J. Krause u.a. (Hrsg.): Die Stadt in der Spätantike

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Titel
Die Stadt in der Spätantike – Niedergang oder Wandel?. Akten des internationalen Kolloquiums in München am 30. und 31. Mai 2003


Herausgeber
Krause, Jens Uwe; Witschel, Christian
Reihe
Historia-Einzelschriften 190
Erschienen
Stuttgart 2006: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
492 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helga Botermann, Althistorisches Seminar, Georg-August-Universität Göttingen

Wie die Herausgeber im Vorwort (S. 7f.) ausführen, wird der Zustand der Städte, ihrer Institutionen und ihrer Eliten während der Spätantike noch immer kontrovers diskutiert. "Towns in Transition" und "Towns in Decline" [1] markieren die unterschiedlichen Sichtweisen und erklären gewissermaßen den auf den ersten Blick merkwürdigen Titel, denn Niedergang ist ja auch eine Form von Wandel. Die prononcierteste Ausprägung fand die Vorstellung vom "Niedergang" zuletzt in Liebeschuetz' Buch von 2001[2], das als Diskussionsgrundlage für das Kolloquium diente; diskutiert werden sollte, welcher der beiden Aspekte der geeignetere ist. Weiter ging es um eine stärkere zeitliche Differenzierung der Transformationsprozesse, wofür Liebeschuetz mit seiner Unterscheidung von Late City und Later Late City schon den Rahmen vorgegeben hatte. Die dritte Frage zielte auf unterschiedliche regionale Szenarien. Teil I und II sind dem Westen bzw. Osten des Mittelmeergebietes gewidmet, III behandelt wichtige Strukturen: munizipale Verwaltung, Inschriftenkultur, christlicher Klerus und innerstädtische Gewalt.

Das erste Wort hat Claude Lepelley (La cité africaine tardive, S. 13-31), der vor fast 30 Jahren einen wichtigen Anstoß zur Eröffnung der Debatte gab.[3] Seine frühere Einschätzung von der vitalité de la civilisation urbaine und municipale classique im Africa des 4. Jahrhunderts hat sich durch 50 neue Inschriften und die jüngste archäologische Forschung bestätigt (S. 16); allerdings gebe es auch Zeichen von Fragilität (S. 19). In der Vandalenzeit und in den ersten Jahren nach der Eroberung von 533 sei ein kontinuierlicher, aber nicht dramatischer Niedergang zu verzeichnen. 100 teilweise große und gut gebaute Kirchen zeugen von erheblichen wirtschaftlichen Ressourcen. Aber die cité au sens classique war verschwunden, wenn auch nicht la vie urbaine (S. 22). Erst die auf die Eroberung von 533 folgenden späteren Kriege brachten im letzten Viertel des 6. und im 7. Jahrhundert den déclin définitif, der zum Verschwinden der städtischen Zivilisation in ganzen Regionen führte. Letztlich war es eher ein Zusammenbruch als ein Niedergang. Die Ursachen bleiben dunkel (S. 27). Zusammenfassend: Afrika nehme eine privilegierte Stellung ein; das Fehlen eines Niedergangs im 4. Jahrhundert bestätige die optimistische Sichtweise, das spätere Verschwinden vieler Städte und die Rückkehr kultivierter Zonen zur Steppe sei eher im Sinne von Liebeschuetz zu bewerten (S. 14).

