Titel
Der Pietismus. Ein Handbuch


Autor(en)
Wallmann, Johannes
Erschienen
Stuttgart 2005: UTB
Anzahl Seiten
243 S.
Preis
€ 12,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hedwig Richter, Universität zu Köln

Die Philosophie müsse „das Phänomen des Fortbestehens der Religion als eine kognitive Herausforderung ernst nehmen“, so jüngst der Freigeist Jürgen Habermas.1 Na denn! Tatsächlich ist die Kunde von der Bedeutung der Religion inzwischen auch in die deutsche Welt der Geisteswissenschaften gedrungen. So kommt es gar zu einem UTB-Taschenbuch über den Pietismus, dessen Text schon früher in einer ersten Fassung in einem kirchengeschichtlichen Handbuch erschienen war.2 Als „Überblick“ ist das Taschenbuch ausdrücklich für eine breite Leserschaft gedacht – auch ökonomisch und zeitökonomisch dank eines guten Preises und einer maßvollen Seitenanzahl. Im Umschlagtext wird das Buch besonders den Profanhistorikern ans Herz gelegt.

Pietismus: über den jeder schon etwas gehört hat, aber niemand außer den Fachmännern und -frauen so richtig Bescheid weiß. Der Autor Johannes Wallmann, Theologe und Kirchenhistoriker, ist einer dieser Fachmänner der Pietismusforschung. Und da liegt auch schon die Krux des Büchleins. Es gibt von diesen ausgewiesenen, alten Pietismus-Kennern nur wenige, und sie führen Kontroversen etwa über kabbalistische Wurzeln in der Theologie Friedrich Christoph Oetingers oder über die chiliastische Verortung pietistischer Missionskonzepte. In diesem Sinne und ganz entgegen dem Auftrag und der Intention eines Handbuchs unternimmt Wallmann einiges, das Gärtlein der Pietisterei schön abgegrenzt zu halten vom Treiben der restlichen Wissenschaftswelt.

Wallmann beruft sich bei seiner Definition des Pietismus vielfach auf Albrecht Ritschel (S. 23-27), der das in den Augen etlicher Pietismusforscher bis heute einzig gültige Kompendium dieser Frömmigkeitsbewegung geschrieben hat. Ritschel lebte im 19. Jahrhundert. Diese Definition beschränkt Pietismus auf eine religiöse Erweckungsbewegung des späten 17. und des 18. Jahrhunderts. Damit fällt Wallmann hinter den weiteren Pietismusbegriff des neuen Standardwerks „Pietismus und Geschichte“ zurück, in dem auch das 20. Jahrhundert und Bereiche wie etwa die fromme „Semantik“ einbezogen werden.3

Bei Johannes Wallmann aber besteht die Welt aus Männern und ihren Ideen. So konstruiert der Autor Pietismus als eine chronologische Abfolge männlicher Biografien und Erscheinungsdaten ihrer Werke. Frauengestalten ragen in diesen pietistischen Mikrokosmos nur selten und wie Irrläufer der Geschichte. Methodisch peinlich, auch wenn Männer und ihre Ideen – wer mag daran zweifeln – wichtig für Theologie und Geschichte sind. In der Skizzierung pietistischer Lebensläufe sowie der Darlegung pietistischer Lehren und deren Genese liegt denn auch das Verdienst des Handbuchs. Mit reichem Detailwissen und souveränem Gestus führt der Autor den Leser durch das Leben der wichtigsten Pietisten und ihrer Vordenker: Johann Arndt, Philipp Jakob Spener, August Hermann Francke und so weiter; anhand seiner prominenten Vertreter wird auch der reformierte Pietismus mitbedacht. Sinnfällig sind die Kapitel nach den großen Pietisten geordnet. Der Kirchenhistoriker erzählt von persönlichen Begegnungen dieser Männer, ihrer gegenseitigen Beeinflussung – und ihren jeweiligen Bezügen zum spezifisch Pietistisch-Theologischen: dem Bibelzentrismus, dem Chiliasmus oder dem Konventikeltum. Hin und wieder nennt Wallmann auch historische Daten, die die Verfasstheit des Pietismus auf Staatsebene markieren.

