T. Bevc: Kulturgenese als Dialektik von Mythos und Vernunft

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Titel
Kulturgenese als Dialektik von Mythos und Vernunft. Ernst Cassirer und die Kritische Theorie


Autor(en)
Bevc, Tobias
Erschienen
Anzahl Seiten
406 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Birgit Hofmann, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Wie konnte es zum Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus kommen? Schon die Zeitgenossen/innen suchten darauf eine Antwort zu finden: Einige der deutschen linken und liberalen Intellektuellen interpretierten die nationalsozialistische Machtübernahme als ein generelles Versagen der Aufklärung. Unter ihnen befanden sich auch der Philosoph Ernst Cassirer und die Protagonisten/innen der ‚Frankfurter Schule’ wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Phänomen des Nationalsozialismus erklärten. Ihre Ansätze vergleicht der Politikwissenschaftler Tobias Bevc in seiner kenntnisreichen und lesenswerten Dissertation „Kulturgenese als Dialektik von Mythos und Vernunft“.

Ausgangspunkt der Arbeit ist die Beobachtung, dass beide theoretischen Zugänge versuchen, „die Ursachen für den Nationalsozialismus in Deutschland zu erkennen, zu benennen und dazu beizutragen, dass der Nationalsozialismus sich nicht wiederhole“ (S. 10). Cassirer und den Exponenten/innen der Kritischen Theorie sei die Grundidee gemeinsam, so Bevcs These, dass der kulturelle Fortschritt geprägt ist durch eine Dialektik von Mythos und Vernunft: „Der Prozeß der Kulturgenese bleibt immer ambivalent, ein Rückschlag in die Barbarei ist jederzeit möglich“ (S. 212). Bevc bedient sich einer sorgfältigen, vergleichenden Textexegese, um diese Grundannahmen zu untermauern. Den beiden Hauptteilen, die sich auf Cassirer einerseits und die Kritische Theorie andererseits verteilen, schaltet er ein kurzes Kapitel zum gemeinsamen zeitgeschichtlichen Erfahrungshorizont vor (S. 17-34). Hier werden entscheidende Einflussfaktoren umrissen, die Cassirer mit den Begründern der Kritischen Theorie – Bevc bezieht hier neben Adorno und Horkheimer auch Pollock, Marcuse etc. ein – teilte, wie etwa die Herkunft aus jüdischen bürgerlichen Familien, der Erste Weltkrieg, die Erfahrung der Weimarer Demokratie. Der biografische Hintergrund bleibt in seiner Kürze leider eher skizzenhaft.