Federico Marazzi (Cadavera urbium, nuove capitali e Roma aeterna: L'identità urbana in Italia fra crisi, rinascita e propaganda, secoli III-V, S. 33-65) betont den vorläufigen Charakter seiner Ausführungen, weil in Italien stratigrafische Grabungen, wie überhaupt das Interesse für die spätantike Archäologie erst in den letzten Jahren eingesetzt haben. In Mittelitalien, Piemont und Sizilien begann ein Rückgang urbaner Zentren schon im 2. Jahrhundert und dauerte kontinuierlich bis ins 6. Jahrhundert fort. Das sei kein Krisenphänomen, sondern eher die Anpassung eines überdimensionierten Netzes an veränderte Bedürfnisse. Die Reformen Diocletians verschafften Provinzhauptstädten wie Capua, Canusia und besonders Aquileia einen Aufschwung. Mailand und noch stärker Ravenna wurden für die kaiserlichen Repräsentationsbedürfnisse mit Palästen, Prachtstraßen und Kirchen ausgestattet. Rom erlebte eine der kreativsten Phasen der architettura residenziale. Der neue Handlungsspielraum, Reichtum und das Prestigebedürfnis der Senatsaristokratie manifestierten sich in luxuriösen Privathäusern und, ab dem Ende des 4. Jahrhunderts, in der Errichtung von Kirchen als neuer Form von Einflussnahme.

Simon T. Loseby (Decline and Change in the Cities of Later Antique Gaule, S. 67-104) akzentuiert zwei kontrastierende Trends: Die quantitative und qualitative Verschlechterung der städtischen (urban) Siedlungen, die in Gallien früher als in anderen Regionen eintrat, könne unter dem Begriff Niedergang subsumiert werden, die Aufrechterhaltung der Funktion der Städte (cities) als integrierende administrative und soziale Einheiten eher unter dem des Wandels (S. 72). Der lange Schatten der klassischen Vergangenheit mache es schwer, die "post-Roman City in Gaule on its own terms" zu schätzen (S. 96). Von den drei für die Spätantike maßgelblichen Faktoren: Befestigungen, Rolle der Städte als administrativen Zentren und Christianisierung untersucht er die beiden erstgenannten (s.u.). Viele Städte erhielten vom späten 3. bis zum 5. Jahrhundert Stadtmauern. Die so genannte enceinte réduite ist keineswegs die Regel, kommt aber vor. In Bordeaux und Périguex wurde nur jeweils ein kleiner Teil der früheren Stadt, und zwar ohne das Forum, ummauert. Die Entwicklung eines eher auf Nutzen gerichteten urbanistischen Konzepts sei hier unverkennbar. Andererseits hatte eine Stadtmauer außer der fortifikatorischen Funktion auch eine politische als Prestigeobjekt. Unter welchen Umständen der Entschluss gefasst wurde, das Forum aufzugeben, welche Folgen das für das Bewusstsein der Einwohner hatte, ist nicht zu klären. Wichtig ist, dass in manchen Städten die Auflösung der urbanen Strukturen schon im 2. Jahrhundert einsetzte und sich dann in der Spätantike verstärkt fortsetzte. Der Höhepunkt des klassischen Urbanismus in Gallien war das Produkt spezifischer politischer und sozialer Rahmenbedingungen, die erst Anfang des 2. Jahrhunderts fest etabliert waren und schon vor dessen Ende nur unter Schwierigkeiten aufrecht erhalten werden konnten. Die Blüte war kurzlebig, verglichen mit der langen spätantiken Entwicklung, die folgte (S. 83).

