P. Hersche: Muße und Verschwendung

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Titel
Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter


Autor(en)
Hersche, Peter
Erschienen
Freiburg 2006: Herder Verlag
Anzahl Seiten
1206 S.
Preis
€ 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dominik Sieber, Institut für schweizerische Reformationsgeschichte, Universität Zürich

Konsum als Event und Work-Life-Balance als Leistungsspagat: Solche atemlosen Diagnosen der Gegenwart stoßen auf erstaunliche Antworten in „Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter“ von Peter Hersche, emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Bern. Seine Synthese eigener und europäischer Forschung präsentiert die katholische Kultur der Frühen Neuzeit als alternativen Pfad in die Moderne, der auf den Spuren von Max Webers berühmten Zwillingen Kapitalismus und Protestantismus beschritten wird. Gleichzeitig interessiert Hersche, ob die katholische Welt die gleiche Entwicklung durchlief, welche die Konfessionalisierungsforschung für alle nachreformatorischen Konfessionen behauptet: Hat das Konzil von Trient (1545-1563) tatsächlich zu einer Disziplinierung des Lebens geführt, aus der auch im Katholizismus gläubige Untertanen der Moderne hervorgegangen sind? Das sind Fragen, die Hersche antreiben – und die derart umfassend in seinem Buch zum ersten Mal dargestellt werden.

Nach einem Grundlagenkapitel zeichnet Hersche in „Sozialgeschichte“ (S. 214-439) das Bild einer ländlichen Gesellschaft, in der das Bürgertum eine untergeordnete Rolle spielte und der Adel von seinen Renten lebte, statt das Geld in neuen Geschäften anzulegen. Der Klerus nahm bis Mitte des 18. Jahrhunderts zu, verblieb aber unter 5% Bevölkerungsanteil, mit mehrheitlich schlecht bepfründeten Geistlichen, die zu Nebenjobs gezwungen waren. Klerikaler Prunk und das Priesterkonkubinat sorgten ebenfalls dafür, dass der „professionelle“ Geistliche ein tridentinisches Reformideal blieb, was der Bevölkerung freilich wenig missfiel, solange zentrale Riten (Sterbesakramente) gewährt waren. Bestimmend für das religiös-alltägliche Leben waren Bruderschaften mit ihren Sicherheiten fürs Diesseits und Jenseits und einer (übersprudelnden) Geselligkeit, die sich etwa zeigte, wenn eine spanische Bruderschaft an Fronleichnam einen Weinbrunnen aufstellte, eine andere einen Tanzmeister organisierte und die dritte einen Stierkampf finanzierte (S. 417f.). Katholische Konfession blieb so – vor allem im Süden – immer auch eine „Straßenreligion“ (Teófanes Egido), öffentlich sichtbar und wirksam, wozu Frauen, etwa durchs Rosenkranzbeten, entscheidend beitrugen.

Im Teil „Wirtschaftsgeschichte“ (S. 441-666) analysiert Hersche im Anschluss an Alfred Müller-Armack [1] die materielle Rückständigkeit der katholischen Gebiete, die schon den (protestantischen) Reisenden des 18. Jahrhunderts auffiel. Hersche charakterisiert sie als Produkt einer besonderen Ökonomie. „Gold und Silber suche ich nicht tiefer als die Pflugschar reicht“ (S. 458), meinte etwa der Paderborner Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg um 1600: Katholiken investierten lieber in Landbesitz, während der Handel auf Ablehnung stieß – auch deshalb fand die Protoindustrialisierung anderswo statt. Viel barockes Geld floss zudem in kirchliche Stiftungen ab. Was übrig blieb, wurde kaum gespart, sondern ausgegeben, ja ostentativ verschwendet, was dem Kirchenbau zu Gute kam. Das Kunsthandwerk behielt deshalb im Katholizismus einen goldenen Boden, „Kult und Geld“ (S. 586) trennten die Konfessionen. Während man sich diese ‚Verschwendung’ leisten können musste, war die Präferenz zur Muße Allgemeingut: Katholiken arbeiteten „nicht aus Liebe dazu – eine Forderung der neuen protestantischen Arbeitsethik – sondern bloß, weil sie es zur Existenzsicherung mussten“ (S. 607). Dabei kamen ihnen die vielen Feiertage entgegen, im Mittelmeerraum bis 80 pro Jahr, die dem bäuerlichen Arbeitsrhythmus angepasst waren: Mehrarbeit hätte, darauf macht Hersche klug aufmerksam, gar nichts gefruchtet, das Klima verlangte Pausen von der ländlichen Arbeit, Erholung war überlebensnotwendig. Nicht aus Faulheit wehrten sich somit Untertanen gegen die Abschaffung von Kirchenfesten – und fanden dabei Unterstützung im barocken Verständnis für den Ausnahmezustand: Denn die Ordnung am Fest auch einmal schleifen zu lassen, war Teil zeitgenössischer Lebenskunst – und wegen seiner Ventilfunktion zugleich eine geschickte Herrschaftsstrategie.