In seinem beschränkten Themenbereich stellt Wallmann originelle Thesen auf, etwa wenn er den an der Verbalinspiration zeitlebens festhaltenden Johann Albrecht Bengel als den „Vater der modernen Textkritik“ bezeichnet (S. 220). Einem Handbuchleser, der sich über den Pietismus einen ersten Überblick verschaffen will, wird gleichwohl die Ironie solcher Aperçus entgehen. Überhaupt sind allzu viele seiner Ausführungen gemessen an dem Anspruch eines Überblicks recht spezialistisch und interessant nur für Eingeweihte. Für den Pietismus zentrale Begriffe wie „Heiligungsstreben“ oder „Apokatastasis panton“ werden diskutiert, theologisch eingeordnet – und nicht erklärt.

Verdienstvoll ist neben einem Personenregister die ausführliche Bibliografie, eingeteilt in einen allgemeinen, einen regionalen und (zusätzlich den einzelnen Kapiteln zugeordnet) biografischen Abschnitt. In extenso werden dabei die älteren und ältesten Darstellungen bedacht – da diese, wie Wallmann im Vorwort vermerkt, bibliografisch schwer zu ermitteln seien. Das mag richtig sein. Nur: Wallmann beschränkt sich bei den Literaturangaben aus dem 20. oder gar 21. Jahrhundert ausschließlich auf die Werke, die seiner Lesart des Pietismus und seiner Methodik entsprechen. Alles andere ist für ihn „sprunghaft angestiegene, teilweise sehr spezialistische Literatur“ (S. 7).

Welch einen Bärendienst erweist Wallmann mit seiner Beschränktheit dem schillernden, packenden, vielfältigen Thema Pietismus! Diese von dem Kirchenhistoriker „spezialistisch“ genannte Literatur hat inzwischen aufgezeigt, welche Potentiale im Forschungsfeld Pietismus stecken, wie Pietismus interdisziplinär und interkulturell die Wissenschaft belebt.4

So fehlt bei Wallmann der ganze fromme und verquere Makrokosmos des Pietismus. Selbst sein in der Einleitung gegebenes Versprechen hält er nicht, er werde trotz seiner Konzentration auf Theologisches und Frömmigkeitsgeschichte auch literaturgeschichtliche oder sozialgeschichtliche Aspekte berücksichtigen (S. 27). Goethe und Hölderlin tauchen schmückend in Nebensätzen auf, was herzlich wenig mit Literaturgeschichte zu tun hat. Und Sozialgeschichtliches? – Fehlanzeige.

Ganz zu schweigen von Wallmanns Beschränkung des Pietismus auf den Zeitraum bis ins 18. Jahrhundert.5 Wie interessant wird der Pietismus unter dem Aspekt der „longue durée“. Die Auswirkungen des Pietismus auf Bürgertum, auf Politik, auf Wirtschaft, auf Sozialverhalten, auf die Welt von heute gar bleiben vollkommen unerwähnt. Damit zementiert der Professor für Kirchengeschichte nebenbei die bedauerliche, weit verbreitete Religions-Abstinenz der deutschen Zeitgeschichtsschreibung. Freilich, es handelt sich nur um ein Handbuch: Gleichwohl wäre es die Aufgabe gerade eines solchen, auf die vielfältigen Themenfelder hinzuweisen.

Um zu zeigen, was Wallmann und seinem Handbuch damit entgeht, sei hier ein aktuelles Beispiel genannt aus der Forschung, die der Autor keines Blickes und keines bibliografischen Vermerkes würdigt: Die Untersuchungen des US-Amerikaners Jon F. Sensbach über eine schwarze Weltbürgerin des 18. Jahrhunderts.6 Der Historiker Sensbach rekonstruiert das Leben dieser in der Karibik aufgewachsenen Frau, die zum christlichen Glauben übertritt und Herrnhuterin wird, lesen und schreiben lernt (ihre Briefe gehören zu den ersten schriftlichen Zeugnissen einer schwarzen Frau), als Predigerin tätig ist, in Europa und schließlich in Afrika lebt und als Missionarin arbeitet. Dieses Buch ist – methodisch interessant und anknüpfungsfähig. Theologie oder Missionskonzepte sind hier relevant, weil Sensbach aufzeigt, wie sie Leben beeinflussen, den Alltag verändern, Mentalitäten prägen, Geschichte über Jahrhunderte bestimmen. Es ist bei einem solchen Forschungsansatz ganz augenfällig: Diese Themen sind nichts für den Sperrbezirk kirchenhistorischer Gelehrsamkeit. Sie gehen weit darüber hinaus und werden daher erst jenseits einer selbstgefälligen Pietismusforschung richtig interessant für die Gelehrtenwelt.

