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Titel
Verbündete Rivalen. Geschwisterbeziehungen im Hochadel des 17. Jahrhunderts


Autor(en)
Ruppel, Sophie
Erschienen
Köln 2006: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
€ 42,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simona Slanicka, Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Bielefeld

Die 2005 an der Universität Basel angenommene Dissertation von Sophie Ruppel bringt wohltuend frischen Wind in mindestens zwei Bereiche der Geschichtsforschung, die zu Unrecht schon zum alten Eisen geworfen worden waren, nämlich in die Hochadelsforschung und in die Briefkultur der Frühen Neuzeit. Mit ihrer bahnbrechenden Arbeit zeigt die Verfasserin, welche Schätze es hier noch zu heben gibt und in welche aktuellen und brisanten Forschungsfelder geeignete Fragestellungen hineinführen können, in diesem Fall die Geschichte der Geschwisterbeziehungen und der Emotionen.

Quellengrundlage der Arbeit sind Briefwechsel, Testamente, Verträge und ausgetauschte Schriftstücke, also „Briefe“ aller Art der kurpfälzischen und der (kur-)hannoveranischen Geschwisterreihe in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wobei die Befunde mit den Briefen der kurbrandenburgischen und einer landgräflich hessischen Geschwisterreihe abgeglichen werden.[1] Somit konzentriert sich die Arbeit auf den protestantischen Block im Norden des Reichs, was insofern begründet ist, als in der Tat das protestantische Netzwerk weitgehend vom katholischen Machtblock unabhängig war. Leitfrage der Untersuchung bilden die Geschwisterbeziehungen, die in dieser Briefkommunikation zu erkennen sind, und deren Bedeutung für die frühneuzeitliche Politikgeschichte die Autorin überzeugend darstellt. In der Tat wurden bisher, wie Ruppel in ihrer Einleitung unterstreicht, Geschwisterbeziehungen wenig beachtet – zwar dürfte es für die Zeit vor 1800 außerhalb von adligen und bürgerlichen Eliten schwierig sein, geeignetes Quellenmaterial zu finden. Für den Hochadel zeigt Ruppels Untersuchung jedoch, wie reichhaltig das vorhandene Material ist und wie aufschlussreich für die Verwandtschafts- und Familienforschung es sein könnte, vorhandene Korrespondenzbestände einer analogen Sichtung zuzuführen.

Der historisch-anthropologisch ausgerichtete Forschungsüberblick über die kulturelle Vielfalt der Geschwisterbeziehungen im einleitenden Abschnitt der Arbeit enthält mannigfache Anregungen für weitere Forschungen. So sollte in Fortsetzung von David Sabeans Arbeiten weiterhin verfolgt werden, inwiefern etwa Bruder-Schwester-Beziehungen als wichtigste gegengeschlechtliche Beziehung neben der Ehe institutionalisiert wurden oder welche Vorstellungen eines geschlossenen Bluts- oder Gutstransfers sich etwa hinter Kreuzcousinen- bzw. Kreuzvetternheiraten verbargen. Der Kinderreichtum der vorneuzeitlichen Familie zog spezifische Gruppenbildungen und Aufgabenteilungen innerhalb einer Geschwisterreihe nach sich, die ebenfalls näher zu untersuchen wären. Der große Altersunterschied näherte die älteren Kinder den Eltern an und zog die jüngeren zur gleichgelagerten Erfahrungsgruppe zusammen, die unter Umständen in eine andere Familienformation (gestorbener Elternteil, bereits verheiratete Geschwister usw.) hineinwuchsen. Desgleichen bleibt der Konnex zwischen Emotionen und materiellen Interessen weiter auszudifferenzieren, wenn eben Geschwister in den nichtindustrialisierten Gesellschaften Ressourcen teilen und durch persönliche und ökonomische Interessen miteinander verbunden sind, so dass ihr Beziehungsverhalten und Empfinden stark durch Zwänge und kulturelle Normen vorgeformt ist. In gesellschaftsumfassenderen Sinn bietet schließlich die adlige Geschwisterforschung die Möglichkeit, Norbert Elias’ Appell zur Interdependenztheorie einzulösen, wonach Akteure nicht als Individuen, sondern nur als Teil eines Sozialgeflechtes agieren, womit die Geschlechterbeziehungen auch ein neues Licht auf Elias’ Konzept der höfischen Gesellschaft als familienanalogen Verbund werfen. Zu jeder dieser Fragekomplexe erarbeitet Ruppels Studie weiterzuverfolgende Antworten, die sie in einer bemerkenswert schlüssigen Disposition darlegt.

So ist der zweite Abschnitt in Anwendung der Elias’schen These auf den deutschen Raum der „hochadligen Reichsfamilie als ‚Familiengesellschaft‘“ gewidmet, die als höhergestellter und im Bedarfsfall intervenierender Bezugsrahmen der untersuchten Adelsfamilien dient. Wie auch in den folgenden Abschnitten werden hier quasi als Nebenresultat Themenbereiche angeschnitten, die die Relevanz des Untersuchungsthemas zeigen, in diesem Fall die Frage nach der Anredepraxis und der Semantik von Verwandtschaftsbegriffen, nach der Struktur von Adelsnetzwerken, nach dem fehlenden Gegensatz von „Öffentlichkeit“ und „Privatheit“ sowie nach der Vorstellung vom Einzelnen als Teil des (Adels-)Kollektivs. Damit liefert der zweite Abschnitt gewissermaßen Hintergrundinformationen und Kulissen, vor denen sich in den Abschnitte drei bis fünf der Kern der Arbeit entfalten kann.

