K. Freitag (Hrsg.): Kult - Politik - Ethnos

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Titel
Kult - Politik - Ethnos. Überregionale Heiligtümer im Spannungsfeld von Kult und Politik. Kolloquium, Münster, 23.-24. November 2001


Herausgeber
Freitag, Klaus; Funke, Peter; Haake, Matthias
Reihe
Historia-Einzelschriften 189
Erschienen
Stuttgart 2006: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
287 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Losehand, Oldenburg

Während in den Neurowissenschaften gelegentliches Interesse daran besteht, ein „Religionsgen“ lokalisieren und so die Erblichkeit religiöser Neigung nachweisen zu können, ist es seit einiger Zeit das Interesse weiter Teile der historischen Wissenschaften, ihren eigenen Gegenstand – die Geschichte – als heterogenes Gemisch von Religion und Politik zu verstehen, in dem sich beide Stoffe bestimmen und daraus isolieren lassen. Für die griechisch-römische Antike hingegen galt bislang noch, dass Religion und Politik (bzw. Staat, Staatlichkeit oder Gemeinwesen) vornehmlich als ein – um im Bild zu bleiben – homogenes, also untrennbares Gemisch verstanden wurden. Doch auch hier verschafft sich die Tendenz zunehmend Raum, Aspekte des Politischen und des Religiösen getrennt wahrzunehmen und das eine vom anderen zu scheiden. Das dieser Trennung zugrunde liegende Konzept, dass das, „was des Kaisers“, und das, „was Gottes ist“, überhaupt unterscheidbar sind und beides wenigstens theoretisch als Reinstoff in der Geschichte vorkommen kann, stellt dabei nicht nur eine wissenschaftliche Arbeitshypothese dar, die sich in ähnlicher Form in der modernen Verhältnisbestimmung von Kult (praxis) und Glaube (doxa) findet, es ist ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel im Verständnis unserer Welt, das in Europa mit dem Christentum seine Verbreitung gefunden hat. Die Scheidung des Kosmos in Himmel und Erde, in Transzendenz und Immanenz (die wir natürlich auch von manchen griechischen Denkern her kennen) prägt bis heute unser epistemisches Instrumentarium und hält Religion und Politik in einer dichotomen Beziehung. Aus dieser Position heraus lässt sich erst denken, dass sich Religiöses und Politisches in einem „Wirkzusammenhang“ (S. 10), ja einem „Spannungsfeld“ befinden.

Die Beiträge des vorliegenden Bandes bzw. des ihm vorausgegangenen Münsteraner Kolloquiums untersuchen „Verhältnis und Wirkkräfte“ (S. 10) von Politik und Religion in der griechisch-römischen Antike im Kontext der Ethne, jener über die Polis als Einzelstaat hinausweisenden überregionalen Großverbände, die auf der Überzeugung gemeinsamer Abstammung gründeten. Der Schwerpunkt der Diskussionen liegt dabei auf dem das Ethnos sichernden Heiligtum: Untersucht werden zum einen die „stabilisierende Funktion“ der Heiligtümer „bei der Überwindung struktureller Labilität“, zum anderen die Rolle der Heiligtümer im Rahmen der (Selbst-)Bestimmung von „Territorium und Gemeinschaft“ und schließlich ihre Bedeutung bei der Transformation der Ethne in „förderalstaatliche Gebilde“ seit dem 4. Jahrhundert v.Chr. (S. 11). Der geographische Fokus ist auf das griechische Mutterland gerichtet, bis auf zwei Beiträge: Christoph Ulf nähert sich einleitend und propädeutisch dem Thema aus ethnologisch-anthropologischer Sicht anhand der Kaiko-Zeremonie bei den Tsembaga Maring in Papua-Neuguinea (S. 17ff.); der Band schließt mit einem Aufsatz zum Schrein des Iuppiter Latiaris und dem Hain der Diana Lemorensis im frühen Latium (S. 265ff.).

