T. Weller: Theatrum Praecedentiae

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Titel
Theatrum Praecedentiae. Zeremonieller Rang und gesellschaftliche Ordnung in der frühneuzeitlichen Stadt. Leipzig 1500-1800


Autor(en)
Weller, Thomas
Reihe
Symbolische Kommunikation in der Vormoderne
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 470 S.
Preis
€ 74,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruth Schilling, SFB 640: Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel, Humboldt-Universität zu Berlin

Die hier vorzustellende Arbeit entstand als Dissertation am Münsteraner Sonderforschungsbereich „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme“.[1] Sie ist dessen methodischem Ansatz verpflichtet, Rituale und Zeremonien als konstituierend für soziale und politische Ordnungen anzusehen. Bereits ihr Titel zeigt das Bestreben an, ein geradezu klassisches Mittel symbolischer Kommunikation der frühneuzeitlichen Gesellschaft, nämlich die Rangkonflikte, mit der Frage nach der Genese politischer und sozialer Ordnung zu verbinden.

Die Dissertation schließt mit der Untersuchung spezifisch städtischer zeremonieller Repräsentationsformen eine Forschungslücke. Thomas Weller nähert sich diesem Thema über drei verschiedene Zugriffe, und zwar über die Analyse von Diskursen, Inszenierungen und Konflikten. Die Abgrenzung dieser drei Felder erscheint allerdings nicht immer ganz plausibel: Sie führt zum Beispiel zu einer Doppelung bei der Thematisierung der Kleiderordnungen sowohl als „Diskurse“ als auch als „Konflikte“ (S. 82-118, 359-382). Die Gegenüberstellung verschiedener Kommunikationsformen ist aber im Rahmen der Fragestellung der Arbeit überaus sinnvoll. Der Autor scheut sich zudem nicht davor, auch ungewöhnliche Quellentypen für seine Untersuchung heranzuziehen, so zum Beispiel die Leipziger Stadtadressbücher als Quelle für die diskursive Inszenierung ständischer Ordnung. Positiv zu werten ist auch die profunde Einzelanalyse der jeweiligen Quellenbeispiele in allen drei Abschnitten. Auf diese Weise gelingt es dem Verfasser, die Vorteile dichter Quellenbeschreibung mit der Langzeitperspektive seiner Untersuchung zu verbinden und so überzeugend die Kontinuität ständischen Rangdenkens im frühmodernen Leipzig herauszuarbeiten.

Auch wenn es bei einem so überlegt nebeneinander gestellten Quellenpanorama ein wenig spitzfindig erscheint, auf Quellenlücken hinzuweisen, sei dennoch gefragt, warum neben den normativen Quellen und Druckwerken keine visuellen oder auch musikalischen Zeugnisse hinzugezogen wurden. Diese hätten das Geschehen der so detailliert beschriebenen städtischen Zeremonien der Ratswahl oder der Huldigung sinnlich erfahrbarer gemacht. Umso größer ist der Verdienst des Autors, auch ohne diese ästhetischen Hilfsmittel die kleinteilige und komplex-bunte Welt ständischer Distinktionsfragen im städtischen Raum überaus spannend und anschaulich zu vermitteln.

In der Zusammenfassung seiner Arbeit ordnet Weller seine Ergebnisse nach drei Themenkreisen: dem Verhältnis von Hof und Stadt, der Verrechtlichung von Rangkonflikten sowie dem Zusammenhang zwischen funktionaler Differenzierung und dem Wandel gesellschaftlicher Distinktionspraktiken. Das markanteste und wohl auch überraschendste Resultat seiner Quellenanalysen besteht darin, dass sich städtische und kurfürstliche Welt in Leipzig nicht zu einem einzigen Rangsystem und damit zu einer einheitlichen Ordnungsvorstellung verbanden: Städtische und landesherrliche Repräsentation bedingten keinen neuen Repräsentationstypus, sondern bildeten vielmehr „zwei konkurrierende Ordnungssysteme“ (S. 338). Weller kann auf diese Weise die Grenzen herrschaftlicher Durchdringung gegenüber einer auf ihre Autonomie bedachten Bürgerstadt aufzeigen.

