Cover
Titel
Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH


Autor(en)
Giesen, Rolf
Erschienen
Anzahl Seiten
166 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Volker Petzold, Berlin

Die Faszination des Animationsfilms scheint ungebrochen, gestern wie heute. Ziemlich genau 100 Jahre alt ist die Kunst, gezeichnete Figuren wie von Geisterhand bewegt über Papier und Folien gleiten oder Puppen ohne Fäden und Stäbe in Kulissen agieren zu lassen. Heute sind es zumeist Bits und Bytes, die auf virtuellen Folien und digitalen Matrizen animierte Algorithmen vorantreiben. Einst wollte Deutschland auf dem Trickfilm-Terrain Vorreiter in der Welt werden. In diesem Fall ausnahmsweise nur mit den „Waffen der Kunst“.

Der Berg kreißte und gebar einen Kanarienvogel. So möchte man kurz und in leichter Abwandlung des zum geflügelten Wort avancierten Horaz-Zitates die Aktivitäten der Deutschen Zeichenfilm GmbH (DZF) umreißen. Mitten im Krieg und mitten im Völkermord an Juden und anderen, nur wenige Wochen nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion, leistete sich das Goebbels’sche Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda am 7. August 1941 die Gründung eines Betriebes zur Herstellung von gezeichneten Animationsfilmen unter dem Dach der Universum Film AG (UFA). Vorangegangen waren interne „Liebeserklärungen“ von Adolf Hitler und Joseph Goebbels an die Adresse des farbigen Disney-Zeichentrickfilms „Snow White and the Seven Dwarfs“ (USA 1937) sowie die geschäftlich letztlich erfolglosen Bemühungen, dieses abendfüllende Werk in die deutschen Kinos zu bringen. Vorangegangen war ebenso das stetige Wachsen einer kleinen und zersplitterten, aber effizienten Trickfilmwirtschaft seit den späten 1920er- und den 1930er-Jahren. Für diese standen Namen wie Hans Fischerkoesen, Wolfgang Kaskeline, Curt Schumann oder Werner Kruse und an deren Produktionsketten-Ende kürzere Werbe- oder unterhaltende Kino-Beifilme . Während es Hitler und seinen Gefolgsleuten gelang, die allgemeine Filmwirtschaft lange Zeit sehr erfolgreich am Leben zu erhalten, geriet der Aufbau einer zentralisierten Produktion für animierte Zeichenfilme zum Flop. Der Traum, mit der Schaffung eines eigenen, deutschen Langmetrage-Filmes so etwas wie „Schneewittchen“ quasi „heim ins Reich zu holen“ und dem Disney-Konzern auf künstlerischem Gebiet Paroli zu bieten, scheiterte kläglich.

Der Filmhistoriker Rolf Giesen hat nun diese Geschichte höchst anschaulich zu Papier gebracht. Er hat dies nicht das erste Mal getan. Schon vor knapp einem Jahrzehnt veröffentlichte er gemeinsam mit dem Sammler und Forscher J. P. Storm im englischen Sprachraum eine umfängliche Untersuchung zum Animationsfilm im Nationalsozialismus mit speziellem Fokus auf die DZF.[1] Auch Carsten Laqua[2] und Günter Agde[3] haben sich bereits ausführlich zum Thema geäußert. Giesens nunmehrige Erzählung über die einer „teutonischen Gigantomanie“ (S. 50) entsprungenen Produktionsgesellschaft bezieht erklärtermaßen und ausdrücklich Recherche- und Forschungsergebnisse von J. P. Storm mit ein. Neben Dokumenten und Bildmaterial handelt es sich dabei insbesondere um zwischen 1988 und 2014 auf Tonträgern aufgezeichnete Zeitzeug:innengespräche mit an der Zeichenfilm-Produktion beteiligten Protagonist:innen. Insgesamt können in Giesens beiden Publikationen knapp 30 Interviews registriert werden, die dieser ausgewertet, transkribiert und in weiten Teilen zitiert hat. Im vorliegenden Buch wird davon allein ein Drittel einbezogen. Gerade die zum ersten Mal in deutscher Sprache und in ungewohnter Länge veröffentlichten Gesprächsteile, an Hand derer Giesen seinen fesselnden Report ausbreitet, macht den außergewöhnlichen Reiz der neuen und lebendigen Veröffentlichung aus. Giesen hat damit dem in bisherigen Publikationen vorhandenen akademischen Skelett Fleisch und Sehnen gegeben, es gewissermaßen „lebendig“ gemacht.

