L. Ashe u.a. (Hrsg.): Conquests in Eleventh-Century England

Title
Conquests in Eleventh-Century England: 1016, 1066.


Editor(s)
Ashe, Laura; Ward, Emily Joan
Published
Woodbridge 2020: Boydell & Brewer
Extent
440 S.
Price
£ 70.00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Dominik Büschken, SFB 1167 Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive, Universität Bonn

Der vorliegende interdisziplinäre Sammelband geht in seinem Ursprung auf die im Juli 2016 in Oxford abgehaltene Konferenz „Conquest: 1016, 1066“ zum tausendsten Jahrestag der Eroberung Englands durch den Dänen Knut den Großen (1014–1035) zurück. Er vereinigt jedoch Arbeiten, die über die Ergebnisse der Konferenz hinausgehen und widmet sich dem Phänomen der Eroberung aus politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Perspektiven und bleibt dabei nicht auf England beschränkt, sondern weitet den Blick auf den europäischen Rahmen. England wurde im 11. Jahrhundert gleich zweimal erfolgreich erobert, wobei die normannische Eroberung 1066 bisher ungleich mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Auch dies ist ein ausgesprochenes Ziel dieses Bandes, die Eroberung von 1016 stärker in den Fokus zu rücken und darüber ihre Bedeutung für 1066 und das gesamte 11. Jahrhundert besser zu verstehen.

Zu diesem Zweck untergliedern sich die 17 Beiträge des Bandes in drei thematisch zusammengefasste Kapitel zur politischen (1), zur gesellschaftlich-kulturellen Dimension (2) und zur Einordung der spezifisch englischen Eroberungsgeschichte in den europäischen Kontext (3).

Der Mittelalterhistoriker Charles Insley stellt die Frage, warum 1016 schon für die zeitgenössische Erinnerungskultur relevant war und inwieweit auch 1016 ein transformativer Charakter zugesprochen werden könne, wie dies bei 1066 weitgehend akzeptiert sei. Dazu untersucht er Urkunden und skandinavische literarische Quellen, in denen er schon einen wesentlichen Unterschied zwischen einer angelsächsischen Kultur, die verstärkt über Urkunden operiert habe, und einer dänischen, mit Knut verbundenen schriftlichen Kultur des Lobes, ausmacht. Der wesentliche Grund, warum Knuts Eroberung auch weit nach 1016 Wirkung entfaltete, sei der durch sie eingeläutete Wandel in der politischen Kultur der Elite, der politisches Kapital nicht mehr auf Abstammung reduzierte, sondern die Anerkennung durch die Großen.

Niels Lund stellt die titelgebende Frage, warum Knut England eroberte. Die Antwort klingt zeitlos: Macht und Herrschaft. Der Reichtum Englands habe neben Knuts Streben nach königlicher Macht den Antrieb für die Eroberung 1016 gegeben. Und der Weg Knuts insbesondere zu königlicher Macht sei durch die Thronbesteigung seines Vaters Sven Gabelbart 1013 nur über England möglich gewesen und habe ihm förmlich keine andere Wahl gelassen, um seinen Anspruch durchzusetzen.

Bruce O’Brien fokussiert auf die rechtlichen Aspekte einer Eroberung, über die Aussagen zur tatsächlichen Wirkung einer Eroberung auf der soziokulturellen Ebene erst greifbar seien. Dazu untersucht er in seinem Beitrag die Beziehung schriftlicher Rechtstexte zum König, ihren Ratgebern und den Großen. Darüber hinaus fragt Bruce O’Brien nach nachweislichen Veränderungen, die auf die Eroberung zurückzuführen seien. Zu diesen Rechtsfragen gehörten auch die Fragen nach der Legitimität der Eroberung per se und des Eroberers, die bei beiden hier untersuchten Eroberungen, 1016 und 1066, maßgeblich Einfluss auf den Diskurs genommen hätten. Daher plädiert Bruce O’Brien auch dafür, die Ähnlichkeiten beider Eroberungen stärker zu betonen und 1066 nicht allein an seiner anhaltenden, transformativen Wirkung zu beurteilen, die doch vor allem auf die Erben Wilhelms I. zurückzuführen sei.