Dies heißt nicht, dass die civitates ihre Bedeutung verloren, im Gegenteil: Sie erhielten neue Aufgaben und bildeten auch für die fränkischen Reiche die Grundlage der Organisation. Für die Einwohner blieben sie die lokalen politischen und kulturellen Gemeinschaften, die ihre Identität definierten (S. 87). Gemeinsame militärische Unternehmungen, gemeinsamer Widerstand gegen Steuereintreiber und Konflikte mit den Königen erzwangen kollektive Entscheidungen, ein Handeln als politische Gemeinschaften. Die Kurien sind als Notariatsbehörde für Landtransaktionen bis ins 8. Jahrhundert bezeugt. Außerdem ist mit der Präsenz von lokalen Eliten zu rechnen, die den Notabeln des Ostens ähneln. Mit ihnen wird sich der Bischof verbunden haben. Die so genannte Bischofsherrschaft war jedoch nie so absolut, wie Gregor von Tours es erscheinen lässt. In einer derartig militarisierten Gesellschaft war Machterhalt ohne ein eigenes Heer nicht denkbar (S. 92). Leider weiß man so gut wie nichts über die Einwohner und die ökonomische Bedeutung der Städte. Grosso modo hat man mit einer zahlenmäßig geringeren Einwohnerschaft, abnehmendem Wohlstand, einfacheren Strukturen und neuen Lebensweisen zu rechnen (S. 94f.). Aber bis ans Ende des 6. Jahrhunderts blieb in vier Fünfteln von Gallien die aus der Vergangenheit geerbte Struktur der civitas erhalten, sowohl in der weltlichen wie in der geistlichen Sphäre. Die Diskrepanz zwischen der Verschlechterung der materiellen Realität und die andauernde funktionale Bedeutung wird noch durch die gleichzeitig stattfindende Neudefinition der urbanen Identität unter dem Einfluss des Christentums verkompliziert (S. 93). Losebys Abhandlung stellt in ihrer Handhabung des archäologischen und literarischen Quellenmaterials und in der Intensität der intellektuellen Durchdringung zweifellos einen der Höhepunkte des Bandes dar. Zur Perfektion fehlt leider die Komponente "Christentum", die der Verfasser mit spürbarem Bedauern ausklammert (S. 71).

Jean Guyon (La topographie chrétienne, S. 105-128) kann die Lücke nur teilweise füllen. Er bespricht die Entstehung neuer Bischofssitze, die Verlegung von Kathedralen, die zur Umstrukturierung zentraler Stadtquartiere führte, und den Wetteifer der Städte bei der Errichtung großer und prunkvoller Baptisterien. Der Bau der Episkopalgruppen begann im 5. Jahrhundert. Für frühere, extramurale Kathedralen gibt es kein Zeugnis. Ein gutes Beispiel für eine bipolare Struktur ist St-Bertrand-de-Comminges, wo um 400 eine neue befestigte Höhenstadt angelegt wurde. Obwohl die öffentlichen Monumente in der Unterstadt damals schon aufgegeben waren, wurde auch dort eine Basilika errichtet. Mit Bezug auf das Kongressthema betont Guyon, im 5. und 6. Jahrhundert sei die Stadt (Cité) noch eine fassbare Realität. Auch für Gregor von Tours bilde sie den Vorstellungsrahmen. Danach verschwänden die Städte aus dem Beobachtungsfeld. Wenn er schon wählen müsse, würde er "Wandel" bevorzugen, aber näher liegt ihm der Begriff étiage (Ebbe), die Prägung seines Lehrers H.-I. Marrou, und er kommt auf dessen Einschätzung zurück: "une autre Antiquité, une autre civilisation, qu'il faut apprendre à reconnaître dans son originalité, à juger par elle-même et non à travers les canons des âges antérieurs" (S. 126).[4]