Einen der tonangebenden Strippenzieher der DZF-Aktivitäten und damaligen Chef der Firma, den vormaligen Fleisch- und Wurstwarenfabrikanten Karl Neumann, Geburts-Jahrgang 1900, hätte Storm aus rein biologischer Sicht auch noch vor das Mikrofon bekommen können. Allein, der sich als Nazifunktionär hochgediente Neumann entzog sich bereits 1945 in einem Internierungslager allen irdischen Gerichtsbarkeiten. Doch neben anderen DZF-Persönlichkeiten konnte Storm sich vor allem mehrmals mit dem ehemaligen Chefzeichner und Künstlerischen Leiter Gerhard Fieber unterhalten, der das einzige vollendete Produkt des Betriebs, die kaum zwanzigminütige Animation „Armer Hansi“, mit in die Welt gesetzt hatte: die Geschichte eines gefangenen Kanarienvogels. Der Film gelangte im Oktober 1943 in die Kinos. Vordem bemühten sich die Verantwortlichen der soeben gegründeten neuen Gesellschaft um vielerlei Themen und Stoffe. Eines der ersten unter den Projekten war die Umsetzung des Bestsellers „Die Biene Maja“ von Waldemar Bonsels aus dem Jahre 1912, freilich in der DZF aus vielerlei Gründen nicht realisiert; eine der vielen Geschichten, die Giesen faktenreich erzählt und an die speziell der Buchtitel erinnert.

Die DZF beschäftigte in ihren ersten beiden Jahren zwischen 100 und 300 Fachkräfte, umgesetzt hat sie ein paar Millionen Reichsmark. Ein erster abendfüllender Film war für 1950 geplant. Allerdings endete ihre Geschichte nicht an ihrem angestammten Ort Berlin, wo sie sich zunächst in der Rosenthaler Straße, dann mit einer Lehrwerkstatt in einem der beiden Behrens-Bauten am Alexanderplatz und schließlich unweit davon in einer vormaligen jüdischen Schule auf dem Synagogengrundstück in der Kaiserstraße breit machte. Bombenschäden erzwangen schließlich die Aufgabe der Gebäude, eine Stilllegung des Betriebs wurde angeordnet – doch irgendwie konnte Fieber einen Umzug nach Dachau bei München durchsetzen, um einen nächsten Film zu vollenden: die Hundegeschichte „Schnuff, der Nieser“. Ein Künstlererholungsheim bot der Zeichenfilm-Riege Unterkunft und Arbeitsmöglichkeiten – gezwungenermaßen. Warum gerade dorthin, bleibt unbeantwortet. Man schuf und man amüsierte sich, mitten in der Endphase des Völkerschlachtens, nicht weit entfernt vom Konzentrationslager. Etwas „schrecklich“ sei es schon gewesen, wie eine ehemalige Mitarbeiterin von sich gibt. Giesen fragt sich im Buch zu Recht: „schrecklich für wen?“ (S. 89). Der Zusammenbruch Nazideutschlands bereitete auch dem Filmprojekt zunächst ein Ende – doch der geschäftige Fieber hob das unfertige Material sorgsam auf.

