzend Texten – in der Mehrzahl nach 2000 entstanden und sämtlich bereits an anderen Stellen veröffentlicht – belegt er eindrucksvoll seine thematische Vielfalt. Gruppiert man die Texte nach gängigen Themen der Kulturgeschichte und Kulturstudien, so ergeben sich drei große Gruppen: Mapping Prozesse mit kognitiven Karten als Ergebnis, auf denen religiösen, ethnischen oder sozioökonomischen und –kulturellen Gruppen mittels Fremdzuschreibung ein vermeintlich eindeutiger Platz auf einer vermeintlich ebenso klar konturierten europäischen Landkarte zugeschrieben wird. Auf der anderen Seite geht Troebst in mehreren Texten den dazu komplementären Phänomenen der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik nach, in denen mittels Selbstzuschreibung die Konstruktion fester wie positiv konnotierter Identitäten stattfindet. Zudem behandelt er die Kommunikation und Interaktion zwischen „Innen“ und „Außen“, sei es als regionales Identitätsprojekt unter den Bedingungen der EU-Erweiterung oder als Gewalt im Zeichen der Weltöffentlichkeit. Eine gesonderte Gruppe von Aufsätzen stammt aus dem Umfeld von Troebsts Habilitation zu einem nordosteuropäischen Thema der Wirtschaftsgeschichte, auf die hier nicht weiter eingegangen wird.

Im Leittext zur Thematik der kognitiven Karten („What’s in a Historical Region? A Teutonic Perspective“) fasst Troebst die Historiographie des stark deutsch geprägten Konzeptes der historischen Geschichtsregionen Osteuropas zusammen. Seine eigene methodische Position innerhalb der als „Sundhaussen-Todorova-Debatte“ bekannt gewordenen rezenten Diskussionen um Sinn oder Unsinn geschichtsregionaler Konzeptionen ist als Konstruktivismus zum Zwecke des intra- wie interregionalen Vergleichs zu charakterisieren. So betont er in dem programmatischen Text „Was sind Kulturstudien Ostmitteleuropas?“, dieser Begriff sei weder essentiell noch statisch, sondern konstruiert und fluktuierend. In weiteren Aufsätzen würdigt er mit Klaus Zernack („Russland, der Ostseeraum und ‚Nordosteuropa’“) und Miroslav Hroch („Miroslav Hroch als Nordosteuropa-, Ostmitteuropa- und Europahistoriker“) zwei „Altmeister“ der Komparatistik und der Beziehungsgeschichte. Schon früh plädierte Zernack für den Begriff „Nordosteuropa“, um eine Region erhöhter Interaktion der Ostseeanrainer samt Russlands seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts zu benennen, eine Anregung, die heute, nicht zuletzt dank der Arbeiten Stefan Troebsts als durchgesetzt gelten kann. An Hrochs Arbeitsweise wird hervorgehoben, dass er das Vorgefundene und Vorgestellte bei vermeintlich puren Konstrukten wie der Nation und der Geschichtsregion hervorhebt, eine Betonung, die wiederum auch den Troebstschen Ansatz charakterisiert. In dem miniaturartigen Essay „Bacillus Bulgaricus“ wird beispielhaft diskutiert, ob die Imagologie Bulgariens in Deutschland tatsächlich immer einem negativ konnotierten Balkanismus glich.

Als Leittext zur zweiten Gruppe kann zweifellos „Postkommunistische Erinnerungskulturen im östlichen Europa“ eingeschätzt werden, in dem er deren „Bestandsaufnahme, Kategorisierung und Periodisierung“ leistet. Anhand der Einstellungen zur kommunistischen Periode ihrer Geschichte, wie sie von der politischen Elite und im breiteren zivilgesellschaftlichen Raum geäußert werden, und wie sie sich in Museen und Forschungseinrichtungen niederschlugen, unterteilt Troebst die Länder des östlichen Europa in vier Kategorien: Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie die post-tschechoslowakischen und post-jugoslawischen Staaten Slowakei, Kroatien und Kosova bilden Kategorie I, da dort ein Grundkonsens über den als (v.a. ethnisch) fremden und aufoktroyierten Kommunismus besteht. In den Ländern der Kategorie II (Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien und Ukraine) existiert ein solcher Grundkonsens nicht. Es wird vielmehr um den Stellenwert des Kommunismus in der (diktatorischen) Vergangenheit zwischen den politischen Lagern heftig gerungen. In der Kategorie III sind diejenigen Länder, in denen der Kommunismus insbesondere in seiner Frühphase der 1940/50er Jahre durchaus als oktroyiert eingeschätzt wird, während die nächsten Dezennien als gute Jahre erinnert werden. Dementsprechend spielt in Bulgarien, Rumänien, Albanien, Makedonien, Serbien und Montenegro die Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit kaum eine Rolle. Kategorie IV wird ausgemacht durch alle übrigen GUS-Staaten, in denen eine sehr weitgehende Elitenkontinuität lediglich zu einer nationalen oder regionalen Überformung kommunistischer Herrschaftsstrukturen geführt hat. Hier fallen Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in eins und sind als staatliche Veranstaltung zu charakterisieren.