Der Innsbrucker Althistoriker Christoph Ulf lädt im ersten Artikel dazu ein, das Handwerkszeug und die Ergebnisse der Anthropologie für die Alte Geschichte nutzbar und gewinnbringend zu machen (S. 17ff.). Zur Bewusstwerdung und Reflexion über die Modelle, die wir zur Wahrnehmung unserer (vergangenen oder gegenwärtigen) Wirklichkeit entwickeln und einsetzen, und über die impliziten Erwartungen, die wir an das haben, was wir rezipieren (wollen), bietet die Anthropologie die ordnenden Systematisierungen und Kategorisierungen, die an John Wilkins’ Essay towards a Real Character and a Philosophical Language (1668) erinnern. Auf Ulfs Einführung folgen Einzelstudien: Peter Siewert stellt in seinem Beitrag (S. 43ff.) vier Bronze-Urkunden aus Elis vor und erläutert ihre Aussagekraft im Hinblick auf die Problemstellungen des Kolloquiums: eine Bürgerrechts- und Theodorokie-Verleihung aus Elis, elische Urteile über Boioter, Thessaler, Athen und Thespia (beide Dokumente aus dem 5. Jahrhundert v.Chr.), Privilegien für Besucher aus „Übersee“ sowie Vorschriften für Ringkämpfer (Ende bzw. Anfang des 6. Jahrhunderts v.Chr.). Die vorgestellten Dokumente geben einen eindrücklichen Blick auf die sozialen Verbindungen und Verflechtungen eines panhellenischen Heiligtums.

Den „lokalen und überregionalen Perspektiven“ des Artemisions von Korkyra in der Archaik widmet Claudia Antonetti ihre Aufmerksamkeit (S. 55ff.). Ihren religiösen bzw. mythologischen Ausdruck finden die politischen Beziehungen, so die Autorin, im berühmten Giebelschmuck des Artemisheiligtums: Die als Teile der Titanomachie interpretierten Szenen im westlichen Tympanon verweisen über die Theogonie Hesiods und Eumelos’ von Korinth (Korinthia und Titanomachia) geographisch auf das westliche Griechenland. Die realen Kontakte und Bindungen haben ihren aitiologischen Sitz im literarischen Mythos.

Dass Religion auch in „vor-theologischer“ Zeit, als nach allgemeiner Auffassung über die Natur der Götter nichts Falsches gesagt werden konnte und die Wahrheit nicht von einem Iota abhängig war, durchaus Anlass zu Dissens und Spaltung gab, zeigt Christoph Auffarth in seinem Beitrag anhand von drei Beispielen aus der Argolis (S. 73ff.). Das Heiligtum des Apollon Pythaeus in Asine ist im 13. Kriegsjahr des Peloponnesischen Krieges (419 v.Chr.) kein „einigendes Band“ der Dorer, vielmehr Grund und Anlass zu Separation, schließlich zu Konflikten und Gewalt. Auch das Heraion von Argos – näher an Mykene als an Argos selbst gelegen – ist nicht als ein gemeinsames, überregionales Heiligtum, sondern als ein extra-urbanes anzusehen, das Prestige und Vormachtstellung von Argos augenfällig machen soll.

Auch wenn wir die griechische Religion ohne Zögern als polytheistisch bestimmen dürfen, ist die herausragende, dominante Stellung eines Gottes im Pantheon der Griechen bemerkenswert: Zeus ist der Vater der Götter. Er ist nicht „all-mächtig“ im monotheistischen Sinne (omnipotens sind eine Vielzahl von Göttern), doch seine Macht ist größer als nur die eines „Züngleins an der Waage“. Dass aus dieser Position, die also nicht als die eines primus inter pares missverstanden werden darf, überregional in Griechenland keine Entwicklung hin zur Henolatrie oder gar Monolatrie zu beobachten ist, bedarf einer näheren Untersuchung, zumal wenn man die heno- oder monotheistischen Tendenzen in der griechischen Philosophie bzw. Theologie bedenkt. Bernhard Linke geht dieser Frage nach und präsentiert Ergebnisse zur Entwicklung und Stellung der Zeus-Kulte in griechischen Poleis sowie des panhellenischen Heiligtums in Olympia in der archaischen Zeit (S. 89ff.).

Weniger geläufige Kultverbände und deren Heiligtümer unter der Protektion des Poseidon auf der Peloponnes sind Thema des Aufsatzes von Joannis Mylonopoulos (S. 121ff.), der seiner Untersuchung einen (sakral-)topographischen Schwerpunkt verleiht. Ebenso – auch geographisch – abgelegen von den gängigen Zentren des Interesses sind die Stammes- und Bundeskulte im äußersten westgriechischen Bergland Akarnanien: Einzig das Kap im Norden der Landschaft und das dortige Heiligtum des Apollon Aktios sind durch jene berühmte Seeschlacht 31 v.Chr. im allgemeinen Bewusstsein verankert. Thomas Corsten ist die verdienstvolle Aufgabe angegangen, hier einen aktuellen Beitrag zu leisten (S. 158ff.). Kretische Heiligtümer, nicht etwa in minoischer Zeit, sondern von der Klassik bis in den Hellenismus, in ihrer lokalen und überregionalen Bedeutung zu interpretieren, unternimmt Angelos Chaniotis (S. 197ff.). In ihrer Vielfalt bieten sie, so der Autor, ebenso vielfältige Ansatzmöglichkeiten für Paradigmen bei der Erforschung des „Spannungsfeldes von Religion und Politik“ (S. 206).