„Kultur- und Mentalitätsgeschichte“ (S. 667-890) geht dieser flexiblen Verbotspraxis weiter nach. Ein Meisterstück ist dabei das Kapitel „Leben ohne Plan“ (S. 748-793), womit Hersche die sorglose Einstellung bezüglich Zeitplanung und Sicherheitsdenken umschreibt: Es regierte im Barock das In-den-Tag-Leben, die Präferenz für Spirituelles, Soziales und Kulturelles, letztlich Gelassenheit angesichts der Risiken des Lebens. Versicherung oder Vorratshaltung blieben lange protestantische Errungenschaften. Mit der Gelassenheit ging eine andere Einstellung zur Armut einher, die Katholiken früh als „Arbeitslosenproblem“ (S. 770) erkannten, statt sie allein als Produkt von Faulheit zu stigmatisieren. Auch half die Religion den Armen, da sie als Fürbitter heilsökonomisch notwendig und gesellschaftlich akzeptiert blieben. Als weitere Themen kommen zur Sprache: Die als „religiöses Freizeitvergnügen" (S. 794-845) charakterisierten Wallfahrten, die eine günstige „Komplementärmedizin“ (S. 835) boten, sowie „Bildung, Wissenschaft, Magie" (S. 845-890), mit einer katholischen Rückständigkeit im Wissenschaftsbetrieb, sieht man von der frühen Mädchenbildung ab. Blendend ist schließlich Hersches Skizze zur Magie (S. 873-879): Verbotene Praktiken wurde im Barock via Sakramentalien verkirchlicht, so dass eine kirchliche „Halbmagie“ (S. 873) entstand; Aberglaubensdebatten fanden deshalb hauptsächlich im Protestantismus statt. Die Wirksamkeit einer elastischen katholischen Machtpolitik zeigte sich auch hier.

In „Schlussfolgerungen, Übergang und Ausblick“ (S. 891-1078) plädiert Hersche für das Comeback eines sozial- und kulturgeschichtlich erweiterten Barockbegriffs, an Stelle der politgeschichtlich orientierten Epochenlabel „Gegenreformation“ oder „Absolutismus“. Wer es prägnant haben will, findet hier zudem in 18 Thesen die Zusammenfassung des Buches (S. 943-947). Katholische Aufklärung und der Josephinismus brachten schließlich die große Ernüchterung: Muße und Generosität wurden nun als Müßiggang und Verschwendung verunglimpft, und nach der Französischen Revolution steigerten sich katholische Inferioritätsgefühle weiter. Der Antimodernismus orientierte sich zwar nochmals an barocken Formen, nun aber sparsam, in von oben verordneter Dosis, bis nach dem 2. Weltkrieg das Barocke endgültig erodierte. Kritik an der Moderne entstand jetzt in sozialen Bewegungen, die anfänglich protestantischer Herkunft waren. Katholiken dagegen hatten das Vorurteil, rückständig zu sein, so verinnerlicht, dass sie lange vergaßen, gegen die Lasten des Fortschritts die eigenen historischen Erfahrungen aufzubieten. In der Gegenwart aber tönen „Muße und Verschwendung“ ungleich poetischer als „Work-Life-Balance“, und angesichts von aktuellen Zauberwörtern wie „Slow Food“ oder „Quality Time“ ist eine Renaissance des Barocks mehr als angezeigt.

