K. Hödl: Wiener Juden - jüdische Wiener

Titel
Wiener Juden - jüdische Wiener. Identität, Gedächtnis und Performanz im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Hödl, Klaus
Reihe
Schriften des Centrums für jüdische Studien 9
Erschienen
Innsbruck 2006: StudienVerlag
Anzahl Seiten
198 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Kübler, Universität Wien / Lauder Business School, Wien

Mit seinem Buch „Wiener Juden – jüdische Wiener. Identität, Gedächtnis und Performanz im 19. Jahrhundert“ legt der Grazer Historiker und Leiter des „Centrums für Jüdische Studien“ Klaus Hödl den gelungenen Versuch vor, jüdische Geschichte jenseits der gewohnten Dichotomie von jüdischer Minderheit und nichtjüdischer Mehrheit erfassen.

Der Autor formuliert seinen Anspruch folgendermaßen: „Mit einer Hinterfragung der Untergliederung in normgebende Majorität und Minderheit werden Juden als Teil des gesellschaftlichen Zusammenhanges aufgefasst. In dieser Position adaptierten sie sich nicht an bestehende Standards, sondern gestalteten zusammen mit Nichtjuden die Gesellschaft, formten ihre kulturelle Konfiguration und prägten ihre Werte.“ (S. 9).
Als Quellen zieht Hödl unter anderem Aufsätze und Zeitschriftenbeiträge aus der Epoche der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert heran und konsultiert zur theoretischen Absicherung seiner Ausführungen zahlreiche neuere kulturwissenschaftliche Publikationen.

Hödl, der sowohl dem Akkulturationsbegriff als auch einem linearen und unidirektionalen Kulturtransfermodell widerspricht, sieht vielmehr ein komplexes Interaktionsgeflecht zwischen jüdischen und nichtjüdischen WienerInnen, was er an zahlreichen Beispielen demonstriert. Um dies zu zeigen, „werden die Reaktionen von Juden auf zeitgenössische Krisenerfahrungen kontextualisiert. Es wird deutlich gemacht, dass Juden und Nichtjuden weitgehend vergleichbare Antworten darauf gaben. Sie waren in eine kulturelle Matrix eingebunden, die ihnen Symbole und Codes bereitstellte, mit denen sie die gesellschaftlichen Herausforderungen ähnlich deuteten und zu bewältigen versuchten.“ (S. 9)
Der Autor tappt dabei allerdings nicht in die Falle, den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in breiten Gesellschaftsbereichen grassierenden Antisemitismus, dem zu Trotz vielfältige soziale Beziehungen zwischen JüdInnen und auch antisemitischen NichtjüdInnen nachweisbar sind, klein zu reden.

JüdInnen erlagen großteils nicht einem gesellschaftlichen Anpassungsdruck, sondern suchten sich durch die Entkräftung von Vorurteilen und durch die Hervorbringung von Neuem in einer mehrheitlich nichtjüdischen Umwelt zu positionieren. „Juden wollten als Mitgestalter der Geschichte anerkannt werden und sich so in der Identität der sozialen Gemeinschaft, in der sie lebten, verankern.“ (S. 78)

Um dem Antisemitismus ein positives Judentumsbild entgegen zu stellen, wurde - wie die Studie in einem Kapitel darstellt - 1895 das weltweit erste jüdische Museum in Wien eröffnet, dessen Ausstellungen über jüdisches Familienleben und die Einhaltung des Schabbats (beispielsweise die Ausstellungsinstallation „Gute Stube“) zumindest zweierlei Ziele verfolgten. Erstens sollte als Reaktion auf den religiösen Bedeutungsverlust von Schabbat durch nostalgische Bezugnahme auf Traditionen und Erinnerungen eine Identifikationsmöglichkeit für nichtreligiöse JüdInnen geschaffen werden. Zweitens konnte vermittels der Idealisierung von Familienleben und traditionellen Werten auch ein nichtjüdisches bürgerliches Publikum adressiert werden.