Michael Kulikowski (The Late Roman City in Spain, S. 129-149) kann auf Grund neuer archäologischer Forschungen geradezu von einer Revolutionierung des traditionellen Interpretationsmusters berichten, nach dem seit der Krise des 3. Jahrhunderts Wohlstand, Macht und Kultur im spätantiken Spanien ländlich strukturiert waren. Im Gegenteil: Die meisten der etwa 30 Kolonien und 300 Munizipien des 2. Jahrhunderts existierten weiter und bildeten bis zur arabischen Eroberung das Fundament der politischen Kontrolle durch den Kaiser und die Nachfolger. Die Kurien blieben das Zentrum des urbanen Lebens, und noch 465 ist die alte Verbindung von Kurialen und Landeignern und ihre Dominanz in kirchlichen Angelegenheiten belegt (S. 134, 140). Das Aufhören der Inschriften (teilweise schon im 1. Jahrhundert) erklärt Kulikowski damit, dass man sie nicht mehr brauchte, um seine Romanität zu beweisen (S. 133). Bis zum Ende des 5. Jahrhunderts gab es kein neues urbanistisches Konzept, und das Christentum blieb ein extraurbanes Phänomen. Erst als Tempel und Fora ihre Bedeutung schon verloren hatten, manifestierte sich die christliche Autorität im Stadtinneren. Ein gutes Beispiel ist das Provinzialheiligtum von Tarragona. Es blieb in ständiger Benutzung, die letzte Dedikationsinschrift datiert von 472. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde auf der höchsten Terrasse die Kathedrale erbaut. Im 6. Jahrhundert gab es die antike City nicht mehr, aber eine urbane Bevölkerung und urbane Zentren blieben auch für die nachrömische Phase zentral. Wie das Leben sich gestaltete, ist ganz unklar. Für das 6. Jahrhundert ist die Archäologie stumm, nicht einmal Trends lassen sich ausmachen. Nur hätte man das bis vor kurzen von den spanischen Städten in der Spätantike überhaupt gesagt (S. 143).

Peter van Minnen (The Changing World of the Cities of Later Roman Egypt, S. 153-179) kommt nur eher beiläufig auf das Schicksal der Städte zu sprechen. Nach einer Vorstellung des papyrologischen Materials für Laien (S. 154ff.) geht er weite Wege, um die Auswirkungen der Pest von 166 zu erfassen. Die galoppierende Inflation seit 275, die erhöhte Steuerlast und die Auswirkungen des Bevölkerungsrückgangs auf die landwirtschaftliche Produktion führten dazu, dass sich das Einkommen der Landeigner, die die urbanen Eliten stellten, vom 3. bis zum 4. Jahrhundert mehr als halbierte und auch im 5. und 6. Jahrhundert nicht wieder anstieg (S. 173f.). Stephan Westphalen ("Niedergang oder Wandel?" – Die spätantiken Städte in Syrien und Palästina aus archäologischer Sicht, S. 181-197) behandelt zwei unterschiedliche Trends des "byzantinischen" Städtebaus. Gründungen wie Zenobia und Resafa führten die griechisch-römische Tradition fort, andererseits entstanden bis weit in die Steppenzone hinein feste urbane Siedlungen, in denen auf eine Gestaltung des öffentlichen Raums verzichtet wurde. Die Entwicklung der Säulenstraßen zum Suq verwischt die Epochengrenze zum nachantiken Städtebau.

Marc Waelkens (The Late Antique to Early Byzantine City in Southwest Anatolia. Sagalassos and its Territory: A Case Study, S. 199-255) hebt hervor, dass für Sagalassos eine klare Stratigrafie und in der lokalen Red Slib Ware ein Kriterium vorliegt, nach dem die gängigen Transformations-Phänomene wie Vernachlässigung öffentlicher Bauten, Inanspruchnahme des öffentlichen Raums durch Private oder Aufteilung größerer Wohneinheiten präziser als anderswo datiert werden können. Die Zeit vom 3. bis Mitte des 6. Jahrhunderts sollte als Periode einer graduellen urbanen Transformation gesehen werden. Auch nach einem Erdbeben (etwa 500 n.Chr.) wurden in der frühbyzantinischen Phase 8 (450/75-550/75 n.Chr.) öffentliche Gebäude und Privathäuser repariert, die Wasserleitungen teilweise in Stand gesetzt; die Usurpierung öffentlicher Plätzen erfolgte aus wirtschaftlichen Motiven. Der alte civic spirit blieb erhalten, und es gab noch eine funktionierende Stadtverwaltung durch die Eliten und den Bischof (S. 227ff.). Nach dem durch die Pest von 541 verursachten Bevölkerungsrückgang erlebte die Stadt in Phase 9 (550/75-640/75 n.Chr.) einen abrupten Niedergang. Sagalassos wurde zur Ackerbürgerstadt. Wassermangel und das Aufhören der organisierten Abfallbeseitigung deuten auf das Ende der Stadtverwaltung. Mitte des 7. Jahrhunderts war die Stadt verschwunden (S. 231ff.). Die chora genoss noch eine Phase der Prosperität, allerdings war die Produktion von marktgängigen Erzeugnissen von der Weidewirtschaft abgelöst worden (S. 237ff.). Waelkens liefert eine Fallstudie, weil die Zeit nicht reif ist, um das ursprüngliche und im Titel beibehaltene Thema zu behandeln. Wie viele stratigrafisch orientierte Ausgrabungen und Oberflächenuntersuchungen wären wohl nötig, um es zu bearbeiten?