Rolf Giesen hat schließlich, flankiert von Kurzporträts, den Einfluss der DZF und den Lebensweg einiger ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bis tief hinein ins Nachkriegsdeutschland verfolgt. In Berlin empfahl sich der zurückgekehrte Fieber 1946 der gerade in Gründung befindlichen Deutschen Film AG (DEFA). Dort schaffte er es mit der wie ein Phönix buchstäblich aus der Asche auferstandenen DEFA-Abteilung Zeichenfilm, den „Schnuff“-Film fertigzustellen, der nun „Purzelbaum ins Leben“ hieß. Alsbald ging er in den Westen, brachte dort mit Ach und Krach als ersten deutschen Langmetrage-Zeichentrickfilm die Wilhelm-Busch-Umsetzung „Tobias Knopp“ in die Kinos, um später kräftig bei den „Mainzelmännchen“ des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) mitzumischen. Auch das Leben und Wirken von Hans Fischerkoesen zeichnet der Autor anschaulich nach, dem deutschen Werbekönig, der zwar nie für die DZF wirkte, dennoch parallel in Nazi-Deutschland kräftig produzierte. Nach kurzem Zwischenspiel mit Internierung in der Sowjetischen Besatzungszone startete er im westlichen Teil Deutschlands eine zweite Karriere. Werner Kruse, einige Zeit Chefzeichner bei der DZF und dann wegen seiner jüdischen Ehefrau entlassen, gelang nach dem Krieg mit eigener Firma ein fulminanter Wurf mit der Werbespot-Serie „HB-Männchen“, an welcher der aus Chemnitz stammende Roland Töpfer enormen kreativen Anteil hatte.

Was in dieser Hinsicht aufgrund neuerer Recherchen zu Giesens Ausführungen zu ergänzen wäre: Horst von Möllendorff, begnadeter Karikaturist und als fulminanter Geschichtenerfinder wichtiger Motor von künstlerischen Filmprojekten auch der DZF, feierte sein Comeback mitnichten erst in den 1950er-Jahren mit einer regelmäßigen Kolumne im „Stern“ (S. 144). Bereits unmittelbar nach Kriegsende tat er sich in der im Osten der Stadt beheimateten „Berliner Zeitung“ als Karikaturist hervor und zeichnete dort über zwei Jahre lang unter anderem die beliebte Comic-Strip-Serie „Berlin ohne Worte“.

Im Gegensatz zu Gerhard Fieber sei Maler und Zeichner Bernhard Klein ein nicht mit den Nationalsozialisten sympathisierender DZF-Mitarbeiter gewesen, wie Giesen vermerkt (vgl. S. 140). Inwieweit er nach dem Krieg für Hans Fischerkoesen tätig war sei dahingestellt. Auf jeden Fall wurde Klein unmittelbar nach Kriegsende als Professor für Bühnenbild an die Meisterschule für das Kunsthandwerk Berlin-Charlottenburg berufen, der späteren Hochschule der Künste. Dort begründete er „nebenher“ auch die „Zeichentrickklasse“, die für ganze Generationen von Animations-Filmemacherinnen und Filmemachern im Westen zur Ausbildungsplattform wurde. Pate gestanden haben für Kleins Bemühungen dürfte wohl nicht zuletzt die umfängliche Trickfilm-Ausbildung der DZF, sicher deren nachhaltigste Aktivität. Einer der ersten Absolventen von Kleins Zeichentrickklasse war 1950 auch Lothar Barke, den es alsbald nach Babelsberg verschlug und der schließlich mit seinem Wirken als Regisseur im DEFA-Studio für Trickfilme Dresden wichtige Impulse für den Aufbau der Zeichentrickfilm-Produktion in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gab.

In einem Schlusskapitel reflektiert Giesen die zwiespältigen Bemühungen nazideutscher Kreise, bis zum Kriegsende in weiten Teilen Europas eine Animationsfilmindustrie mitzubegründen und unter ihre Kontrolle zu bringen. Den Grund dafür zu suchen, dass sich bis heute der Traum nicht erfüllt hat, zumindest im europäischen Animationsfilm eine führende Rolle zu behaupten, wäre allein schon Stoff für ein neues Buch.

Anmerkungen:
[1] Rolf Giesen / J. P. Storm, Animation Under the Swastika. A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945, Jefferson 2012.
[2] Carsten Laqua, Wie Micky unter die Nazis fiel. Walt Disney und Deutschland, Hamburg 1992.
[3] Günter Agde, Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897, Berlin 1998.

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Veröffentlicht am
12.07.2021
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