Und hier gilt es denn doch zähneknirschend einen Schritt zurück zu treten. Allzu oft fristet die neue Pietismusforschung ihr Dasein in völliger Theologie-Ferne. Jüngstes Beispiel ist Ulrike Gleixners „Historische Anthropologie der Frömmigkeit“ über Pietismus und Bürgertum.7 Zwar deutet die Untersuchung die Potentiale an, die in einem solchen Ansatz stecken können. Dennoch zeigt Gleixner in einer vor allem deskriptiven und wenig analytischen Herangehensweise (nicht zuletzt, weil sich Pietismus ohne Theologie nicht analysieren lässt), warum neue Ansätze in der Pietismusforschung für die Geschichtsschreibung ähnlich irrelevant und undienlich sein können, wie Wallmanns methodische Ignoranz. Immerhin: während bei Gleixner der Weltgeist Philipp Matthäus Hahn seinen Auftritt in langatmigen Beschreibungen als streitsüchtiger Ehemann hat, wird er in dem vorliegenden Handbuch des Pietismus als Ingenieur, Erfinder und Stundenhalter beschrieben – Wallmann vermittelt doch zumindest einige relevante Fakten.

In der US-amerikanischen Forschung haben Wissenschaftler/innen wie José Casanova längst die Bedeutung von Religion jenseits der eng verstandenen Kirchengeschichte und eben auch für das 20. Jahrhundert aufgezeigt.8 Inzwischen haben auch hierzulande Forscher wie Friedrich Wilhelm Graf oder Hartmut Lehmann dargelegt, wie befruchtend theologische Aspekte auf die Profangeschichte – gerade auch auf die zeithistorische – wirken können.9 Die Themen der Pietismusforschung dürfen nicht im engen Zirkel der Spezialisten verwesen: So sind etwa die jüdischen Einflüsse auf den Pietismus, auch die kabbalistischen Wurzeln des schwäbischen Theologen Oetinger, wichtig bei der Untersuchung des süddeutschen kirchlichen Widerstands in der NS-Zeit; und die divergierenden pietistischen Missionskonzepte haben Bedeutung nicht zuletzt für die Migrations- und Kolonialgeschichte, überhaupt für das weite Forschungsfeld der Transfergeschichte.

Wallmann aber setzt einen weiteren Stein auf die Mauer zwischen Profan- und Kirchenhistoriker/innen. Religion wird bei ihm nicht zu der von Habermas postulierten kognitiven Herausforderung, sondern provoziert nur müdes Abwinken. Schade drum. Eine aktuelle Überblicksdarstellung zum Pietismus bleibt ein frommer Wunsch.