Werner Tietz (Die lykischen Städte in der Spätantike, S. 257-281) geht den umgekehrten Weg und wagt eine Gesamtschau, mahnt allerdings zur Vorsicht, weil das Material aus den zahlreichen Ausgrabungen und Oberflächenuntersuchungen lückenhaft und teilweise nicht sicher datiert ist. Lykien war seit der frühen Kaiserzeit vollständig urbanisiert und erlitt bis zur Pest von 541 und den Einfällen der Perser und Araber keinerlei Beeinträchtigungen. In allen Städten und auch in den zahlreichen Dörfern wurden im späten 4. Jahrhundert und verstärkt im 5. und 6. Jahrhundert große Kirchen errichtet. Für das Funktionieren der munizipalen Ordnung gibt es keine direkten Belege, es kann nur aus den unterschiedlichen Bauaktivitäten (Instandhaltungen, Neubauprogramme) erschlossen werden.[5] Die verschiedenen strukturellen Änderungen, insbesondere die Transformation zum Christentum, lassen erkennen, dass die spätantiken lykischen Städte, "genau genommen, keine 'antiken' Städte mehr waren". Gegen Liebeschuetz betont Tietz, dies reiche nicht aus, um einen grundsätzlichen Niedergang zu konstatieren. Entscheidend sei, dass die Städte in der Lage waren, ihre Rolle als Charakteristikum der lykischen Siedlungskammer zu bewahren und weiterhin als religiöses, politisches und wirtschaftliches Zentrum des Umlandes zu fungieren (S. 279).

Giovanni A. Cecconi (Crisi e trasformazioni del governo municipale in Occidente fra IV e VI seculo, S. 285-318) liefert eine ungemein materialreiche und kompakte Abhandlung (die Hälfte besteht aus Anmerkungen). Mit Liebeschuetz stimmt er in den großen Linien überein: Der komplexe Veränderungsprozess repräsentiere den Niedergang der römischen Stadt – bis hin zum Verschwinden wichtiger Strukturmerkmale (S. 309).[6] Eine Nuancierung nimmt er in zwei Punkten vor: Die veränderte Städtepolitik der Reichsregierung könne nicht die alleinige oder hauptsächliche Ursache für den Niedergang der Städte und der Kurien sein. Die zahlreichen Dankesbekundungen für die Bautätigkeit von Statthaltern seien nicht nur Höflichkeitsadressen, sondern zeigten, dass die Eingriffe in die munizipalen Finanzen wenigstens teilweise durch die positive Wirkung der Nähe zum Statthaltersitz wettgemacht worden seien. Der andere Punkt betrifft die so genannte "post-kuriale" Stadtverwaltung. Auch in diesem Bereich werde die Wirkung der Diocletianischen Reformen überschätzt. Wenn man von Anfang an ein Bild in schwarzen Farben male, sei nicht zu verstehen, wieso die Kurien noch drei Jahrhunderte später wichtige Funktionen innehatten. Die Wiederaufnahme der römischen Gesetze im Breviarium Alarici zeige, dass ein Rest von Macht und Selbstverwaltung in den Kurien erhalten blieb. Die Einbeziehung anderer Personengruppen in die Verantwortung für die Stadtverwaltung habe keineswegs zum vollständigen Ersatz der Kurien durch die neuen Notabeln geführt. Auch das Problem der Kurialenflucht sei zu überdenken. Denn die bekannte Bemerkung des Avitus, der senatus Viennensis habe in der Zeit des Mamertus numerosis illustribus geblüht, erlaube die Hypothese, dass honoratiores, die ihre Karriere mit der Erfüllung aller honores und munera begonnen hatten, am Ende in die Städte zurückkehrten und als illustres ins Album eingeschrieben wurden (S. 307).