Eine besondere Stellung in der griechischen Geschichte nehmen nicht nur die Messenier selbst, sondern auch die messenischen Kulte und Heiligtümer ein. Ihre von Gewalt, Unterdrückung und Vertreibung bestimmte Vergangenheit erschwerte die Neugründung eines Staates, der sich aus Exilanten und Ansässigen zusammensetzte und über die starke Zentralsiedlung Messene verfügte. Auffällig ist die fast nur lokale Tradition und Bedeutung von Heiligtümern im jungen Staat, betont Nino Luraghi in seiner Untersuchung (S. 169ff.). Die beiden großen Heiligtümer in Messene, bei denen man überregionale und identifikatorische Strahlkraft vermuten könnte, seien letztlich nur als „künstliche Versuche“ zur Etablierung auch einer religiösen Einheit zum Trotz der „künstlichen Natur der messenischen Identität“ (S. 192) zu werten.

Wichtige Informationen über ein archäologisches Zeugnis erhalten wir besonders durch den oft leider unbekannten ursprünglichen Aufstellungsort. In besonderem Maße gilt dies für Inschriften, bei denen nicht nur der eigentliche Text, sondern auch der inszenierte, beabsichtigte Kontext entscheidende Aussagen bereithält. Die delphische Kopie eines Schiedsvertrages über Grenzstreitigkeiten zwischen Halos und Thebai aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v.Chr. (FDelphes 3,4,355) untersucht Klaus Freitag (S. 211ff.). Er fragt dabei nach den Gründen, Kopien nicht nur in Halos und Thebai, sondern auch im Heiligtum des Apollon Kerdoios in Larissa und eben in Delphi aufzustellen. Das im Text ungenannte Heiligtum, an dem sich der Streit entzündete, identifiziert Freitag entschieden nicht als das thessalische Zentralheiligtum der Athena Itonia, wie 1935 von Louis Robert vorgeschlagen;[1] er hält vielmehr ein weitere, bislang nicht lokalisierte Kultstätte der Athena Itonia in der pthiotischen Achaia für plausibel.

Annette Hupfloher, die sich mit ihren Forschungen zu den Kulten im kaiserzeitlichen Sparta einen Namen gemacht hat, präsentiert in diesem Band Ergebnisse zur Organisation des Kaiserkults in Olympia und bietet damit einen guten Einblick in seine hierarchischen Strukturen (S. 239ff.). Wie Christoph Ulf (S. 17ff.) mit einem Blick über den Tellerrand des zentralen griechischen Kulturraums hin zur Anthropologie den Reigen der versammelten Tagungsbeiträge eröffnete, schließt diesen Hans-Christian Schneider (S. 265ff.) mit einem Ausflug ins frühe Latium zu den (Bundes-)Heiligtümern Iuppiter Latiaris und der Diana Nemorensis. Beide Orte waren vornehmlich von regionaler Bedeutung, gewannen aber auch zeitweise im Laufe der wechselvollen italischen Geschichte an überregionaler Strahlkraft.

Die Vielzahl der behandelten Regionen und Aspekte griechischer Kulte und damit Religion lassen es auf dem vorgegeben begrenzten Raum leider nicht zur, die einzelnen Beiträge ausführlich, kritisch und damit angemessen zu würdigen. Die auf den ersten Blick vielleicht willkürlich in diesem Band zusammengestellt wirkenden Themen geben Fachleuten und auch Laien jedoch einen Eindruck des weiten Feldes, des Spannungsbogens der Forschungstätigkeiten und Aspekte zu Kult, Politik und Ethnos im griechisch-hellenischen Kulturraum.

Anmerkung:
[1] Louis Robert, Inscription de Thèbes de Phtiotide, Bulletin de Correspondance Hellénique 59 (1935), S. 208f.

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Veröffentlicht am
06.04.2009
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