C. Torp: Die Herausforderung der Globalisierung

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Titel
Die Herausforderung der Globalisierung. Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860–1914


Autor(en)
Torp, Cornelius
Reihe
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 168
Erschienen
Göttingen 2005: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
430 S.
Preis
€ 48, 90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Matthias Middell, Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig

Cornelius Torps Interesse gilt der wirtschaftlichen Dimension von Globalisierung – ein in Deutschland nicht allzu häufiger Fokus, ganz gegen die Annahme in der Globalisierungsdiskussion würde vorzugsweise Ökonomisches verhandelt. Für entsprechende Anregungen hat sich der Autor auf seinem Weg von Bielefeld zur Promotion in Halle denn auch eines transnationalen Vertiefungsstudiums an der LSE versichert, wo die Wirtschaftsgeschichte der Globalisierung ihre Heimstatt hat.

Die zeitliche Konzentration der Arbeit auf das Kaiserreich folgt dem inzwischen etablierten Muster, wonach die Globalisierung mit Telegraph und Dampfmaschine ihre entscheidenden technologischen Grundlagen für die Beschleunigung von Kommunikation und Verkehr erhalten habe und dann bis zum Ersten Weltkrieg eine erstaunliche Verflechtung des Handels, der Auslandsinvestitionen und der Weltmärkte erreicht habe, die jedoch nach 1918 rasch wieder abnahm, weil nun „Protektionismus und Kriege“ ein Gutteil der bereits vorhandenen weltwirtschaftlichen Integration wieder zunichte machten“ (S. 14). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sei ein erneuter Globalisierungsschub zu beobachten.

Mit dieser Ausgangsfeststellung ist klar, dass der Vf. nicht beabsichtigt, diese Standardversion in Frage zu stellen, sondern sein Buch eher als Beitrag zu Ausleuchtung des sogenannten ersten Globalisierungsschubes konzipiert. Er konzentriert sich dabei auf die deutsche Außenhandelspolitik (Zollfestlegungen und Handelsabkommen) und fragt nach dem Einfluss der weltwirtschaftlichen Verflechtungen auf die Handlungsspielräume von Politik. Für diese Schwerpunktsetzung muss der Autor zunächst auch auf an sich erstaunliche Defizite für die bislang als besterforscht geltende Periode deutscher Geschichte eingehen und bezeichnet sowohl die internationale Einbettung als auch die wirtschaftlichen Folgen politischen Handelns insbesondere für die Zeit nach 1894 als terra incognita. Zur wundersamen Ausgangslage dieses Buches gehört, „dass trotz des eklatanten Mangels an empirischen Studien (…) ein mehr oder weniger klar konturiertes Bild von der deutschen Zoll- und Handelspolitik vor dem Ersten Weltkrieg fest etabliert“ sei (S. 20), mit anderen Worten: die Grabenkämpfe der 1970er Jahre um den „Primat der Innenpolitik“ haben eher genaueres Hinsehen gehindert, denn ermutigt.

Torp wendet nun insofern das Blatt, als er nicht den Nationalstaat, sondern die Globalisierung zum Ausgangspunkt wählt, wenn er die internationale Integration von Waren- und Finanzmärkten sowie die Effekte von Migration rekonstruiert und sich erst dann Deutschland zuwendet, wobei er hier zunächst in Teil II der Arbeit die Veränderungen der Ökonomie des Reiches anhand umfänglicher Statistiken skizziert, um die Einbindung in den Welthandel bemessen zu können. Die Wandlungen in den ‚terms of trade’ geben den Blick frei auf die in einzelnen Wirtschaftszweigen unterschiedliche Betroffenheit von forcierter globaler Integration bzw. ihrer Hinderung durch eine protektionistische Politik.

Erst jetzt kommt also die Politik ins Spiel, gewissermaßen als Getriebene eines weltweiten Zusammenhanges, der den Horizont des Nationalstaates bei weitem übersteigt und Verwerfungen zwischen Elitengruppen, Regionen und Branchen mit sich führte. Deutschland ist in dieser Geschichte nicht allein auf der Welt, wie besonders die beiden abschließenden Fallstudien zum Handel mit Russland und den USA verdeutlichen. Die dynamische Exportnation war gerade hier mit harschem Protektionismus konfrontiert, der die eigenen Expansionsambitionen störte, aber nicht ohne weiteres zu überwinden war.