Im ersten Hauptteil von Bevcs Arbeit (S. 34-211) wird zunächst die Genese und Funktion von Cassirers ‚Theorie der symbolischen Formen’ geschildert. Die symbolischen Formen, das sind für Cassirer die verschiedenen Ausprägungen menschlicher Kultur, wie Kunst, Religion, Sprache, Mythos, durch die sich der Mensch, ein ‚animal symbolicum’, die Welt erschließt.
Bevc bezieht in seine Studie auch die früheren Schriften Cassirers ein, wobei er Cassirers posthum erschienene und deutlich politische Schrift „Der Mythus des Staates“ [1] zentral setzt. Diese gehört zu den viel rezipierten Werken Cassirers, wobei Cassirer als dezidiert politischer Denker erst in den letzten Jahren in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. [2] Der Autor liegt also gewissermaßen im Trend der Cassirer-Forschung, wenn er Cassirer als politischen Denker liest. Bevc stellt dar, dass Cassirer die politischen Mythen als ein Hauptmerkmal der nationalsozialistischen Periode ansieht. Das Wiedererstarken der seit der Antike innerhalb der Philosophie zurückgedrängten Mythen wird schon vor dem Nationalsozialismus vorbereitet: Es beginnt Cassirer zufolge bereits in der Romantik (S. 162). Mit dem Scheitern der Französischen Revolution hätten gegenaufklärerische Tendenzen Schritt für Schritt wieder die Oberhand gewonnen. Als Wegbereiter der nationalsozialistischen Ideologie sieht Cassirer dann, laut Bevc, drei höchst unterschiedliche Denker: Carlyle, Gobineau und Hegel (S. 163). Sie hätten die „Trias der Bestandteile einer totalitären politischen Ideologie“ (ebd.), wie Bevc sie bezeichnet, hervorgebracht und, ohne dies indes zu wollen oder zu wissen, damit dem nationalsozialistischen Denken den Boden bereitet. [3] Die Nationalsozialisten/innen hätten auf diese denkerischen Grundlagen zurückgreifen können. Ihr Erfolg habe dabei darauf beruht, dass sie, wie Bevc unter Berufung auf Cassirer darlegt, „die politischen Mythen einführten. Die Gegner des Nationalsozialismus hatten den Kampf gegen den Nationalsozialismus schon verloren, bevor er eigentlich begonnen hatte, da sie seinen Kern und das eigentlich Anziehende und Verlockende an ihm verkannt hatten“ (S. 138). Allerdings sieht Cassirer diesen Siegeszug der Mythen nicht als alleiniges Produkt einer geistesgeschichtlichen Entwicklung. Vielmehr seien Inflation, Arbeitslosigkeit und der drohende Zusammenbruch der Weimarer Republik der Nährboden für eine Rückkehr der politischen Mythen gewesen (S. 176). Der Mythos habe im Nationalsozialismus alle anderen symbolischen Formen wie Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft oder Technik durchdrungen und sie sich nutzbar gemacht, was zu einer „Pathologie des Symbolbewusstseins“, dem Verlust der „Fähigkeit des Menschen zur symbolischen Distanzierung“ (S. 191f.) geführt habe.

Was bei Cassirer die ‚Pathologie des Symbolbewusstseins’ ist, entspricht für Bevc dem, was die Kritische Theorie den ‚Verblendungszusammenhang’ nennt (S. 356). Der Ansatz der Kritischen Theorie bildet den zweiten Hauptteil der Dissertation (S. 211- 343). Analog zur Darstellung der symbolischen Formen im ersten Teil untersucht Tobias Bevc auch für die Kritische Theorie die verschiedenen „Ordnungsvorstellungen“ wie Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft und beschreibt deren Instrumentalisierung bzw. Deformation durch die nationalsozialistische Ideologie. Hier finden sich insbesondere interessante Passagen zur Sprache während des Nationalsozialismus, bezüglich derer der Autor erstaunliche Parallelen zwischen Cassirer und Adorno/Horkheimer freilegt (S. 222-244). Im Zentrum der Ausführungen zur Kritischen Theorie steht die „Dialektik der Aufklärung“ [4], wobei Bevc diese durch eine breite Literaturbasis ergänzt. Bekannt ist die Denkfigur, welche Horkheimer/Adorno in ihrer Schrift „Dialektik der Aufklärung“ geprägt haben: „schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“(S. 6). Das Aufkommen des Nationalsozialismus ist für die Kritische Theorie damit im Gegensatz zu Cassirer weniger in den modernen Mythen begründet, sondern, so Bevc, „bei der in Furcht vor der Wahrheit erstarrenden Aufklärung selbst“ (S. 214). Der ‚Verblendungszusammenhang’ ist nicht, wie die ‚Pathologie des Symbolbewusstseins’ bei Cassirer, das Ende eines Prozesses, sondern immer gegeben, wie Bevc im Rückgriff auf Adorno herausarbeitet. Eine seiner Ursachen, die Kulturindustrie, wird allerdings im Nationalsozialismus nicht mehr durch den Primat der Ökonomie, sondern der Politik bestimmt; nun geht die Erfassung des Individuums lückenlos vonstatten (S. 350).

