H. Münkler u.a. (Hrsg.): Deutschlands Eliten im Wandel

Titel
Deutschlands Eliten im Wandel.


Herausgeber
Münkler, Herfried; Bohlender, Matthias; Straßenberger, Grit
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: Campus Verlag
Anzahl Seiten
537 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cristóbal Rovira Kaltwasser, Berlin

Der Elitebegriff bekommt in letzter Zeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Sozialwissenschaften eine steigende Brisanz. Anzeichen dafür sind etwa die Diskussion über die Schaffung von Elite-Universitäten sowie ein allmählicher Anstieg von Artikeln und Büchern, die sich mit dem Elitephänomen beschäftigen. Aus dieser Perspektive scheint ein Sammelband mit Beiträgen zu diesem Thema besonders reizvoll, insbesondere wenn die Perspektive voriger Werke expandiert wird.

Dennoch impliziert die Rezension eines Sammelbandes immer eine große Schwierigkeit, weil zumeist eine breite Themenvielfalt herrscht und die Seitenzahl nicht gering ist. In diesem Fall handelt es sich um ein Buch von circa 500 Seiten und mit mehr als zwanzig Artikeln. Aus diesem Grunde werden hier vier der Beiträge des Sammelbandes besprochen, zumal sie meines Erachtens eine Innovation innerhalb der deutschen Elitendebatte verkörpern.

Diese erste Bemerkung über die Vielfalt des Sammelbandes muss jedoch nicht als ein Manko verstanden werden. Anders gesagt: Was für den Rezensenten ein Problem bedeutet, ist kein Mangel für die Leser/innen. Das Buch vereinigt die Verschiedenheit der Topoi, die mit dem Elitebegriff assoziiert werden und dadurch wird eine Reihe von Ansichten offeriert, so dass eine breite anstatt einer schon geschlossenen Reflektion gefördert wird. Nicht nur Theoretiker/innen und Empiriker/innen, sondern auch Elitenbefürworter/innen und Elitenantagonist/innen werden in diesem Werk etwas Interessantes finden. Das Buch bringt unterschiedliche und manchmal rivalisierende Perspektiven unter ein Dach, was einen besonderen Verdienst repräsentiert: Nach der Lektüre muss man die eigenen Darlegungen im Bezug auf die Eliten und ihrer Aktualität neu durchdenken, sei es um sie zu bestätigen oder vielleicht sie zu bezweifeln. Das Werk kann insofern als sinnvolle Orientierung in der aktuellen Elitendiskussion dienen.

Das Buch beginnt mit einer sehr hilfreichen Einleitung der Herausgeber/in (Herfried Münkler, Matthias Bohlender und Grit Straßenberger), worin der Weg zum Verständnis des Potenzials des Elitebegriffs gebahnt wird. Im Falle dieses Konzeptes handelt es sich um eine zentrale Leistung, weil es große rhetorische Kraft besitzt und mit enormer Diffusität in der Öffentlichkeit verwendet wird, dass die Bekämpfung mancher Missverständnisse notwenig ist. Insofern wird in der Einleitung für eine Entnormativierung des Elitebegriffs plädiert. Dafür wird zunächst die historische Entwicklung des Elitebegriffs beschrieben und danach die These vertreten, dass das Problem der Integration und des Konflikts der Eliten gerade seine Aktualität ausmacht. Diese Situation ergibt sich aus einer doppelten Herausforderung. Zum einen gewinnen die sektoralen Eliten in modernen funktional differenzierten Gesellschaften immer mehr Autonomie, so dass ihre horizontale Integration prekärer wird. Zum anderen müssen die Eliten mit der breiten Bevölkerung interagieren (vertikale Integration), damit sie ihre gesellschaftlichen Legitimität, Responsivität und das in sie gesetzte Vertrauen nicht verlieren. Beide Integrationsformen stehen in Konflikt miteinander, weil zumeist eine auf Kosten der anderen wächst. Und da diese Spannung ein Kernelement gegenwärtiger Gesellschaften darstellt, gewinnt der Elitebegriff eine besondere Bedeutsamkeit.