Anmerkungen:
1 Habermas, Jürgen; Ratzinger, Joseph, Dialektik der Säkularisierung, Bonn 2005, S. 28.
2 Möller, Bernd (Hg.), Die Kirche in ihrer Geschichte, Göttingen 1990.
3 Geschichte des Pietismus. Hgg. von Brecht, Martin; Deppermann, Klaus; Gäbler, Ulrich und Lehmann, Hartmut, Göttingen 1993-2004, 4 Bd. Wallmann hat gegen diese Erweiterung des Pietismus-Begriffs heftig Stellung bezogen. Sein Hauptargument: Es sei eine neue Definition, die vom alten „Kurs“ abkomme. (Wallmann, Johannes, Fehlstart. Zur Konzeption von Band 1 der neuen Geschichte des Pietismus, in: Pietismus und Neuzeit 20 (1994), 218-235).
4 Vgl. Lehmann, Hartmut, Engerer, weiterer und erweiterter Pietismusbegriff, in: Pietismus und Neuzeit 29 (2003), S. 18-37, hier 32 f. Beispielhaft für diese Potentiale zeigt sich das im neuesten Text von Mettele, Gisela, Eine „Imagined Community“ jenseits der Nation. Die Herrnhuter Brüdergemeine als transnationale Gemeinschaft, in: Geschichte und Gesellschaft 32 (2006), S. 45-68.
5 Freilich gibt es einige Argumente für diese zeitliche Einschränkung. Wallmann legt sie ausführlich in der Zeitschrift „Pietismus und Neuzeit“ dar, führt damit letztlich jedoch nur vor, wie wenig praktikabel und hilfreich seine Definition ist. Wallmann, Johannes, Eine alternative Geschichte des Pietismus. Zur gegenwärtigen Diskussion um den Pietismusbegriff, in: Pietismus und Neuzeit 28 (2002), S. 30-71.
6 Sensbach, Jon F., Rebecca’s Revival. Creating Black Christianity in the Atlantic World. Cambridge 2005.
7 Gleixner, Ulrike, Pietismus und Bürgertum. Eine historische Anthropologie der Frömmigkeit. Württemberg 17.-19. Jahrhundert, Göttingen 2005; vgl. hierzu auch die Rezension von: Friedrich, Markus, H-Soz-u-Kult, 15.09.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-3-164>.
8 Casanova, José, Public Religions in the Modern World, Chicago 1994; ders.: Civil Society and Religion. Retrospective Reflections on Catholicism and Prospective Reflections on Islam, in: Social Research 68/4 (2001), S. 1041-1080.
9 Graf, Friedrich Wilhelm, Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. München 2004; Lehmann, Hartmut, Protestantisches Christentum im Prozess der Säkularisierung, Göttingen 2001.

Kommentare

Re: Rez. FNZ J. Wallmann, Der Pietismus

Von Kannenberg, Michael

Im ersten Moment denkt man: Aha, wie schön! Eine Profanhistorikerin liest und rezensiert ein kirchenhistorisches Standardwerk der Pietismusforschung. Doch, oh je! Auf den zweiten Blick stellt man fest, dass die Rezensentin wohl nicht die Richtige war, um die auch von ihr beklagte „Mauer zwischen Profan- und Kirchenhistorikern“ ein wenig abzutragen. Und diese Mauer behindert nach wie vor die gegenseitige Wahrnehmung. Leider ist auch Hedwig Richter ihr Opfer geworden. Ich greife drei Punkte heraus.

Zur Pietismus-Definition: Dass es innerhalb der kirchenhistorischen Pietismusforschung seit einiger Zeit eine heftige Debatte über die Definition des Pietismusbegriffes gibt, hat Richter zwar wahrgenommen, bei den Zuordnungen tut sie sich aber schwer. So beruft sich der von ihr rezensierte Johannes Wallmann für seine engere Definition natürlich nicht auf Albrecht Ritschl (nicht „Ritschel“!), einen Theologen des 19. Jahrhunderts. Denn der hatte in seiner „Geschichte des Pietismus“ 1 ja gerade eine Erweiterung und Ausdehnung des Pietismusbegriffes vorgenommen. Wallmann plädiert vielmehr für eine Begrenzung des Pietismusbegriffes im engeren Sinn auf die um 1670 beginnende religiöse Erneuerungsbewegung, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihr Ende gefunden habe. Über diese Eingrenzung kann und muss man streiten. Man sollte ihr aber nicht vorwerfen, sie falle „hinter den weiteren Pietismusbegriff des neuen Standardwerks ‚Pietismus und Geschichte’ zurück“. Wallmanns engere Definition zielt auf einen Epochenbegriff. Das neue vierbändige Standardwerk „Geschichte des Pietismus“ 2 -– so der korrekte Titel – legt dagegen einen funktionalen Begriff zugrunde, der den Pietismus als Frömmigkeitsbewegung zu fassen sucht. Die Frage ist also nicht, wer hier hinter wen zurückfällt, sondern wer den Personen, Verhältnissen und Phänomenen, die mit dem Begriff Pietismus jeweils erfasst werden sollen, eher historische Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Und damit zur Gerechtigkeit unter Historikern und Historikerinnen: Natürlich ist es ein Problem, dass vor allem die mittlerweile in die Jahre gekommene kirchenhistorische Pietismusforschung – vornan Johannes Wallmann und Martin Brecht – die Pietismusgeschichte als Geschichte von Männern und ihren Ideen betrieben hat. Hedwig Richter moniert das zu Recht, andere haben das auch schon getan 3. Umso unverständlicher ist mir, dass sie meint, Johannes Wallmanns Pietismus-Handbuch gegen Ulrike Gleixners „Historische Anthropologie der Frömmigkeit“ 4 ausspielen zu müssen. Wo Wallmann nach der Theologie vor dem Hintergrund der Biographie fragt, ermittelt die Historikerin Gleixner in gleichsam archäologischer Feinarbeit die Biographien (von Männern und Frauen und Familien!) hinter der Theologie und widmet sich damit der kulturellen und kommunikativen Dimension von Religion. Ihr einen „vor allem deskriptiven und wenig analytischen“ Ansatz vorzuwerfen, ist allzu billig, wenn man gleichzeitig Gleixners immensen Beitrag zur Quellenerschließung verschweigt. Richters unnötiger Seitenhieb ist weder angemessen noch gerechtfertigt.