Ähnlich verhielt es sich mit der vermehrt naturwissenschaftlichen beziehungsweise gesundheitsbezogenen Legitimierung jüdischer Riten (z.B. Beschneidung, Schächten, Speisegesetze), die in einem Zeitalter zunehmender Medikalisierung auf größere gesellschaftliche Akzeptanz stoßen sollten. „Wesentlich an den mit Lebens- und Gesundheitssicherung begründeten Modifikationen, die am Beschneidungsritus vorgenommen wurden, war, dass weiterhin an der Brit Milah festgehalten werden konnte. Sie wurde nicht aufgegeben, wie nichtjüdische Ärzte verlangten, sondern lediglich einigen Änderungen unterworfen. In ihrer Funktion als ,Reformmotor’ half die medizinische Perspektive somit, ärztliche Bedenken gegen die Durchführung religiöser Riten und Gebräuche zu zerstreuen. Judentum und ,moderne’ Verhältnisse mussten dadurch nicht als Gegensätze gesehen werden.“ (S. 114.)

Außerdem arbeitet Hödl heraus, dass im Zuge dieser innerjüdischen sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Judentum historisch-kulturelle Differenzen zwischen west- und ostjüdischen Lebenswelten in den Hintergrund gedrängt wurden. „Dabei wurde eine jüdische Gemeinschaft (weitgehend) ohne kulturelle Merkmale skizziert, somit auch ohne die Ost- und Westjuden voneinander unterscheidenden Kriterien“, was die „Einführung des Volksbegriffes [...] auf einer sozialwissenschaftlichen Grundlage“ erleichterte. Wenn der Autor jedoch schreibt, dass „in der Folge auch die Tür zu einer Biologisierung geöffnet“ (S. 147) wurde (z.B. endogame Heiratspraxis oder genealogische Forschungen), so hätten zumindest die feindliche nichtjüdische Umwelt sowie das jüdische Missionierungsverbot als weitere Faktoren neben der Dominanz des biologistischen Paradigmas in der Volkskunde als Erklärungsfaktoren angeführt werden können, weshalb Mischehen im Judentum seit jeher breite Ablehnung erzeugten und nach wie vor erzeugen.

Ein anderer interessanter Aspekt im vorliegenden Buch betrifft die in den Kulturwissenschaften oft vorgenommene binäre Kategorisierung von Textualität und Performanz. Hödl zeigt auf, dass die Gegenüberstellung von jüdischer textueller und elitärer Kultur versus populärem antisemitischen „Vorstadttheater“ (beispielhaft sei der Wiener Bürgermeister des Fin-de-siècle Karl Lueger genannt) nicht haltbar ist. So gab es einerseits sowohl jiddisches Theater als auch mit dem Floridsdorfer Rabbiner Joseph Samuel Bloch einen in der allgemeinen Öffentlichkeit bekannten jüdischen Akteur, der bewusst performativ handelte, während andererseits die Universität Wien als eigentlicher Ort der Textualität im Zentrum zusehends zu einem Hort des Antisemitismus mutierte. Als Nachweis für Engführungen in der herkömmlichen Geschichtsschreibung nennt Hödl die „noch immer weitgehende Vernachlässigung des jiddischen Theaters in der Geschichtswissenschaft, während die vielen Arbeiten über die Beziehung von Juden zum Burgtheater kaum mehr zu rezipieren sind“ (S. 49).

Wer sich eine lexikonartige Gesamtdarstellung der jüdischen Geschichte Wiens erwartet, wird im Band „Wiener Juden – jüdische Wiener. Identität, Gedächtnis und Performanz im 19. Jahrhundert“ kaum fündig werden. Auch wird die geschlechtsspezifische Situation der Wiener Jüdinnen beziehungsweise jüdischen Wienerinnen durchgehend nicht berücksichtigt. Klaus Hödls Überlegungen sind dennoch dazu geeignet, festgefahrene Ansichten zur Historiografie der Wiener JüdInnen beziehungsweise jüdischen WienerInnen zu hinterfragen und neu zu ergründen sowie den eigenen Kenntnisstand zu diesem Gegenstand kritisch zu reflektieren.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.04.2007
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