A. Schildt: Die Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland

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Titel
Die Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland bis 1989/90.


Autor(en)
Schildt, Axel
Reihe
Enzyklopädie deutscher Geschichte 80
Erschienen
München 2007: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
XII, 156 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Lesczenski, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Einen Band für die Reihe „Enzyklopädie deutscher Geschichte“ zu verfassen kommt in mancher Hinsicht einem Wagnis gleich. Die Aufgabe, die historischen Erkenntnisse auf sehr knappem Raum darzulegen („Enzyklopädischer Überblick“) sowie den Gang der Forschung einschließlich seiner noch weißen Flecken zu skizzieren („Grundprobleme und Tendenzen der Forschung“), fordert den Autoren breite Literaturkenntnis, darstellerisches Geschick und insbesondere den Mut zur Lücke ab. Dies gilt besonders, wenn es sich – wie bei Axel Schildts Werk zur Sozialgeschichte der „alten“ Bundesrepublik, das den bemerkenswerten Boom von Gesamtdarstellungen zur Geschichte der Bundesrepublik in der aktuellen Forschung unterstreicht[1] – um einen Untersuchungsgegenstand mit „unscharfen Rändern“ handelt (S. XI). Für Schildt ist Sozialgeschichte „mehr als das Nachzeichnen sozialer Strukturen“, da sie mit den ökonomischen Prozessen „und den kulturellen Ausdrucksformen, das heißt letztlich mit der menschlichen Praxis“, aber auch mit der Gesellschaftspolitik und der „Ordnung des Sozialen“ in einem engen Zusammenhang stehe (ebd.). Entsprechend wird in der chronologisch gegliederten Darstellung zum einen die Bevölkerungsentwicklung sowie der wirtschaftliche und soziale Strukturwandel beleuchtet, zum anderen der Schwerpunkt auf die Themenfelder Konsum und Freizeit, Massenmedien und Jugend(kultur) gelegt.

Souverän beschreibt Schildt die Kriegsfolgen, die gesellschaftlichen Zustände und sozialen Nöte der unmittelbaren Nachkriegszeit, um anschließend die sozialhistorischen Befunde zu den 1950er- und 1960er-Jahren zu entfalten. Die Frühgeschichte der Bundesrepublik und die Konturen der „Gesellschaft im Wiederaufbau“ (S. 12), die im Zeichen des Bevölkerungswachstums, eines beschleunigten Wandels der Wirtschaftssektoren, des zunehmenden Wohlstands, der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen sowie einer „neuen Jugendgeneration“ stand, welche um 1940 geboren wurde und „nach eigenen Wegen zur kulturellen Abgrenzung von den Erwachsenen suchte“ (S. 29), sind mittlerweile breit aufgearbeitet. Die „kurzen 1950er-Jahre“ stehen nach Ansicht Schildts zusammenfassend „für eine sich im Wiederaufbau mit zunehmend rascherem Tempo modernisierende Gesellschaft, die große Integrationsprobleme auf unterschiedlicher Ebene zu lösen hatte, in der aber auch deshalb enorme Potenziale einer Orientierung am Altvertrauten vorhanden waren, die nicht zuletzt die politische Kultur prägten“ (S. 79).

Die Deutung der „langen 1960er-Jahre“ als einer „Phase tiefgreifender Transformation“, als eines „Transformationsraums“, der von den ausgehenden 1950er- bis in die frühen 1970er-Jahre reichte und die Bundesrepublik „in eine postindustrielle Gesellschaft von ungekanntem Wohlstand führte“ (S. 30), dürfte mittlerweile breite Zustimmung erfahren. Die Bevölkerungszahlen stiegen nochmals, der sektorale Wandel und die „Feminisierung des tertiären Sektors“ (S. 36) schritten voran, bei verkürzten Arbeitszeiten stiegen die Löhne und die Freizeit, Konsum und Geschmack verfeinerten sich. Die immer deutlicher erkennbaren Umrisse einer Konsumgesellschaft, der Durchbruch „zur automobilen Gesellschaft“ (S. 44), die Anfänge des Massentourismus, der Wandel der Bundesrepublik „von der Radio- zur Fernsehgesellschaft“ (S. 47), wachsende kulturelle Konflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, die 1968 im antiautoritären Protest mündeten, unterstreichen zusätzlich, wie sich die bereits in den Jahren des Wiederaufbaus einsetzende Modernisierung ausweitete.