Im folgenden Beitrag, verfasst von Herfried Münkler, kündigt der Autor schon im Titel (vom gesellschaftlichen Nutzen und Schaden der Eliten) einen reizvollen Gedanken an: Eliten sind per se weder ‚gut’ noch ‚schlecht’. Es ist ein analytisches Problem, wann und unter welchen Bedingungen die Spitzen der Gesellschaft eine erfolgreiche Rolle spielen können. In der Tat zeigt die Geschichte Deutschlands, dass die Eliten den Ausbruch des I. Weltkrieges und die Entstehung sowohl des Nationalsozialismus als auch des II. Weltkrieges nicht verhindert haben. Trotzdem offenbart die Geschichte Westdeutschlands auch, inwiefern die Eliten von Nutzen sein können, indem sie in der Nachkriegszeit eine Entwicklung in Gang gesetzt haben, die durch politische Stabilität und Massenwohlstand kennzeichnet ist. Es sind gerade solche Epochen, in denen die Eliten sich durch die Hervorbringung besonderer Leistungen invisibilisieren können. Dies bedeutet, dass die Eliten sichtbar werden, wenn sie eine schwache Perfomance leisten. Anders gesagt: „Intensivierte Kommunikation über Eliten ist ein Indiz für wachsendes Misstrauen ihnen gegenüber. […] Elitenthematisierung ist, so gesehen, ein Krisenphänomen.“ (S. 31) Aus dieser Sicht könnte man schlussfolgern, dass die aktuelle Brisanz des Elitebegriffs in Deutschland ein Anzeichen des Versagens der Machtträger/innen ist. Letztere müssen allerdings im Plural konzipiert werden, da nicht ein Machtsektor, sondern mehrere Machtsektoren existieren, aus denen sich Eliten konstituieren. Hier liegt für Münkler eines der Hauptmerkmale und Vorteile des Elitebegriffs im Vergleich etwa zum Konzept der herrschenden Klasse. Eine zweite Eigenschaft dieses Begriffs ist die Vorstellung, dass Eliten sich durch ihre Leistungen kennzeichnen, und zwar diejenigen, die von öffentlicher Wahrnehmung und Anerkennung abhängen. Deswegen kann man im Zuge immer mehr mediatisierter Gesellschaften beobachten, inwiefern sich die Selektion der Eliten verändert. Die Entstehung von Rankings und Ratingagenturen ist ein gutes Beispiel für diese Tatsache: Es handelt sich dabei um Versuche öffentliche Messungen der Elitenerfolge zu produzieren. Nach dieser Ansicht gewinnt man eine neue Perspektive, um die aktuelle Debatte über die Schaffung von Elite-Universitäten zu verstehen. Dies ist nicht nur ein Versuch neue Selektionsmechanismen der Eliten zu kreieren, sondern auch ein Weg über die etablierten Eliten eine Selbstreproduktion anstreben.

Harald Bluhm und Grit Straßenberger entwickeln eine geschichtshistorische Darstellung der Elitedebatten in der Bundesrepublik und dadurch wird deutlich, dass dieses Thema in Deutschland einen Zyklus vom Aufstieg und Absturz besitzt. Die Autor/in nutzen ein „kommunikationstheoretisches Verständnis von Eliten als Akteure und Adressen gesellschaftlicher Erwartungen bzw. Enttäuschungen“ (S. 125). Durch dieses Verfahren wird der Elitebegriff nicht nur als eine politisch-rhetorische sondern auch als heuristische Einheit konzipiert. Beide Autor/in rekonstruieren drei öffentliche Elitedebatten: Jene der 1950er und frühen 1960er-Jahre, die knappe Erörterung am Anfang der 1980er-Jahre und die seit Mitte der 1990er-Jahre währende Diskussion. Anhand dieser historischen Revision schlussfolgern sie, obwohl sich im Laufe der Zeit die Positionen in der Elitedebatte stark verschoben haben, dass das Thema der Integration eine Konstante bleibt. Zugleich wird demonstriert, dass eine Spannung zwischen der wissenschaftlichen und politisch-öffentlichen Benutzung des Elitebegriffs existiert. Dieser widersprüchliche Gebrauch wird sicherlich weiter zunehmen, indem die Sozialwissenschaften eine Entnormativierung des Elitebegriffs fördern, während manche politische Akteure – vor allem diejenigen mit einem antielitären Selbstverständnis – den Elitebegriff verwenden, um Verantwortung zuzuschreiben und alte und neue Risiken zu signalisieren.