Exemplifiziert wird die praktische Wirkungsmächtigkeit einer aktiven und kohärenten Geschichtspolitik in dem von der Republik Moldova abgespaltenen Transnistrien („Separatistischer Regionalismus (post-)sowjetischer Eliten. Transnistrien 1989-2002“, „Quasi-State in the Worldwide Web. The Dniester Republic Online“). Troebst schätzt die mit hohem Aufwand betriebene und um die Begiffe „Staatlichkeit“, „Polyethnizität“, „östliche (orthodoxe) slavisch-russländische Ausrichtung“ sowie „Moldauertum“ zentrierte Geschichtspolitik in Tiraspol als wesentlichen Grund für die Herrschaftslegitimation der postsowjetischen Eliten sowie für die erhebliche Loyalität der Bevölkerung ein.

In „’Intermarium’ und ‚Vermählung mit dem Meer’: Kognitive Karten und Geschichtspolitik in Ostmitteleuropa“ analysiert Troebst die beiden rivalisierenden Modelle polnischer Staatsbildung – die jagiellonische und piastische Idee – als Interaktion von Vorgefundenem und Vorgestelltem. Mit dem maßgeblich von Fernand Braudel entwickelten Konzept der Küstengesellschaft versucht Troebst den Grad der „Maritimität“ in der polnischen und ostmitteleuropäischen Geschichte zu ermessen, wobei ihm eine anregende Verbindung der Forschungsfelder Geschichtspolitik und kognitive Karten gelingt. Dies gilt auch für den Essay „Jalta als polnischer Erinnerungsort“, in dem er auf ein zwischen West- und Ostmitteleuropa geteiltes Gedächtnis hinweist: Während der Konferenz auf der Krim-Halbinsel 1945 z.B. in Deutschland weniger Bedeutung zugemessen wird, firmiert sie in Polen, wie auch in anderen Staaten Ostmittel- und Südosteuropas als Festschreibung der russisch-sowjetischen Dominanz in diesem Raum, als Beginn des „Systems von Jalta“.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Texte zu Prozessen der regionalen, ethnischen, terroristisch-separatistischen und nationalen Vergesellschaftungsprozessen, die in der Regel vergleichend, immer aber im europäischen Kontext analysiert werden. In „Nationalismus und Gewalt im Osteuropa der Zwischenkriegszeit. Terroristische Separatismen im Vergleich“ sowie „Von den Fanarioten zur UÇK. Nationalrevolutionäre Bewegungen auf dem Balkan und die Ressource Weltöffentlichkeit“ verwendet Troebst Ansätze der kulturellen Gewaltforschung. Er strukturiert seine vergleichende Betrachtung so unterschiedlicher Bewegungen wie der griechischen Fanarioten, der bulgarischen IMRO, der kroatischen Ustaša, der ukrainischen OUN sowie der albanischen UÇK hauptsächlich um die Gedankenfigur der Weltöffentlichkeit. Aus der Erkenntnis ihrer relativen Machtlosigkeit hätten diese Bewegungen in unterschiedlichem Maße die Ressource Weltöffentlichkeit anzuzapfen versucht, indem mit gezielten terroristischen Anschlägen der übermächtige Feind zu einer Überreaktion provoziert wurde, um Dritte zur Intervention zu nötigen. Neben vielen anderen Faktoren sei dies von den „Turkish Atrocities“ in der britischen Presse der 1870er Jahre bis zu den von CNN übertragenen ethnischen Säuberungen der serbischen Armee im Kosovo Ende der 1990er Jahre ein immer wiederkehrendes und womöglich an Wichtigkeit gewinnendes Phänomen.

Troebsts Interesse an so kleinen und vermeintlich unwichtigen Gruppen, wie den griechischen Bürgerkriegsflüchtlingen in Polen („Zerstrittene Gäste. Bürgerkriegsflüchtlinge aus Griechenland in Polen 1949–1998“), an Mährern in der Tschechischen Republik, an den Russinen, Lemken und Huzulen in Polen und der Ukraine („Regionalismus und Autonomiestreben im Ostmitteleuropa der Nach-„Wende“-Zeit. Mährer und Russinen im Vergleich“ und „Russinen, Lemken, Huzulen und andere. Die Karpaten: Zwischen regionaler Identitätssuche und EU-Ost-Erweiterung“) sowie an den Gagausen in der Moldova kann als Plädoyer für ein Europa gelesen werden, in dem kleinräumige Prozesse erstgenommen werden. So empfiehlt er die auf dem Verhandlungswege erreichte Territorialautonomie der christlichen, aber turkstämmigen Gagausen als mögliches Vorbild zur Lösung von Minderheitenproblemen jenseits des Separatismus, aber auch jenseits von staatlichem Assimilationsdruck („Glückliches Gagausien. Lernen von der Republik Moldova?“).

Insgesamt kann der Sammelband mit Gewinn als geglückter Versuch gelesen werden, die methodische und thematische Lücke zwischen den staatswissenschaftlich ausgerichteten Disziplinen auf der einen und den Philologien auf der anderen Seite mittels eines die kulturelle Vielfalt und Interaktion Europas verstehenden Ansatzes zu schließen.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.09.2007
Redaktionell betreut durch