Deutschland wies eine Importquote von 19,2 % und eine Exportquoten von 15,8 % auf, war also in hohem Maße abhängig vom Funktionieren des Welthandels für seine eigene Versorgung wie für den Absatz seiner Fertigprodukte. Zweige wie die Chemische oder die Elektroindustrie und der Maschinenbau profitierten überproportional, während die Landwirtschaft sich unter Druck fühlte, da mit der Heraufkunft des Weltmarktes insbesondere die Getreidepreise seit den 1870er Jahren fielen. Einen Sonderweg hatte die Schwerindustrie mit der Bildung von Kartellen gefunden; und ein Blick auf Teile der Elektroindustrie zeigt, dass dies auch für zahlreiche andere Branchen galt, aber hier nur als ein vergleichsweises Randphänomen behandelt wird, weil es die Grunderzählung des Autors eher abgelenkt hätte. Allerdings hätte gerade der Stellenwert von Kartellen und Monopolen einerseits und die noch schwache Ausprägung tatsächlich globaler Wertschöpfungsketten in der Globalisierung um 1900 eine ausführlichere Diskussion verdient, um den immer wieder angeführten Vergleich mit jüngeren Entwicklungen genauer führen zu können.

Torps Argumente, warum sich die Protektionisten durchsetzen konnten, gehören eher in die Kategorie des vermuteten Konnexes zwischen ökonomischen Interessen und politischer Handlung als in die Werkzeugkiste der neuen politischen Kulturgeschichte. Man mag sich mit der Begründung bescheiden, dass Außenhandel zum Bereich der Elitenpolitik gehört und es deshalb auf die Frage, wie Mehrheiten für eine solche kontroverse Lösung gefunden wurden, nicht näher ankommt. Allerdings steht dem die Einschätzung des Vf. entgegen, dass die Globalisierung über die Frage nach Schutzzoll für die agrarischen Produzenten oder Freihandel zugunsten der in den Städten konzentrierten Industrie und der Verbraucher faktisch die Agenda der Wahlkämpfe des späten Kaiserreichs gesetzt habe. Konservative Großagrarier und Bund der Landwirte vs. Sozialdemokratie an den Marionettenfäden einer allgegenwärtigen „Globalisierung“ – beinahe fühlt man sich an die Diskursorganisation zu Zeiten der Agenda 2010 gemahnt, in der „die Globalisierung“ ebenfalls zum Akteur mutierte, um den Entscheidungsspielraum der tatsächlichen Akteure zum Verschwinden zu bringen.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist Torps Herleitung von politischen Optionen aus ökonomischen Interessenlagen plausibel und seine detaillierte Darstellung der Verflochtenheit deutscher Ökonomie in die Weltverhältnisse ein großer Gewinn für die Globalgeschichte. Dies steht ganz außer Frage, und das Verdienst sei ausdrücklich hervorgehoben.

Der Determinismus, in dem die Spielräume der Politik verschwinden (vgl. etwa S. 360 und öfter) lässt sich jedoch nur dann zur Grundlage einer Beschreibung der Wechselwirkung von Globalisierung und Nationalstaat machen, wenn sowohl das kulturelle Fundament der Bewusstwerdung sozioökonomischer Interessen als auch die Handlungsmacht der Anpassung an neue globale Herausforderungen unsichtbar bleiben. Eine Geschichte, in der nur getan wird, was eben aufgrund äußerer Zwänge getan werden muss, kann immer nur eine Partialgeschichte sein.

Torp selbst führt diesen Gedanken ein, wo er die unterschiedlichen Reaktionen der Ministerialbürokratie auf ihre beruflichen Erfahrungen (statt auf ihre soziale Abkunft) zurückführt: Auslandserfahrung im konsularischen Dienst vs. Konfrontation mit dem Lobbyismus der Grundbesitzer. Ließen sich auch andere Faktoren wie etwa die Beeinflussung durch kulturelle Milieus und Bildungsgänge, durch die geographische Herkunft aus weltzugewandten oder parochialen Gegenden oder ähnliches denken? In solchen Filtern hat sich das schiere ökonomische Interesse nicht nur der vortragenden Räte in den Ministerien, sondern auch der Wähler und der Mitglieder von Lobbyverbänden gebrochen. Cornelius Torp hat eine gut dokumentierte Studie vorgelegt, die zum weiteren Forschen anregt.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.03.2008
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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