Der „postindustriellen Transformationsphase der 1960er-Jahre“ folgte schließlich seit etwa 1973/74 ein „neues Kapitel“ in der westdeutschen Sozialgeschichte (S. 54) – eine Lesart, die von der neuesten zeithistorischen Forschung geteilt wird. Zwischen 1970 und 1990 stieg die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik weit weniger als in den vorhergehenden beiden Jahrzehnten, wobei der Rückgang der Geburten zudem eine veränderte Altersstruktur der Gesellschaft ankündigte. Der ökonomische Strukturwandel, die Tertiarisierung der Volkswirtschaft, die Krise auf dem Arbeitsmarkt und die neue Erfahrung von auch längerer Arbeitslosigkeit, partiell wachsende soziale Ungleichheiten, die Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen, die in der wachsenden Zahl von Ein-Personen-Haushalten und nichtehelichen Lebensgemeinschaften zum Ausdruck kommt, prägten Gesellschaft und Wirtschaft in Westdeutschland seit Mitte der 1970er-Jahre ebenso wie wachsende Ausgaben für Freizeit und Urlaub, die „weitere Ausdifferenzierung jugendkultureller Szenen“ (S. 64), der unwiderrufliche Durchbruch der Bildungsexpansion, die „mediale Revolution“ (S. 62) und der unaufhaltsame Aufstieg der elektronischen Massenmedien. Überdies markieren gerade die 1970er-Jahre „die wohl entscheidende Dekade weiblicher Emanzipation in der Geschichte der Bundesrepublik“ – getragen von einer „neuen Frauenbewegung“, die etwa herkömmliche Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen kritisierte und eine „feministische Gegenkultur“ entwarf (S. 55). Dabei spiegeln sich in der Sozialgeschichte Westdeutschlands, so Schildt, „grundlegende Muster industriegesellschaftlicher, postindustrieller und wohlfahrtsstaatlicher Trends“, die mehr oder weniger alle westeuropäischen Gesellschaften trafen (S. 66).

Für eine zusammenfassende Charakterisierung des „neuen Kapitels“ in der Sozialgeschichte ist es laut Schildt aus naheliegenden Gründen zu früh, steckt die Forschung zur jüngsten Zeitgeschichte doch fast noch in den Kinderschuhen. Schlagwortartige Interpretationen bleiben zur Zeit (noch) den Sozialwissenschaften vorbehalten, die sich mit Axiomen wie „postindustrielle Gesellschaft“, „Dienstleistungsgesellschaft“, „postmoderne“, „Medien-“, „Erlebnis-“ oder „Risikogesellschaft“ darum bemüht haben, die neuen Charakteristika der Bundesrepublik seit den frühen 1970er-Jahren analytisch zu umreißen. Obgleich manchen Überlegungen ein „Anregungscharakter“ nicht abzusprechen ist (S. 83), warnt Schildt zurecht davor, die Deutungsangebote der Sozialwissenschaften voreilig zu adaptieren. Ihre diversen Theoriemodelle seien „hochgradig aggregierte Konstrukte“, die auch bei „zusätzlicher Einbeziehung sozialstatistischer Kriterien“ in „grundsätzlicher disziplinärer Distanz zur Sozialgeschichte“ stünden (S. 85).