Umso deutlicher fällt ins Auge, dass die wechselseitigen Beziehungen der einzelnen gesellschaftlichen Pole Stadt, Universität und Landesherr dadurch seltsam konturlos bleiben, dass Weller sie nicht mit einer kulturellen, politischen und auch religiösen Konturierung der Akteure verknüpft. Diese fallen damit in gewisser Weise ihrem eigenen Rangstreben zum Opfer, da sie in der Memoria nachgeborener Historiker vornehmlich als Platzhalter im Wettstreit um „symbolisches Kapitel“ betrachtet werden und nicht als Persönlichkeiten, deren Verhalten durch eine Vielzahl sozialer und kultureller Bindungen geprägt war. Vielleicht hätte hier eine Gliederung nach den jeweiligen Akteursgruppen anstelle der drei Kommunikationsformen eine schärfere Konturierung des Zusammenhangs zwischen dem Distinktionsgebahren und der Rolle der jeweiligen Eliten in der Schaffung einer übergeordneten politischen Ordnung möglich gemacht.

Wenig überraschend und daher etwas unbefriedigend ist schließlich das Ergebnis, dass „gesellschaftliche Ordnung und hierarchische Beziehungen [...] auch in einer vergleichsweise statischen Gesellschaft wie der des Ancien Régime nie eindeutig festgelegt (waren), sondern [...] sich stets aufs neue aus der wechselseitig erhobenen Geltungsansprüche der Akteure“ ergaben (S. 384). Dieses Resultat entspricht den in der Einleitung vorgebrachten Überlegungen zur Konstituierungsleistung politischer Zeremonien. Hätte es wirklich der Untersuchung einer komplexen frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft bedurft, um es noch einmal zu bestätigen? An dieser Stelle fehlt eine Reflexion möglicher Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen städtischen und höfischen Distinktionspraktiken. Dies führt zu einer methodischen Schwierigkeit, mit der sich nicht allein die vorliegende Arbeit konfrontiert sieht, nämlich Wandel und Kontinuität in der Beziehung zwischen symbolischer Konstituierung und politischer Ordnung herauszuarbeiten. Weller umgeht mit seiner Dreiteilung der Ergebnisse dieses methodische Problem, indem er die Themen „Hof und Stadt“ sowie „Verrechtlichung“ als Phänomene des Wandels von der Kontinuität ständischer Distinktionsprinzipien trennt. Die Frage nach funktionalen Äquivalenten der Rangfragen wird auf diese Weise nicht berücksichtigt. Daher muss die Kontinuität ständischen Denkens zwangsläufig hervorgehoben werden. Eine tatsächliche Verbindung zwischen sozialen und politischen Veränderungen und ihrer zeremoniellen Repräsentation wird nicht aufgezeigt. Dieses methodische Problem drückt sich auch in den von Thomas Weller im Abschnitt „Inszenierungen“ verwendeten Überschriften aus: So betitelt er seine Untersuchung des Huldigungszeremoniells in Leipzig mit „Die Ordnung der Untertanen“ (S. 174), obwohl er dann doch in bemerkenswert deutlicher Weise zu zeigen vermag, wie wenig die differenzierte Sprache des Rituals hier einer einigermaßen schlichten Dichotomie von landesherrlicher Obrigkeit und einheitlicher Untertanenschaft geschuldet ist. Von einer „Ordnung der Untertanen“ ist in diesem Fall nur im Wunschdenken der landesherrlichen Protokollführer die Rede. Auch die „soziale Magie“ (S. 146) als Schlagwort zur Erfassung der Ratswahlen wird dem Änderungspotentiel nicht gerecht, das dieses Kernritual stadtrepublikanischer Repräsentation aufgrund seiner Abhängigkeit von der stadtbürgerlichen Elite besaß.

Mit dem Problem der Erfassung symbolischer Kommunikation und politischer Ordnung sehen sich aber alle konfrontiert, die mithilfe der Selbstdarstellungsformen auf die Befindlichkeiten einer spezifischen Gesellschaft schließen wollen. Thomas Wellers Dissertation bietet besonders Stadthistorikerinnen und -historikern genügend Anregungen, um weiter darüber nachzudenken.

Anmerkung:
[1] Vgl. <http://www.uni-muenster.de/SFB496/> (20. 07. 2008).

Redaktion
Veröffentlicht am
02.12.2008
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