Avshalom Laniado (Le christianisme e l'évolution des institutions municipales du Bas Empire, S. 319-334) überprüft die von Honorius und Anastasius getroffenen Regelungen für die Wahl des defensor civitatis und kommt zu dem Schluss, dass die Konstitution des Honorius (CJ 1,55,8 pr. von 409) von den Redakteuren des Codex Iustinianus nach dem Vorbild der jüngeren des Anastasius (CJ 1,4,19 = CJ 1,55,11 von 505) ergänzt und auf den aktuellen Stand gebracht worden ist. 409 bestand also das Wahlgremium aus honoratiores, possessores und curiales; auch die Qualifikation des Kandidaten als orthodox passt nur in die spätere Zeit. Nach Noel Lenski (Servi publici in Late Antiquity, S. 335-357) sind die servi publici im 4. Jahrhundert gut bezeugt und verrichteten dieselben Tätigkeiten wie früher. In der Mitte des 5. Jahrhunderts waren die meisten Aufgaben freien Arbeitern zugewiesen oder verschwunden. Nur die servi publici aquarii überlebten bis ins 6. Jahrhundert. Sklaven waren teuer und ihre Arbeit nicht sehr effektiv. In der Spätantike konnten nominell freie collegati leichter kontrolliert werden als Sklaven.

Christian Witschel untersucht die Inschriften aus Venetia et Histria (Der epigraphic habit in der Spätantike. Das Beispiel der Provinz Venetia et Histria, S. 359-411): In allen 26 Städten der Provinz gibt es spätantike Inschriften, im ganzen 1180. Über die Hälfte stammt aus Aquileia, 130 aus einer einzigen Grabung in Iulia Condordia. Die Aufschlüsselung nach Gattungen ergibt das übliche Bild: drastischer Rückgang der so genannten civic inscriptions. An der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert setzt die christliche Epigrafik mit Stifterinschriften in den Mosaikböden der Kathedralen und Grabinschriften ein. In sechs Anhängen wird das Material präsentiert und aufgeschlüsselt (S. 382-401). Der Unterschied von Late und Later Late City wird mithin klar bestätigt. Während Liebeschuetz den veränderten epigraphic habit als Evidenz für den Niedergang der Stadt als politischer Gemeinschaft betrachtet (2001, 11-19), möchte Witschel, in Erweiterung seiner älteren Untersuchung[7], in ihm das Abbild bestimmter mentaler Dispositionen und veränderter Repräsentationsmöglichkeiten der neuen lokalen Eliten sehen. Das archäologische Material spreche gegen einen urbanistischen Niedergang, eine wirtschaftliche Krise und das Verschwinden der politischen Gemeinschaft. Der christliche Euergetismus in den Stifterinschriften stelle immer noch eine Verbindung zu den alten Verhaltensmustern dar (S. 175). Ein wesentlicher Wertewandel zeigte sich erst in der christlichen Funerärepigrafik mit ihrer Herausstellung neuer Tugenden. Zeitgleich markierte in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts die Auflassung der Fora und ihre Ersetzung als öffentliche Zentren durch Kathedralen und Märtyrerkirchen eine deutliche städtebauliche Zäsur (S. 377-779). Selbst diese drastischen Veränderungen bedeuteten nur auf den ersten Blick einen völligen Bruch mit den Traditionen und somit den endgültigen Niedergang der römischen Stadt. Auch in den christlichen Inschriften wurde noch ein breites Publikum gesucht, auch wenn der Kontext nun Kirchen und christliche Friedhöfe waren (S. 380). Die eigentliche Zäsur zum Mittelalter war erst mit dem völligen Verschwinden der christlichen Inschriftenkultur im 7. Jahrhundert erreicht. "Ich würde also in der Gesamtsicht auf den spätantiken epigraphic habit in Norditalien mit seinen beiden deutlich unterscheidbaren Phasen eher den Wandel als den Niedergang betonen". (S. 381)