Der Deskription der wichtigsten Merkmale der adligen Geschwisterbeziehung ist der dritte Abschnitt gewidmet; er ist der längste des Buches und umfasst nahezu ein Drittel des Textes, was aber angesichts des nach wie vor erheblichen Forschungsbedarfs zu Kindheit und Jugend in der Frühen Neuzeit, darunter auch im Adel, durchaus gerechtfertigt ist. Auch hier erhärten Ruppels Resultate Befunde, die bisher eher den Charakter von Einzelbeobachtungen hatten, etwa zur Rolle der Geschwister der Eltern als Zweiteltern, zum weit verbreiteten Kindertausch unter befreundeten Höfen, zur Rolle der Geschwister (und nicht der Eltern) als primären Bezugspersonen, die Auswirkungen des Ius Aetatis oder der Praerogativa Aetatis, die den älteren Geschwistern Weisungsbefugnisse gegenüber den jüngeren verleiht, ihnen aber auch die Verantwortung für ihr standesgemäßes Verhalten und ihre Versorgung aufbürdet. Die Entsprechung dazu liegt im Respekt und der Unterordnung der jüngeren Geschwister und in der Apanagenzuteilung analog zum Geburtsrangplatz. Das „älter sein“ oder „fast gleich alt sein“ konnte dabei mitunter auch die Geschlechterordnung relativieren. Rechte und Pflichten verliehen der Beziehung zwischen den Geschwistern einen geschäftsmäßigen Charakter, der an Patronagebeziehungen erinnert und Loyalitätserwartungen und Gegenleistungen vorstrukturierte. Patronageartige Züge nahm mitunter auch die Protektion der Stiefgeschwister aus morganatischen Ehen an, die keinesfalls als Geschwister, sondern vielmehr als Schützlinge angeredet wurden, deren Ansprüche gegenüber den eigenen Geschwistern jedoch mit Nachdruck verteidigt wurden. Verblüffend ist zu sehen, welch herzlichen Ton Liselotte von der Pfalz gegenüber ihren raugräflichen Nichten und Neffen anschlug, während doch sonst ihre Häme gegenüber den Bastarden des französischen Hofes sprichwörtlich ist.

Der vierte Abschnitt befasst sich mit den kooperativen Verhaltensformen und zeigt, wie Geschwister als „ständige Gesandte“ an fremden Höfen fungierten. Ihr regelmäßiger Briefverkehr hatte den Stammhalter ihrer Dynastie mit regelmäßigen Informationen zu versorgen, und zwar sogar dann, wenn es Spannungen unter den beiden Briefschreibern gab. Die adligen Geschwister an fremden Höfen dienten als permanente Diplomaten, die Networking und Heiratsvermittlung betrieben, aber auch konkret begehrte Waren zuschickten und nach Möglichkeiten zur politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kooperation Ausschau hielten. Im Vergleich zur Kooperation erscheint das von Ruppel im fünften Abschnitt behandelte Konfliktverhalten begrenzt, und in der Tat zeigt die Autorin, wie rasch und effizient die Adels- und Hochadelsfamilien des Reiches es verstanden, Konflikte mit institutionalisierten Mediationen und nichtbeteiligten Vermittlern beizulegen – gerade im 17. Jahrhundert saß der Dreißigjährige Krieg den Zeitgenossen noch als Schreckgespenst im Nacken und wurde in ihren Briefen auch zitiert, um an die europäischen Ausmaße zu erinnern, die ein nicht beigelegter adliger Erbzwist annehmen konnte. Aufschlussreich ist ferner der Abschnitt über den Umgang mit Konfessionswechseln, die unproblematisch bei Heiraten waren, bei persönlichen Glaubensentscheidungen hingegen als Loyalitätsbruch gewertet wurden. Konfliktfälle führten unter Umständen zu Allianz(um-)bildungen innerhalb der Geschwisterreihe, deren Rechtfertigungsstrategie Ruppel sorgfältig auswertet.

Im sechsten Abschnitt behandelt die Autorin schließlich explizit die Emotionalität der Quellenaussagen, wozu sie die extrem innigen, nahezu schon inzestuös wirkenden Aufwallungen der hessisch-kasselschen Schwestern an ihren Bruder der abgekühlten Distanz zum großen Bruder in der Brandenburger Geschwisterreihe entgegenstellt, die sich hier in einer völlig formelhaften Korrespondenz äußert. Der Abschnitt mündet in Hypothesen zum Funktionsverlust der geschäftsmäßigen Geschwisterkommunikation im Zuge des Verstaatlichungsprozesses, in dem institutionalisierte Amtsabläufe die erzwungene Nähe und Kooperation von Geschwistern überflüssig machten, ihnen dafür aber eine innigere Emotionalität ermöglichten. Die angesprochenen Beispiele zeigen allerdings, dass sich beide Verhaltensformen schon deutlich vor dem bürgerlichen Zeitalter in den Geschwisterkorrespondenzen auffinden lassen. Dieser letzte Abschnitt ist womöglich etwas kurz und plakativ geraten, aber wie es auch die Zusammenfassung des Buches nahe legt, lässt dieser Schluss nur eine weitere Fortsetzung der Geschwisterforschung wünschen, beispielsweise in einer Zusammenschau des Wandels, der in der Sattelzeit zwischen 18. und 19. Jahrhundert stattgefunden haben muss.

Anmerkung:
[1] Im Anhang (S. 349-357) werden die Protagonisten der verschiedenen Adelshäuser mit Kurzbiographien und Stammbäumen vorgestellt.

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Veröffentlicht am
09.11.2009
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