Zurück zu Wallmann und zum Vorwurf des Spezialismus: Richter wirft Wallmann vor, er unternehme „einiges, das Gärtlein der Pietisterei schön abgegrenzt zu halten vom Treiben der restlichen Wissenschaftswelt“ und spitzt noch zu, „allzu viele seiner Ausführungen“ seien „recht spezialistisch und interessant nur für Eingeweihte.“ Nun, ob eingeweiht oder nicht: was interessiert, entscheidet der Leser oder die Leserin. Und von denen hat Wallmann immerhin schon so viele gefunden, dass der Verlag sein Handbuch preisgünstig wieder aufgelegt hat. Dass die Rezensentin allerdings zu dem von ihr an die Wand gemalten „Sperrbezirk kirchenhistorischer Gelehrsamkeit“ keinen Zugang gefunden hat, liegt vielleicht daran, dass sie sich mit dem Gegenstand des von ihr rezensierten Buches nicht ausführlich genug beschäftigt hat, um für die Rezension ausreichend qualifiziert zu sein. So ist es zum Beispiel keineswegs eine originelle These Wallmanns, den württembergischen Prälaten Johann Albrecht Bengel (1687-1752) als den „Vater der modernen Textkritik“ zu bezeichnen. Und schon gar nicht handelt es sich dabei um ein ironisches Apercu, das den meisten Lesern Wallmanns zu entgehen drohe. Vielmehr handelt es sich schlicht um die prononcierte Zusammenfassung des derzeitigen Kenntnisstandes 5. Und schließlich ist es reiner Unsinn, wenn Richter behauptet, „die jüdischen Einflüsse auf den Pietismus, auch die kabbalistischen Wurzeln des schwäbischen Theologen Oetinger“ seien „wichtig bei der Untersuchung des süddeutschen kirchlichen Widerstands in der NS-Zeit“ – und damit auch noch begründen will, die Themen der Pietismusforschung dürften nicht den Spezialisten überlassen werden. Wahrscheinlich ist es ganz gut, dass es in allen Disziplinen Spezialisten und Spezialistinnen gibt, die ihre „Gärtlein“ hegen und pflegen – und sich über den Zaun hinweg mit den benachbarten Gärtnerinnen und Gärtnern über ihre Blüten und Früchte und deren Gedeihen austauschen und voneinander lernen. Vielleicht bebauen sie ja eines Tages einen gemeinsamen Garten.

Schade, dass die Rezensentin nicht in der Lage war, beim Abtragen der Mauer zwischen Profan- und Kirchenhistorikern mitzuhelfen, einer Aufgabe, der sich beide Seiten zum beiderseitigen Wohle zu widmen haben.

Anmerkungen:
1 Ritschl, Albrecht, Geschichte des Pietismus, 3 Bde., Bonn 1880-1886 (Neudruck: Berlin 1966).
2 Geschichte des Pietismus. Im Auftrag der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus hg. v. Martin Brecht, Klaus Deppermann, Ulrich Gäbler u. Hartmut Lehmann, 4 Bde., Göttingen 1993-2004.
3 Vgl. Gierl, Martin, Rezension zu: Martin Brecht, Ausgewählte Aufsätze, Bd. 2: Pietismus, Stuttgart 1997, in: Pietismus und Neuzeit 26 (2000), S. 198-204.
4 Gleixner, Ulrike, Pietismus und Bürgertum. Eine historische Anthropologie der Frömmigkeit. Württemberg 17.-19. Jahrhundert, Göttingen 2005.
5 Vgl. Jung, Martin H., „Ein Prophet bin ich nicht …“. Johann Albrecht Bengel, Theologe – Lehrer – Pietist, Stuttgart 2002, S. 43-49, bes. 46; und zuletzt: Sheehan, Jonathan, The Enlightenment Bible. Translation, Scholarship, Culture, Princeton u. Oxford 2005, S. 94-114, bes. 95.


