M. Elster: Die Gesetze der späten römischen Republik

Cover
Titel
Die Gesetze der späten römischen Republik. Von den Gracchen bis Sulla (133–80 v. Chr.)


Autor(en)
Elster, Marianne
Herausgeber
Baltrusch, Ernst; Funke, Peter; Itgenshorst, Tanja; Rebenich, Stefan; Walter, Uwe
Reihe
Studien zur Alten Geschichte 28
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
XI, 582 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Görne, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Justus Liebig-Universität Gießen

Die römische Republik, in der die plebs Tiberius Sempronius Gracchus zum Volkstribunen des Jahres 133 v. Chr. wählte, unterschied sich sehr von der, die der abdankende Dictator Lucius Cornelius Sulla Felix im Jahr 80 v. Chr. den Römern hinterließ. In dem dazwischenliegenden halben Jahrhundert rangen die politischen Akteure, teilweise in erbitterten Auseinandersetzungen um die Gestaltung der res publica, die sich bis zum Bürgerkrieg steigerten und diese nachhaltig transformierten. Die Quellenzeugnisse für diesen wichtigen Zeitraum sind zwar zahlreicher als die für die vorhergehenden Jahrhunderte, aber die erhaltenen Informationen erscheinen aufgrund des Fehlens antiker historiographischer Berichte, die einen größeren Zeitraum abdecken könnten, nicht selten stark verkürzt, mitunter widersprüchlich und beziehen sich häufig auf das Wirken von herausragenden Einzelpersonen. Marianne Elster hat nun die sich in diesen Zeugnissen dennoch widerspiegelnde umfangreiche Gesetzgebungstätigkeit zusammengetragen und kommentiert.

Die zu besprechende Publikation ist eine Fortsetzung von Elsters Vorgängerwerk zu den Gesetzen der mittleren Republik[1], in welchem sie an die Arbeit von Dieter Flach anknüpfte.[2] Wer bereits mit den beiden Werken vertraut ist, findet hier im Wesentlichen dieselbe Systematik wieder. Die insgesamt 166 aufgeführten Gesetze sind, sofern sie sich datieren lassen, chronologisch angeordnet und folgen fast durchweg den in der Forschung etablierten Bezeichnungen von Giovanni Rotondi.[3] Dabei handelt es sich jeweils um Gesetze (leges und plebiscita) sowie Gesetzesvorlagen (rogationes), die den römischen Volksversammlungen vorgelegt wurden oder deren Existenz in der Forschung teilweise angenommen wird und deren Echtheit umstritten ist. Eine Ausnahme bilden dabei die Gesetzesinitiativen die Sulla zugeschrieben werden, da bei ihnen „auf Grund der Quellenlage nicht eindeutig zu bestimmen“ sei, ob diese wirklich der Volksversammlung zur Ratifizierung vorgelegt worden sind (S. 403). Zu jedem Gesetz werden zunächst sämtliche vorhandenen literarischen Belegstellen in griechischer oder lateinischer Sprache, inklusive eigens angefertigter deutscher Übersetzungen, angegeben. Bei kürzeren Auszügen erhaltener Inschriften verfährt Elster häufig genauso, führt aber sinnvoller Weise bei umfangreicheren Inschriften wie bspw. der lex agraria des Jahres 111 v.Chr. (Lex Nr. 61; S. 184–188) statt des Textes und einer Übersetzung nur die maßgeblichen Editionen auf. Darauf folgt eine wissenschaftliche Kommentierung, in der die Zeugnisse und die Forschungsdebatten rund um das jeweilige Gesetz sorgfältig ausgewertet werden. Dabei liegt der Fokus mehr auf den einzelnen Bestimmungen und Fragen der Historizität als auf den konkreten Gesetzgebungsprozessen mit den zugehörigen Debatten und Konflikten, auch wenn diese nicht unerwähnt bleiben. So wird beispielsweise bei der ausführlichen Kommentierung der lex Sempronia agraria (Lex Nr. 1; S. 3–13) der politische Konflikt eher beiläufig angesprochen (S. 11). Und auch bei dem damit unmittelbar im Zusammenhang steht den Folgegesetz, der lex Sempronia de tribunatu M. Octavio abrogando (Lex Nr. 2; S. 13–18) geht es primär um die Frage, ob es sich dabei um einen Volksentscheid handelte und wie das neuartige Handeln des Tiberius Gracchus von den antiken Autoren und der Forschung beurteilt wird. Abgeschlossen wird jede der 166 Einzelanalysen mit umfänglichen Literaturangaben. Im Anhang befinden sich neben einer Bibliographie, einem Quellen-, Personen- und Sachregister zwei für die Navigation in dem Buch sehr nützliche Listen, in denen die behandelten Gesetze noch einmal chronologisch und thematisch sortiert sind.