Elisabeth van Houts schließt daran passend einen Vergleich der beiden Protagonisten der Eroberungen, Knut und Wilhelm I. (1028–1087), an, der sich vor allem an drei von Elisabeth van Houts ausgemachten Motiven einer Eroberung orientiert: königliche Sühne, zeitgenössische Reputation und besonders hervorzuheben die Partnerschaft in der Ehe und die Unterstützung der Königinnen Emma und Matilde durch ihre Handlungsfähigkeit (agency). Schon zeitgenössisch mussten sich die beiden Eroberer einem Vergleich unterziehen, der nicht selten zu Ungunsten Wilhelms I. ausgefallen sei, wenn Knut für seine Steuerpolitik und seine Versöhnung mit Rom gelobt wurde. Aber auch Knuts gemeinschaftliche Krönung mit Emma 1017 in Kontrast zur verspäteten Krönung Matildes 1068 bekomme im Kontext der Eroberung besonderes Gewicht als Zeichen des Vertrauens des Herrscherpaares ineinander.

Über die Verbindung von Zahlungsmitteln und erfolgreichen Eroberungen schreibt Rory Naismith in seinem Beitrag, der die Nutzung des „monetären Systems“ (S. 85) durch die beiden Eroberer kontrastierend untersucht. Letztlich konstatiert Rory Naismith für das Gewerbe des Münzers eine gewisse Resilienz gegen herrschaftliche Umwälzungen, was zeigt, wie zentral das Münzwesen für die Herrschaftsausübung beider Eroberer gewesen sei.

Lois Lane untersucht MS 3500 Exon Domesday, die früheste tradierte Version der Erhebung, auf die Aussagekraft bezüglich der bischöflichen Mitwirkung am weltlichen Regieren. Dazu vergleicht sie „textliche Merkmale“ der Einträge für die Ländereien der Bischöfe mit den Einträgen anderer Landbesitzer (S. 103) über eine semantische Analyse. Die Bischöfe seien gezielt als loci eingesetzt worden, um auf der Basis bestehender Praktiken der Dokumentation den Domesday-Prozess zu konstituieren (S. 118). Damit werde die Bedeutung der Bischöfe für die Sicherung und Etablierung Wilhelms Herrschaft nach 1066 auch in administrativen Quellen untermauert.

Julia Crick eröffnet die Sektion zu Gesellschaft und Kultur mit ihrem Beitrag zu dem Einfluss der volkssprachlichen Manuskripte auf die Erstellung lateinischer Manuskripte nach der Eroberung 1066. Die Eroberung 1066 und der normannische, lateinische Einfluss habe gerade nicht dazu geführt, dass die pränormannische, altenglischen Minuskeln vollständig verdrängt wurden, sondern im Gegenteil noch bis ins 12. Jahrhundert aktive Anwendung gefunden hätten und kultiviert worden seien und damit einen Beitrag zur Beantwortung der Frage nach der Assimilation der normannischen Eroberer liefern könnten.

Sarah Foot geht der Frage nach, wie Knut und Wilhelm I. den Kult angelsächsischer Heiliger für ihre jeweilige Etablierung als neuer Herrscher in der Ausübung und Akzeptanz ihrer eroberten Herrschaft zu nutzen wussten. Exemplarisch untersucht sie die Kulte um St. Cuthbert, St. Edmund und Aelfeah. Die gewählten Beispiele seien schon von Knut und Wilhelm I. bewusst als Empfänger königlicher Patronage ins Auge gefasst worden, um den königlichen Status möglichst universal, nicht regional über die Patronage zu fördern. In der Übernahme dieser Patronage haben die beiden Eroberer unweigerlich in angelsächsischer Tradition gestanden, die Knut noch stärker fortsetzte und wiederaufleben ließ als Wilhelm I.

John Gillingham geht einem der zentralen Unterschiede zwischen den hier verglichenen Eroberungen von 1016 und 1066 auf den Grund. Die Sklaverei, in der Menschen gehandelt wurden, die nach der Eroberung 1016 kontinuierlich weitergeführt worden sei, sei mit der Eroberung 1066 recht abrupt an ein Ende gekommen. Eine zentrale Ursache erkennt er in der veränderten Art der Kriegsführung nach 1066 in England, die nicht weiter auf Versklavung gesetzt habe und stark von der fränkisch-europäischen Kultur der Kriegsführung beeinflusst gewesen sei. Das Argument hingegen, dass die Christianisierung per se für den Rückgang der Sklaverei verantwortlich gewesen sei, verwirft Gillingham überzeugend, wenn er auf die lange Tradition der Sklaverei nach der Christianisierung verweist. Weniger die Lehre als die Akzeptanz der legitimen Art der Kriegsführung hätten hier verantwortlich gezeichnet, zumal kirchliche Kritik erst nach dem Verschwinden der Sklaverei in den Quellen greifbar werde (S. 182). So sei das Verschwinden der Sklaverei Ausdruck eines funktionalen anstatt eines moralischen Wandels.