Der Artikel von Wolfgang Streck ist besonders gut gelungen, da er aus der Diagnose der Auflösung des deutschen Korporatismus die Entstehung neuer Eliten und die Entwicklung neuer Konflikte hervorsieht. Um diese These plausibel zu machen, beginnt der Autor mit einem Exkurs über das deutsche Modell der Elitenintegration der Nachkriegszeit. In diesem Sinne kann der Korporatismus „als Kartell von Eliten definiert werden, die trotz unterschiedlicher Interessen dauerhaft miteinander kooperieren“ (S. 149). Diese Betrachtungsweise enthält eine Entnormativierung des Elitebegriffs, die zugleich das analytische Potential des Konzepts pointiert, indem nicht nur die Spitzen des Kapitals und des Staates, sondern auch der Gewerkschaften als Eliten konzipiert werden. Deswegen sagt er zu Recht, dass Eliten durch gegenseitige Anerkennung entstehen. Dadurch zeigt Streck mit besonderer Plastizität, dass Eliten und herrschende Klasse unterschiedliche Begriffe sind: Während der Erste jene Akteure beschreibt, die das meiste Einflusspotential in den verschiedenen Machtdomänen einer Gesellschaft abdecken, bezeichnet der Letztere gesellschaftliche Schichtungen nach ökonomischem Einkommen und/oder symbolischem Status. Insofern muss diese Krise des deutschen Korporatismus als das Ende einer Ära der Elitenintegration verstanden werden. Seit Beginn der Berliner Republik sehen die Gewerkschaften, wie sie aus unterschiedlichen Gründen – Sozialsicherungskrise wegen der Wiedervereinigung, Auslandsverlagerung der Produktion, Erstarkung des Finanzkapitalismus, usw. – ihre Machtposition verlieren, sodass sie immer weniger von den anderen Eliten als Eliten anerkannt und wahrgenommen werden. Diese gesellschaftliche Transformation legitimiert sich durch die Überholung der „Prinzipien der kollektiven Absicherung auf Gegenseitigkeit zugunsten einer vom freien Markt regulierten Meritokratie: eine Ordnung, in der Belohnung nach Leistung erfolgt und Leistung darin besteht, sich am Markt durchzusetzen“ (S. 163). Dennoch steht die Legitimität eines solchen post-korporatistischen Modells auf schwachen Füßen und deshalb kann man mit einer Renaissance alter und der Entstehung neuer Konfliktlinien rechnen. Im Zentrum dieses Problem steht die Suche einer adäquaten Form der Elitenintegration.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass das Buch eine wertvolle Orientierung in der aktuellen Elitendiskussion liefert: Es werden brisante Themen diskutiert und darüber hinausgehend wird für eine interdisziplinäre Auseinandersetzung plädiert. Dennoch werden hier zwei wichtige Dimensionen nicht behandelt. Zum einen – wie die Herausgeber/in selber notieren – kommt dem Gedanken einer Europäisierung bzw. Globalisierung der Eliten kaum Beachtung zu. Zum anderen vermisst man einen theoretischen Beitrag, in dem die unterschiedlichen Begrifflichkeiten – Funktionselite, Leistungselite, Wertelite, usw. – präsentiert werden, damit man einen Grundriss hat, um die heuristischen Positionen der unterschiedlicher Autor/innen des Sammelbandes besser einzuordnen zu können.

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06.09.2006
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