Das Buch ist eindeutig als ein Arbeitsmittel konzipiert, mit dessen Hilfe der Leser einen schnellen Zugriff auf einzelne Gesetze oder auch Gesetzesgruppen erhalten soll und sich mit den maßgeblichen Deutungen und Kontroversen innerhalb der Forschung vertraut machen kann. Und diesem Anspruch wird es auch vollumfänglich gerecht. Auf eine Einleitung, die die behandelte Epoche näher vorstellt und die Entwicklungen historisch einordnet sowie auf ein zusammenfassendes Fazit ist freilich verzichtet worden. Neben einem kurzen Vorwort (S. VII–IX) und knappen Erläuterungen zu der Besonderheit der sullanischen Gesetzgebung (S. 403f.) stehen die einzelnen Gesetze recht unvermittelt nebeneinander. Das ist ein wenig schade, denn es erschwert einen anderen Zugriff als den auf den ersten Blick naheliegenden. Es lohnt sich nämlich durchaus das Buch nicht nur als kommentiertes Nachschlagewerk für die Arbeit an einer Spezialstudie zu verwenden, sondern es auch in seiner Gesamtheit zu lesen. Denn dank der zahlreichen, sauber gearbeiteten Einzelstudien der Gesetze wird einmal mehr deutlich wie sehr die Gracchen mit ihrem Wirken einen Wandlungsprozess in der römischen res publica angestoßen haben, der sich kaum aufhalten ließ und in dessen Zuge die Akteure vermehrt dazu übergingen, Probleme zu identifizieren und mit gesetzlichen Regelungen zu adressieren. Viele der untersuchten Gesetze und Initiativen bilden daher Sinneinheiten, die in einem direkten Zusammenhang miteinander stehen; sei es im Rahmen eines regelrechten Reformprogramms oder als unmittelbare oder spätere Reaktionen auf die gemachten Vorstöße. Gerade weil sich bekanntlich, wie Elster auch zurecht in ihrem Vorwort betont, mit den Gracchen das politische Feld veränderte und zunehmend umstrittene Sachthemen wie die „Landverteilung, Siedlungsprojekte, Getreideversorgung und das Verhältnis zu Latinern und Bundesgenossen“ in den Fokus rückten (S. VIIIf.), zeigen sich an den Gesetzen und gescheiterten Initiativen die in diesem Zeitraum aufbrechenden strukturellen Probleme der Republik, aber auch die unterschiedlichen Lösungsansätze und Stabilisierungsbemühungen der beteiligten Akteure. Die Mehrzahl der behandelten Gesetze stehen in direktem Zusammenhang mit den beiden Gracchen, mit Gaius Marius und Lucius Appuleius Saturninus, dem jüngeren Marcus Livius Drusus, Publius Sulpicius Rufus und schließlich mit dem Dictator Sulla. Vor dem Hintergrund hätten jeweils kurze einleitende Kapitel vor den Gesetzen und Initiativen der hier angesprochenen Akteure dazu dienen können, die vorhandenen Querbezüge zwischen den einzelnen Gesetzen und Initiativen nachzuzeichnen und zu diskutieren.

Nichtsdestotrotz stellt dieses Buch mit seiner reichen Materialfülle, instruktiven Kommentierungen sowie umfangreichen Literaturhinweisen ein wichtiges Hilfsmittel zur Erforschung dieser spannenden und wechselvollen Epoche dar, das nicht nur Lesern mit rechtshistorischem Forschungsinteresse wertvolle Dienste leisten wird.

Anmerkungen:
[1] Marianne Elster, Die Gesetze der mittleren römischen Republik: Text und Kommentar, Darmstadt 2003.
[2] Dieter Flach, Die Gesetze der frühen römischen Republik: Text und Kommentar, Darmstadt 1994.
[3] Giovanni Rotondi, Leges publicae populi Romani, Milano 1912 (Ndr. Hildesheim 1966).

Redaktion
Veröffentlicht am
07.06.2021
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