Catherine E. Karkov untersucht in ihrem Beitrag zur materiellen Kultur den Zusammenhang von Eroberung und Kulturgütern und weist zurecht darauf hin, dass schon weit vor dem 11. Jahrhundert England Schauplatz von Eroberungen war, was sich auch stilistisch in Kunst und Kultur niedergeschlagen habe. Indes sei ein wesentlicher Unterschied zu den Eroberungen von 1016 und 1066 auszumachen: Hier seien materielle Kulturgüter gezielt genutzt worden, um eigene Narrative zu erzählen und dadurch eine eigene Identität zu kreieren (S. 184).

Elisabeth M. Tyler legt anhand ihrer Analyse der Vita Ædwardi die Rolle weiblicher Patronage vor 1066 offen und fordert ein Umdenken nicht nur bei der Bewertung weiblicher Patronage, sondern in der Erzählung nationaler Literaturgeschichte, Periodisierung und Disziplinarität. Als Beispiel macht Tyler die Vita Ædwardi aus, die von Königin Edith bewusst abweichend im Stil und dadurch abgrenzend konzipiert worden sei und damit sinnbildlich für weiblichen intellektuellen und politischen Führungsanspruch stehe. Dieser europäische Horizont der angelsächsischen und normannischen Königinnen stehe sinnbildlich und in direkter Verbindung für steigende elitäre Mobilität.

Daran anschließend widmet sich Peter Sigurdson Lunga der Rolle von Frauen in der englischen, königlichen Genealogie und kann mit Matilde II. (1102–1167) ein prominentes Beispiel weiblicher Genealogie ins Feld führen. Dass männliche Anwärter ihren Anspruch auch über die weibliche Linie legitimierten, ist nach 1066 ein auffallendes Kontinuum, um Diskontinuität in der Dynastie zu vermeiden. Wichtiger aber scheint Lungas Hinweis, dass Frauen nicht allein als Rechtfertigung männlicher Herrschaft dienten (S. 240), sondern durch ihr Wirken, das Ansehen der Dynastie erhöhten – eine Entwicklung, die in der männlich dominierten angelsächsischen Tradition fehle und Ergebnis der Eroberung sei.

Stephanie Mooers Christelow versucht, am Fallbeispiel der Hawise von Bacqueville (1086) den Einfluss, den normannische Frauen durch Heirat als Immigranten in England ausüben konnten, zu illustrieren. In dem Bewusstsein, dass Generalisierungen immer problematisch seien (S. 244) zeichnet Christelow ein Bild weiblicher lokaler Herrschaft in England nach, deren Fazit, dass ihr Charakter, ihr wirtschaftlicher Erfolg sowie ihre kulturellen und verwandtschaftlichen Verbindungen Hawise halfen, Schlagkraft zu entfalten (S. 262) zwar unstrittig korrekt, aber wenig aufschlussreich wirkt.

In der nun folgenden dritten Sektion zum europäischen Kontext betrachten Timothy Bolton, Rebecca Thomas, Benjamin Savill und die Mitherausgeberin Emily Joan Ward Phänomene, die parallel zu den Eroberungen das 11. Jahrhundert prägten. Timothy Bolton etwa untersucht englische Kontakte mit dem europäischen Festland und den Einfluss der Eroberungen auf sie und Ward untersucht das Phänomen der Kinderkönige um 1066 und deren Legitimation. Insgesamt entfernt sich die dritte Sektion vom eigentlichen Zuschnitt des Sammelbandes und fokussiert das Wirken parallelverlaufender Entwicklungen auf die Eroberungen.

Mit dem vorliegenden Sammelband gelingt den Beiträger:innen und Herausgeberinnen mit einer beeindruckenden interdisziplinären und thematischen Breite auf das 11. Jahrhundert und die beiden Eroberungen 1016 und 1066 zu blicken. Indes hätte es dem Band vor diesem Hintergrund gutgetan, wenn die Herausgeberinnen wenigstens eine Zusammenfassung und gemeinsame Leitfragen formuliert hätten. So wird der Band einzig über die zeitliche Klammer und den Fokus auf die „Eroberung“ zusammengehalten. Die Chance, entgegen der im Vorwort bemängelten bisherigen Tradition der disziplinären Trennung (S. viii) neue Einblicke zu schaffen, wurde so ein Stück weit vertan. Besonderes Augenmerk verdienen sicherlich die Beiträge zur Genderforschung, die neue Blickwinkel einnehmen, auf denen auch zukünftig aufgebaut werden kann. Für die künftige Beschäftigung mit dem 11. Jahrhundert in England wird jedoch kein Weg an diesem Sammelband vorbeiführen.

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05.05.2021
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