Jens-Uwe Krause (Überlegungen zur Sozialgeschichte des Klerus im 5./6. Jh. n.Chr., S. 413-439) wertet die Gesetzgebung, Konzilsbeschlüsse und die Korrespondenz Gregors des Großen aus, um die in der Forschung weithin angenommene Funktion des Klerus als "Berufspriestertum" und "neue geistliche Elite" in Frage zu stellen. In zunehmendem Maße waren die meisten Kleriker von niederer Herkunft, ungebildet und mit der städtischen Kultur nicht vertraut. Sie lebten als Bauern auf dem Lande und konnten ihren liturgischen Aufgaben nur unvollkommen und in ihrer Freizeit nachgehen. Die soziale Kluft und das Machtgefälle zwischen Bischof und Klerus, aber auch innerhalb des Klerus, waren so groß, dass es nicht ratsam ist, Bischof und Klerus in ihrer Gesamtheit als gesellschaftliche Elite zu definieren (430).[8] Michael Whitby (Factions, Bishops, Violence and Urban Decline, S. 441-461) unterstützt generell – gegen die minimalistische Einschätzung von A. Cameron – die Position von Liebeschuetz, weist aber dessen Vorstellung von einer weitereichenden Solidarität zwischen den Zirkusparteien und den Massen der städtischen Bevölkerung als nicht belegt und nicht begründet zurück. Als zweiten Punkt stellt er den von Liebeschuetz verfochtenen Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der Zirkusparteien und dem Niedergang der Kurien mit chronologisch und geografisch begründeten Argumenten in Frage.

Liebeschuetz akzentuiert in seinem Schlusswort (Transformation and Decline. Are the Two Really Incompatible?, S. 463-483), was ihm an den einzelnen Abhandlungen wichtig erschien. Laniados Resultat sei plausibel, denn die Ausdehnung der bischöflichen Autorität in die weltliche Sphäre erst zum späteren Zeitpunkt korrespondiere mit der aktuellen archäologischen Forschung, nach der überall die Christianisierung der Stadtbilder ebenfalls erst Ende des 4. Jahrhunderts oder noch später einsetzte (S. 472). Liebeschuetz problematisiert Witschels Ansatz, in den Änderungen im epographic habit nur eine oberflächliche neue Mode für die Selbstdarstellung zu sehen. Auch für die klassische Inschriftenkultur greife das Konzept zu kurz. Diese diente nicht nur der Selbstdarstellung, sondern war ein Akt der Kommunikation mit den Mitbürgern; man dürfe nicht ignorieren, was kommuniziert wurde und wo. Ein Meilenstein sei eben etwas anderes als eine Cursus-Inschrift (S. 464). In seinem Fazit konstatiert Liebeschuetz noch einmal den dramatischen Niedergang wichtiger Aspekte der städtischen Kultur der klassischen Antike: der klassischen Institutionen der Selbstverwaltung und zugleich des klassischen Konzepts dessen, wie eine Stadt aussehen sollte. Selbstverständlich gab es nicht nur Niedergang, sondern auch Innovation und Wachstum. Zur political correctness: Heute müsse man nicht mehr wie zur Zeit Gibbons mit dem Begriff "Niedergang" die Konnotation von Dekadenz verbinden, dass aber das Ende der klassischen Welt viel Verlust und Niedergang implizierte, sei unbestreitbar. Der Historiker sollte dies bei seinem wirklichen Namen nennen dürfen (S. 476).[9]