Die Moderne bringt, das ist die Pointe von Hersche, auch dem Katholizismus Fortschritt – gleichzeitig aber auch den Verlust von Fehlerfreundlichkeit, einer Lebenshaltung, die stets mit dem Prekären rechnet und der deshalb das Festliche als Ausnahmezustand am Herzen liegt. Mit und gegen Weber sowie die Konfessionalisierungsthese gesprochen: Der Barock bot den Reichtum einer Kultur, die durchaus materielle Züge aufwies (Kunstförderung), letztlich aber eine andere Art von Fortschritt favorisierte, stärker auf Stabilität setzte. Diese Welt rekonstruiert Hersche mit kritischer Sympathie und methodischer Raffinesse, beeindruckender Literaturkenntnis (etwa bezüglich italienischer und spanischer Forschung) und viel (Sprach-)Witz. Er stützt seine Aussagen im europaweiten Vergleich, ohne die unterschiedlichen Katholizismen auf eine Lesart zu reduzieren, bleibt bei luftigen Forschungsmeinungen quellenkritisch, und ist sich nie zu schade, neben dem Erzählen auch zu zählen: Auch deshalb stellt „Muße und Verschwendung“ eine mustergültige Verbindung der neuen Kultur- mit der älteren quantifizierenden Sozialgeschichte des Religiösen dar. Ein besonderer Reiz liegt zudem darin, dass Hersche immer wieder auf offene Forschungsfragen verweist, insbesondere in pointiert geschriebenen Literaturberichten, die statt Fußnoten das Buch zieren: Hier finden sich Anregungen für weiteres Arbeiten zuhauf.

Natürlich wünscht man sich bei einem umfangreichen Werk, das Handbuch und Forschungsbeitrag zugleich ist, manchmal eine andere Gewichtung. „Ostentative Verschwendung“ und „Mußepräferenz“ sind als Unterkapitel im wirtschaftsgeschichtlichen Teil platziert worden, bestimmen jedoch das ganze Buch so stark, dass sie einen eigenen Abschnitt verdient hätten, der den Auswirkungen dieser barocken Epochenmerkmale im Zusammenhang nachgegangen wäre. Der Aufbau des Buches in die klassischen Blöcke Sozial-, Wirtschafts- und Kultur- bzw. Mentalitätsgeschichte stand dem entgegen. Freilich stellt Hersche das Ineinander dieser Einheiten konsequent vor, „Muße und Verschwendung“ geht weit über einfache Grenzziehungen hinaus: Eine andere Gliederung des Stoffes hätte dies vielleicht stärker sichtbar machen können. Die Systematik eines Handbuchs hat zudem zu Kapiteln geführt, die wegen fehlender Forschung kurz bleiben, etwa zur katholischen Literatur (S. 856-864), so dass man sich fragt: Weshalb kommen sie überhaupt vor? Doch das sind Petitessen, das Buch eröffnet vor allem den Wunsch nach mehr von der gleichen Tonart. Der Autor stellt selber hie und da die Frage nach dem Zusammenleben der Konfessionen: Über den Austausch des frühneuzeitlichen Katholizismus mit dem Protestantismus, dem Judentum, dem Hersche schon einige Seiten widmet, oder dem Islam mehr zu erfahren, wäre genauso wünschenswert wie ein Quellen- und Bildband zu Hersches luziden Ausführungen. Zunächst aber können wir uns über „Muße und Verschwendung“ freuen, mit denen Peter Hersche AnfängerInnen wie Fortgeschrittene in den Barock einlädt – in einer meisterlichen Gesamtschau.

Anmerkungen:
[1] Müller-Armack, Alfred, Religion und Wirtschaft. Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebensform, Stuttgart 1959.

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22.06.2007
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