Bevc kommt zu dem Schluss, dass beide Theorien trotz nicht zu übersehender Unterschiede feststellten, „daß schon in der Weimarer Republik bzw. im Kapitalismus die Menschen nicht mehr fähig sind, die Realität unverstellt wahrzunehmen“ (S. 375). Der Nationalsozialismus kann also bereits auf bestimmte Charaktereigenschaften der Individuen bauen, denn es ist keineswegs nur das neue Herrschaftssystem selbst, welches die Menschen deformiert: Die Kritische Theorie hat hier mit empirischen Untersuchungen unter Einbeziehung der Psychologie – die von Cassirer interessanterweise gefordert wurde – Erhellendes zum „sado-masochistischen“ bzw. in den 1960er-Jahren sprichwörtlich gewordenen „autoritären“ Charakter beigetragen, wie Tobias Bevc darstellt (S. 314 ff.). Trotz dieser resignativen Diagnosen sieht er die bereits in der ursprünglichen (das heißt nicht habermasianischen) Kritischen Theorie angelegten Möglichkeiten, denkerisch der Verblendung entgegenzuwirken, insgesamt recht optimistisch.

Die Stärke und wissenschaftliche Neuheit der hier vorliegenden Arbeit liegt im Vergleich zweier Theorien, die in der Regel nicht zwangsläufig miteinander in Verbindung gebracht werden. Dieser Vergleich wird von Tobias Bevc auf hohem theoretischen Niveau, äußerst präzise und im Bemühen um größtmögliche Analogie, durchgeführt. Eine stärkere Einbeziehung der Struktur des Antisemitismus, die immer wieder am Rande erwähnt wird (z.B. S. 354) wäre möglicherweise zusätzlich fruchtbar gewesen. [5] Weiterhin ist anzumerken, dass Bevc mit äußerst langen Fußnoten arbeitet; teilweise verbergen sich hier aber eigene aufschlussreiche Wertungen des Autors, mit denen dieser sonst eher sparsam umgeht – diese hätten den Weg in den Haupttext verdient.

Tobias Bevc sieht seine Arbeit auch als ein „Werkzeug […], mit dessen Hilfe zukünftige Fehlentwicklungen der Kulturgenese der Menschen“ vermieden werden könnten (S. 362). Für Historiker/innen könnte die Anschlussfähigkeit der vorliegenden Arbeit darüber hinaus darin bestehen, zu untersuchen, in wie weit die Erklärungen der Kritischen Theorie und Ernst Cassirers zum Aufkommen und zum Wesen der nationalsozialistischen Herrschaft zeitgebunden waren, oder ob sie Erhellendes auch zur aktuellen historischen Forschung zum Nationalsozialismus beizutragen hätten.

Anmerkungen:
[1] Cassirer, Ernst, Vom Mythus des Staates, Zürich 1949.
[2] Zahlreiche Untersuchungen betonen inzwischen das politische Anliegen in Cassirers Werk; zu nennen ist hier z.B. der Sammelband des Philosophen Enno Rudolph: Rudolph, Enno (Hg.), Cassirers Weg zur Philosophie der Politik, Hamburg 1999. Für die Politikwissenschaft vergleiche die Arbeit von Ingeborg Villinger, die Ernst Cassirer überzeugend zur Interpretation politischer Vorgänge nutzt: Villinger, Ingeborg, Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen und die Medien des Politischen: mit einer Studie zum Demonstrationsritual im Herbst 1989, Würzburg 2005.
[3] Um Hegel hier nicht Unrecht zu tun, vergleiche die differenziertere Analyse Bevcs auf S. 173.
[4] Horkeimer, Max; Adorno, Theodor W., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1988.
[5] Als eine Arbeit, die diesen Aspekt ins Zentrum rückt vgl.: Stein, Eva, Subjektive Vernunft und Antisemitismus bei Horkheimer und Adorno, Oldenburg 2002.

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