T. Frasch: Zwischen Selbstinszenierung und Rezeption

Cover
Titel
Zwischen Selbstinszenierung und Rezeption. Carl Schmitts Ort in der Bundesrepublik Deutschland


Autor(en)
Frasch, Timo
Erschienen
Anzahl Seiten
155 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhard Mehring, Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

Das hier zu besprechende knappe Buch ist die „überarbeitete Fassung einer Magisterarbeit“ (S. 155) für Politikwissenschaft. Das Thema ist heikel. Frasch will Carl Schmitt zwischen Selbstinzenierung und Rezeption orten. Wie konnte ein derart „esoterisches“ Werk eine derartig breite und tiefe Wirkung entfalten? Frasch verlegt ein offenbares Rätsel unserer Tage – die breite Wirkung Schmitts – gewissermaßen in dessen Neustart nach 1945 zurück. Er geht Schmitts „Selbstinszenierung“ nach 1945 nach, sucht deren „Substanz“ in der „Politischen Theologie“ und verweist für die Rezeption insbesondere auf das Werk Hermann Lübbes. Der Band dokumentiert im Anhang ein längeres Interview mit Lübbe vom 17. Juni 2004. Die „Substanz“ dieses Büchleins ist nicht zuletzt im Interview zu finden.

Die Fragestellung ist zweifellos gewichtig. Durch Dirk van Laak[1] wurde sie auf der Grundlage des Nachlasses sehr prägnant neu entdeckt. Eine anerkennende Besprechung von Jürgen Habermas machte van Laaks Studie rasch bekannt. Zahlreiche weitere Arbeiten schlossen an, die die Filiationen und Transformationen der Rezeptionen bis in feine Verästelungen hinein untersuchten. Besonders wichtig ist hier die Arbeit von Frieder Günther[2] über die Formierung der staatsrechtlichen Schulen der frühen Bundesrepublik. Die Publikation zahlreicher Briefwechsel verbreiterte die Quellenbasis. Der umfangreiche Nachlass Schmitts wurde verstärkt zur Fundgrube.

Frasch stützt sich nicht auf den Nachlass. Nur das Interview trägt er als neue Quelle bei. Auf knappem Raum sondiert er anhand der „Bekenntnisschriften“ „Ex Captivitate Salus“ und dem „Glossarium“ einige Strategien, Ziele und Widersprüche Schmitts und analysiert die „Substanz“ der „Politischen Theologie“ dann anhand Schmitts letzter Schrift „Politische Theologie II“. Durchgängig zitiert Frasch bisweilen etwas willkürlich und knapp einen breiten Korpus von Sekundärliteratur herbei, wobei er Lob und Tadel reichlich und gelegentlich vorschnell verteilt. Im Stile einer Magisterarbeit weist er breite Kenntnisse der Literatur durch zahlreiche knappe Zitate nach, ohne doch überall mit analytischer Ruhe zur echten Gelehrsamkeit und philologischen Entdeckung zu gelangen. Günter Maschke sprach einmal von einem „Irrgarten Carl Schmitts“.

Ich muss gestehen, dass ich als Rezensent dieses Büchleins etwas befangen bin und mich bei eigenen Vergangenheiten und Schwächen ertappt finde. So ähnlich arbeitete auch ich den Stoff vor zwei Jahrzehnten wie ein Literaturwissenschaftler auf. Und vielleicht stecke auch ich noch im Labyrinth. Einen klaren Schritt von den Inszenierungen zur „Substanz“, den Frasch als Aufgabe immerhin sieht, machen nur selbständige Köpfe. Fast zwangsläufig müssen Magisterarbeiten an den Tiefen und Untiefen des Themas scheitern. Es bedarf einer großen Gelehrsamkeit und eines sicheren moralisch-politischen Urteils, um Schmitts „Selbstinszenierung“ einen sachlichen Gehalt abzugewinnen. Gleiches gilt für das doppelbödige und überdeterminierte Schlusswerk „Politische Theologie II“ und die Kontroverse mit Hans Blumenberg. Schnellschüsse aus der Sekundärliteratur und forsche Einschätzungen ihres Ertrags genügen nicht mehr. Die Textbefunde sind heute einigermaßen aufgearbeitet. Man muss sich beschränken und spezielle Themen monografisch aufarbeiten. Schmitts Kontroverse mit Blumenberg wäre für sich genommen schon ein wichtiges Dissertationsthema. Materialien dazu werden gerade aus den Nachlässen ediert.

Wer nicht nur als Historiker/in herangeht, sondern Schmitt auch als Theoretiker nutzen will, braucht klare Positionen und Begriffe. Hermann Lübbe machte es vor. Sein Interview ist auch ein pädagogisches Lehrstück über den Umgang mit Schmitts Werk. Lübbe akzeptierte die politischen Tabus im persönlichen Umgang mit Schmitt; er verlangte keine moralischen Bußrituale, die nur bei der privaten, intimen Verzeihung am Platz wären; er sah in Schmitt einen Romantiker der „Vereigentlichung der menschlichen politischen Existenz durch Ausnahmelagen“ (S. 144) und rezipierte ihn eklektisch und sachlich. Er ignorierte Schmitts „Politische Theologie“ (S. 150) und die Ausbuchstabierung von Schmitts Selbstverständnis als Forschungsleistung und mahnt damit nicht nur einen jungen Autor wie Frasch. Lübbe betrachtete Schmitt als „Zeitzeugen“ (S. 140). Es bleibt weiter zu fragen, welches Gegenlicht Schmitts Erfahrungen heute auf die Bundesrepublik werfen.

Anmerkungen:
[1] Van Laak, Dirk, Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik, Berlin 1993.
[2] Günther, Frieder, Denken vom Staat her. Die bundesdeutsche Staatsrechtslehre zwischen Dezision und Integration 1949-1970, München 2004.

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Veröffentlicht am
07.12.2006
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