Um die Trends von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in den 1970er- und 1980er-Jahren aus explizit sozialhistorischer Perspektive einzufangen, hält Schildt indes das Paradigma der „Konsumgesellschaft“ für anschlussfähig, das „die qualitativ gestiegene Bedeutung der Reproduktionssphäre in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt“. Der konsumhistorische Zugriff sei darüber hinaus geeignet, eine „Brücke zu einer kulturhistorisch informierten Wirtschaftsgeschichte [...] wie zur Alltagsgeschichte, der Veränderung von Lebensstilen etwa hinsichtlich der Einrichtung und Nutzung von Stadt- und Wohnräumen, zu schlagen“. Ferner leiste der konsumgeschichtliche Blick einen „Beitrag zur Verbindung der Zeitgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit [...] der neueren europäischen als auch amerikanischen Geschichte“. Schließlich eröffne die Analysekategorie der „Konsumgesellschaft“ die Möglichkeit, die „Sozialgeschichte der Zwischenkriegszeit mit der Geschichte der Nachkriegszeit, etwa hinsichtlich der Debatten um die ‚Modernität’ in der Zeit des NS-Regimes“, zu verklammern (S. 84).

Die Forschungslandschaft zur Sozialgeschichte der Bundesrepublik lässt sich allerdings nicht nur durch konsumgeschichtliche Studien bereichern. Die von Schildt angerissenen Desiderate der jüngeren Zeitgeschichte sind umfangreich, das Panorama weiterführender Fragestellungen ist vielfältig. Die Sozialgeschichte der westdeutschen Angestellten, der Beamten, der Lehrerschaft oder auch der freien Berufe ist bislang noch nicht geschrieben worden. Es fehlen sozialhistorische Arbeiten zu den Rentnern, zu den Unterschichten, zur Erwerbslosigkeit, aber auch – trotz erster vielversprechender Ansätze – zu den Eliten, zur „Geschichte des Reichtums und luxurierender Lebensweisen“ (S. 97) sowie zur Bildung und Ausbildung. Die Liste offener Forschungsfragen, die bis hin zur „Transnationalisierung“ der westdeutschen Sozialgeschichtsschreibung reichen, ließe sich ohne Mühe verlängern.

Erst wenn einige dieser Lücken geschlossen sind, wird sich auch die grundlegende Frage differenziert beantworten lassen, ob die westdeutsche Gesellschaftsgeschichte eher als „Erfolgs- oder Problemgeschichte“ zu schreiben ist. Die sozialhistorische Bilanz der bisherigen Forschung ist, so Schildts Fazit, nicht frei von Ambivalenzen. Die 40-jährige friedliche Entwicklung der Bonner Demokratie, die Etablierung einer alles in allem stabilen Demokratie, einer modernen, dem liberal-westlichen Wertekanon verpflichteten Gesellschaft, einer langen Phase wachsenden Wohlstands und neuer kultureller Entfaltungschancen sind für Schildt verlässliche Indikatoren für den „Erfolgscharakter“ der „alten“ Bundesrepublik (S. 86). Gleichzeitig lasse der sozialhistorische Zugriff „nicht nur die erfolgreiche Bilanz, sondern auch deren inhärente Probleme [...] eindrucksvoller hervortreten“. Die Strukturprobleme des Sozialstaats, neue Formen von Armut, die Wohnungsnot oder die Ausländerfeindlichkeit verwiesen auf „dunkle Seiten“ der westdeutschen Gesellschaftsgeschichte, die allerdings kein Grund dafür seien, eine den Erfolg der Bundesrepublik akzentuierende Sozialgeschichte „gänzlich umzuschreiben“ (S. 87).

Anmerkung:
[1] Neuere Synthesen: Rödder, Andreas, Die Bundesrepublik Deutschland 1969–1990, München 2003; Görtemaker, Manfred, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 2004; Jarausch, Konrad H., Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945–1995, München 2004; Wolfrum, Edgar, Die Bundesrepublik Deutschland 1945–1990, Stuttgart 2005; ders., Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006; Wirsching, Andreas, Abschied vom Provisorium. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982–1989/90, Stuttgart 2006. Aus wirtschaftshistorischer Perspektive: Abelshauser, Werner, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.02.2008
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