In den Augen der Rezensentin ist dem nichts hinzuzufügen. Ihr Respekt vor dem Buch von Liebeschuetz ist noch gewachsen: Seine Beherrschung der Quellen und sein Mut zur Synthese finden nicht leicht ihres gleichen in unserer sich immer mehr fragmentierenden Wissenschaft. Der Kolloquiumsband zeigt, wie viele gute Detailstudien nötig sind, um das Bild zu komplettieren und zu modifizieren. Dabei sei hervorgehoben, dass alle Beiträge sich an den vorgegebenen Fragestellungen orientieren, was nicht selbstverständlich ist. Das Buch ist auf gutem Papier gedruckt, mit Plänen und einer kapitelweise angeordneten, vollständigen Bibliografie versehen und schließt mit Sach- und Ortsregister (S. 485-492).

Anmerkungen:
[1] Christie, N.; Loseby, T. (Hgg.), Towns in Transition. Urban Evolution in Late Antiquity and in the Early Middle Ages, Aldershot 1996; Slater, T. R. (Hg.), Towns in Decline, AD 100-1600, Aldershot 2000; weitergehende Präzisierungen zum Stand der Forschung: Lepelley, S. 13 und Waelkens, S. 199-208.
[2] Liebeschuetz, J. H. W. G., The Decline and Fall of the Roman City, Oxford 2001.
[3] Lepelley, C., Les cités de l'Afrique romaine au Bas Empire, Bd. I-II, Paris 1979/81.
[4] Marrou, H.-I., Décadence romaine ou Antiquité tardive? (IIIe-VIe siècle), Paris 1977. Liebeschutz (S. 477) bezeichnet "the proclamation of the autonomy of the civilisation of Late Antiquity" durch Marrou als "a real turning point".
[5] Die Existenz einer Oligarchie von Landbesitzern werde durch den archäologischen Befund klar zurückgewiesen, denn nirgends habe sich in der chora eine 'Residenz' eines solchen Landbesitzers gefunden (S. 266f.). Das Argument zeugt vielleicht von einer eher flüchtigen Bekanntschaft mit Liebeschuetz, der mit der Zusammenfassung (S. 405 u.ö.), nicht mit dem entsprechenden Kapitel (S. 104ff.) angeführt wird. Die politeuómenoi, die nach der Vita des hl. Nikolaus von Sion in Pinara aktiv waren, könnten mit Liebeschuetz (S. 106) Ratsherren statt, "nicht näher definierte ‚Amtsträger’" gewesen sein.
[6] Weder gebe es in Liebeschuetz' Konzept die Nostalgie nach idealen Mustern noch irgendeine Konzession an heutige Szenarien von culture-clash. Cecconi bekundet, er sei perplex angesichts einer dogmatischen Voreingenommenheit, die die aktuelle Mode des kulturellen Relativismus und des Multikulturalismus zur Basis ihrer Interpretation der Vergangenheit mache (S. 309).
[7] Borg, B.; Witschel, Chr., Veränderungen im Repräsentationsverhalten der römischen Eliten während des 3. Jh. n.Chr., in: Alföldy, G.; Panciera, S. (Hgg.), Inschriftliche Denkmäler als Medien der Selbstdarstellung in der römischen Welt, Stuttgart 2001, S. 47-120.
[8] Man wüsste gern, wieso Krause (S. 413 u. 437) Laniodos Korrektur an der Konstitution von 409 ignoriert.
[9] In gewisser Weise gehen diese Worte ins Leere, denn die Gegner waren auf dem Kongress nicht präsent. Zum allgemeinen Klima der Debatte vgl.: Cameron, Av., Ideologies und Agendas in Late Antique Studies, in: Lavan, L. (Hg.), Theory and Practice in Late Antique Archaeology, Leiden 2003, S. 3-21.

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18.09.2006
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