Re: Antwort auf Michael Kannenberg

Von Richter, Hedwig

Eine Rezension kann schwerlich die Mauer zwischen den Wissenschaftsfeldern einreißen, aber sie kann diese Mauer beklagen: Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen1 und trotz aller Mahnungen (meine Kritik ist ja keineswegs neu) ignorieren „Profanhistoriker“ noch immer Theologie und Religion und bleiben Kirchenhistoriker isoliert in ihrem Feld. Und das liegt in Sachen Pietismus vielmals an einer Selbstverliebtheit und methodischen Unbedarftheit. Wallmanns Überblick hat das einmal mehr verdeutlicht.

So bedarf es etwa für die zeitliche Eingrenzung des Pietismus keiner weiteren klugen Schriften und Polemiken. Vielmehr steht sie in direktem Zusammenhang mit der jeweiligen Fragestellung, dem analytischen Interesse und dem daraus resultierenden methodischen Ansatz. Wer sich nicht für Sozialgeschichte interessiert, nicht für Mentalitätsgeschichte und nicht für die Implikationen zwischen Politik, Kultur und Theologie, der kann den Pietismusbegriff nach Herzen einengen. Er wird sich aber den Vorwurf gefallen lassen müssen, einen Großteil der Geschichte auszublenden. Eine solche Haltung erklärt auch die Anfragen der Replik: Der Zusammenhang etwa zwischen jüdischen Elementen in der pietistischen Theologie und christlichem Widerstandsverhalten süddeutscher Pfarrhäuser in der NS-Zeit kann so nur als blanker Unsinn erscheinen.2 Und die Verbindung von Bengelscher Verbalinspiration und Begründung moderner Textkritik wiederum kommt dem Verfasser der Replik im Sperrbezirk der Kirchenhistorie so selbstverständlich vor, dass er daran schwerlich die Ironie erkennen kann – wobei zugegebenermaßen die meisten „Profanhistoriker“ mit dem Begriff „Verbalinspiration“ ohnehin nichts anfangen können. Die Mauern sind noch hoch.

Zum letzten Punkt, der Kritik an Ulrike Gleixners Schrift. Eine historische Arbeit zeichnet sich nicht primär durch Quellenerschließung aus, sondern durch eine profunde Analyse dieser Quellen und angemessene Kontextualisierung. Das ist beim Thema Pietismus ohne Theologie schwerlich möglich.

Wenn sich also Wallmann mit einem Überblickswerk explizit an Profanhistoriker wendet, wäre es nunmehr angesagt, er würde allgemeinen Fragestellungen der Geschichtswissenschaft mehr Rechnung tragen. Ist es nicht pharisäisch, das Kräutlein im eigenen Garten allein für wichtig zu halten und den Baum im Nachbargarten, der den Schatten spendet, zu ignorieren?

Anmerkungen:
1 Vgl. Lucian Hölscher, Projektbericht: Neuer religionsgeschichtlicher Schwerpunkt in Bochum , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1, [04.04.2006], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Hoelscher/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-2734; Friedrich Wilhelm Graf u. Lutz Raphael (Hg.), Christian Churches and Religion in the 20th Century (= Journal of Modern European History 3 [005/2]), München 2005; vgl. auch die Schriftenreihe Konfession und Gesellschaft, Marburg 1988 ff., hg. von Anselm Doering-Manteuffel u. a.
2 Vgl. zu dem bisher noch kaum erforschten Netzwerk von Pfarrhäusern in Süddeutschland, mit dessen Hilfe zahlreiche Juden gerettet werden konnten: Max Krakauer: Lichter im Dunkel. Flucht und Rettung eines jüdischen Ehepaars im Dritten Reich. Stuttgart (2. Aufl.) 1991.


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